Mit ‘Liebesfilm’ getaggte Beiträge

Auch wenn ich es erst nach einiger Zeit gerafft habe: GHOSTS OF GIRLFRIENDS PAST macht natürlich schon im Titel keinen Hehl daraus, lediglich eine Paraphrase von Dickens‘ berühmter Weihnachtsgeschichte zu sein, die hier statt eines geizigen Misanthropen einen sexistischen Womanizer durch Geisterheimsuchung zur Läuterung treibt. Matthew McConaughey ist Connor Mead, erfolgreicher Celebrity- und Mode-Fotograf und notorisch polygam, seitdem er von seinem Onkel Wayne (Michael Douglas), einem hoffnungslosen Lebemann, in die Geheimnisse der Verführung eingeführt wurde und gelernt hatte, dass Liebe nur etwas für Schwächlinge und Träumer ist. Auf der Hochzeit seines Bruders Paul (Breckin Meyer) lässt Connor keinen Zweifel an seiner Verachtung für die Institution Ehe und die, die darauf hereinfallen, trifft aber auch Jenny Perrotti (Jennifer Garner) wieder, seine alte Sandkasten- und Jugendliebe, seine erste große Liebesenttäuschung und die einzige Frau, mit der er jemals eine feste Beziehung erwogen hatte. Nachdem er bei der künftigen Schwiegermutter (Anne Archer) seines Bruders abgeblitzt ist und eine der Brautjungfern klargemacht hat, erscheint ihm der Geist seines toten Onkels und offenbart ihm, dass ihm in der kommenden Nacht drei Geister erscheinen werden.

Der Weg ist von da an natürlich klar: Connor erkennt durch das Werk der Geister, die ihm einen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglichen, dass es allein die Angst vor dem Verlassenwerden war, die ihn zum Womanizer machte, er in Wahrheit nie über die schöne Jenny hinweggekommen ist, und nur durch die Betten pflügte, um die Leere zu übertönen, die die Trennung von ihr hinterlassen hatte. Der Blick in die Zukunft, zeigt seinen Bruder als unverheirateten Mann – Connor hatte die Braut Sandra (Lacey Chabert) kurz zuvor durch die Offenbarung, dass sein Bruder vor Jahren mal etwas mit einer ihrer Brautjungfern gehabt hatte, in die Flucht getrieben – und als einzigen Gast auf Connors Beerdigung. Das ist der Moment, in dem er umdenkt, die Ehe seines Bruders durch vollen Körpereinsatz und eine flammende Rede rettet, einen zu Herzen gehenden Toast auf den Triumph der Liebe spricht und Jenny die ewige Treue schwört.

Ein Kommentar erübrigt sich anhand dieser Zusammenfassung eigentlich schon: GHOSTS OF GIRLFRIENDS PAST ist abwechselnd zahme Komödie mit klarer Sympathieverteilung, tränentreibender Schmachtfetzen und spießiges Erbauungskino vom Fließband, das durch seine Darsteller hier und da den dringend benötigten Qualitätsschub erhält. McConaughey ist als selbstzufriedenes Arschloch die Idealbesetzung und dabei so gut, dass die Freilegung eines weichen Kerns von Grund auf unglaubwürdig bleibt, Jennifer Garner hebt sich wohltuend von den sonst üblichen stromlinienförmigen oder bloß niedlichen Love Interests dieser Filme ab. Aber es sind vor allem die Szenen mit Michael Douglas als Womanizer alter Schule, komplett mit Siebzigerjahre-Hornbrille, die aus dem RomCom-Einerlei herausstechen. Da kann mit Robert Forster erwartungsgemäß lediglich ein anderer Veteran in der Rolle des Vaters der Braut (oder, wie ich aus THE WEDDING PLANNER gelernt habe, des „FOB“) mithalten: Die Hochzeitsrede des Koreaveterans, der das Zurückstopfen der Eingeweide in den Leib seines angeschosenen Kameraden als Gleichnis für das Wesen der Liebe verwendet, markiert einen späten Höhepunkt in dem zunehmend anästhesierend wirkenden Film, dem es noch nicht einmal gelingt, das mit der Reise in die Vergangenheit verbundene Nostalgiepotenzial zu heben. Wirklich ärgerlich ist indessen wieder einmal, wie jemand, der einem anderen Lebensentwurf als dem traditionellen Eheideal folgt, mit allen Mitteln zum Arschloch verzerrt wird, dem zum großen Glück nur die eigene Schwäche im Weg steht. Dabei sieht doch jeder Blinde, dass die Ehe der beiden Langweiler Paul und Sandra genau das Albtraumbündnis ist, dass Connor so markig zu beschreiben weiß. Der an Fanatismus grenzende Perfektionismus, mit dem da die Hochzeitszeremonie tagelang minutiös geprobt wird, lässt an die Organisation von Gefangenenlagern denken, und einer Frau, die über der Zerstörung einer Torte einen Nervenzusammenbruch erleidet, wünsche ich instinktiv Henry Silvas Handrücken als Therapie ins Zickengesicht. Aber wahrscheinlich muss das in diesem Filmgenre so sein, dass es keinerlei Zwischentöne gibt, ein Womanizer eben ein Traumapatient im Gewand eines Sexisten ist, und die Magie der wahren Liebe ein porentief reines Herz erfordert, das sich dann meist in kompletter blandness entäußert.

failure-to-launch-movie-poster-2006-1020340533Das Paradoxon der RomCom: Um den unschätzbaren Wert der romantischen Liebe zu proklamieren, muss sie das Beziehungs- und Liebesleben als tückisches gesellschaftliches Spiel voller Fallstricke und -gruben, schwachsinniger Konventionen, ernüchternder Erfahrungen, vergeudeter Zeit, emotionaler Narben und zu erleidender Demütigungen zeichnen. Meist sind ihre Helden/Heldinnen für die Romantik verloren, desillusioniert, gezeichnet und bereit für die auf rationalen Erwägungen basierende Vernunftheirat, bis dann der Prinz/die Prinzessin vorbeikommt und sie vor einem voller Tristesse rettet. Die RomCom ist ein Genre voller Soziopathen, psychisch zerrütteter Egoisten und Autisten, deren „liebenswerten“ Marotten ihnen im echten Leben die berechtigte gesellschaftliche Geißelung, Unverständnis und die ein oder andere Ohrfeige einbrächten, im Film aber Ausdruck einer originellen, spritzigen Persönlichkeit sein sollen und nur etwas Liebe bedürfen, um abgestellt zu werden. Oft genug sind die Liebesbeziehung, die da zum Happy End eingegangen werden, Bündnisse des Schreckens, Verbindungen von Monstren, deren schlimmsten Charakterzüge sich zur potenziellen Gefährdung all ihrer Mitmenschen potenzieren werden. Man muss sich nur das Poster zu FAILURE TO LAUNCH anschauen, um zu wissen, dass das zweifellos ein solcher Film ist: McConaughey voll cooler Selbstgefälligkeit, wissend, dass er sich in jeder Situation auf seinen ihm angeborenen Charme verlassen kann, die Parker weibgewordener Enthusiasmus im Stechschritt auf die Züchtigung des Unbeugsamen zumarschierend.

