Mit ‘Lena Headey’ getaggte Beiträge

Ich habe hier noch gar nicht darüber gesprochen: Der Slasherfilm ist ein zutiefst kompromittiertes Genre. Sein kommerzieller Siegeszug begünstigte auch das jugendschützerische Engagement konservativer Kräfte, die alles daran setzten, den Horrorfilm seiner gewalttätigen und grafischen Spitzen zu berauben. Das führte zu dem bizarren Ergebnis, dass die Filme eines Subgenres, das sich im Wesentlichen um die Inszenierung und fantasievolle Ausschmückung kreativer Morde drehte, oft ziemlich blutleer waren. Entweder wurden sie von den Zensoren gerupft oder aber von den Produzenten selbst in vorauseilendem Gehorsam ihrer blutigen Reize entledigt. Diese Tatsache machte den Weg unter anderem frei für Amateurfilmer, die die Marktlücke sahen und frei von irgendwelchen wirtschaftlichen Zwängen auf den Schlamm hauen konnten. Ihre Genrebeiträge hatten zwar weder technische Finesse noch irgendwelche production values vorzuweisen, dafür aber literweise Kunstblut und Latex-Schweinereien am laufenden Meter. LAID TO REST ist nur einer der späten, professionalisierten Nachfolger dieses Trends und Regisseur Hall gewissermaßen ein Meister des Fachs: In seiner eigentlichen Tätigkeit als FX- und Make-up-Mann arbeitete er unter anderem an den Filmen der PARANORMAL ACTIVITY-Reihe sowie an zahlreichen populären Fernsehserien mit, arbeitete dabei immerhin für Koryphäen wie Stan Winston und Steve Johnson.

LAID TO REST ist von Anfang an als Fanservice oder als Showreel zu durchschauen: Schon die Titlesequenz macht mit Schreckensbildern – untermalt von furchtbar krawalligem NuMetal – „Hoffnung“ auf die zahllosen Schweinereien, die es im Verlauf der kommenden 90 Minuten zu sehen geben wird, FX-Leute und der Kunstblutmixer feierten offenkundig Überstunden. Es wird erbarmungslos gekillt, dreckig gestorben und unglaublich viel gesplattert, aber ohne das Augenzwinkern des Funsplatter-Spaßvogels, sondern mit der grimmigen Entschlossenheit des Überzeugungstäters, für den sich der Wert eines Filmes in „Härtepunkten“ im Horrorfilm-Lexikon bemisst. Aber LAID TO REST zeichnet sich nicht nur durch seine „liebevollen“ und selbstverständlich handgemachten Effekte aus (nichts fuckt den Großbauern schließlich mehr ab als CGI-Blut), sondern auch durch seine unangenehm menschenfeindliche Stimmung und eine generelle Trost- und Hoffnungslosigkeit. Die kaum als solche zu bezeichnende Farbpalette des Films umfasst alle Nuancen von grünstichigen Grau- und Brauntönen, die man sich vorstellen kann, und trägt erheblich dazu bei, das man sich schon nach kurzer Zeit körperlich unwohl fühlt. Dazu spielt der Film ausschließlich bei Nacht an anonymen Settings, die nicht viel mehr als Raum für die breit ausgewalzten Tötungsorgien darstellen. Dialoge und Bildkomposition sind nahezu ausschließlich Mittel zum Zweck, alle Figuren stapfen mit von dauerhafter Todesangst ausgelöster Leichenbittermiene durch den Film, sich fragend, welches ihrer Körperteile der humorlos-effiziente Maskenmann wohl als erstes abschneiden respektive durchbohren wird. Zum Showdown tauchen noch zwei besonders eklige Exemplare jugendlicher Toxic Masculinity auf, hören nervtötend-offensiven Schott-Hip-Hop, prahlen von „bitches“ und kommen angesichts der Bemühungen der Protagonistin, ihnen ein Signal zu geben, sofort auf die Idee, sie wolle etwas von ihnen. Dass beide sogleich zu Sympathieträgern avancieren, sagt recht viel über Halls Weltsicht, aber auch über die Behelfsmäßigkeit des Drehbuchs, dessen einziges Ziel es ist, den Body Count möglichst ausufernd zu gestalten.

