Mit ‘Leigh McCloskey’ getaggte Beiträge

Der deutsche Titel dieser netten kleinen Teenie- bzw. College-Sex-Komödie lautet in Anlehnung an die damals hierzulande extrem populäre israelische Filmreihe AMERICAN EISKREM, was sehr schön verdeutlicht, in welcher engen Verwertungsspirale sich das Subgenre in seiner Blütezeit befand. Eine kleine Handvoll von Filmen, die meist ihrerseits von erfolgreichen Vorgängern inspiriert worden war, initiierte immer weitere „Updates“, deren Quellen mehr oder weniger offensichtlich waren. Die Traditionslinie reichte von den Juvenile Delinquents Filmen der Fünfziger- und den noch braven Strandfilmen der Sechzigerjahre über AMERICAN GRAFFITI und THE CHEERLEADERS hin zu ESKIMO LIMON und PORKY’S. Es folgten etwa NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE, MEATBALLS, ROCK N‘ ROLL HIGH SCHOOL, FAST TIMES AT RIDGEMONT HIGH oder der Überraschungshit namens PRIVATE LESSONS. Als John Hughes die Bildfläche betrat und das Genre von seiner ursprünglichen Triebgesteuertheit und anarchischen Unreife befreite, war das komplette Figuren- und Ploinventar nicht nur komplett, sondern bereits durch mehrere Metamoprhosen gegangen.

Auch James Frawley muss die einzelnen etablierten Elemente nur noch neu kombinieren, um einen zwar durch und durch derivativen, aber doch recht unterhaltsamen Film vorzulegen. Stephen FRIGHT NIGHT Geoffreys spielt Wendell Tvedt, der nicht nur mit einem bescheuerten Namen, sondern auch höchster Tolpatschigkeit, genereller Uncoolness und demzufolge anhaltender Jungfräulichkeit geschlagen ist. Immerhin hat er eine wohlhabende Familie und verfügt demnach über Zugang zu einem Appartement in Palm Springs, dem Wüstenrefugium der Reichen und Schönen aus L.A. Hier zieht er mit seinen Kumpels „Mother“ (Tim Robbins) und Joe (Cameron Dye) für einen feuchtfröhlichen Urlaub ein, von dem sich die beiden Freunde jede Menge Sex erhoffen. Zusätzlich angestachelt werden sie von ihrem Rivalen Chas (Leigh INFERNO McCloskey), der wettet, noch vor ihnen zum Stich zu kommen und ihre Bemühungen sabotiert, wo er kann. Natürlich ist es am Ende Wendell, der die Wette für sich entscheidet und beweist, dass auch Nerds über Sexappeal verfügen.

Die Prämisse von FRATERNITY VACATION, die auch die Tagline auf dem nebenstehenden Poster ausformuliert, lässt sich kulturgeschichtlich nicht nur bis zu den Screwball-Komödien, sondern noch weiter zurückverfolgen und baut zu Recht ganz darauf, dass sein Publikum dem jungfräulichen Antihelden näher steht als seinen erfahreneren Kumpels. Während die sich der anvisierten Traumfrau (Sheree J. Wilson) mit bisweilen stalkerhafter Attitüde annähern, knüpft Wendell also zarte Bande mit der burschikosen Nicole (Amanda Bearse, die Marcy D’Arcy aus MARRIED WITH CHILDREN), nicht wissend, dass die nicht nur die Tochter des lokalen Polizeichefs ist (John Vernon variiert seinen Part als Dean Wormer aus ANIMAL HOUSE), sondern von dem auch die sadistische Ader geerbt hat. Nachdem sie ihm gezeigt hat, wie schmerzhaft das Liebesleben und Beziehungsdinge sein können, finde er Trost ausgerechnet in den verständnisvollen Armen der von seinen Kumpels auserkorenen Traumfrauen, die mit dem sensiblen, weichherzigen Wendell gleich viel mehr anzufangen weiß als mit den ihr auf die Brüste sabbernden Vollhonks. Welche ein Wunder.

FRATERNITY VACATION ist ein „Gebrauchsfilm“: Ohne die ganz großen komödiantischen Highlights, aber durchweg kurzweilig, immens aufgewertet zudem durch die gute Besetzung, aus der Tim Robbins erwartungsgemäß heraussticht. Er hat dann auch maßgeblichen Anteil daran, dass man Frawleys Film letztlich positiv verbuchen kann. Denn die Eindimensionalität, mit der die Kerle da den zu Lustobjekten und Trophäen degradierten Frauen hinterhersteigen und diese immer wieder durch perfide Manipulation in Situationen treiben, in denen es nach Möglichkeit zum Sex oder zumindest zur Entblößung der begehrten Leiber kommen soll, kann ziemlich unangenehm werden, wenn man zu lang darüber nachdenkt. Dass Sex eine Sache beiderseitiger Übereinkunft ist, spielt in der Denke der männlichen Protagonisten keine wesentlich Rolle, wichtig ist der eigene Spaß. Heute könnte man dies nur noch schwerlich als Unterhaltung anbieten, ohne eine mittelschwere Empörungswelle auszulösen, was ich natürlich schon ganz gut und richtig finde. Andererseits ist diese Spielart der Teenie-Sexkomödie mit all den notgeilen Typen natürlich nicht ganz weit weg von der traurigen Realität, da waren diese Filme schon recht ehrlich und unverstellt. Nur mit dem Frauenbild haperte es ganz entschieden.