Der Film beginnt mit einer von Grund auf fragwürdigen Prämisse: Tripp (Matthew McConaughey), ist 35, gut aussehend und durchaus erfolgreicher Bootsverkäufer. Er hat immensen Schneid bei den Frauen, landet Nacht für Nacht mit einer anderen in der Koje, die er, wenn er keine Lust mehr hat, nur mit der Tatsache konfrontieren muss, dass er noch bei seinen Eltern (Terry Bradshaw und Kathy Bates) lebt. Genauso halten es seine beiden Freunde Ace (Justin Bartha) und Demo (Bradley Cooper), mit denen Tripp seine Freizeit in einem Zustand der verlängerten Jugend verbringt. Kurz: Tripps Leben ist der Himmel auf Erden. Auftritt Paula (Sarah Jessica Parker), die ihr Geld damit verdient, Nesthocker wie ihn durch Vorgaukeln einer Liebesbeziehung zur Selbstständigkeit zu „erziehen“. Sie wird von Tripps Eltern engagiert, den Sohn zu verführen und somit flügge zu machen. Ihre Strategie erinnert frappierend an das Drehbuchschema, auf das nahezu jede RomCom aufbaut, doch die Chance eine Meta-RomCom wird natürlich fahrlässig liegen gelassen. Es kommt, wie es kommen muss: Tripp verliebt sich in Paula und kommt just in dem Moment hinter ihre wahren Motive, als sie ihrerseits Gefühle für den unwissenden Klienten entwickelt. Dem Zerwürfnis folgt die Intervention der Freunde und Eltern, die die beiden zur Vernunft bringen und also verkuppeln wollen. Und wie gelänge das besser, als ihn gefesselt und in geknebelt in einen Schrank zu sperren und sie mit ihm einzuschließen?

Das Problem des ganzen Konstrukts liegt natürlich auf der Hand. Zuerst ist die Figur, die McConaughey da verkörpert, total unglaubwürdig, aber das ist noch nicht einmal das schlimmste Vergehen des Film: Warum sollte Tripp sein wunderbares Leben gegen eine Beziehung mit einer Schreckschraube wie Paula eintauschen wollen? Mit einer intriganten, manipulativen Lügnerin, die nichts ahnenden Männern Liebesbeziehungen vorspielt, wo ausschließlich finanzielles Interesse ist? Einer verabscheuungswürdigen Kreatur also, die noch dazu wie Sarah Jessica Parker und mithin wie der Welt hässlichste Transe aussieht? Aber er ist ja nicht der einzige, der auf sie hereinfällt. Paula lebt in einer WG mit Kit (Zooey Deschanel), einer misanthropischen Eigenbrötlerin, die den ganzen Film über mit einem Singvogel kämpft, der sie mit seinem ständigen Gezwitscher in den Wahnsinn treibt. Eine Person wie Kit würde jemanden wie Paula verachten und die „Freundschaft“, die die beiden da unterhalten, kann nur in einem idiotischen RomCom-Drehbuch aus Hollywood existieren. Genauso wie die Beziehung, die Kit dem netten, aber auch etwas dämlichen Ace eingeht, einem gutmütigen Tölpel, dem der Konvention solcher Filme entsprechend maximal eine kurzsichtige Schreckschraube, gewiss aber kein It-Girl wie Zooey Deschanel verfallen dürfte. Die eigentliche „Romanze“, also der zentrale Teil des Films, funktioniert überhaupt nicht, aber was FAILURE TO LAUNCH gegenüber einer Totgeburt wie THE WEDDING PLANNER wenigstens halbwegs erträglich macht, sind das Zusammenspiel der drei männlichen Hauptdarsteller, die sonnige Urlaubskulisse und der genervte Zynismus der Deschanel, den man auch als Reaktion auf die Spießigkeit des Endprodukt und die Ernsthaftigkeit, mit der sich Sarah JessicaParker in ihre Rolle wirft, werten kann. Ach ja Kathy Bates und Terry Bradshaw sind als alterndes, kernentspanntes Ehepaar ebenfalls ein Lichtblick in diesem Film, den ich mir noch um einiges schlimmer vorgestellt hatte.

how-to-lose-a-guy-in-10-days-movie-poster-2003-1020201634Die Prämisse: Andie Anderson (Kate Hudson) ist das How-to-Girl eines erfolgreichen Frauenmagazins. Zwar würde sie gern über Politik und das Weltgeschehen schreiben, doch vorerst ist sie auf fluffige Ratgebertexte zu Mode, Sex, Liebe und Beauty festgelegt. Das desolate Liebesleben ihrer Freundin dient ihr als Inspiration für den nächsten Coup: ein Artikel darüber, was man in einer sich anbahnenden Liebesbeziehung alles falsch machen kann, also: „How to lose a Guy in 10 Days“. Der Typ den sie sich dafür aussucht, ist Ben Barry (Matthew McConaughey), ein Werbemann, der ebenfalls einen Auftrag hat: Um den Werbeetat eines großen Diamantenhändlers zu bekommen, soll der auf Sport- und Getränkewerbung abonnierte Womanizer beweisen, dass er die Frauen versteht, in dem er eine innerhalb von 10 Tagen dazu bringt, ihn zu lieben. Die beiden Aufträge beißen sich natürlich: Andie benimmt sich mehr und mehr wie eine Verrückte, um ihn loszuwerden, er lässt alle Demütigungen mit einer Engelsgeduld über sich ergehen, obwohl er sie eigentlich am liebsten zum Teufel jagen würde. Am wegweisenden zehnten Tag findet eine große, von Bens Boss organisierte Gala statt, bei der sich die Werbeagentur als Dienstleister empfehlen möchte und über Bens Erfolg oder Misserfolg entschieden wird. Andie ist auch dabei und hat ebenfalls einen Auftrag zu Ende zu bringen.

