Mit ‘Leopold Lindtberg’ getaggte Beiträge

Die letzten KOMMISSAR-Sitzungen liegen lang, nämlich fast drei Jahre, zurück: Ein langes, kinderloses Wochenende schien mir der ideale Zeitpunkt, die Sichtung fortzuführen und erneut einzutauchen in die von Reinecker protokollierte, mit Zigarettenrauch und Bierduft durchwaberte Welt des Bürgertums. Mehr noch als DERRICK ist DER KOMMISSAR comfort food, perfekt für die bevorstehende Zeit um Feiertage und Jahreswechsel, wenn der geschäftige Trubel Platz macht für Vorfreude und Entspannung. Im Gegensatz zum kalten Stephan Derrick vermittelt Kommissar Keller (Erik Ode) diese altväterliche, kompromisslose, aber im Kern wohlmeinende Strenge – wie der Weihnachtsmann, der am Ende des Jahres mit prüfendem Blick in sein schlaues Buch die ungezogene Spreu vom artigen Weizen trennt. Mir fiel diesmal auf, dass DER KOMMISSAR manchmal fast wie eine Familienserie rüberkommt: Im Zentrum also der strenge Papa, der seine „Jungs“ (er nennt sie mehrfach wirklich so) Grabert, Heimes und Klein an der langen Leine laufen lässt, um sie aufs Leben vorzubereiten, am Rande das treue „Rehbeinchen“, das dazu Stullen und Bier serviert und manchmal auch einen guten Tipp hat. Die Serie ist wunderbar, gemütlich wie ein alter, vertraut müffelnder Sessel, toll auch, um dabei sanft wegzudösen – und immer wieder für Überraschungen, Begeisterung, Gelächter und offene Münder gut.

 

Episode 056: Tod eines Hippiemädchens (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Kollateralschaden der langen Pause: Diese Episode habe ich damals noch gesehen, aber dann vergessen, einen Text darüber zu schreiben.

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Episode 057: Das Komplott (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Büroangestellte Andreas Steintaler (Udo Vioff) ist nach Dienstschluss noch im Büro, als ihn sein Chef per Telefon zu sich bestellt. Steintaler findet Sekunden später nur noch die Leiche und einen leeren Tresor vor und verständigt die Mordkommission. Die nimmt ihm seine Geschichte aber nicht ab: Wie soll der Täter in der knappen Minute, die der Angestellte von seinem Arbeitsplatz ins Büro des Chefs brauchte, einen Mann erschossen, einen Tresor geleert, alle Spuren verwischt haben und dann auch noch unbemerkt entkommen sein? Als das vermisste Geld kurz darauf an Steintalers Arbeitsplatz gefunden wird, scheint er als Mörder überführt. Dennoch hält er an seiner Geschichte fest. Es scheint, als wolle jemand ihm den Mord in die Schuhe schieben.

Der Kriminalfall ist trickreich gescripteter Standard mit einer allerdings superabsurden Auflösung, die ich hier nicht verraten möchte, bei der aber der immer tolle Charles Regnier überaus passend zum Einsatz kommt. Reineckers Hauptaugenmerk liegt wieder einmal auf dem verlogenen großbürgerlichen Ringelpiez um den eigentlichen Mordfall und er fährt eine beachtliche Schar an suspekten Gestalten auf: Die mondäne Gattin des Toten (Ursula Schult) hat ein Verhältnis mit Steintaler und kann sich nicht im Geringsten dazu durchringen, die trauernde Witwe zu spielen. Dasselbe gilt für ihre beiden Töchter (Ingrid Steeger & Barbara Stanek). Ihr zur Seite steht der hypernervöse Dettmann (Leopold Rudolf), seit Jahrzehnten ein treuer Diener des Toten, dessen anfängliche Fassung immer mehr zum Teufel geht, bevor er in einer eindrucksvollen Szene vor seiner Familie komplett die Nerven verliert. Als sein arroganter, selbstverliebter und aufreizend ungerührter Sohn gibt Wolf Roth eine frühe Kostprobe jenes Typus, den er später noch einige Mal bei DERRICK perfektionieren sollte. Leicht über dem Durchschnitt angesiedelt, ist „Das Komplott“ eine gute Folge zum Wiedereinstieg.

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Episode 58: Schwarzes Dreieck (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

In der Abwesenheit seiner Gattin Helga (Käthe Gold) verunglückt der Ehemann in der Badewanne, als ein elektrischer Rasierapparat ins Wasser fällt. Der vermeintliche Unfall wird zum Mord, als Untersuchungen ergeben, dass sich der Mann immer nur nass rasierte. Aber wer brachte den Mann um und verschwand dann unbemerkt aus der abgeschlossenen Wohnung? Neben der Gattin, die von ihren beiden Söhnen (Karl Walter Diese & Peter Fricke) bedrängt wird, die Anteile am Geschäft des Vaters an sie zu übertragen, gerät die rätselhafte Frau Böhle (Angelika Salloker) in Verdacht: Auch ihr Mann starb vor Jahren bei einem höchst sonderbaren Unfall.

Die Grundkonstellation erinnert ein klein wenig an Hitchcocks STRANGERS ON A TRAIN, aber interessanter sind Reineckers Betrachtung von Ehe und Alter im Hinblick auf die älteren Frauen, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Die drei Damen, um die es geht, werden von ihren Gatten als bessere Hausbedienstete betrachtet und jeder liebevollen Zuwendung beraubt. Mehr noch: Auch Helgas Söhne interessieren sich nur so lange für ihre Mama, wie sie etwas von ihr haben wollen. Kaum hat sie ihre Unterschrift unter dem Vertrag hinterlassen, machen sie sich wieder aus dem Staub, haben noch nicht einmal die Zeit, ihren Kaffee zu trinken und ihr Stück Kuchen zu essen. „Die Ehe ist ein Kampf, den die Frauen verlieren“, sagt Frau Böhle gegenüber Kommissar Keller: eine Überzeugung, die sie dazu geführt hat, einen teuflischen Mordplan auszuhecken. DER KOMMISSAR (und später DERRICK) zeichnet sich nicht unbedingt durch ein besonderes Verständnis für Frauen aus: Reinecker weist ihnen meist eine feste, wenig flexible Rolle zu und verurteilt sie, wenn sie aus dieser ausbrechen. Für ältere Damen macht er aber eine Ausnahme, zumindest ist das der Schluss, zu dem man nach Betrachtung dieser traurigen Episode kommt. Das Schicksal von Helga bewegt, auch weil Käthe Gold eine sehr anrührende Darbietung gibt. Der Anblick der Rentnerinnen, deren größte Freizeitvergnügung es ist, Tauben im Park zu füttern, ist der Gipfel der Tristesse.

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Episode 59: Der Tod von Karin W. (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die junge Karin Winter (Simone Rethel) wird in einer Kneipe niedergeschossen, nachdem sie noch versucht hat, ihre Mutter (Ida Krottendorf) anzurufen. Die Ermittlungen ergeben, dass Karin in einem Erziehungsheim war und mehrfach durch kleinere Vergehen aufgefallen ist. Die familiären Verhältnisse sind kompliziert: Die alleinstehende Mutter brachte regelmäßig Männerbekanntschaften nach Hause, unter anderem ihren Nachbarn Otto Pajak (Harald Leipnitz), was ihr bei dessen Schwester (Maria Schell) den Ruf der Schlampe einbrachte. Aber Pajak hatte nicht nur Interesse an der Mutter.

