Mit ‘Leo Genn’ getaggte Beiträge

moby-dick-plakatNach MUTINY ON THE BOUNTY bleibe ich den Weltmeeren, der Schifffahrt und besessenen Kapitänen mit John Hustons Literaturverfilmung zwar treu, der Unterschied zwischen den beiden Filmen könnte trotzdem kaum größer sein. Milestones Film von 1962 erstrahlt in kräftigen, satt leuchtenden Farben, nutzt das breite Format des sogenannten Ultra Panavision 70 voll aus, füllt den Bildkader bis in den letzten Winkel mit überwältigenden Attraktionen, steigert sich über seine Laufzeit von drei Stunden zu ebensolchen Emotionen. In MOBY DICK hingegen beengt Huston das Bild mit dem Hard-Matte-Format von 1.66:1, wäscht die Farben zu einem braun-rot-stichigen, an alte Fotos erinnernden Sepiaton aus, bemüht mit Settings und Kostümen zwar insgesamt einen kaum weniger authentischen Look, suhlt sich dabei jedoch keineswegs in Zeigefreude und ausstatterischem Gigantismus. Die Kamera rückt nah an die Gesichter der wettergegerbten Besatzungsmitglieder und das dunkle Holz der Pequod, an die spritzende Gischt, wenn die Männer in ihren Ruderbooten von den angeschlagenen Walen gezogen werden. Teilweise erlangt Hustons Film so eine fast dokumentarische Qualität, dann wiederum überschreitet er mit seiner kantigen, direkten, kargen, aber ungemein aufgeladenen Bildsprache die Grenze zum Expressionismus und zum religiösen Symbolismus. Damit entspricht er natürlich Melvilles als unkategorisierbar geltender Vorlage: Der Schriftsteller vereinte in seinem Roman nicht nur die unterschiedlichsten Textformen, mit denen sich jeweils auch der Ton seiner Erzählung änderte, von wissenschaftlich-berichtend bis hin zu sakral-symbolisch, er bot auch die verschiedensten Deutungsansätze für seine Geschichte von der Jagd eines Mannes auf einen geheimnisvollen, rachsüchtigen Wal an.

Huston greift oft auf Melvilles ausdrucksstarke Prosa zurück, verwendet sie für die Voice-over-Narration Ishmaels (Richard Basehart), aber auch für die voller Fachvokabular steckenden Dialoge. Ohne Raum und Zeit für Melvilles Exkurse zu haben, verschafft er mithilfe des Zusammenspiels von Bild und Ton doch einen Einblick in das blutige Handwerk des Walfangs, beschreibt die Methoden der Jagd, das Auseinandernehmen der Kadaver und die Gewinnung des kostbaren Trans, schafft die Verbindung der Darstellung des wirtschaftlichen Interesses auf der einen Seite und des Abenteuers, der mythischen Dimension, die die Konfrontation mit den Meeresgiganten für die Walfänger annimmt. Es ist ein uraltes, archaisches Handwerk, dem sie nachgehen: Ein Eindruck, der durch die geheimnisvollen Tiere, denen sie nachjagen, noch verstärkt wird. Der beinahe göttliche Status, der ihnen, vor allem Moby Dick, zugeschrieben wird, sich im Close-up auf sein schwarzes Auge entbirgt – das eigentlich „leer“ ist, vom Zuschauer aber unweigerlich mit Bedeutung aufgeladen wird –, korrespondiert dabei mit einer klassischen Geschichte von menschlicher Hybris und Naturzerstörung. Der finale Kampf gegen den weißen Wal ist mehr als nur eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und panisch zurückschlagender Natur. Die kruden Effekte um den Wal – ein „lebensgroßer“ mechanischer Wal wurde fortgespült, bevor er benutzt werden konnte und musste durch Miniaturen ersetzt werden – heben den Film endgültig ins Surreale, Märchenhafte, und wer da möglicherweise ihre „Billigkeit“ verlachen möchte, hat gar nichts verstanden.