Auch wenn die Grundkonstellation hoffnungslos überkonstruiert ist – es ist nicht gerade so, dass Frauenmagazine für investigativen Enthüllungsjournalismus und lückenlos recherchierte Geschichten stehen, warum also kann Andie ihren banalen Artikel nicht ohne echte First-Hand-Erfahrung schreiben? –, erinnert sie in ihren besten Momenten durchaus positiv an die Konflikte, die die Protagonisten der Screwball-Komödien miteinander durchlitten. Klar, dass ist hier alles sehr viel platter, materialistischer und weniger elegant, ohne die komplexen Betrachtungen zu Klasse und Geschlecht (und am Ende unnötig in die Länge gezogen), entwickelt aber dank der Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern einigen Schwung und Charme. Kate Hudson, um die es seit damals auch eher still geworden ist, verleiht ihrer ambitionierten Journalistin Quirligkeit, Witz und den Sexappeal des Girl next Door, mit dem man beim Basketballspiel Bier trinken kann, McConaughey ist idealbesetzt, weil er in seiner Wette gewissermaßen auch gegen seine eigene Filmpersona anspielen muss. Möglicherweise legte er mit diesem Film den Grundstein für sein Image als strahlender Traumtyp: Wenn es nach ihm gegangen wäre, könnte Petries Film wahrscheinlich auch „How to lose your shirt in 10 minutes“ heißen, denn das Drehbuch bietet ihm früh die Gelegenheit, seinen modellierten Oberkörper zu entblößen, die ihm in THE WEDDING PLANNER verwehrt geblieben war. (Seine Kolleginnen verwandeln sich sofort in gierige Spanner.)

Seinen Witz bezieht der Film natürlich nicht nur daraus, dass der einer der wahrscheinlich begehrenswertesten Männer der Welt hier mit purer Absicht und sadistischer Freude wie Dreck behandelt wird und das auch noch mit sich machen lässt, sondern darin, dass man einige dieser Beziehungskiller selbst kennt bzw. sich vorstellen kann, wie es in dem armen Kerl brodeln muss. Andie zwingt ihn während der letzten Sekunden eines Basketballspiels dazu, ihm ein Getränk zu holen, sie gibt ihm (und seinem besten Stück) furchtbare Kosenamen, besucht ihn auf der Arbeit, dekoriert seine Wohnung um, zwingt ihn zu vegetarischem Essen (nachdem sie ihn ein fantastisches Fleischgericht hat kochen lassen), schleppt einen hässlichen Köter an, zerrt ihn in die Chick-Flick-Night und das Celine Dion-Konzert und stört seinen Männerabend. Wie es die Gesetze des Genres wollen, entwickelt sie natürlich trotz ihrer Mission einen unheilbaren Crush für ihn, bis sie von seiner Wette erfährt und sich die beiden nach einem heftigen Streit trennen. HOW TO LOSE A GUY IN 10 DAYS strickt eifrig an dem Bild der selbstbewussten Frau, das auch SEX AND THE CITY vermittelte: Frauen sind karriereorientiert, erfolgreich und sexuell aktiv – aber dann doch nur so lange, bis der Mr. Right aus dem Märchen vor der Tür steht. Die Sympathieverteilung kippt im Laufe des Films immer weiter zugunsten Bens, auch weil Andies Dilemma, wie oben geschildert, einfach nicht glaubwürdig ist. Das Drehbuch knüpft den von ihr angepeilten Karrierefortschritt hin zur ernsten Journalistin an den Erfolg ihrer How-to-Story, doch es scheint von Anfang an naiv von ihr anzunehmen, für ein seichtes Frauenmagazin irgendwann anspruchsvolle Politstories schreiben zu dürfen. Und genau das eröffnet ihr ja dann auch die Chefin, die nie vorhatte, Andie den journalistischen Freifahrtschein auszustellen. So hat sie alles verloren und es bleibt ihr nur, die Zelte in New York abzubrechen und es woanders zu versuchen. In einer Last-Minute-Aktion macht Ben ihr klar, dass die Karriere nichts ist gegen das Liebesglück, das sie mit ihm erlebt hat. Und sie landet dann doch noch in seinen Armen. Was 99 % aller anderen RomComs üblicherweise den ideologischen Todesstoß verpasst, verzeiht man hier vor allem, weil Kate und Matthew einfach gut zusammen passen. So wenig Freiraum das Konzept ihnen auch zur Entfaltung lässt, die beiden wirken echt zusammen, wenn sie die Knicks anfeuern, miteinander flirten oder sich zu Besuch bei Bens Eltern beim Kartenspiel bescheißen. Das rettet den Film in der zweiten Hälfte, wenn Andies Verhalten zunehmend überzogener wird und der anfängliche Witz sich abgenutzt hat. Ein Film, der Kate Hudson und Matthew McConaughey einfach nur bei der Gestaltung eines netten Wochenendes verfolgt, hätte gar das Potenzial, es mit Linklaters BEFORE SUNRISE aufzunehmen.

Westeuropäern dient HOW TO LOSE A GUY IN 10 DAYS außerdem mal wieder als Anschauungsmaterial dafür, wie seltsam ritualisiert das Datingverhalten in den USA ist. Beim ersten Date darf auf gar keinen Fall was laufen, akribisch wird über die Anzahl der Dates Buch geführt, nach der sich bemisst, wie weit man gehen darf und wie ernst die Lage ist. Andies allererster Versuch, Ben zu verprellen, ist dann auch die Ermutigung zum Sex am ersten Abend. Irgendwie freudlos. Das ganze Beziehungsspiel ist voller Codes und Regeln, denen HOW TO LOSE A GUY IN 10 DAYS seine Prämisse verdankt. Wie hochgradig gestört ist das eigentlich, einem Mann nicht einfach direkt zu sagen, dass man kein Interesse (mehr) an ihm hat, sondern sich stattdessen wie ein kompletter Soziopath zu benehmen, um ihn zu verscheuchen? Selbstbewusstsein sieht definitiv anders aus. Ich frage mich, ob sich diese Idee in eine deutsche Beziehungskomödie übertragen ließe. Ich glaube nicht. Aber das hat hierzulande ja noch niemanden abgehalten.