Die Folge bestätigt, was ich oben über Reineckers Frauenbild schrieb, denn dass Karins Mutter aktiv Ausschau nach Männern hielt und diese mitunter auch nach Hause brachte, wird ihr ausschließlich negativ ausgelegt. Gut, man mag darüber streiten, inwiefern die Tatsache, dass ihr Schlafzimmer direkt neben dem der Tochter liegt, nicht etwas mehr Zurückhaltung ihrerseits erfordert hätte, aber diese Einschränkung nimmt Reineckers Drehbuch eigentlich nicht vor. Es sind der „Egoismus“ und die Freizügigkeit der Mutter, die die Tochter zur Ladendiebin, Heiminsassin und schließlich zum Mordopfer machten. Pajaks Missbrauch einer Minderjährigen ist demgegenüber ein Kavaliersdelikt: Schließlich fungierte die Mama als Kupplerin. Diese Ausrichtung ist aus heutiger Sicht natürlich extrem streitbar, aber das macht diese und viele andere Episoden der Serie  ja auch so faszinierend. Es ist ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte, derer man da ansichtig wird. Und es ist beileibe keine schöne Geschichte. Harald Leipnitz, sonst meist als kerniger, schlagkräftiger Machotyp besetzt, gibt hier einen der typischen Reinecker-Waschlappen, einen Mann ohne Mumm in den Knochen, der voll unter der Fuchtel sowohl seiner herrischen Schwester als auch seiner Geliebten steht. Diese Charakterisierung ist natürlich zweischneidig: Man spürt Reineckers Verachtung für diese mummlosen Männer (in der man ebenfalls ein sehr traditionelles Männerbild erkennt), gleichzeitig entlässt er sie so auch ein Stück weit aus ihrer Verantwortung.

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Episode 60: Die Nacht, in der Basseck starb (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Nachtclubbesitzer Basseck (Jürgen Goslar) wird in seiner Wohnung von einem Unbekannten erwartet und erschossen. Keller und sein Team erfahren, dass der Mann regelmäßig junge Mädchen aus seinem Laden als Geliebte rekrutierte und dann wieder auf die Straße setzte, wenn er die Lust an ihnen verlor. Die letzte, die es getroffen hat, ist die schöne Dana (Evelyn Opela). Und dann ist da auch noch Günter Wagner (Jochen Bißmeier), ihr letzter Kunde und der Bruder eine von Bassecks Verflossenen.

Ich fand diese Episode nur mittelmäßig interessant: Sie verschenkt Horst Tappert (als Bassecks Geschäftspartner) und dessen Talent zum Schurkentum in einer völlig unterentwickelten Rolle und nervt zudem mit endlosen Musikeinspielungen der Les Humphries Singers, die als Attraktion des Nachtclubs eine Nummer nach der anderen zum Besten geben und dabei die Tanzfläche ganz allein für sich in Anspruch nehmen. Jürgen Drews, damals ein Mitglied der Combo, tanzt so am Rande mit und wirkt, als sei ihm das alles furchtbar unangenehm. Das zeugt von mehr Geschmack und Stil, als ich ihm zugetraut hätte, aber auch von einer fragwürdigen Arbeitsmoral. Diese breiten Musikeinlagen (neben dem penetranten Ohrwurm „Mamama-mamamalu!“ gibt es auch ein Liedchen über Mexiko, bei dem der Sänger natürlich einen Sombrero tragen muss) sind schon faszinierend – mit welch elender Scheißmusik man damals zu Ruhm und Geld kommen konnte -, aber verfehlen das Ziel, hier ein bisschen Glamour reinzubringen. Viel besser gelingt das der betörenden Evelyn Opela, deren tschechischer Akzent („Ich habe ein Dacksi gerufen.“) in Verbindung mit der markanten Mund- und Kieferpartie sowie dunkeln Augen und Haaren mehr Mystik in die Episode bringen, als alle Scriptwindungen Reineckers.

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Episode 61: Der Geigenspieler (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Geigenspieler Triberg (Günther Stoll) erhält eine Warnung, nach seinem Konzert auf gar keinen Fall wie gewohnt mit dem Zug nach Hause zu fahren. Er nimmt die Warnung zur Kenntnis, steigt dann aber doch in den Zug – und wird durch das Fenster erschossen. Seine Ehefrau Irene (Sonja Ziemann) kann am Bahnhof nur noch die Leiche in Empfang nehmen. Wie sich herausstellt, hatte sie ein Verhältnis mit dem mittellosen Maler Kolding (Heinz Bennent). Und der verfügt kurz nach dem Mord plötzlich über eine große Menge Geld, die ihm vom Irene Triberg überreicht wurde.

Ein weiterer Eintrag in Reineckers bis tief in die Neunzigerjahre reichende Abrechnung mit bürgerlichem Ehe-Ennui: Hier geht die Ernüchterung sogar so weit, dass der Ehemann die eigene Ermordung geradezu als Erlösung hinnimmt. Insgesamt ist „Der Geigenspieler“ nur Durchschnitt, was immerhin „gute Unterhaltung“ bedeutet, die zudem durch die Leistungen von Sonja Ziemann, dem immer großartigen Heinz Bennent, Elisabeth Flickenschildt und Erik Schumann in einer ungewohnten Rolle als gammliger Schmierlappen aufgewertet wird.

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Episode 62: Ein Funken in der Kälte (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973) 

Die alternde Prostituierte Heide Hansen (Mady Rahl) wird ermordet und aus dem fahrenden Auto geworfen. Sie ging für den fiesen Zuhälter Schönau (Hans Brenner) auf den Strich und unterhielt zudem eine zärtliche Beziehung zu dem Säufer Alfons Schichta (Klaus Behrendt), vor dessen Kellerwohnung sie immer auf Freier wartete. Warum musste sie sterben?

Traurige Dramen im Milieu: Auch darauf verstand sich Reinecker, der hier eine besonders trostlose Geschichte erdachte. Alte Nutten, die keiner mehr haben will und die sich mit einer Erkältung im Kellerloch eines Alkoholikers aufwärmen, der jede Selbstachtung verloren hat, und ein Loddel, der Minderjährige als sein neuestes Geschäftsmodell entdeckt hat: Das sind die Zutaten dieser Episode, die es bundesdeutschen Fernsehzuschauern anno 1973 erlaubte, sich davon zu vergewissern, wie gut sie es selbst hatten, und sich nebenbei von Reineckers Elendstourismus einen wohligen Schauer über den Rücken jagen zu lassen. Vieles hier wärmte Reinecker später bei DERRICK wieder auf, am prominentesten sicherlich den Coup, Behrendt als Säufer im Endstadium zu besetzen. Die Folge ist nicht so spannend und ihr Highlight ist Brenner als schmieriger Zuhälter.

