Mit ‘Lewis Teague’ getaggte Beiträge

Eine meiner Lieblingsthesen, wenn es um das Actionkino geht, besagt, dass es auf den Ursprung des Kinos als pure Freude am bewegten Bild zurückgeht. Action, und alles was dazugehört, also etwa Verfolgungsjagden, Shootouts, Faustkämpfe, sind gewissermaßen der Urstoff des Kinos; Bewegung, das, was das Medium in den Augen der Zuschauer auf den ersten Blick von Fotografie oder Malerei abhob, ihr Interesse weckte. Aber natürlich gibt es auch andere, komplexer Bildideen, die in der Kinosituation eine besondere Kraft entfalten. Eine davon ist gewissermaßen das Gegenteil der Abbildung von Bewegung: Ich meine kammerspielartige Ein-Raum-Situationen (wie sie lustigerweise als Belagerungsszenarien wichtiger Bestandteil ausgerechnet des Actionfilms geworden sind). Die Reduktion von Raum und Personal, die äußerste Verdichtung in einem Zustand der Bewegungslosigkeit und der Verlust der Handlungsmacht spiegeln die Situation des Zuschauers im Kino, der für zwei Stunden an seinen Sitz gefesselt ist und sich passiv einem Film ergibt, der vor ihm in Überlebensgröße abläuft. Auch Lewis Teagues CUJO bezieht seinen Reiz aus dieser Dynamik und legt dem Zuschauer in seiner zweiten Hälfte Daumenschrauben an, die er unaufhörlich fester dreht, bis sich der Druck irgendwann entladen muss und kann.

„Cujo“, der Roman, zählt zu den Werken, mit denen Stephen King seinen kometengleichen Aufstieg und den Stammplatz an den Spitzen der Bestsellercharts ergattern konnte (es war, die unter dem Pseudonym „Richard Bachman“ verfassten Romane nicht mitgezählt, sein siebtes Buch). Die deutsche Bastei-Ausgabe lag damals, Mitte bis Ende der Achtzigerjahre, mit großer Verlässlichkeit auf dem zu jener Zeit noch obligatorischen Stephen-King-Tisch jeder Buchhandlung oder -abteilung und wurde auch von mir regelmäßig umgarnt. So richtig interessiert hat mich die anhand der Backcover-Inhaltsangabe als sehr rudimentär offenbarende Geschichte um einen tollwütigen Wauwau aber nicht, und auch der Film, in einschlägigen Lexika weitestgehend der Rubrik „Kann man, muss man aber nicht“ zugeordnet oder als eine der vielen höchst mittelmäßigen King-Verfilmungen abgeurteilt, schien mir verzichtbar. Beim Surfen auf Joe Dantes schöner, nein, unverzichtbarer Seite Trailers from Hell stieß ich vor einigen Tagen dann aber auf den Trailer des Films, der von Regisseur Mick Garris wider Erwarten in den höchsten Tönen gelobt und als eine der sehr guten Adaptionen des Meisters gewürdigt wurde. Die bewegten Bilder des blutdurstigen Hundes machten mir dann auch spontan Lust, die „Bildungslücke“ zu schließen. Und selbst wenn ich CUJO nun nicht unbedingt als Meisterleistung feiern würde, so ist er zumindest in seiner zweiten Hälfte doch ein sehr effektiv inszeniertes Stück Spannungs- und Terrorkino, das durchaus unter Wert gehandelt wird.