Mary Fiore (Jennifer Lopez), ist der beste Wedding Planner San Franciscos und darüber hinaus Psychologe, Sanitäter, Problemlöser und ein rundheraus großartiger Mensch. Zu Beginn befreit sie eine Braut unmittelbar vor der Trauung mit einer tief empfundenen Ansprache von ihren „kalten Füßen“, gibt ihr den verlorenen Mut und das Selbstwertgefühl zurück (später erfahren wir, dass diese Rede einstudierter Teil ihres routinemäßig abgerufenen Programms ist), verbietet dem Priester gouvernantenhaft den Toilettengang, weil der Zeitplan strikt eingehalten werden muss, platziert für die Kamera ungünstig positionierte Personen so um, dass diese sich nicht gegängelt, sondern im Gegenteil bevorzugt fühlen, kommuniziert mit kalter Professionalität über ihr Headset wie ein Navy SEAL („The FOB is MIA“, was bedeutet, dass der Vater der Braut vermisst wird) und versorgt den vor lauter Aufregung leicht angetrunkenen Papa mit dem im Bauchgürtel mitgeführten Vorrat an schnell wirkenden Medikamenten. Mary ist so toll, dass die bei der Traumhochzeit anwesenden Damen nicht etwa die Braut anhimmeln, sondern eben sie, die mit Adlerauge den reibungslosen Ablauf überwachende Schönheit, deren Liebesleben sie sich nur als himmlisch vorstellen können. Die Realität sieht natürlich anders aus: Abend für Abend kommt Mary in ihre Katalogwohnung, bereitet sich eine bescheidene Mahlzeit, die sie von einem akkurat abgestellten Tabletttisch einnimmt, putzt die sowieso schon sterile Behausung (natürlich mit einem um die Haare gewickelten Tuch), legt ihre Kleidung fein säuberlich zusammen und begibt sich dann allein in ihr ausladendes, aber keinesfalls protziges Bett. Statt einer Beziehung hat sie erst einmal die Karriere im Sinn, will Teilhaberin des Unternehmens werden, in dem sie schon so lange die besten Erträge bringt, und erhofft sich von der Organisation der Hochzeit der aus wohlhabendem Hause stammenden Fran Donolly (Bridgette Wilson-Sampras) den entscheidenden Boost. Sie ist auf einem guten Weg, wie man an dem überirdischen Leuchten in den Augen der Braut in spe und ihrer Eltern sieht, als Mary mit ernster Stimme und in die Ferne gerichtetem Blick erzählt, wie sie sich die Hochzeit vorstellt. Es ist, als empfange sie ihre Inspirationen vom lieben Gott persönlich.

Es ist vor allem der Papa (Alex Rocco), der sie immer wieder daran erinnert, dass sie selbst noch Single ist – ein Unding für eine Frau mit Marys Gardemaßen. Weil das für einen katholischen Italiener nicht sein kann, will er ihr den treudoofen Massimo (Justin Chambers) andienen, dessen Name Mary allein einen Blick abringt, der sagt: „Das kann nicht dein Ernst sein.“ Massimo fällt durch, weil er Mary als Kind genervt hat und sie mit dem Verspeisen von Schlamm beeindrucken wollte. Als Papa ihn trotzdem hinter eine Wand hervorzaubert, sieht man gleich: Massimo ist ganz nett und süß, aber eben doch maximal Brüderlicher-Freund-Material und überhaupt nicht Marys Kragenweite. (Erwähnte ich, dass Marys Papa einen schrulligen Schwarzen und eine alte Vettel als Kumpels hat, und sich die drei regelmäßig mit Mary zum Scrabble-Spielen treffen?) All die Kuppeleien scheinen hinfällig, als Mary den schönen Steve Edison (Matthew McConaughey) kennen lernt. Sie bleibt beim Überqueren einer Straße mit dem Absatz ihres brandneuen Gucci-Schuhs in einem Gulli stecken und wird in allerletzter Sekunde von Steve vor einem heranrollenden Müllcontainer gerettet, den ein fetter Taxifahrer durch eine Kollision versehntlich in Bewegung versetzt hatte. (Der Taxifahrer taucht später noch einmal auf because hilarious.) In den starken Armen des supersmarten Schönlings mit dem Gewinnerlächeln sinkt die offensichtlich hoch empfindliche Mary in Ohnmacht und wacht später von Kindern umringt in einem Krankenhausbett wieder auf. Steve ist nämlich Kinderarzt (!) und lässt der Schönen das gesamte Untersuchungsprogramm angedeihen, um sicherzustellen, dass sie bei dem Sturz keine inneren Verletzungen davongetragen hat. Sogleich macht sie – unter dem Druck ihrer hinzugeeilten besten Freundin und Kollegin, der hyperaktiven und latent soziopathischen Penny (Judy Greer), ein Date mit ihm aus, und er findet das peinliche Ringen um die richtigen Worte und das verkrampfte Verhalten der beiden nicht etwa furchteinflößend und psychotisch, sondern höchst amüsant. Sie treffen sich im Freilichtkino des Golden Gate Parks zu einem alten Musical, wo der schwarze Kumpel ihres Papas als Parkwächter arbeitet und ihnen das romantischste Plätzchen reserviert hat, die beiden fangen an zu tanzen, doch bevor sich ihre Lippen berühren, fängt es an zu regnen und sie lassen voneinander ab. Leidenschaft!