Die befremdliche Wirkung des Films wird vielleicht gut durch eine Wahrnehmungsstörung meinerseits beschrieben: Ich habe den Film zuletzt als Kind gesehen und er hat mich damals immerhin so nachhaltig beeindruckt, dass mich einzelne Bilder bis heute begleitet haben. Doch das Wiedersehen barg eine handfeste Überraschung, hatte ich MOBY DICK doch als Schwarzweiß-Film abgespeichert. Auch jetzt, wenn ich mich für diesen Text an die Sichtung zurückerinnere, sind die ausgewaschenen Farben bereits wieder vollständig verblasst. Schwarzweiß ist ja weitaus mehr als nur eine ästhetische Eigenschaft: Alte Schwarzweiß-Filme wirken noch älter als sie tatsächlich sind, als seien sie nicht nur vor unserer, sondern vor aller Zeit entstanden. Ganz wie die Wale dieses Films, die seit Jahrtausenden durch die Meere kreuzen, angetrieben von einer unerklärlichen Kraft, die wir Menschen nicht einmal im Ansatz begreifen können. Und Hustons Film ist selbst ein Wal. Kraftvoll, riesenhaft, sich selbst genügend, mit nichts und niemandem in Verbindung stehend, von machtvoller Präsenz, stumm. Er sieht nicht so aus, als sei er von einem Menschen gemacht. Und noch nicht einmal von einem Gott. Er ist einfach.

Nach den Ereignissen von SCOTLAND YARD JAGT DR. MABUSE: Der vom Geist Dr. Mabuses „infizierte“ Dr. Pohland (Walter Rilla) wird in einer Nervenklinik untersucht. Als Major Bob Anders (Peter van Eyck) vom britischen Geheimdienst ihn verhören will, wird er nach Erwähnung des Wortes „Todesstrahlen“ entführt. Wenig später wird Anders beauftragt einen anderen Fall zu bearbeiten, der – wie es der Zufall will – mit eben jenen Todesstrahlen und eben Dr. Mabuse zu tun hat. Auf einer vor Malta gelegenen Insel hat der Wissenschaftler Professor Larsen (O. E. Hasse) eine Maschine erfunden, die ganze Städte binnen Sekunden dem Erdboden gleichmachen kann. Die Erfindung hat das Interesse diverser Schurken geweckt, die seitdem die Küstengegend unsicher machen. Anders soll, als Urlauber und Ehemann der etwas einfältigen Judy (Rika Dalina) getarnt, Maßnahmen zum Schutz Larsens treffen. Es stellt sich wenig überraschend heraus, dass es Dr. Mabuse ist, der die Vernichtungsmaschine in seinen Besitz bringen will …

Auch wenn Brauner seiner Mabuse-Reihe unter dem Eindruck des Erfolges, den die Filme um den britischen Geheimagenten James Bond zur selben Zeit an den Kinokassen feierten, mit DIE TODESSTRAHLEN DES DR. MABUSE einen entsprechenden Neuanstrich verpasst, kann man angesichts von dessen Lahmarschigkeit nur konstatieren, dass die Luft raus ist. Grundsätzlich ist die Idee, bei Bond zu klauen, nicht verkehrt, zumal Dr. Mabuse gewissermaßen als Pate und Inspirationsquelle jener größenwahnsinnigen, genialen Superschurken gelten darf, gegen die die Doppel-Null regelmäßig antritt. Die Parallelen waren schon vorher  da, Brauner tut nun nichts anderes, als die Schraube ein Stückchen weiter zu drehen. Die Bundesrepublik wird endgültig verlassen, van Eyck gibt einen britischen Geheimagenten, der seinen Charme bei gleich drei attraktiven Frauen spielen lassen darf, die urbanen Kulissen Westeuropas weichen dem Postkartenidyll Italiens, das als Stand-in für Malta fungiert. Inhaltlich ist TODESSTRAHLEN ein freches Rip-off von DR. NO, wobei der Part des ersten Bond-Schurken hier auf zwei Personen verteilt wird: O. E. Hasse ist als Larsen für die geniale, aber todbringende Erfindung verantwortlich, sein Assistent Dr. Krishna (Valéry Inkijinoff) verleiht der Gefahr den beliebten, fremdartig-exotischen Anstrich. Im Finale, wenn sich zwei Truppen von Froschmännern ein blutiges Unterwasser-Gefecht mit Harpunen liefern, wird gar der erst ein Jahr später erschienene vierte Bond-Film THUNDERBALL vorweggenommen. Das Potenzial, aus diesen Zutaten einen spannenden Eurospy-Film zu inszenieren, ist da, doch leider hapert es an allen Ecken und Enden. Setzt sich die „Ermittlungsarbeit“ des großen Vorbilds aus einer nicht abreißenden Folge von spektakulären Set Pieces und Suspense-Momenten zusammen, da hat sein Kollege Anders einen vergleichsweise ruhigen Arbeitstag. Hier und da führt er gesittete Gespräche, liefert sich den ein oder anderen Faustkampf, der jedoch selten wirkliche Gefahr bedeutet, und wenn auf ihn geschossen wird, dann zuckt er angesichts mangelnder Zielgenauigkeit des Schützen noch nicht einmal. Der größte Fehler des Drehbuchs ist sicherlich, dass Larsen eben nicht der Bösewicht ist, sondern ein freundlicher älterer Herr, dessen Motiv, eine Vernichtungswaffe zu bauen, gänzlich im Dunkeln bleibt. Von den Todesstrahlen, die der Film so vollmundig im Titel führt, geht bis zum Schluss keinerlei Bedrohung aus. Das Gleiche gilt für Dr. Mabuse, dessen Inklusion wie eine Last-Minute-Entscheidung wirkt. Jeglicher Horror, der mit dieser Figur einmal verbunden war, ist absent, und der eh schon zähe Fluss des Films wird durch seine „Anwesenheit“ noch weiter ausgebremst. Sanftes Amüsement bewirken einzig einige putzige Dialoge und die angesichts des schon über 50-jährigen van Eycks überaus tollkühnen Versuche, mit dem Sex Appeal der Bond-Filme gleichzuziehen. DIE TODESSTRAHLEN DES DR. MABUSE ist verglichen mit den sonst eher trockenen erotischen Bemühungen der Gruselkrimis aus jener Zeit geradezu ein Ausbund an Schlüpfrigkeit und Frivolität, bleibt aber natürlich doch immer gesittet und zahm.