Ich finde diese Eindimensionalität, dieses Sich-Aufgeilen an der eigenen Abgefucktheit, das solche Gorefilm-Auteurs ostentativ zur Schau stellen, ziemlich eklig, zumal es sich nicht selten mit unangenehmem Chauvinismus verbindet. In einer Szene am Anfang mutmaßt ein weiblicher Charakter – Lena Headey, die ihre Mitwirkung wahrscheinlich in einem Anfall geistiger Umnachtung zusagte -, dass die verwirrte Frau mit der Amnesie, die sie um Hilfe bittet, ein „Crystal-Meth-Head“ oder schlicht eine „Nutte“ sei. Wenig später tut ihr das zwar Leid, aber dass ihr diese Beleidigungen einfallen, noch bevor sie die Frau überhaupt gesehen hat, spricht Bände für das ätzende Menschenbild, dem Hall hier ein Denkmal errichtet. Nicht nur das: Am Ende findet die weibliche Protagonistin tatsächlich heraus, dass sie eine Prostituierte ist, die vom Killer zu einem Schäferstündchen bestellt und dann niedergeschlagen wurde. Die Videoaufnahmen des Mörders zeigen sie, wie sie sich ihm andient, ihm einen Blowjob anbietet und angesichts der laufenden Kamera auf dem Tisch sichtlich angetörnt ist. Die Offenbarung ihrer wahren Identität treibt ihr die Tränen in die Augen, denn sie hatte sich längst daran gewöhnt, etwas Besseres zu sein als eine käufliche Sexarbeiterin, die in Halls Welt nichts mehr verdient als einen Schwanz im Mund und eine Baseballkeule auf den Kopf. Eine Duschszene, in der man ihre wahrscheinlich chirurgisch optimierte Oberweite zu sehen bekommt, hat er, der mit der Hauptdarstellerin verheiratet war, ihr aber trotzdem spendiert. Nicht, dass diese Chance ungenutzt bliebe. Was will man auch von einem Mann erwarten, der seine ellenlange IMDb-Bio offenkundig selbst verfasst hat?

300__rise_of_an_empire___fan_art_poster_by_addictomovie-d6woufyRund acht Jahre nach dem damals viel diskutierten 300 erschienen, ist 300: RISE OF AN EMPIRE eines dieser rätselhaften Sequels, die an jedem echten Publikumsbedürfnis vorbei veröffentlicht werden und bei denen die sonst jedes noch so minimale Risiko ausschaltende Marktforschung und Zielgruppenanalyse komplett versagt zu haben scheinen. Vielleicht hätte man satte acht Jahre – eine popkulturelle Ewigkeit nach heutigen Standards – nach Snyders Aufreger noch mit einem DTV-Sequel gerechnet, aber mit einem sogar für IMAX-Kinos aufbereiteten Spielfilm? Get outta here! 

Umso größer die Überraschung, dass 300: RISE OF THE EMPIRE dem ambivalent-provokanten Charme des Vorgängers nicht nur gerecht wird, sondern ihn bisweilen gar übertrifft. Murro inszeniert mit etwas mehr Schwung, die ähnlich stilisierten Bildwelten sind abwechslungsreicher gestaltet, und nicht zuletzt strebt hier ein Gedanke an die Oberfläche, der in Snyders Film meist vom martialischen Getöse überlagert wurde: dass nämlich die Unbeugsamkeit der Griechen nicht so sehr eine Tugend ist, als dass gerade sie es ist, die erst zur totalen Eskalation führt. 300: RISE OF AN EMPIRE beginnt zunächst mit einer Rückblende, die erklärt, warum die Perser in Snyders Film in Griechenland einmarschierten: Der griechische Feldherr Themistokles (Sullivan Stapleton) tötet in der Schlacht von Marathon den persischen König Darius (Igal Naor) und entfacht so in dessen Sohn Xerxes (Rodrigo Santoro) den unstillbaren Wunsch nach Rache an allen Griechen. Als seine Vollstreckerin schickt er Artemisia (Eva Green) über den Seeweg, während er mit seinem Heer selbst gen Sparta zieht. Artemisia wiederum ist Halbgriechin, die in Persien aufwuchs, nachdem sie die Ermordung ihrer Eltern durch griechische Hopliten mitansehen musste, die sie später vergewaltigten, versklavten, halbtot zurückließen und auch sie mit grenzenlosem Hass erfüllten. Was folgt, ist ein ausuferndes Seeschlachtenpanorama, das dank der Mitwirkung Eva Greens eine noch deutlich sexuellere Konnotation hat als in Snyders Film, der auch schon nicht mit Aufnahmen gemeißelter Bodies geizte.

Krieg ist in 300: RISE OF AN EMPIRE eine perverse Angelegenheit, die alle Neurosen und Psychosen der an ihm Beteiligten zum Vorschein bringt und diese gleich noch um ein paar neue Traumata anreichert. Alle Figuren sind kaputt, in einem endlosen Kreislauf der Gewalt gefangen, aus dem es keinen Ausbruch zu geben scheint, weil jeder Mord nur wieder ein neues Rachebedürfnis weckt. Konnte (oder musste?) man Snyders 300 – wohl vor allem Millers Hardliner- und Machotum geschuldet – noch als elitaristische Lobpreisung von soldatischem Ehrgefühl und Glorifizierung eines faschistoiden Reinheitsgedankens verstehen, ist das hier nur noch mit extrem selektiver Wahrnehmung möglich. Der Geilheit von Gerard Butlers Leonidas auf den „beautiful death“ und seiner geradezu lüsternen Raserei setzt Sullivan Stapletons Themistokles den traurigen Blick der Selbsterkenntnis entgegen: Dass er dem Gemetzel, das er als sinnlos erkannt hat, nicht einfach den Rücken kehrt, sondern sich immer wieder in die Schlacht schmeißt, macht es eigentlich nur noch tragischer. Wahrscheinlich kann er sich einfach nicht von Eva Green losreißen, was ich wiederum nur zu gut verstehen kann. In einem mit spektakulären Set Pieces und geilen Bildern nur so vollgestopften Film ist sie gewissermaßen die rot leuchtende Maraschino-Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Toll!