Um es kurz zu machen: Wenig später stellt sie fest, dass er der künftige Ehemann von Fran ist, woraufhin sie sich ihm gegenüber zur passiv-aggressiven Zicke verwandelt, in seiner Abwesenheit aber doch beginnt, über eine Verbindung mit Massimo nachzudenken, weil sie ja offensichtlich nicht für das große Glück gemacht ist. Der Papa offenbart ihr dann auch noch, dass er ihre Mutter erst am Tage der Hochzeit zum ersten Mal gesehen habe, weil ihre Ehe von den Eltern abgesprochen war, und dass sich die Liebe manchmal über die Jahre entwickele. Als Fran während der Hochzeitsvorbereitungen überraschend auf Geschäftsreise geht, kommen sich Mary und Steve erneut näher. Nachdem sie ihren ehemaligen Verlobten wiedertrifft – nun verheiratet und werdender Vater – und sich bei dem Treffen komplett zum Affen macht (sie versucht, sich vor ihm unter einem Tisch zu verstecken), tröstet Steve sie und macht ihr Avancen, die sie jedoch ablehnt. Zwischen Fran und Steve ist nämlich auch nicht alles perfekt und so werden am Schluss gleich zwei Ehen in letzter Sekunde gecancelt: Steve und Fran beschließen in freudigem Einvernehmen, sich zu trennen, der Papa interveniert auf dem Standesamt bei der ehehschließung von Mary und Massimo, weil er es doch sieht, dass das Töchterlein nicht mit dem herzen bei der Sache ist. Damit nicht alles umsonst war, kommt Steve angerauscht (mit dem Taxifahrer vom Anfang, because hilarious, siehe oben), offenbart, dass er wieder frei ist, und sofort wird alles in trockene Tücher gebracht. Ende.

Ein Film zur Bestätigung von Vorurteilen. Filmemachen als inspirationsfreies Going through the motions, bei dem echte Gefühle durch Lippenbekenntnisse und Klischees ersetzt werden. Auch Matthew McConaugheys natürliches Charisma kann hier nichts mehr ausrichten, und Jennifer Lopez, damals auf dem Gipfel ihrer seither verklungenen Berühmtheit, die richtig eingesetzt durchaus charmant sein kann, ist hier, wie der ganze Film um sie herum, hoffnungslos bland – das Filmposter vermittelt einen guten Eindruck von der „Lebendigkeit“ und Lebensnähe dieses Werks, gegen das ein deutscher Heimatfilm aus den Fünfzigern geradezu rebellisch, gewagt und sexuell anrüchig wirkt. Nun ist es wahrscheinlich etwas viel verlangt, dass ein Film wie THE WEDDING PLANNER mit ausgearbeiteten Charakteren, progressivem Rollenverständnis sowie zeitgemäßem Beziehungs- und Liebeskonzept um die Ecke kommt. Aber wenn ausnahmslos alle Fguren mit der emotionalen Intelligenz von verzogenen Sechsjährigen daherkommen müssen, damit das, was die Macher für eine „Geschichte“ halten, funktioniert, ist das eher nicht so gut. Hier wollen anscheinend vor allem solche Leute heiraten, die eigentlich gar nicht heiraten, ja noch nicht einmal überhaupt noch zusammen sein wollen. Überhaupt dieses Heiraten. Ja, ich trage auch einen Ehering, und er bedeutet mir auch etwas, aber ganz ehrlich: Es wäre auch ohne gegangen. Hier wird ein Riesenaufriss um dieses Event gemacht, und zwar von Leuten, die so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass schon eine kleine Liebelei zum die eigene Existenz gefährdenden commitment wird. Das alles gehört, so viel habe ich schon mitbekommen, irgendwie zum Genre dazu, von dem niemand ernsthaft Realismus erwartet. Aber im Idealfall wird der hoffnungslose Romantizismus von Akteuren aufgefangen, die eine Chemie miteinander entwickeln, die den Zuschauer an ihrem Märchen teilhaben lässt. Hier werden zwei attraktive Schauspieler vom Drehbuch zum Traumpaar hochgejazzt, ohne dass man ihre Begeisterung füreinander wirklich mitfühlt. Mary ist eher verzweifelt als alles andere und Steve scheint grundsätzlich jede schöne Frau heiraten zu wollen, weil er das Glück hat, auszusehen wie Matthew McConaughey in seinen frühen Dreißigern. Wenn er Mary offenbart, dass der Abend im Park der schönste Moment seines Lebens gewesen sei, weiß man nicht, ob man die Chuzpe, mit der er diese Behauptung lächelnd vorträgt, bewundern oder ihn für sein anscheinend äußerst höhepunktarmes Liebesleben bemitleiden soll. Sein vorgegebener witzig-origineller Individualismus gipfelt in der Marotte, dass er nur braune M&Ms zu essen pflegt (wegen der Farbstoffe), was Mary so sehr beeindruckt, dass sie sich das gleich abschaut. (Man sieht die beiden vor dem geistigen Auge eine Spur bunter M&Ms hinter sich herziehen.) Matthew McConaughey ist als romantischer Liebhaber, zumindest als solcher der WEDDING PLANNER’schen Art, eher ungeeignet, und das ist nur einer der vielen eklatanten Fehler von Shankmans Film (fehlender Witz, das Einfühlungsvermögen einer Planierraupe und die Kreativität eines Finanzbeamten vor der Pension sind weitere). Mit Brille und pastellfarbenen Kaschmirpullovern sieht er wie schlecht als Langweiler verkleidet aus und sein suggestiv-herausforderndes Grinsen deutet den Sexprotz an, der an der monogamen Beziehung nur insofern interessiert ist, als ihre Vortäuschung ein gutes Mittel ist, Frauen wie Mary ins Bett zu zerren. Aber da ist bei ihr natürlich nix zu holen. Überhaupt: Dass man für den Anfang auch einfach mal miteinander bumsen könnte, bevor man sich fürs ganze Leben aneinander bindet, ist eine Idee, die keinem kommt. Völlig unterleibsverkrampft begegnen sie sich und machen sich schon beim Versuch, normale Konversation zu betreiben, zum Vollhorst. Die schmerzhafteste Szene des Films ist mit Sicherheit die, in der Mary Massimos vollkommen selbstzerstörerischen Heiratsantrag (er schenkt ihr ihr altes Puppenhäuschen, vollständig mit Minibild ihrer toten Mama, in dem ein Ehering liegt) durch Verschieben der Buchstaben „O“ und „K“ positiv beantwortet. Ein KO-Schlag, den der totgeborene Film eigentlich nicht mehr gebraucht hätte.