Die Kursänderung führte leider nicht zu dem gewünschten Erfolg. DIE TODESSTRAHLEN DES DR. MABUSE blieb unter den Erwartungen, sodass die beiden von Brauner für das Jahr 1965 geplanten Fortsetzungen namens DAS UNHEIMLICHE KABINETT DES DR. MABUSE und DIE RACHE DES DR. MABUSE ausgesetzt wurden. 1972 gab es noch einmal einen eher halbherzigen neuen Versuch Brauners, den Superverbrecher wieder auf die Leinwand zu bringen: Doch der von Jess Franco inszenierte DR. M SCHLÄGT ZU begnügte sich schließlich mit wenigen Dialog-Anspielungen auf den einstigen Kassenmagneten. Da der Film in diesem Sommer über Pidax seine DVD-Veröffentlichung in Deutschland erfährt, werde ich hier darüber aufklären, was es sonst mit diesem Film auf sich hat. Nun wende ich mich erst einmal anderen Dingen zu.

In London wird ein Geldtransporter mit einer Ladung zur Verbrennung vorgesehener Scheine von Gangstern überfallen, dabei kommt ein Polizist ums Leben. Der für seinen Tod Verantwortliche wird mit dem Verstecken der Beute beauftragt: Er bringt sie in den in der Nähe gastierenden Zirkus Barberini, wo er von einem unbekannten Messerwerfer seinerseits ermordet wird. Inspektor Elliott (Leo Genn) nimmt die Ermittlungen auf, hat es im Folgenden aber nicht nur mit den Räubern zu tun, die ihre Beute wiederhaben wollen, sondern auch mit einem mörderischen Phantom, das die Zirkusbelegschaft dezimiert. Carl (Heinz Drache), der Vertreter des Direktors, vermutet, dass der Vater des maskierten Löwendompteurs Gregor (Christopher Lee), ein verurteilter Mörder, der vor zwei Jahren aus der Haft ausbrach und seitdem verschwunden ist, nach Hause gekommen ist …

Die dritte Verfilmung nach Stoffen von Edgar Wallace des Briten Harry Alan Towers (nach TODESTROMMELN AM GROSSEN FLUSS und SANDERS UND DAS SCHIFF DES TODES) entstand in Koproduktion mit der Constantin, die den Film daher mit etablierten Wallace-Stars wie Heinz Drache, Eddi Arent und Klaus Kinski „ausstattete“. Eigentlich in Farbe gedreht, wurde DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK (sic!) in Deutschland in Schwarzweiß veröffentlicht und dort nicht dem eigentlichen Regisseur John Moxey, sondern seinem Regieassistenten Werner Jacobs zugeschrieben. Wie alle Filme von Towers, die ich aus jener Zeit kenne, zeichnet sich auch dieser durch ordentliche Production Values und gute Darsteller aus, ohne dass es jedoch gelänge, diese einzelnen Teile zu etwas zusammenzufügen, das größer wäre als deren Summe: Im Gegenteil, irgendwie kommt DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK nicht so recht aus den Puschen, obwohl er dem etablierten Wallace-Konzept mit den ineinander verschränkten Verbrechen deutlich näher ist als etwa Gottliebs DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE. Der Zirkus bietet mit seinen verschiedenen Artisten (Eddi Arent spielt einen Buchhalter mit Clownsambitionen, der seine Tricks ständig am obligatorischen Lilliputaner ausprobiert) und ihren Beziehungen sowie den Attraktionen, die sie unterhalten, eigentlich genug Schauwerte für einen unterhaltsamen, spektakulären Pulp-Film, doch das alles bleibt irgendwie müde, wird nur wenig inspiriert abgespult. Richtig schlecht ist DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK nicht, aber eben ein bisschen langweilig: Dem Film fehlt das gewisse Etwas, eine durchgehende Atmosphäre, die selbst die schwächeren Rialto-Wallaces – ich denke da etwa an DER SCHWARZE ABT – noch im Übermaß zu bieten hatten. Einzig Christopher Lee, dessen Gesicht während der ersten zwei Drittel des Films hinter einer schwarzen Maske verborgen bleibt, die Hoffnungen auf darunter zum Vorschein kommende Entstellungen weckt, verbreitet durch seine bloße Präsenz ein wenig Spannung, während der Rest wie auf Autopilot agiert. Selbst Kinski ist als Gauner lediglich körperlich anwesend. Schade, denn da wäre bestimmt mehr drin gewesen.