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Episode 63: Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S. (Wolfgang Becker, Deutschland 1973)

Die Haushälterin von Professor Steger (Hans Caninenberg) wird von einem Einbrecher umgebracht: Anstatt die Flucht zu ergreifen, legt er die Leiche in ihr Bett und macht es sich anschließend gemütlich. Er hört Musik, liest, macht sich sogar etwas zu essen. Der Professor, ein Psychiater, verdächtigt seinen Sohn Alfred (Matthieu Carriére), der einst selbst in Behandlung war, und verwischt deshalb alle Spuren. Doch dann gibt es einen ganz ähnlichen, zweiten Fall im Haus des Malers Erdmann (Günther Ungeheuer).

Ein Psychothriller! Die interessante Folge mit tragischer Auflösung bietet Carriére in seiner Paraderolle als aufmüpfig-arroganter, kalter Schnösel, den er eigentlich sein ganzes Leben lang spielte. Margarethe von Trotta bleibt lange im Hintergrund, was zwar die Überraschung am Ende vergrößert, aber hinsichtlich ihrer Figur Potenzial verschenkt. Dazu läuft Lobos Nummer-eins-Hit „I’d love you to want me“ in Dauerschleife, bis man sich die Ohren abreißen möchte. Wenn es um Popmusik und Jugendkultur ging, offenbarten sich Reinecker und mit ihm seine Produzenten meist als völlig Ahnungslose. Nun gut, Lobos Ohrwurm, der auch in den USA zum Hit avancierte, fand reißenden Absatz und dürfte auch bei Teenies für Verzückung gesorgt haben, aber dass die Platte im Haushalt eines Akademikers wie Steger Einzug hält, halte ich für einigermaßen unwahrscheinlich.

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Episode 64: Ein Mädchen nachts auf der Straße (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die Studentin Inge Sobach (Uschi Glas) wird erwürgt in ihrer Wohnung aufgefunden. In dem erfolgreichen Unternehmer Harald Bergmann (Curd Jürgens) hatte sie einen wohlmeinenden Gönner – und einen Geliebten? Der Mann berichtet Keller, wie er Inge kennen lernte und welche Beziehung er zu ihr unterhielt. Brachte er sie um, weil sie sich in seinen Sohn Rolf (Amadeus August) verliebte? War Rolf der Täter, weil er es nicht ertragen konnte, sie mit dem Vater teilen zu müssen? Oder war gar Bergmanns erzürnte Gattin Elvira (Inge Birkmann) die Täterin?

Eine KOMMISSAR-Folge mit Curd Jürgens muss zwangsläufig ein Ereignis sein: Der „normannische Kleiderschrank“ gibt wieder eine seiner berüchtigten Darbietungen als ergriffen-lüsterner Onkel, der mit seiner einzigartig sonoren Stimme über die „Lebensfreude“ und den unbeirrbaren Optimismus des jungen Mädchens schwärmt, alle berechtigten Nachfragen über die möglicherweise sexuelle Natur seiner Bekanntschaft brüsk von sich weist, solche Unterstellungen als bornierte Fantasielosigkeit von Menschen kritisiert, die einfach keinen Einblick in die höheren Weihen wahrer, platonischer Liebe haben. Dass er einräumen muss, die schöne, reine, freudige und optimistische Inge, die seine Tochter sein könnte, dann doch auch mal gefickt zu haben (aber nur einmal!), ist in seinen Augen kein Widerspruch und schon gar nicht irgendwie anrüchig. Es ist ein Fest. Dass die Männer im KOMMISSAR (und auch später bei DERRICK) auffallend oft ganz selbstverständlich deutlich jüngere Geliebte haben, wird kaum hinterfragt – die Tatsache folgt eben ganz logisch aus der gesellschaftlichen Realität der BRD der Siebzigerjahre, in der die Männer die Karrieren hatten und sich dann jüngere, „repräsentative“ Frauen nahmen, die vom Wohlstand des Gatten schließlich nur profitierten – und mit denen sich vor den Geschäftsfreunden gut protzen ließ. Curd Jürgens führt die Denke, die hinter solchen Beziehungen steht, gnadenlos vor – gerade weil er sich so unreflektiert in seine Rolle wirft, die sich von seiner Lebensrealität wahrscheinlich kaum unterschied. Auch im echten Leben angelte er sich mit Vorliebe deutlich jüngere Mädchen, die seine müden Knochen mit ihrer „Lebensfreude“ munter machten und im Gegenzug in den Genuss seines luxuriösen Lebensstils und natürlich seiner großen Weisheit als Künstler kamen. Uschi Glas macht mit beim schmierigen Spiel, versieht ihre Inge mit großäugiger, reichlich naiver Unbedarftheit und Offenheit, und verleiht dem geilen alten Bock damit mehr oder weniger die Carte blanche. Wahnsinn.

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Episode 65: Sommerpension (Jürgen Goslar, Deutschland 1973)

Im Moor wird ein Toter neben seinem im Schlamm stecken gebliebenen Wagen aufgefunden. Ganz in der Nähe befindet sich die abgelegene Pension von Amalie Schöndorf (Marianne Hoppe), die ihre Zimmer an einige Rentner vermietet. Ihre Tochter Barbie (Gerlinde Döberl) hat ein lahmes Bein, seit die Mama sie zusammen mit ihrer Haushälterin Paula (Bruni Löbel) über den Haufen fuhr – und ihr so das Leben und die Tour bei den Männern vermasselte: Eigentlich hatte der Gasthof-Besitzer Schuster (Götz George) die Barbie schon als Ehefrau in spe auserkoren – bis er das Hinkebein zu sehen bekam. Aber was hat der Tote mit dieser Geschichte zu tun?

German Gothic mit komischen Untertönen, die vor allem auf das Konto der Rentner gehen, die Beweisstücke einsacken, sich über erkaltete Suppe beschweren, Keller zum Baden im Moorsee einladen und natürlich beim Mordfall schön die Klappe halten, weil sie nichts lieber wollen, als dass die brave Barbie endlich den Mann bekommt, der ihr zusteht. Götz George hat einen ca. drei Meter breiten Schnurrbart, aber ansonsten kaum mehr als einen ausgedehnten Gastauftritt, der ihn deutlich unterfordert. KOMMISSAR- und DERRICK-Profis sortieren die Folge als eines von mehreren Beispielen ein, in denen Menschen mit Behinderung äußerst schlecht wegkommen. Ob das nur Reineckers Sicht widerspiegelt oder sie damals dem bundesdeutschen Status quo entsprach, kann ich nicht befriedigend beantworten. Fest steht, dass Barbie durch ihre Behinderung „damaged goods“ ist, völlig unvermittelbar auf dem Ehemarkt. Der eben noch bis über beide Ohren verliebte Schuster schaut auf einmal drein, als habe ihm jemand kräftig in die Suppe gerotzt, als er das Humpeln der jungen Frau erblickt, und das Drehbuch gibt ihm mehr oder minder Recht: Was will ein Gastwirt auch mit einer lahmen Frau, die kann ja weder Gäste bedienen noch Bierfässer schleppen! Dann doch lieber gar keine Gattin! Es ist zum Verrücktwerden.