Dass man hier einen Gewinner des absurden Humors vor sich hat, wird schon beim Titelsong klar, einem achtzigertypischen, vor Pathos nur so triefenden Poprock-Track, in dem ein wahrscheinlich mit Nackenspoiler und Dreitagebart ausgestatteter Typ mit Reibeisenstimme „Hamburgers from Americaaaa“ besingt, während eine Montage zeigt, wie besagte Americans die Götterspeise nur so in sich hineinstopfen. Liebeserklärung oder Satire? Zum Erfolg dieses unglaublichen Films gehört auch, dass er sich nie ganz für eine Seite entscheidet, sondern einfach beides macht.

Die Handlung kreist um den Schönling Russell (Leigh McCloskey aus INFERNO) und verdankt seine wichtigste Inspiration mal wieder dem zwei Jahre zuvor entstandenen POLICE ACADEMY: Russell ist wegen seiner unstillbaren Libido vom mittlerweile vierten College innerhalb von drei Jahren geflogen und seine Eltern drohen ihm den Geldhahn zuzudrehen, wenn er nicht endlich seinen Abschluss macht. Weil die Schulen, die ihn überhaupt noch aufnehmen würden, aber rar gesät sind, schreibt sich Russell kurzerhand in der „Burgerbuster University“ ein, in der Fastfood-Mogul Lyman Vunk (Charles Tyner) Mitarbeiter für seine Franchise-Restaurants ausbilden lässt und gleichzeitig auf die Firmenphilosophie einnordet. Im Verbund mit der genreytpisch illustren Ansammlung von Nebenfiguren muss sich Russell gegen den missgünstigen Drill Sergeant Drootin (Dick Butkus) sowie die aggressiven erotischen Avancen der mittelamerikanischen Freiheitskämpferin Conchita (Maria Richwine) wehren, das Herz von Vunks Tochter Mia (Debra Blee) erobern und am Ende beweisen, dass er das Zeug dazu hat, einen Burgerladen zu leiten.

So bescheuert diese Storyline ist, so sehr der Film sich an die Erfolge anderer Filme anlehnt: Man muss die Kreativität loben, die in HAMBURGER: THE MOTION PICTURE eingegangen ist, und die Konsequenz, mit der er sein Ding durchzieht. Man kann den Beteiligten einiges vorwerfen, aber gewiss nicht, dass sie hier einfach nur ein Programm abgespult hätten. Hier waren Überzeugungstäter am Werk! Neben dem irrwitzigen Soundtrack besticht vor allem die Ausstattung des Films. So sind etwa die Studentenzimmer der Burgerbuster University mit Betten ausgestattet die wie riesige Burger aussehen, genauso wie etwa die Buchstützen und andere Accessoires. Das Gebäude selbst zeigt die Bullenhörner, die zum Logo der Kette gehören, es gibt eine Burgerstatue mit einer brennenden Fackel, und die Nonne, die sich an das Bildungsinstitut verlaufen hat, erhält selbstverständlich ein Ornat in Burgerbuster-Farben. Dazu kommen haufenweise brillante bis surreale Einfälle: Burger werden am Fließband mithilfe einer komplexen Maschine hergestellt, ein mad scientist (Chuck McCann) entwickelt ständig neue Burgerkreationen – und verwandelt den bebrillten Nerd Nacio (Jack Blessing) in einen menschlichen Truthahn -, der fresssüchtige Prestopopnick (John William Young) bekämpft seine Fressattacken mit Elektroschocks, die ihn aber in einen sabbernden Berserker verwandeln, und in der universitätseigenen Kapelle wird das „Burgerluja“ besungen. Der menschliche Tuthahn wird einmal in einen Raum geführt, in dem ihn zwei dicke alte Damen mit Gummikitteln zum Abbrausen erwarten und wo er schließlich ein Ei legt. Auch Hoden werden verspeist. Richtig spektakulär wird es während des großen Finales: Da will Drootin den Erfolg unserer Helden mit einer Busladung voller fetter Amerikaner sabotieren, die dann auch gleich anfangen, den Gästen das Essen aus den Händen zu reißen, während sie auf ihre Mammutbestellungen warten. Russell und eine Kollegen lösen das Problem mit einer Portion Abführmittel, die erst zum großen Furzen und dann zur Explosion der Toilette führt. Und wie es sich für eine Komödie dieser Zeit gehört, dürfen auch die schlüpfrigen Zoten, nackte Brüste und politische Inkorrektheiten nicht fehlen: Wenn Drootin einen schwarzen Polizisten durch die Gegensprechanlage des Drive-In-Schalters als „Kunta Kinte“ bezeichnet, gehen alle Warnlampen an. Am anderen Ende gibt es mit Magneto Jones (Chip McAllister), einem afroamerikanischen Sänger, der Michael Jackson, Rick James und Michael Bolton in einer Person vereint und als eine der skurrilsten Nebenfiguren der amerikanischen Filmgeschichte gelten darf. Wer tiefer in diesen Wahnsinn eintauchen will, kann diesen Text lesen oder sich HAMBURGER: THE MOTION PICTURE ganz einfach auf Youtube in voller Länge anschauen.