Carol Hammond (Florinda Bolkan) gehört mit ihrem Mann Frank (Jean Sorel) der Londoner Oberschicht an. Gemeinsam führen sie ein in Routine erstarrtes Eheleben, das sich Frank mit einer Affäre aufpeppt, während seine Gattin alle ihre Wut und ihre Fantasien auf die attraktive Nachbarin Julia (Anita Strindberg) projiziert, die ein enthemmtes Leben voller rauschhafter Partys führt. Das schnöde Bürgerleben gerät aus dem Ruder, als Julia ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wird – genau einen Tag, nachdem Carol davon geträumt hatte, sie zu erdolchen. Und es ist ihr Brieföffner, der als Tatwaffe am Tatort liegt …

Lucio Fulci ist ein sträflich unterschätzter Regisseur und UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA beweist das sehr eindrucksvoll. Berühmt wurde Fulci weltweit, als er in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren maßgeblich an der Welle italienischer Splatterfilme beteiligt war, die Europa, aber auch die USA im Sturm eroberte. Eine Welle, die ihn leider selbst mit fortriss und sein inszenatorisches Können so Stück für Stück abtrug. Doch die besten seiner Splatterepen sind weitaus mehr als Splitter im Auge, zerschmelzende Gesichter und platzende Köpfe vielleicht suggerieren: In ihnen erkennt man den Surrealisten hinter der Kamera, der – kaum weniger als sein von Cineasten einhellig gefeierter Kollege Dario Argento – Traumwelten auf die Leinwand bringt und dessen Filme keineswegs unlogisch sind (wie oft behauptet wird), sondern lediglich ihrer eigenen Logik folgen. Was mich nun zu diesem Giallo aus dem Jahr 1971 bringt, der sich geradwegs in den Kopf einer Frau begibt, die sich in einer schweren psychischen Krise befindet. UNA LUCERTOLA verbindet psychedelische Schnitt- und Bildfolgen, die den Zuschauer unterstützt von Morricones jazzigem Score schier überwältigen. Die Traumsequenzen sind einfach nur eindrucksvoll: sinnlich, beängstigend, verführerisch. Der verschlungene Krimiplot mit seinen unzähligen Verdächtigen, falschen Fährten, versteckten Motiven und dunklen Geheimnissen spiegelt die Verwirrung der jungen Frau, die von Florinda Bolkan in einer ganz ähnlichen Rolle verkörpert wird, die sie schon im fantastischen LE ORME bekleidete. Tatsächlich ist sie mir ihrem dichten dunklen Haar, den dunklen Augen und den markanten Gesichtszügen wie gemacht für diese neurotischen, herben Schönheiten. Und sie gibt ihr Geheimnis in UNA LUCERTOLA bis zum Schluss nicht preis: Auch wenn es eine klassische Krimiauflösung gibt, Carol bleibt ein Mysterium. Wenn ich etwas an Fulcis Film kritisieren müsste, dann wäre das das etwas antiklimaktische Ende: Eine Reihe von Dialogszenen beendet den Film eher unspektakulär. Aber eigentlich ist das auch wieder nachvollziehbar: Das seelische Chaos, repräsentiert durch die dionysischen Traumsequenzen zu Beginn, hat der Verstand des Polizisten einigermaßen in Ordnung gebracht. Was nicht bedeutet, dass ich am Ende nicht das Gefühl hatte, bei der ein oder anderen Wendung den Anschluss verloren zu haben. Ein toller Film.