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Episode 66: Herr und Frau Brandes (Leopold Lindberg, Deutschland 1973)

Die Malerin – was hat Reinecker nur ständig mit Malern? – Gerda Brandes (Agnes Fink) hat soeben Besuch von einem ihrer Kunden, da zerreißt ein Schuss im nahegelegenen Wald die Stille. Wenig später wird ein Toter gefunden, ein junger Mann, der Frau Brandes Modell stand und außerdem ein Verhältnis mit ihr hatte. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf ihren Mann Wolfgang (Bernhard Wicki), der von der Affäre weiß – und nach einem Tag des Nachdenkens auch ein Alibi hat, das ihm Ursula Becker (Gisela Stein) gibt, die Erzieherin des geistig behinderten Sohnes Ulrich (Andreas Seyferth), mit der wiederum er sich über die Entfremdung der Ehefrau hinwegtröstet. Dann malt der Junge ein Gewehr.

Zerrüttete Ehen, eines der Leib- und Magenthemen Reineckers. Die Überraschungen halten sich in Grenzen, die Episode lebt ganz von dem Zusammenspiel von Fink und Wicki, die auch im echten Leben verheiratet waren. Wicki beim Rauchen zuzuschauen, ist allein schon ein Fest und die Stimme der Fink, die sie unter anderem Katharine Hepburn und Ellen Burstyn lieh, lässt einen in Ehrfurcht erzittern. Auf der anderen Seite haben wir mit Ulrich wieder ein Beispiel für die erbarmungswürdige Darstellung von Menschen mit Behinderung. Nicht nur, dass der Junge als komplett schwachsinnig dargestellt wird, er wird auch von keiner der ihn umgebenden Personen als auch nur annähernd gleichwertig und zurechnungsfähig behandelt. Das ist aus heutiger Sicht einfach nur erschütternd.

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Episode 67: Tod eines Buchhändlers (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

An einem Sonntagmorgen wird der Dorf-Buchhändler Kapp (Werner Bruhns) ersoffen am Ufer der Isar aufgefunden, unweit seines Autos. Im Ort scheint man sich sicher zu sein, dass der Tod Folge eines Unfalls ist, denn jeder weiß, dass Kapp sich samstags gepflegt einen hinter die Binde zu gießen pflegte – nur um danach seine schöne Gattin Herta (Judy Winter) zu verdreschen. Weil aber einige Indizien auf Fremdeinwirkung schließen lassen, nehmen Kommissar Keller und seine „Jungs“ die Ermittlungen auf. Die führen sie schnell zu Kapps Azubi Roland Beyfuss (Pierre Franckh): Der konnte es nicht ertragen, das Leid der Gattin seines Chefs mitanzusehen, denn er schwärmte für die junge Frau.

Wenn mich nicht alles täuscht, beginnt hier die lange Tradition Münchener Krimis mit Pierre Franckh in der Rolle des gutmütigen, treudoofen und schlappschwänzigen Pechvogels. Wer ihn wie ich bereits in Dutzenden von DERRICK-Episoden in Variationen dieses Typus gesehen hat, für den hält sich die finale „Überraschung“ ziemlich in Grenzen. Wobei „Tod eines Buchhändlers“ generell zu den eher vorhersehbaren Folgen des umfangreichen Reinecker’schen Schaffens gehört. Interessant ist sie vor allem hinsichtlich ihrer Haltung zu ehelicher Gewalt: Zwar wird der Gattinnenverprügler Kapp ziemlich deutlich als Unsympath gezeichnet, sein Handeln zudem noch dadurch verschlimmert, dass seine Fäuste die göttliche Judy WInter treffen, die damals wirklich zum Niederknien schön war, aber es ist dennoch auffällig, dass sich Reinecker eine eindeutige, explizite Bewertung verkneift. Keller äußert sich nie zu Kapps Entgleisungen, auch die Aussagen der Nebenfiguren in Richtung „Was andere Leute tun, geht uns nichts an“ bleiben unwidersprochen und am Ende wird der geschundenen Ehefrau gar der schwarze Peter zugeschoben, weil sie dem jungen Roland solche Flausen in den Kopf gesetzt hat. Problematisch, aber faszinierend.

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Episode 68: Domanns Mörder (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Ernst Faber (Erich Schellow) und sein Sohn Ulrich (Peter Chatel) finden in der Familienvilla den toten Domann (Michael Maien) auf – und fangen sofort an, wilde Pläne zu schmieden und Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, damit die Polizei bloß niemanden verdächtigt. Weder Mutter Gerda (Gisela Uhlen) noch Tochter Hannelore (Gitty Djamal), Hausmädchen Luise (Gustl Halenke) oder die junge Irmi (Irina Wanka) sind da – was auch ein bisschen das Problem der Familie ist, deren Mitglieder alle ihre eigenen Wege gehen, ohne sich groß um die anderen zu kümmern. Die Mitglieder sind sicher, dass einer aus ihrer Mitte der Mörder ist, aber wer, warum und wieso, interessiert sie nicht. Hauptsache, sie gehen straffrei aus.

„Kann denn nicht endlich mal jemand an die Kinder denken!?“, pflegte Ned Flanders‘ Ehefrau bei den SIMPSONS auszurufen. Ihr Flehen könnte auch diese Episode überschreiben, in der Reinecker zeigt, wie die Eitelkeiten der Erwachsenen unsere süßen Kinderlein ins Unglück stürzen. Irina Wanka, die die nahezu stumme Irmi spielt, blieb dem Rollenbild, das sie hier im zarten Alter von 12 zeigte, auch in den folgenden zwei Jahrzehnten bei unzähligen DERRICK-Auftritten treu. Immer spielte sie den Unschuldsengel reinen Herzens, der durch das amoralische Treiben der Sünder um sich herum in tiefste Abgründe gestoßen wurde. Das ist ein fetter Spoiler, ich weiß, aber mehr als die Frage nach dem Täter interessiert in „Domanns Mörder“ die Sezierung großbürgerlicher Arroganz, die Reinecker mit blitzendem Skalpell vornimmt. Vor allem Erich Schellow ist großartig als Patriarch, dem der Gedanke, es mit der Wahrheit zu halten, nicht im Entferntesten in den Sinn kommt.

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Episode 69: Ein Anteil am Leben (Ullrich Haupt, Deutschland 1974)

Die Kellnerin Alma (Heidi Stroh) wird in ihrer Wohnung von ihrer männlichen Begleitung brutal erstochen. Ihre Arbeitskollegin, die Putzfrau Anna Bergmann (Käthe Gold), die bei Alma im Flur schlafen darf, weil sie ihre Wohnung verlor, überrascht den Mörder und lässt sich ihr Schweigen gut bezahlen. Keller ahnt, dass die Frau etwas weiß – und dass der Täter aus dem Kreise gut betuchter Münchener Geschäftsleute und Politiker stammen muss, die Alma jeden Freitag bediente. Keller versammelt die Männer im Brauhaus, doch die wissen, dass er ihnen nichts nachweisen kann.