Von Lewis Teague inszeniert, der mit seinem ALLIGATOR ein Händchen für Tierhorror bewiesen hatte, und von Jan de Bont in eindringlichen, aber auch schönen Bildern eingefangen, krankt er allerdings ein wenig an dem, was mich damals schon am Buch „abgeschreckt“ hatte: Die Story um den tollwütigen Bernhardiner, der die in einem fahruntüchtigen Auto gefangene Donna (Dee Wallace) und ihr Söhnchen Tad (Danny Pintauro) belagert, liefert nicht wirklich ausreichend Stoff für einen Neunzigminüter. Die erste Hälfte des Films, die das Belagerungsszenario vorbereitet, ist dann auch ein wenig zäh geraten und dürfte vor allem bei der Zweitsichtung den Griff zur Skiptaste anregen: Nachdem Cujo im hübschen Prolog einen Fledermausbiss abbekommen hat, wendet sich das Drehbuch dem trügerischen Failienidyll der Trentons zu. Trügerisch, weil Donna eine Affäre mit Steve (Christopher Stone) hat, dem Tenniskumpel ihres Gatten Vic (Daniel Hugh Kelly), die dann schließlich zur vorübergehenden Trennung führt, welche die prekäre Belagerungssituation überhaupt erst verursacht. Bis es dazu kommt, müssen aber zunächst einige eher uninteressante Alltagssituationen durchstanden werden, die uns die Trenton auf sehr generische Art und Weise näherbringen sollen. Zwischendurch macht Teague immer wieder kleinere Abstecher zum abgelegenen Haus des Mechanikers Camber (Ed Lauter), dem der infizierte, immer aggressiver werdende Hund Cujo gehört, dessen graduelle Verwandlung aber zunächst von niemandem bemerkt wird. Diese ruhige Einleitung ist sicherlich notwendig, nimmt aber rund die Hälfte der Gesamtlaufzeit ein, ohne, dass etwas Wesentliches passieren würde. Tads Angst vor den Monstern in seinem Wandschrank wird aufgebaut, um einen Kontrast zu dem sehr realen Monster zu schaffen, das ihn später bedrohen wird, aber dieses Konstrukt führt zu nichts, weil Tad am Ende eh der Ohnmacht anheimfällt – und wer würde es ihm verdenken –, anstatt seine Angst überwinden zu können. Wenn das Belagerungsszenario aber greift, vollzieht CUJO einen qualitativen Quantensprung: Der Hund sieht mit seinem vor Schleim triefenden Gesicht, den blutunterlaufenen Augen und dem verkrusteten Fell wahrhaft furchteinflößend aus, sein Belauern des Wagens mit den hilflosen Insassen darin wird von Jan de Bont mit einer hyperbeweglichen Kamera kongenial eingefangen. Die Angriffe werden immer heftiger, die Gewissheit, nicht ewig im Auto ausharren zu können, die Konfrontation suchen zu müssen, immer größer. Dee Wallace ist als Abbild mütterlichen Leids und wachsenden, archaischen Zorns einfach wunderbar, der Spannungsaufbau nahezu makellos. Als Tad plötzlich Krampfanfälle bekommt, meint man auch vor dem heimischen Bildschirm keine Luft mehr zu bekommen. Und dann kulminiert die Situation erst in einem furiosen, mehrfachen 360°-Schwenk im Inneren des Autos und dann natürlich im blutigen Kampf der Mutter gegen die Bestie. Wenn der versöhnte Ehemann Vic am Ende am Ort des Geschehens eintrifft, die triumphierende, zerschundene Mutter mit dem geschwächten Kind im Arm im Licht der untergehenden Sonne sieht, weiß man, dass er hier keine Hilfe gewesen wäre.

Das Leben der Predigertochter Polly Franklin (Pamela Sue Martin) ändert sich schlagartig, als sie einem Banküberfall von John Dillinger beiwohnt. Danach wird sie erst von einem Reporter entjungfert, der sie mit einer Zeitungsgeschichte ködert, und dann von ihrem Vater rausgeschmissen. Sie macht sich auf den Weg nach Chicago, um dort auf eigenen Füßen zu stehen. Aber die Depression hält nicht viele Chancen bereit uns so landet sie nach einigen Umwegen erst im Knast und dann schließlich im Edelbordell der rumänischen Exilantin Anna Sage (Louise Fletcher), wo der Mob ein und aus geht. Als Anna die Ausweisung droht, ergreift sie ihre letzte Chance, im Land bleiben zu können: Denn sie hat Pollys große Liebe – einen vermeintlichen Geschäftsmann – als Staatsfeind Nr. 1 John Dillinger (Robert Conrad) erkannt …