Heimatfilm goes Sozialdrama: Maria Gassl (Marianne Hold) ist die letzte, die den alten Fischereibetrieb der Familie noch aufrechterhalten kann, doch das Geschäft wird ihr durch die Dumpingpreise erschwert, die Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann) für die Fische aus eigener Zucht nimmt. Als wäre das noch nicht genug, wird ihr erst das Fischernetz von den frechen Schweizer-Zwillingen Anny und Fanny (Isa & Jutta Günther) zerstört, die beide ein Auge auf den feschen Hans geworfen haben, und dann auch noch ein recht unverschämtes Angebot von den Bruckbergers zum Abkauf der Fischereirechte unterbreitet. Voller Zorn konfrontiert sie den Jungunternehmer, auf den die energische junge Frau so viel Eindruck macht, dass er sich Hals über Kopf in sie verliebt. Es dauert nicht lange, bis auch sie ihre Ressentiments überwunden hat. Doch dann gibt es unerwartete Probleme: Es scheint, als sei Bruckbergers Vater Karl (Joe Stöckel) der uneheliche Vater Marias …

Noch während der Produktion von DIE FISCHERIN VOM BODENSEE; der sich als großer Publikumserfolg herausstellen sollte, unterschrieb Reinl den Vertrag für ein „Sequel“: Der hier bereits besprochene DIE PRINZESSIN VON ST. WOLFGANG reaktivierte wesentliche Teile der Besetzung. Neben den Stars Hold und Riedmann traten dort auch Joe Stöckel und die resolute Annie Rosar wieder auf – und bemühte eine sehr ähnliche, nun aber mit umgekehrten Vorzeichen wiederholte Dramaturgie, verkuppelte die wohlhabende Prinzessin Josi gegen jeden Widerstand mit dem armen, aber umso ehrlicheren KFZ-Mechaniker Toni. Die strukturelle Ähnlichkeit kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass DIE FISCHERIN im Vergleich sowohl interessanter als auch spritziger ist: Die geschäftliche Konkurrenz der beiden Protagonisten verleiht der Liebesschmonzette einen realistischeren, moderneren Hintergrund (mit sanfter Thematisierung von Umweltverschmutzung, Überfischung und Industrialisierung), und die Verbindung von Joe Stöckel und Annie Rosar als streitendes Ehepaar Bruckberger einen Witz, den man im Nachfolger vermisste. Es stellt sich am Schluss heraus, das Karl seine Vaterschaft nur erfunden hatte, um der mit äußerster Strenge die Finanzen überwachenden Gattin „Alimente“ abzuzwacken, die er dann in Wahrheit an seinem Stammtisch versaufen konnte. Ihre Erleichterung darüber, dass der Ehemann ihr mitnichten fremdgegangen war, wie sie seit Jahrzehnten geglaubt hatte, weicht schnell wieder der weiblichen Wut: „Versoffen hast’s!“ Wer den Heimatfilm hingegen auf der Suche nach Absonderlichkeiten durchpirscht, wird am ehesten bei den Schweizer-Zwillingen fündig, die keineswegs enttäuscht sind, als sich Hans für Maria entscheidet: Kein Mann soll schließlich zwischen die beiden Mädels treten, die ihren Vater (Rudolf Bernhard) mit Rechnungen für Falschparken und zu schnelles Fahren quälen, ihm zur „Entgiftung“ sofort Milch einflößen, wenn er sich mal ein Schlückchen gegönnt hat. Er erträgt diesen Terror erstaunlicherweise mit nur milde resigniertem Lachen über die ach so verrückten Töchterlein. Am Schluss schmeißt sich dann der Schifferkapitän vom Bodensee-Urlaubsdampfer an die beiden ran, nachdem die verführerische Wirkung seines Liedguts wirkungslos an der schönen Maria abgeprallt war.

Auch wenn ich mir damit jegliche noch verbliebene Credibility zerstöre: Ich fand diesen Film irgendwie putzig, gar keine schlechte Mittagsunterhaltung. Klar, er ist ein reines Kommerzprodukt, das auf die leicht zu erweichenden Herzen von Hausfrauen und Großmütter abzielt, aber er ist von Profis gescriptet und inszeniert und kommt dabei recht schwungvoll daher. Diese späten „Heimatfilme“ haben zudem den Vorteil, dass sie die deutschen/österreichischen Landschaften nur noch als austauschbare Kulisse verwenden, anstatt sie ideologisch unangenehm zu überfrachten, wie das weniger Jahre zuvor noch üblich war (siehe etwa GRÜN IST DIE HEIDE für ein besonders abschreckendes Beispiel). Das Label „Heimatfilm“ ist dann auch etwas irreführend: DIE FISCHERIN VOM BODENSEE ist eine romantische Komödie, deren Dramaturgie noch heute als Blaupause für dann allerdings in großstädtischen Werbeagenturen, Luxushotels oder sonstigen Wirtschaftsbetrieben spielende Filme europäischer oder amerikanischer Provenienz herhalten muss.

Das Bedürfnis heutiger Filmproduzenten, dem Publikum möglichst ein Rundum-Sorglos-Entertainment-Paket zu schnüren, ihm Filme zu liefern, die gleichzeitig komisch, romantisch und spannend sind, also die unterschiedlichsten Bedürfnisse befriedigen, zeitigt meist kreative Totgeburten: Filme, die allen gefallen wollen, gefallen meist niemandem so richtig. Umso erstaunlicher ist Comencinis DELITTO D’AMORE, dem das Kunststück gelingt, in jeder Sekunde ein ganzes Spektrum emotionaler Regungen hervorzurufen – und dabei dennoch nie zerfahren oder unentschlossen zu wirken, sondern einfach nur … lebendig und wahr.