Das Setting der verschworenen männlichen Saufgemeinschaft, die die mangelnde sexuelle Bereitschaft einer jungen Frau drastisch bestraft, griff Reinecker auch später bei DERRICK noch einige Male auf. Hier verbindet er es mit einer seiner Betrachtungen zur Einsamkeit im Alter. „Ein Anteil am Leben“ ist kein Highlight der Serie, was mehrere Gründe hat: Die ganze Prämisse wirkt überkonstruiert, das Verhalten der alten Dame unglaubwürdig und übertrieben, die Auflösung gegenüber dem Aufbau dann übereilt und zu allem Überfluss spielt auch noch Dieter Schidor mit, der einfach immer fehlbesetzt ist. So wird dann auch die Tragik von Anna Bergmanns Schicksal zunichte gemacht. Es ist schon bitter: Es muss erst jemand umgebracht werden, damit sie ein einziges Mal das Leben aus vollen Zügen genießen kann.

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Episode 70: Die Nacht mit Lansky (Erik Ode, Deutschland 1974)

Kommissar Keller und die „Jungs“ sind zum monatlichen Abendessen bei Heimes‘ Mutter (Ruth Hausmeister) eingeladen, als sie von der Nachbarin Frau Lansky (Heli Finkenzeller) um Hilfe gebeten werden: Ihr Ehemann Heinz (René Deltgen), ein Handelsvertreter, verhalte sich seltsam, sei abwesend und völlig außer sich. Doch der ältere Herr besteht darauf, dass alles in Ordnung sei und schickt die Kriminalbeamten wieder weg: Verdutzt bemerken diese aber Blutflecken an den Händen, den Koffern und am Steuerrad des Wagens des Mannes.

Reinecker sinniert mal wieder über das Alter, darüber wie Menschen irgendwann aufs Abstellgleis geschoben werden und dann dazu gezwungen sind, irgendwie weiterzumachen. In der fest gefügten Ordnung der Siebzigerjahre sind es natürlich vor allem die Männer, die dieses Schicksal trifft. Darauf gedrillt, als Versorger ihrer Familien zu wirken, fühlen sie sich plötzlich nutzlos und impotent. (Das Schicksal der Frauen ist es hingegen, ab einem gewissen Alter von ihren Männern sitzen oder links liegen gelassen zu werden: Auch das haben wir beim KOMMISSAR schon häufiger gesehen.) Im Falle des armen Lansky geht die Verzweiflung so weit, dass er der Familie ein ganzes Jahr lang eine Berufstätigkeit vorgaukelt, montags das Haus verlässt, in sein Auto steigt und dann am Freitag zurückkehrt. Die Tage füllt er mit Einbrüchen bei seinen ehemaligen Kunden, die das nötige Geld bringen und sicherstellen, dass er seine Fassade als Versorger zu Hause aufrechterhalten kann. Bis sein Nachfolger Kessler (Eckart Dux) ihm auf die Schliche kommt. Die Episode ist zermürbend, auch weil sie ziemlich lang auf der Stelle tritt. Keller und Kollegen wissen, dass Lansky etwas verbrochen hat, aber sie haben auch keinen echten Grund, gegen ihn vorzugehen – schließlich scheint es noch gar kein Opfer zu geben. Und alle Versuche, den Mann zum Rede zu bringen, scheitern – bis er dann schließlich doch irgendwann einbricht und seine Geschichte erzählt, die dem Zuschauer dann in Rückblenden serviert wird. Ich bin etwas unentschlossen: Deltgen ist toll, die Episode unendlich traurig, aber ihr Ende ist eben auch recht vorhersehbar.

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Episode 71: Spur von kleinen Füßen (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen (Sabine Sinjen) wird erschossen und dann von einer Brücke geworfen. Sie war vor einem Jahr vom Land nach München gekommen und die lange Galerie ihrer Verehrer führte sie schließlich ins Drogenmilieu.

Die Episode, in der mehrfach die auffallend „kleinen Füße“ des Opfers angesprochen werden, ohne dass das eine echte Bedeutung hätte (Sabine Sinjens Füße sind darüber hinaus keineswegs besonders klein: Fehlbesetzung!), ist mal wieder eines der gruseligen Beispiele für Frauenmystifizierung und Altherrenerotik. Wie schon Uschi Glas in der Episode „Ein Mädchen nachts auf der Straße“ ist auch Sinjen hier das Objekt der haltlosen Idealisierung diverser Männer, die schon ans Pathologische grenzt. Reinecker lässt seine diversen Männertypen von der „reinen Lebenslust“ und einer „verdinglichten Erfahrung“, die das Zauberwesen verkörpere, fabulieren, dabei mit verträumtem Blick ins Leere starren, als könnten sie dort Einhörner beim Kopulieren sehen. Sinjen weiß mit diesem Quatsch offensichtlich gar nichts anzufangen und interpretiert die zarte Elfe als ständig enthusiasmiert grinsende, herumrennende oder wild hüpfende Kindfrau, die jedem Menschen bereits nach kürzester Zeit fürchterlich auf die Nerven fallen würde. Wie eine Biene fliegt sie von einem Mann zum anderen, weil die pure Lebenslust und Neugier sie antreibt. Zurück bleiben Peter Ehrlich als ihr mit seiner verdörrten Schwester zusammenlebender Chef, Martin Lüttge als junger Fotograf, Udo Vioff als eleganter, der Mama (Alice Treff) höriger Drogenhändler und Christian Reiner als Junkie. Keiner ist in der Lage, dieser Nymphe dauerhaft zu geben, was sie braucht. Und es ist klar, dass das nur mit dem Tode enden kann. Die Besetzung der Folge ist natürlich unfuckwithable, zumal auch noch der stets mürrische Günther Neutze als mies gelaunter Kneipenwirt mitmischt. In einer sehr rätselhaften Szene rufen einige junge Partygäste bei einem Telefonseelsorge an, um sich über den Selbstmordversuch eines anwesenden Freundes lustig zu machen. Jesus, what is it with these people?!

Wichtig ist die Folge aber noch aus einem anderen Grund: Es ist die letzte Episode mit Fritz Wepper als Harry Klein: Er wird zu Beginn in einer tatsächlich sehr rührenden Szene in die Obhut von Oberinspektor Derrick verabschiedet und präsentiert dann seinen Bruder Erwin (Elmar Wepper) als Nachfolger. Der erntet zwar sofort die Sympathien von Chef Keller (weil er erkennt, dass das Mordopfer auffallend kleine Füße hatte), steht aber im weiteren Verlauf mehrfach wie Falschgeld herum. Mal sehen, wie er sich entwickelt. Das gilt auch für die Serie insgesamt, die Reinecker doch mittlerweile merklich auf Autopilot betreibt.