 

300-movie-posterZehn Jahre ist es jetzt schon wieder her, da war Snyders 300 der Film, den man sehen musste, wenn man mitreden wollte. Ich weiß noch, wie mich der Trailer damals angefixt, die Vorfreude ins Unermessliche gesteigert hatte. Im Netz diskutierte man sich bereits die Köpfe heiß, ob dieser Film nicht Kriegstreiberei und Interventionspolitik glorifiziere, gar eine faschistoide Gesinnung erkennen lasse. Als ich damals aus dem Kino kam, fühlte ich mich aber nicht provoziert, sondern lediglich massiv enttäuscht, und zwar nicht, weil ich einsehen musste, dass die Kritiker Recht gehabt hatten, sondern weil ich 300 wider Erwarten vor allem sehr, sehr langweilig fand. Ich kann das heute durchaus noch nachvollziehen: Snyders Filme haben generell immer etwas Niederdrückendes, und das Staunen über die atemberaubenden Bildwelten, die er entwirft, trägt selten über die volle Laufzeit, irgendwann fühlt man sich erschöpft, ermüdet von diesem Gestaltungswillen, der jede Spontaneität im Keim erstickt.So bin ich auch heute noch der Meinung, dass seine Adaption der Graphic Novel von Frank Miller mit 120 Minuten Laufzeit ein gutes Stück zu lang geraten ist.

Aber 300 ist trotzdem ein ziemlich faszinierender Film, visuell sowieso, aber gerade auch, wenn man die Diskussion, die er damals entfachte, bei der heutigen Sichtung mitberücksichtigt. Klar, Miller wird eher nicht als großer Liberaler in die Geschichte eingehen, er fetischisiert den Krieg und die gestählten Körper der Spartaner, das Gerede von Ehre, Opferbereitschaft, Unbeugsamkeit und vom „beautiful death“, den zu sterben sich lohne, und weckt damit reichlich ungute Assoziationen; aber genauso wie man dem Film oben genannte „faschistoide Gesinnung“ unterstellen könnte, eignet er sich dazu, genau das Gegenteil in ihm zu erkennen. Die kriegslüsternen Spartaner um König Leonidas (Gerard Butler) sind nicht gerade Sympathiebolzen in ihrer Todessehnsucht und ihrem lebensfeindlichen Reinerhaltungsgedanken (die bunt gemischten Perserhorden sind ein richtiger Karneval dagegen), und mehr als einmal stellt man sich als Zuschauer, angeregt durch Snyders Inszenierung, die Frage, ob eine Kapitulation vor den Persern denn wirklich so schlimm wäre und ob eine „Freiheit, für die man Hunderte von Menschenleben opfern muss, und eine Zivilisation, die auf Drill, Folter und Abhärtung basiert, überhaupt erhaltenswert sind.

In Erinnerung bleiben wird 300 fraglos für den Aufwand, der betrieben wurde, die Panels von Millers Vorlage nahezu originalgetreu in Filmbilder zu übersetzen. Ästhetisch ist Snyders Film auch zehn Jahre später noch immens eindrucksvoll, auch wenn nicht zuletzt der Regisseur selbst diesen Stil im Anschluss weiter verfeinert hat. Die sepia-goldene Farbgebung, aus der allein die roten Umhänge der Spartaner hervorstechen, sowie das göttliche Licht, das alles zu illuminieren scheint, betonen den mythologischen Charakter der Geschichte um die todesmutige Schlacht Weniger gegen eine Übermacht, legen gewissermaßen den Nebel der Jahrhunderte über die Bilder, zur gleichen Zeit aber auch ihre krasse Körperlichkeit bloß. 300 ist gleichermaßen anziehend und verführerisch wie abstoßend in seiner Ästhetisierung von Gewalt und Tod, er fühlt sich in seinen besten Momenten tatsächlich an wie vom Geist des antiken Spartas beatmet (zumindest des Spartas, das er da selbst zeichnet): monolithisch, schroff und grausam, aber von der luziden Klarheit schneidender Schmerzen. Die Szenen um die daheimgebliebene Königin Gorgo (Lena Headey) und den schmierigen Verräter Theron (Dominic West) tragen zwar in ihrer Klischiertheit dazu bei, dass man sich als Zuschauer nicht ganz fremd fühlt in dieser fremden Welt, aber mindern damit auch den Impact, den 300 gerade in seiner frontalen Attitüde entfalten könnte. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn der archaische Blut- und Schlachtenrausch, in den man da gestürzt wird, ist für zivilisierte Gemüter sowieso schon schwer genug zu verarbeiten.