DELITTO D’AMORE spielt in einer norditalienischen Stadt. An seinem Fabrikarbeitsplatz lernt der Norditaliener Nullo Bronzi (Giuliano Gemma) die schöne Sizilianerin Carmela Santoro (Stefania Sandrelli) kennen. Nachdem sie ihm zunächst – ganz tiefreligiöse Süditalienerin – die kalte Schulter zeigt, überrascht sie ihn wenig später mit einem eindeutigen Liebesgeständnis. Doch Nullos anschließende Bemühungen, eine feste Beziehung mit der wankelmütigen Carmela zu etablieren, werden gleichermaßen durch kulturelle Differenzen wie durch die Vorurteile ihrer beider Familien erschwert. Für die Italiener aus dem Norden sind die Süditaliener unkultiviert, faul und rückständig, und die Süditaliener wiederum halten ihre Landsleute aus dem Norden für verwöhnt, arrogant und unmoralisch. Beide Seiten übersehen in ihrer Feindschaft jedoch, dass sie einen gemeinsamen Gegner haben, dem ihre Zwietracht sehr in die Karten spielt: die herrschende Klasse, die sie in menschenunwürdigen Jobs ausbeutet und sie in kläglichen Umständen kaserniert. Die Liebe zwischen Carmela und Nullo wird am Ende nicht durch ihre kulturellen Differenzen, sondern durch einen grausamen Schicksalsschlag zerstört, hinter dem die kapitalistische Gier steht …

DELITTO D’AMORE bringt zwei auf den ersten Blick unvereinbar scheinende Genres zusammen: die Romantic Comedy auf der einen und das politisch motivierte Drama auf der anderen Seite. Comencinis Film lässt sich duchaus als geschickte Verbindung des US-Tearjerkers LOVE STORY und Elio Petris Arbeiterdrama LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO beschreiben: Ersterem entlehnt er die Liebesgeschichte zweier gegensätzlicher Charaktere und den tragischen Schicksalsschlag, letzterem den klassenkämpferischen Impetus und das Milieu. Doch sowohl die tränendrüsendrückenden Elemente von Hillers Schmachtfetzen wie die niederschmetternd-pessimistische Weltsicht von Petris Film werden durch einen feinen Humor abgemildet. Wie man das aus dem im Folgejahrzehnt blühenden Buddy Movie und eben US-RomComs kennt, ist die kulturelle Differenz zwischen der komplexbeladenen Carmela und dem verzweifelt werbenden Nullo Ursprung einer zwar nicht schnenkelklopfenden, aber doch kaum leugbaren Komik. Doch bevor der Film zur Farce verkommt, wird die Leichtfüßigkeit der Geschichte immer wieder durch harsche Zwischentöne ausgehebelt. Als Carmela Nullo einmal bittet, ihn aus der norditalienischen Industrietristesse an einen Ort zu bringen, an dem die Sonner scheint, verschlägt es die beiden an einen vor Verschmutzung schäumenden Fluss, dessen Ufer von Müllbergen und Tierkadavern gesäumt sind. Die Fotografie von Luigi Kuveiller und das Produktionsdesign des späteren Scorsese-Kollaborateurs Dante Ferretti trägt erheblich zur tiefen Traurigkeit des Filmes bei: Es wird nie richtig hell, alles liegt unter einer undurchdringlichen herbstlichen Dunstglocke, die Häuser sind etwa verfallen und dreckig oder scheußliche Betonklötze, die draußen vor der Stadt aus dem Boden gestampft wurden (die Wohnung der Bronzis in einem dieser Hochhäuser ist von oben bis unten gekachelt). Boten des Todes durchziehen DELITTO D’AMORE: Der Hausmeister der Fabrik bemüht sich vergebens, ein kleines Blumenbeet zu pflegen, kann angesichts der Rauchbelastung jedoch immer nur tote Pflanzen wegräumen, und Nullos und Carmelas erwähnter Ausflug endet damit, dass beide eine handvoll Singvögel beerdigen. Einer Kirche, in die sich die beiden Liebenden vor einem Wolkenbruch flüchten, sieht, ganz aus hässlichem Sichtbeton gebaut, selbst aus wie eine Fabrik oder ein Krematorium. (Es ist wirklich ein erschütterndes Bild, das der Film von den Siebzigerjahren zeichnet.) Und dann ist da dieses herzzerreißende Ende: Auch wenn man Comencini vorwerfen mag, den Bogen zugunsten seiner Botschaft hier etwas zu überspannen, verfehlt es seine Wirkung doch nicht und ist angemessen bizarr.

DELITTO D’AMORE ist trotz seiner unverkennbaren, bekannten Einflüsse ein absolut eigenständiger Film, gleichermaßen beseelt von der Einsicht in die Absurdität des menschlichen Daseins wie vom Wissen über das Wesen des Kapitalismus. Camus und Marx vereint in einem Film, dessen größte Errungenschaft jedoch nicht Zynismus, sondern Liebe ist. Das transzendentale Glück mag in dieser Welt für Nullo und Carmela unerreichbar sein, aber in ihrer Liebe wäre es ihnen dennoch möglich, ihr Leid zu überwinden. Sie ist ja alles, was sie haben …

 

 

indexIn der Lüneburger Heide geht ein Wilderer um. Der Förster Walter Rainer (Rudolf Prack) ist ihm eines Nachts dicht auf der Spur, verliert ihn aber am Schloss des alten Ehepaars  Lüdersen (Otto Gebühr & Margarete Haagen). Deren Verwandte, die schöne Apothekerin Helga (Sonja Ziemann) und ihr Vater (Hans Stüwe), leben dort seit einiger Zeit zur Untermiete, ohne von den Einheimischen je richtig aufgenommen worden zu sein. Während sich nach anfänglichen Konflikten eine zarte Liebe zwischen dem Förster und der jungen Frau entspinnt, wird immer klarer, dass ihr Vater der nächtliche Jäger ist. Er tötet nicht für Profit: Eine dunkle Leidenschaft, eine auch ihm unbegreifliche Sucht zieht ihn Nacht für Nacht mit dem Gewehr in die Wälder. Die einzige Möglichkeit, seine Inhaftierung oder gar seinen Tod zu verhindern, scheint es, die Heide und überhaupt die Natur für immer zu verlassen und in die Stadt zu ziehen. Doch die Aussicht darauf bricht dem Naturfreund fast das Herz. Die Dinge kommen in Bewegung, als ein Zirkus sein Lager aufschlägt und wenig später ein Polizist tot aufgefunden wird …