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Bildschirmfoto 2014-01-11 um 13.01.16 Episode 019: Tote Vögel singen nicht (Alfred Vohrer, 1976)

Ein totes Mädchen wird auf einer Müllkippe in einem Koffer gefunden. Sie arbeitete offenbar im Nachtclub der Unterweltgröße Malenke (Hans Korte), doch dort will niemand etwas über ihren Tod wissen. Als bei der Untersuchung ihrer Mietswohnung jemand auf Klein schießt, der wenig später ebenfalls ermordet wird, kommt der Fall ins Rollen …

Vohrers zweite DERRICK-Episode gehört zu den nominell bekanntesten, gewinnt außerdem gewissermaßen „historische“ Bedeutung, da sie mit ihren fünf Morden bei ihrer Ausstrahlung für einige Aufregung sorgte: Ab diesem Zeitpunkt wurde ein Body Count von drei nicht mehr überschritten. Es ist aber auch diese ungewohnte Ruppigkeit, die „Tote Vögel singen nicht“ zu einem herausragenden Beitrag der Serie, zumindest zu diesem Zeitpunkt, macht. Das Konzept – erst ein Mord, dann die Ermittlung der beiden Kriminalbeamten, die den Täter enttarnen –, das in der Folge „Alarm auf Revier 12“ zum ersten Mal ausgedehnt wurde, wird hier Richtung Crime- und Unterweltthriller entwickelt. Hans Korte brilliert als hassenswerter, gewissenloser „Geschäftsmann“, der über Leichen geht: Ein Mord in einem Moorbad würde jedem amerikanischen Mafiafilm gut zu Gesicht stehen und wird von Vohrer überaus wirkungsvoll in Szene gesetzt. Das hässliche, schmucklose Bad mit der dampfenden, zähen schwarzen Suppe wird zu einem besonders trostlosen Tatort, der die ganze Schmutzigkeit und Unmenschlichkeit des Milieus widerspiegelt, in dem Derrick und Klein ermitteln müssen. Für den melodramatischen Schmelz wiederum sorgt Doris Kunstmann, nach „Pfandhaus“ zum zweiten Mal in einer DERRICK-Folge zu sehen: Sie gibt die vor Kummer stets betrunkene Nachtclub-Tänzerin Gerti, die bald ebenfalls auf der Abschussliste Malenkes steht. Den Part der notorischen Feiglinge übernehmen Hans Caninenberg als fahriger Anwalt Dr. Schöne, der von Malenke auf die schiefe Bahn gezogen wird und zur Belohung einen besonders blutigen Tod erhält, sowie Harald Leipnitz als Clubpächter Schermann, dem Derrick mit viel hämischer Freude auf die Finger klopft. „Tote Vögel singen nicht“ ist Vohrers Ausflug in die Welt des italienischen Polizei- und Gangsterfilms, temporeich, zupackend und voller verkommene Subjekte.

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Episode 020: Schock (Alfred Vohrer, 1976)

Ein Mann wird erschossen, als er einen Autoknacker auf frischer Tat ertappt. Der Täter, der für den Autoschieber Lusseck (Dirk Galuba) arbeitende Alfred Recke (Vadim Glowna), kann entkommen, muss jedoch die Aussage von Ralf, dem zehnjährigen Sohn des Opfers, fürchten, der alles mitangesehen hat. Doch dem hat es durch den Schock, die Ermordung seines Vaters mitansehen zu müssen, die Sprache verschlagen. Da Lusseck das nicht weiß, setzt er einen Killer auf den Jungen an. Gleichzeitig schickt Recke auf Drängen seiner Gattin (Karin Baal) den eigenen Sohn vor, um unerkannt die Lage bei Ralf auszukundschaften …

Bildschirmfoto 2014-01-12 um 14.02.49Nachdem Vohrer mit seiner leichenreichen Episode „Tote Vögel singen nicht“ für einen kleinen Skandal gesorgt hatte, konfrontierte er das auf Unterhaltung bedachte bundesdeutsche Fernsehpublikum nur eine Woche später mit dem Tabu eines Kindsmordes. Stilistisch und dramaturgisch wandelte er dabei erneut auf den Spuren des italienischen Genrekinos jener Zeit, wozu auch Herbert Reineckers ultra-zugespitztes Drehbuch seinen Teil beitrug. Die makabre, superbittere Pointe von „Schock“ fungiert als extreme Interpretation einer Crime-does-not-pay-Botschaft, die eine bloß gesellschaftliche Funktion übersteigt und zur allgemein humanistischen Warnung vor den gefährlichen Irrwegen ist, auf die es den Menschen verschlagen kann. Die deutsche Tristesse der Siebzigerjahre, die DERRICK so gnadenlos abbildet, scheint hier besonders bleich, düster und ausgweglos, statt einem in Schieflage geratenen Bürgertum, das mit sich und dem Dasein ringt, widmet sich Autor Reinecker hier einer weiter unten angesiedelten Schicht, deren Aussichten noch deutlich mieser sind. Die Sympathie gehört dabei Recker, einem eigentlich gutmütigen Menschen, der durch ungünstige, schicksalhafte Umstände zum Mörder wird und der danach eben nicht einfach weitermachen so kann wie seine wohlhabenderen Zeitgenossen in den bisherigen Episoden. Auch hier zeigt sich eine Gemeinsamkeit mit dem italienischen Polizeifilm, der sich meist ebenfalls auf die Seite der kleinen Gauner schlägt, deren Notlage von den eigentlichen, meist betuchten Schurken weidlich ausgebeutet wird. Wie seine italienischen Kollegen lässt auch Derrick nichts anbrennen, schlägt, schießt, rennt und hat nebenbei, nach durchgearbeiteter Nacht, noch Zeit, um mit seiner Liebschaft, der Psychologin Renate (Johanna von Koczian), ein Glas Champagner zu trinken. Denn: „Abends kann ja jeder.“

Eine weitere großartige Episode also, die zudem einen der seltsamsten Dialoge der deutschen Fernsehgeschichte bereithält. Als Derrick seinem Assistenten Klein eine Ermittlungsidee mitteilt, bestätigt der ihn mit den Worten: „Ich spüre dich doch!“ Worauf Derrick antwortet: „Mach‘ weiter, wenn du mich spürst!“

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Episode 021: Kalkutta (Alfred Weidenmann, 1976)

Eine Frau wird überfahren und getötet. Die Suche nach dem Täter führt Derrick und Klein erst in die mondäne Flamingo-Bar, in deren Keller ein illegaler Spielsalon versteckt ist, und dann in ein exklusives Altenheim. Dessen wohlhabende Bewohner spenden auf Initiative des Betreibers Millionen für die Hungerhilfe in Indien, die jedoch allesamt auf seinem Konto landen …

Das Tempo ist nach Vohrers actiongeladenen Epsioden deutlich gedrosselt, die Geschichte wird nach dem traditionellen DERRICK-Schema erzählt, doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass auch hier wieder alles sehr dunkel, kalt und trostlos ist. Das Treiben im Casino erinnert an eine Trauerfeier, das Altersheim, das in einem Schloss auf dem Land untergebracht ist, könnte auch in einem melancholischen Rollin-Film Verwendung finden. Und der Coup, dem die Verbrecher nachgehen, ist gar von besonderer Niedertracht und moralischer Verkommenheit: die Hilfsbereitschaft wohlhabender Menschen so schamlos auszunutzen, pfui Deibel. Ansonsten eine Episode, die zwar ohne die ganz großen Aha-Erlebnisse auskommen muss, dafür aber ein paar kleinere vorweisen kann, etwa den Auftritt von Schlagerbarde Ricky Shayne oder Derricks James-Bond-Interpretation im Casino. Sehr schön fand ich auch, wie Derrick Anstoß an der Tatsache nimmt, dass über Lautsprecher Musik in den Waschraum der Flamingo-Bar übertragen wird: Das kann ja nur dazu da sein, etwas zu übertönen. In unserer heutigen Welt würde er sich sicherlich nicht mehr so gut zurechtfinden.