INFERNO, der mittlere Teil der mit SUSPIRIA begonnenen und 2007 mit LA TERZA MADRE beendeten Drei-Mütter-Trilogie, war für mich bislang eigentlich immer das Companion Piece zum direkten Vorgänger: Wie SUSPIRIA ist auch INFERNO kein Giallo, sondern ein im Fantastischen verorteter Film, wie jener handelt er von einem unheimlichen Haus in dem merkwürdige Dinge passieren, die mit Alchimie, Okkultismus und Hexerei zu tun haben, wie zuvor kreiert Argento mithilfe expressiver Lichtsetzung, elaborierten Set-Designs und einem markanten Soundtrack eine fremdartige Stimmung. Doch von jenen oberflächlichen Elementen abgesehen, unterscheiden sich beide Filme tatsächlich sehr stark voneinander. Auf der Anchor-Bay-DVD, die mir vorliegt, leitet Argento selbst INFERNO mit der Behauptung ein, es sei sein wahrscheinlich „reinster“ Film. Und mit dieser Aussage dringt er geradewegs zum Hauptunterschied zwischen SUSPIRIA und INFERNO vor.

Es ist schon fast ein Klischee geworden, darauf hinzuweisen, dass man von Argento-Filmen nicht erwarten sollte, eine Geschichte erzählt zu bekommen; schon Hahn & Jansen wendeten sich in ihrem umstrittenen „Lexikon des Horror-Films“ mit dem Diktum an den italienischen Regisseur, „ein Film [solle] auch eine Geschichte erzählen“ und nicht bloß aus beeindruckend gestalteten Set Pieces bestehen. Dass der implizite Vorwurf aber ausgerechnet in der Kritik zu SUSPIRIA gemacht wurde, ist eigentlich ein Hohn, denn gerade dieser Film orientiert sich in seiner Narration sehr eindeutig an traditionellen Märchen (worauf etwa das „Black Forest“-Plakat, das in der Eingangssequenz am Müchener Flughafen hängt, hinweist): Ein junges Mädchen reist auf der Suche nach Erfolg und Anerkennung in die weite Welt, wird mit rätselhaften Vorgängen konfrontiert, die ihr Leben bedrohen und muss sich ihrer Haut erwehren, um am Ende gestärkt weiterziehen zu können. SUSPIRIA mag fremdartig und expressionistisch sein, aber er verfügt über eine ganz klare narrative Struktur. INFERNO ist da von anderem Kaliber: Der Film handelt von einem Haus und jeder Versuch, seine Handlung über diese vage Beschreibung hinaus zu spezifizieren, ist zum Scheitern verurteilt. Jeder Ballast wurde von Argento über Bord geworfen, sodass es eigentlich kaum noch sinnvill ist, INFERNO als Horrorfilm zu bezeichnen.