Zum zweiten Mal nach DILLINGER widmet sich Roger Corman dem berühmten Bankräuber der Dreißigerjahre, nutzt dessen Geschichte aber lediglich als Hintergrund, vor dem sich die Lebens- und Leidensgeschichte der jungen Polly abspielt. Die verhinderte Rags-to-Riches-Geschichte entwickelt einigen Zug, weil die einzelnen Episoden knackig kurz sind, mit den für Corman typischen spitzenmäßig besetzten Nebenrollen geadelt werden – Dick Miller als sexistischer Arbeitgeber, Christopher Lloyd als gruseliger Mafiosi mit The-Crow-Muttermal und dem Spitznamen „Frognose“ – und weil Pamela Sue Martin eine liebenswerte (und attraktive) Protagonistin abgibt. Lewis Teague, ganz der Handwerker, als den man ihn in den Achtzigern zu schätzen gelernt hat, kann sich ganz auf das Drehbuch von John Sayles verlassen und steuert den Film mit sicherer Hand auf seinen Höhepunkt zu, die Erschießung Dillingers vor einem Kino in Chicago, der natürlich nochmal so interessant ist, wenn man ihn mit der gleichen Szene aus DILLINGER vergleicht. Nach kurzem Überfliegen des Wikipedia-Eintrags über den Staatsfeind Nr. 1 zeigt sich, dass Teagues Version sogar näher dran ist an der Wahrheit, denn anders als Milius dichtet er dem Gangster hier keine feste Geliebte an, die bei seiner Erschießung anwesend gewesen wäre. Andere Details – Passanten tupfen mit Taschentüchern das Blut des gefallenen Gangsters auf – finden sich interessanterweise in beiden Filmen. Leider wird dieser Szene hier jedoch einige Wucht dadurch genommen, dass der Film danach noch gute 30 Minuten weiterläuft. Und diese 30 Minuten, in denen Polly nun ihrerseits eine „Gang“ zusammenstellt und eine Bank überfällt, wirken wie nachträglich angeklebt, lassen den bis hierhin sehr glaubwürdigen Film als rein fiktives Werk, ja als Kintopp, erscheinen. Mag sein, dass es die Macher für nötig hielten, ihren Film auf einer hoffnungsvolleren Note enden zu lassen, was ja durchaus sympathisch ist: Dramaturgisch will sich das Finale einfach nicht in den Film einfügen, der mit der Erschießung Dillingers ja eigentlich schon ein passendes Ende gefunden hatte. Letztlich ist das aber auch nur ein kleinerer, zu verschmerzender Schönheitsfehler, denn die positiven Aspekte überweigen bei Weitem. Schöner Film!

alligator (lewis teague, usa 1980)

Veröffentlicht: Juli 29, 2009 in Film
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Als in der Kläranlage von Los Angeles abgetrennte menschliche Gliedmaßen aus dem Wasser gezogen werden, wird der Polizist David (Robert Forster) auf den Fall angesetzt. Untersuchungen ergeben schon bald, dass ein Alligator die Ursache der Verstümmelungen ist, noch dazu einer, der durch die Zufuhr von Chemikalien offenbar auf unnatürliche Größe angewachsen ist. Zusammen mit dem Neuling Kelly (Perry Lang) begibt sich David in die Kanalisation, um das Monstrum unschädlich zu machen …

poster[1]Mit ALLIGATOR gelang Lewis Teague einer der besten Tierhorrorfilme, die im Zuge des JAWS-Erfolgs entstanden – wohl auch, weil er sich darüber im Klaren war, dem großen Vorbild inszenatorisch nicht das Wasser reichen zu können. Teague legt ALLIGATOR deshalb als Hommage und Persiflage auf Spielbergs Film an, übernimmt einige Szenen beinahe deckungsgleich, erdet ihn aber im bereits voll ausformulierten Cop-Film, anstatt sich wie Spielberg mit den Ängsten des Durchschnittsmannes auseinanderzusetzen. Teagues Held klagt zwar über das sich lichtende Haupthaar und muss sich mit dem Spott der Kollegen arrangieren, ist aber sonst von echtem Schrot und Korn, ganz anders als der wasserscheue, mit seinen eigenen Ängsten und seiner Durchschnittlichkeit hadernde Sheriff Brody. Davids Abstieg in die Kanalisation von L. A. ist mitnichten der Abstieg in das eigene Unbewusste und jeglichen potenziellen Subtext scheint der mutierte Riesenalligator gleich mit den Tierkadavern verschlungen zu haben, die – mit Hormonen aus dem Tierversuchslabor vollgepumpt – in den Eingeweiden der Metropole landen. Der schönste Kniff dieses wunderbaren Films, zu dem mir jetzt gar nicht mehr viel einfällt, stammt von Drehbuchautor John Sayles: Wenn er im Prolog erzählt, wie der Horroralligator einst als Babyalligator in der Kanalisation landete, dann ermöglicht er damit dem Zuschauer, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Sein Film über einen Cop, der Jagd auf das Monster macht, verwandelt sich dann in einen Film über einen Alligator, der sich unter ausgesprochen widrigen Umständen im wahrsten Sinne des Wortes durchgebissen hat. „Harry Lime lives!“, wie uns ein Grafitti an der Kanalmauer sagt. „Wohl kaum“, sagt der Alligator.