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Episode 022: Kein schöner Sonntag (Leopold Lindtberg, 1976)

Herr Schirmer (Ullrich Haupt), erfolgreicher Prokurist einer Firma, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern, gesteht seinem Sohn Jürgen (Andreas Seyferth) ein Geheimnis: Er hat über die Jahre ca. 100.000 DM veruntreut und nun Angst, dass er auffliegen könne. Ein fingierter Einbruchsdiebstahl könnte seine Probleme lösen, doch woher einen Freiwilligen nehmen? Jürgen erklärt sich sofort bereit, der Vater willigt nach halbherzigem Widerspruch schließlich ein. Während des Bruchs wird Jürgen aber auf frischer Tat vom Wachmann ertappt. Im anschließenden Handgemenge stürzt der alte Mann und erleidet schwere Verletzungen. Jürgen macht sich schwere Vorwürfe, doch sein Vater ist nur noch darauf bedacht, heil aus der Sache herauszukommen. Dabei hat er die Rechnung ohne Derrick gemacht.

Als Krimi ist „Kein schöner Sonntag“ beeindruckend unspektakulär (und dramaturgisch mit seinem gut zwanzigminütigen Prolog eher mit den frühen Episoden verwandt): Sofort erkennen Derrick und Klein Herrn Schirmer als Hauptverdächtigen, das merkwürdige Verhalten seines Sohnes bestärkt sie noch in ihrem Verdacht. Es ist nicht viel Ermittlungsgeschick ihrerseits nötig, lediglich etwas Hartnäckigkeit und ihre Anwesenheit im richtigen Moment: Als Jürgen Schirmer erfährt, dass der Wachmann seinen Verletzungen erlegen ist, ist sein Widerstand gebrochen und er steigt völlig freiwillig ins Polizeiauto. Auch wenn „Kein schöner Sonntag“ nicht unbedingt viel Suspense bietet, bringt Lindtberg wunderbar auf den Punkt, was bis hierhin schon mehrere Folgen andeuteten: die moralische Verkommenheit, der grenzenlose Egoismus und die explosive Verbindung von Dummheit und Selbstüberschätzung des Bürgertums, vor allem der Männer. Vater und Sohn bilden ein beeindruckendes Duo, dessen Einfalt nur noch von ihrer Entschlossenheit getoppt wird. Und sie glauben, alles unter sich ausmachen zu können. Ehefrau und Tochter respektive Mutter und Schwester werden ständig weggeschickt, vertröstet, abgewiesen. Dass die Katastrophe mit einem Quäntchen weiblicher Perspektive wahrscheinlich vermieden worden wäre, liegt auf der Hand. Doch die Alternative zu dem von vornherein zum Scheitern verurteilten Einbruch wäre ein Schuldeingeständnis gewesen, das für Gewinnertypen vom Schlage Schirmers, die alles wollen, aber nicht bereit sind, den Preis dafür zu bezahlen, natürlich nicht in Frage kommt. Lieber zieht man die eigene Brut mit in den Abgrund: Die Frage, ob das Familienoberhaupt von Anfang an den Plan verfolgte, seinen Sohn einen Bruch ausführen zu lassen, wird von Reinecker und Lindtberg nicht beantwortet, wundern täte es indes nicht. So abgezockt, wie der Herr Papa nach dem Tod des Wachmanns zur Tagesordnung übergeht, nur das eigene Davonkommen im Sinn hat, noch nicht einmal zu einer Mitleidsregung fähig ist, ist ihm tatsächlich alles zuzutrauen.

Aus heutiger Perspektive scheint es mir sehr offensichtlich, dass in dieser in DERRICK immer wieder geübten Kritik am Bürgertum auch ein Stück deutscher Vergangenheitsbewältigung steckt. Es waren Leute wie Schirmer, die Hitler an die Macht halfen und ihn dann dort hielten, zu jeder Schandtat bereit, das eigene Gewissen mit ihrer opportunistischen Weggucker-Mentalität beruhigend: Ob Drehbuchautor Reinecker, während des Dritten Reichs alles andere als ein Regimegegner, zu später Einsicht gelangt war, kann ich hier nicht beantworten. Aber es scheint fast so.

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Bildschirmfoto 2014-01-14 um 18.40.35Episode 023: Auf eigene Faust (Zbynek Brynych, 1976)

Winterstein (Siegfried Rauch), ein Kollege Derricks aus der Abteilung „Glücksspiel und Falschgeld“, wird auf offener Straße direkt vor dem Polizeipräsidium erschossen. Offensichtlich war er einer großen Sache auf der Spur und hatte sich dabei etwas zu sehr von dem pensionierten Euler (Karl John) inspirieren lassen, der zu seiner Zeit die Kunst des gefährlichen Alleingangs pflegte. Um aus seiner Ermittlungssackgasse herauszukommen, holt Derrick den Falschmünzer Schenke (Horst Frank) vorzeitig aus dem Knast: Er soll sich für ihn in der Unterwelt umhören und herausfinden, was Winterstein herausgefunden hatte …

Ein Polizist, der Cowboy spielt, ein Pensionär, der das Nichtstun nicht verträgt, ein Verbrecher, der unerwartet die Luft der Freiheit einsaugt, und ein alternder Drahtzieher im Hintergrund, der über einen Mord nicht hinwegkommt: Zbynek Brynych wandelt auch dank seines von Akustikgitarren und Bläsern getragenen Scores auf den Spuren des melancholischen Italowesterns. Seine Geschichte ist voller vom Leben Enttäuschter, tragischer Verlierer sowie verhinderter Helden und spielt in einer Welt, die zutiefst rätselhaft geworden ist. Als Derrick, nach der Begegnung mit Euler über das eigene Älterwerden sinnierend, auf die Straße tritt, wirkt sie mit ihren wie Ameisen ihres Weges gehenden Passanten wie ein überlebensgroßes Modell. Sein Assistent Harry verirrt sich bei seinen Ermittlungen in einer Ansammlung finsterer Gassen und Torbögen, die in keinerlei geografischem Bezug zum Rest der Stadt zu stehen scheinen, und wird aus einem offenen Fenster von einer gesichtslosen Silhouette mit Mickey-Maus-Ohren gegrüßt. Schenke findet auf einem von ihm gegebenen Fest mit der schönen Barbara die perfekte Trophäe, um die neu erlangte Freiheit zu feiern, doch muss er am nächsten Morgen ernüchtert feststellen, das alles ein abgekartetes Spiel war: Die Frau wird ihn das Leben kosten. Euler hat es satt, nur noch Zuschauer zu sein, nachdem er jahrelang Akteur war, kann sich an seinen Platz am Fenster einfach nicht gewöhnen. Auch, weil damit die Einsicht einhergeht, den einstigen Aufgaben nicht mehr gewachsen zu sein. Er ist aussortiert und das einzige, worauf er noch warten kann, ist der Tod. Ähnlich geht es auch Duktus (Helmut Käutner) dem greisenhafter Anführer des Falschmünzerringes: Sein Vater war Erfinder, hat aber Zeit seines Lebens nie etwas erfunden, was Geld eingebracht hätte. Duktus‘ Idee ist Millionen wert: Aber nicht die Leben, die sie gekostet hat.