INFERNO beginnt mit Rose (Irene Miracle), die ein Buch des Alchimisten und Architekten Varelli liest, dessen Stimme als Voice-over die Zeilen rezitiert, in denen er vom Bau dreier Häuser als Heimstatt für  drei grausame Mütter berichtet. Warum Rose dieses Buch liest, warum sie den Worten des Schriftstellers überhaupt Bedeutung beimisst, wer diese drei Mütter mit den lateinischen Namen Mater Suspiriorum, Mater Tenebrarum und Mater Lacrimarum sein sollen, wird nicht weiter erklärt. Nur wenig später steigt Rose in den dunklen Keller des Hauses hinab, weil im Buch die Rede davon war, dass „der zweite Schlüssel“ im Keller versteckt sei. Statt ihn jedoch zu finden, fällt der ihre in eine Luke, die in ein überflutetes Zimmer führt. Sie tut, was wohl niemand in dieser Situation, an diesem Ort tun würde: Sie taucht hinein, um ihren Schlüssel zu holen und stößt dabei auf eine verwesende Leiche. Wieder in ihrer Wohnung schreibt sie einen Brief an ihren Bruder Mark (Leigh McCloskey) in Rom, in dem sie ihn bittet, sofort zu ihr nach New York zu kommen. Mark ist Musikstudent und wird während einer Seminarstunde von einer mysteriösen Schönheit mit Perserkatze so intensiv beäugt, dass er darüber glatt den Brief vergisst. Seine Kommilitonin Sara (Eleonora Giorgi) nimmt ihn mit, liest ihn, fährt in eine Bücherei, um etwas über die „drei Mütter“ zu erfahren, von denen im Brief die Rede ist, begegnet in einer Hexenküche unter der Bücherei einem merkwürdigen Mann, der versucht sie umzubringen, kann fliehen und wird schließlich in ihrer eigenen Wohnung erdolcht, nachdem sie Mark angerufen hat. Der tritt auf den Plan, kann aber nur noch die Leiche von Sara betrauern und erweist sich immer noch nicht als der Protagonist, der dem Film noch fehlt, weil der sich danach wieder Rose in New York zuwendet. Auch sie wird ermordet, nachdem sie Mark per Telefon erneut gebeten hat, so schnell wie mölich zu ihr zu kommen. Mark trifft wenig später ein, von Rose keine Spur. Der Film ist jetzt eine halbe Stunde alt, es gibt bereits zwei Tote, immerhin endlich eine Hauptfigur, aber immer noch keine Spur von einem Plot, an dem man sich festhalten könnte. Und dabei bleibt es auch.

Was meint Argento also, wenn er INFERNO als seinen „reinsten“ Film bezeichnet? Vielleicht, dass es sein erster Film ist, in dem jedes Filmbild nur noch für sich steht, nicht mehr „Übersetzung“ eines dahinter stehenden Gedankens ist oder Puzzleteil in einem größen Ganzen. In SUSPIRIA gibt es ja diese eine krass aus dem sonst sehr homogenen Film herausfallende Szene, in der sich die Protagonistin Suzy (Jessica Harper) auf der Suche nach Erklärungen für die von ihr in der Ballettschule beobachteten Phänomene mit einem Wissenschaftler (Udo Kier) trifft: ein mehrminütiger Dialog voller trockener Exposition, die für die Wirkung des Films letztlich keinerlei Bedeutung hat. INFERNO ist völlig frei von solchen „erklärenden“ Szenen und die Protagonisten sind genauso ahnungslos wie der Zuschauer. INFERNO ist einer dieser Filme, die gleichzeitig vollkommen leer und übervoll sind. Die barocken Designs aus SUSPIRIA sind solchen von ausgestellt lebloser Künstlichkeit gewichen: Die Figuren scheinen sich ausschließlich in verwaisten Bühnenbildern herumzutreiben. Man fragt sich, ob ihnen denn gar nicht auffällt, wie bizarr und sinnlos ihr Leben ist. (Als Sara den uralten Bibliothekar in der riesigen Bibliothek nach dem Buch „Die Drei Mütter“ fragt, antwortet dieser ihr, dass sie direkt davorsteht, und sie wundert sich über diesen höchst verdächtigen Zufall überhaupt nicht.) Während die zerbrechliche Jessica Harper noch den Beschützerinstinkt des Zuschauers ansprach, ihre Mitschülerinnen über ein Leben zu verfügen schienen, da stellen der seltsam alterslose und persönlichkeitsfreie Leigh McCloskey und die anderen Darsteller nur noch ihre Körper zur Verfügung, damit die Bilder noch ein halbwegs menschliches Zentrum haben. Immer, wenn man meint, es böte sich eine Möglichkeit, in den Film einzusteigen – etwa wenn sich die Komplizenschaft zwischen Mark und der Mieterin Elise (Daria Nicolodi) anbahnt -, grätscht der Film brutal dazwischen und zerstört den Ansatz von Bedeutung und Sinn. INFERNO ist nur noch Stimmung, reines Kino, das man nicht hermeneutisch entschlüsseln muss, um der dahinterliegenden „echten“ Bedeutung auf den Grund zu gehen. Wenn ich mich recht erinnere, dann stellte Norbert Stresau in seinem Buch „Der Horror-Film“ den Vorrang des Sachlich-Materiellen gegenüber dem Menschlichen in INFERNO heraus: Argento lässt das Abstrakte über das Konkrete triumphieren, die Architektur über den Menschen, den universellen Tod über das individuelle Leben. So muss man sich wohl tatsächlich die Hölle vorstellen.