navy seals (lewis teague, usa 1990)

Veröffentlicht: Dezember 4, 2008 in Film
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Bei einem Einsatz im Libanon, bei dem die Navy Seals um Lieutenant Curran (Michael Biehn) ein paar in Gefangenschaft libanesischer Terroristen geratene US-Soldaten befreien sollen, stoßen sie auf einige Kisten gestohlener Raketen. Unter Beschuss genommen ordnet Curran jedoch den Rückzug an und muss sich wenig später Kritik anhören. Bei einem weiteren Einsatz sollen die zurückgelassenen Waffen gesichert werden, doch die Terroristen sind wieder einen Schritt schneller. Daraufhin hat Curran eine Idee: Er kontaktiert die Journalistin Claire Varrens (Joanne Whalley-Kilmer), die aufgrund ihrer libanesischen Herkunft über Insider-Informationen verfügt. Doch zunächst ist sie nicht bereit, dem Militär zu helfen …

navyseals11Alles, was man dem Actionfilm der Achtzigerjahre voreilig vorwirft – Reaktionismus, Nationalismus und Militarismus -, dann aber bei genauem Hinsehen relativieren muss (selbst der einhellig als antikommunistische Propaganda verschrieene RED DAWN weist deutliche Brüche auf), trifft auf NAVY SEALS zu: Der Film ist wie auch Tony Scotts TOP GUN ein kaum getarnter Werbefilm für die tollkühnen Recken der US-Armee, in diesem Fall eben der besonders wilden Truppe der Navy Seals. Die Spielzeit zwischen den drei, vier Action-Set-Pieces füllt Teague mit Szenen, in denen der Teamgeist und die Kameradschaft unter den Männern gefeiert werden und die die Protagonisten auch abseits des Schlachtfelds als wilden Haufen charakterisieren . Vor allem Charlie Sheen, der den draufgängerischen Dale Hawkins spielt, erhält reichlich Gelegenheit sich in dieser Hinsicht zu profilieren. Die Nähe zu damals aktuellen Konflikten – der zweite Golfkrieg lässt schön grüßen – lässt die Zweifel an dem gebotenen Schauspiel nicht gerade schrumpfen, doch ist NAVY SEALS – durchweg sauber inszeniert von Lewis Teague – weniger symptomatisch für seine Zeit als vielmehr für sein Genre überhaupt. NAVY SEALS steht in der Tradition des klassischen Combatfilms, wie er nach den Weltkriegen geprägt wurde. Schon in Allan Dwans SANDS OF IWO JIMA mit John Wayne findet man die verschiedenen Charaktere mit den ihnen eigenen Sorgen und Nöten, die sich jedoch im Angesicht des Feindes zusammenraufen und diese überwinden müssen, um zu beweisen, dass sie echte Kerle sind. Auch dort werden Ausflüge in das Privatleben der Protagonisten unternommen, wird illustriert, welche Entbehrungen die Helden auf sich nehmen müssen, wie etwa ihre Partnerschaften – und ihre Frauen – unter dem uneigennützigen Kriegsdienst ihrer geliebten Männer zu leiden haben. NAVY SEALS unterscheidet sich allerhöchstens marginal von diesem Rezept, das immer wieder Anwendung findet, wenn irgendwo auf der Welt ein Krieg (mit amerikanischer Beteiligung) ausgetragen wird – also eigentlich immer. Was NAVY SEALS zu einem erkennbaren und typischen Vertreter der Achtzigerjahre macht, sind eher Oberflächenmerkmale: das Casting, das solche einst allgegenwärtige Namen wie eben Michael Biehn, Charlie Sheen, Bill Paxton, Rick Rossovich oder Dennis Hasbert vereint; der Score von Sylvester Levay, der mit fluffigen Poprock-Stücken angereichert wurde (Bon Jovi steuern eine programmatische Coverversion von Thin Lizzys „The Boys are back in Town“ bei), die farbenfrohe Inszenierung, die das Soldatenleben zeitweise zum großen Spaß für große Jungs verklärt – inklusive der obligatorischen Montagesequenz. Es gibt nur wenig Tiefgang und auch die zu beklagenden Toten scheinen binnen weniger Minuten schon wieder vergessen. Sie machen sich halt nicht allzu gut in einem Rekrutierungsfilm.