Brynych hat eine sehr ungewöhnliche Episode inszeniert, die den einstündigen Rahmen sprengt, ohne dabei überfüllt zu sein. Dafür, dass der Fall, den Derrick zu lösen hat, recht komplex ist, die Wege zum Ziel verschlungen, erzählt Brynych mit äußerster Klarheit. Er lässt die Figuren und die Räume, in denen sie sich bewegen, atmen, Situationen sich entwickeln und schreitet so mit großer Leichtigkeit voran. „Auf eigene Faust“ erzählt fast alles über Stimmungen, Bilder und Gesichter. Dialoge sind nur noch der explizite Ausdruck dessen, was eh schon klar ist. Groß.

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Bildschirmfoto 2014-01-14 um 20.27.12Episode 024: Ein unbegreiflicher Typ (Theodor Grädler, 1976)

Josef Koller (Carl-Heinz Schroth), ein älterer Herr, lädt einen Mann in sein Hotelzimmer, bietet ihm etwas zu trinken an, lässt ihn dann allein zurück mit der Aufforderung, sich wie zu Hause zu fühlen. Dann trifft er sich in einem Café mit Schündler (Jürgen Goslar), dem er einen Umschlag gegen die Überreichung eines vollgepackten Geldkoffers zusteckt. Auf das drohend ausgesprochene Angebot, es sich jetzt noch anders überlegen zu können, geht er nicht ein, verlässt stattdessen das Café und fährt zum Hotel zurück, verfolgt von einem Handlanger Schündlers. Als Inspektor Derrick kurz darauf in das Hotel gerufen wird, liegt dort ein unbekannter Toter im Zimmer Kollers, während der selbst spurlos verschwunden ist. Wenig später erhält Derrick einen Anruf von Schündler, der sich gegenüber dem Beamten als besorgter Geschäftspartner des Verschwundenen ausgibt und seine Hilfe anbietet …

Wie es der Titel schon verspricht, lebt Grädlers Episode vom Mysterium, das die Figur des Koller umgibt – und das nie aufgelöst wird. Dieser alte Mann mit dem sonnengegerbten, von Falten zerfurchten Gesicht hat angeblich für den Nachrichtendienst gearbeitet, aus seiner Zeit dort einige Tricks und Methoden mitgenommen und will sich nun mit einem großen Coup, dessen Details nicht näher beleuchtet werden, möglicherweise den Lebensabend versüßen. Bei seinem ersten Auftritt wirkt er überaus konzentriert und entschlossen, später beschreibt seine Exfrau, die ihn kürzlich zum ersten Mal seit 20 Jahren gesehen hat, als durcheinander, fahrig, nachdenklich, zerstreut. Als er am Schluss zum Verhör bei Derrick Platz nimmt, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Mann zu einem Verbrechen fähig sein soll. Grädlers Episode erscheint rückblickend, fast 25 Jahre nach dem Tod Schroths, noch mehr wie ein Denkmal für diesen Schauspieler, als das damals schon der Fall gewesen sein muss. Auch wenn er gemessen an der Spielzeit nur kurz zu sehen ist, so prägt er diese Folge doch wesentlich mit seinem facettenreichen Spiel, das viel über den Menschen Koller aussagt, ohne sein Geheimnis zu enttarnen. Ihm gegenüber ist Goslars Schündler zwar eindeutig als charismatischer Schurke angelegt, aber auch er sorgt dafür, dass „Ein unbegreiflicher Typ“ dem Zuschauer beim Versuch, die Folge zu fassen zu kriegen, immer wieder durch die Finger gleitet.

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Bildschirmfoto 2014-01-15 um 19.58.27Episode 025: Das Bordfest (Alfred Weidenmann, 1976)

Nach dem Betriebsfest eines Textilunternehmens auf einem Vergnügungsdampfer ist einer der beiden Inhaber, Ernst Kettwig (Wolfgang Reichmann), plötzlich verschwunden. Als er wenig später tot am Ufer des Starnberger Sees aufgefunden wird, gestorben an einer Stichwunde im Rücken, fällt der Verdacht zunächst auf Walter Solms (Mathieu Carrière), den Sohn seines Geschäftspartners Werner Solms (Ernst Schröder), denn Walter hatte ein Verhältnis mit Kettwigs jüngerer Ehefrau Hetty (Herlinde Latzko). Im Zuge der Ermittlungen Derricks gerät jedoch zunehmend Walters Vater in den Blickpunkt des Interesses: Kettwig wollte den Partner aus unbekannten Gründen loswerden. Als jedoch ein Mordanschlag auf Werner Solms verübt wird, platzt auch diese Theorie …

Das zentrale Motiv von Weidenmanns Episode ist der Tanz: Immer wieder kehrt er zu dem Betriebsfest zurück, zeigt die Angestellten beim ausgelassenen Tanz und die Hauptfiguren, wie sie sich währenddessen zu belauern scheinen. Was für die meisten Feiernden das reine Vergnügen ist, wird für die Protagonisten zur Qual: Im Wirbel und im ständigen Wechsel des Tanzes spiegelt sich die Unbeständigkeit ihres Gefühlslebens, die Getriebenheit, auch die Ungewissheit über die Gefühle des Anderen. Kettwig ist im Begriff, seine Frau an einen Jüngeren zu verlieren, ohne etwas dagegen tun zu können. Walter muss sich damit abfinden, dass der Mann seiner Geliebten sie nicht kampflos überlassen will. Hetty sieht sich in der Rolle des Objekts, das sich im Besitz ihres Gatten befindet. Werner ist selbst ein Filou, von den Frauen magisch angezogen und chronisch untreu seiner Gattin (Judy Winter) gegenüber, die genau weiß, wie sie seine Ausgelassenheit zu verstehen hat. Und dann ist da noch jemand …

Weidenmann inszeniert mit „Das Bordfest“ zum ersten Mal einen reinen Whodunit im Rahmen der Serie. Der Mörder ist nicht bekannt – noch nicht einmal der Tathergang wird gezeigt – und der Zuschauer befindet sich auf dem gleichen Wissensstand wie Derrick, der sich durch die Zeugenbefragungen ein Bild machen muss. Doch mehr als die Frage nach dem Täter beschäftigen einen bald schon das derangierte Gefühlsleben der Figuren sowie das Geschick, das sie dabei an den Tag legen, sich gegenseitig unglücklich zu machen.

Wertung: ***/*****