Nur ein Jahr nach dem Sensationserfolg von SCHWARZWALDMÄDEL vereinte Regisseur Hans Deppe das Traumpaar des neuen deutschen Heimatfilms, Sonja Ziemann und Rudolf Prack, in einem weiteren Lobgesang auf Heimat, Natur und Liebe, das in leuchtenden Agfacolor-Farben von der Leinwand herabstrahlte und sein Publikum direkt ins Herz traf. Der Damm war gebrochen, GRÜN IST DIE HEIDE übertraf noch den Erfolg des Vorgängers und darf sich heute zumindest inoffiziell (die 19 Millionen Zuschauer sind nicht verbrieft) mit dem Titel „Zweiterfolgreichster deutscher Film aller Zeiten“ schmücken. Die Vorlage lieferte der „Heidedichter und Heimatschriftsteller“ Hermann Löns (1866 – 1914) mit seinen Schriften, deren Kernaussagen mit jenen des Heimatfilms nahezu identisch sind. Löns, ein intellektueller Stadtmensch, beobachtete die zunehmende Urbanisierung zu Beginn des industriellen Zeitalters mit großer Skepsis, suchte immer wieder die Nähe zur Natur, idealisierte das Bild des Jägers als Heger und Pfleger, setzte sich 1911 für die Gründung des ersten deutschen Naturparks, der Lüneburger Heide, ein und gilt als früher Wegbereiter des Naturschutzes. Die Eindrücke, die er während seiner oft wochenlangen Naturaufenthalte – er besaß eine Jagdhütte – sammelte, verarbeitete er noch vor Ort zu Romanen, Erzählungen und Gedichten, von denen einige später als Lieder vertont wurden und so auch explizit Eingang in GRÜN IST DIE HEIDE fanden. Rund zwei Jahrzehnte nach seinem Tod – Löns starb nach nur einem knappen Monat Kriegsdienst bei seinem ersten Sturmangriff in Frankreich – entdeckten ihn die Nazis für sich. Vor allem sein Roman „Der Wehrwolf“, der vom Kampf eines niedersächsischen Bauerndorfes gegen Landstreicher in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzählt, passte gut zu ihrer Ideologie, aber natürlich auch die generell in seinem Werk auffindbare Verknüpfung von Nationalismus und Naturverherrlichung. Dass Löns bekennender Antisemit war, dürfte auch nicht geschadet haben. Der Germanist Hans-Ulrich Koch fasst den Wert von Löns literarischem Werk kurz und bündig zusammen: „Banalste Gedichte, von denen einige durch Vertonung überlebt haben, und Provinzprosa, die der Blut-und-Boden-Literatur zumindest vorgearbeitet hat und für die der Ausdruck Kitsch noch ein Euphemismus ist: nicht viel anders wird wohl jeder, der über einigen literarischen Geschmack verfügt, das Werk von Hermann Löns charakterisieren.“

Deppes Film bedient sich, ganz im Sinne der verheerenden Ideologie des vorangegangenen Jahrzehnts, der Naturmotivik, um an das deutsche Nationalgefühl zu appellieren: Zum Ende des Films versammeln sich die Heidebewohner zusammen mit dem Zirkusvolk zu einem Volksfest, bei dem Nachtigall (Kurt Reimann), einer der drei lustigen Vagabunden, die als eine Art comic relief durch den Film wandeln, das „Riesengebirgslied“ singt, in das schließlich alle einstimmen. Das Volkslied besingt die Schönheit des eigentlich polnisch-tschechischen Gebirges, das in einer späteren, auch im Film verwendeten Umdichtung des ursprünglichen Textes aber als „deutsches Gebirge“ identifiziert wird, und die Sehnsucht, die seine Bewohner in der Ferne danach verspüren. Diese unbeschreibliche, nahezu körperlich spürbare Sehnsucht ist es auch, die den Wilderer Lüdersen, die Ausreise in städtisches Exil vor Augen, zu einer pathetischen, fast tränenerstickten Rede anheben lässt. In überzeichneten Bildern beschreibt er die Stadt als Ort der Tristesse, an dem man den Staub von den Bäumen wischen müsse, um zu sehen, ob sie darunter wirklich echt sind. Die Natur hingegen mache sich als unheimlicher Sog in seinem Inneren bemerkbar, als unstillbarer Durst, dem er sich nun für immer widersetzen müsse. Auch seine nächtlichen Jagdgänge lassen sich von ihm nicht rational erklären. Seine Versuche, sie vor seiner Tochter zu rechtfertigen und zu begründen, enden allesamt in abgebrochenen Sätzen und Ausflüchten, sie könne es ja doch nicht verstehen: Wahrscheinlich, weil er sie selbst nicht versteht. Und so wird GRÜN IST DIE HEIDE, im Unterschied zum ganz und gar sonnigen SCHWARZWALDMÄDEL, von einer entschieden dunkelromantischen Strömung untergraben (unterflossen?). Passend dazu spielen viele Szenen bei Nacht, zeichnen die Heide als mystischen Ort voller Verstecke und Geheimnisse, der vom Menschen weder vollkommen gebändigt noch auch nur durchschaut werden kann. DieseKraft, die die Menschen für diese Landschaft einnimmt und den hilflosen Lüdersen Nacht für Nacht hinauszieht, ist dieselbe, die auch die Nationalsozialisten beschworen und für ihre Zwecke instrumentalisiert haben: ein undefiniertes, sinnliches Wallen und Wogen in der Brust, das die Menschen angesichts von Konzepten wie „Heimat“, „Volk“ oder eben „Natur“ spür(t)en. Der Film steht dieser Kraft nicht unbedingt indifferent, aber doch einigermaßen ratlos gegenüber. Das Handeln Lüdersens ist falsch, aber ein schlechter Mensch ist er auch nicht. Und um seinem dunklen Trieb etwas Positives entgegenzuhalten, geht er am Schluss eben vollständig in schnöder Heimat- und Naturverbundenheit auf, stellt sich außerdem ein anderer, natürlich Auswärtiger als böser Fallensteller und Mörder heraus. Wobei sich dann die Frage stellt: Gibt es denn einen Ort, der nicht irgendjemandes Heimat und für ihn mit ebensolchen Gefühlen aufgeladen ist?

Oben skizzierte Elemente machen es unmöglich, den Film so gänzlich „unschuldig“ zu sehen und zu genießen zu können, wie das beim für mich SCHWARZWALDMÄDEL zweifellos der Fall war, auch wenn GRÜN IST DIE HEIDE mit seinen Postkarten-Naturpanoramen und diesen über die Jahrzehnte leicht ins Pastellige verblichenen Farben ebenfalls reich an visueller Schönheit und Magie ist. Und dieser Sinn für die ausgedehnte Pause und das gute Tröpfchen zwischendurch, den deutsche Filme aus jener Zeit und bis in die Siebziger pflegten, ist etwas sehr Spezielles und Spezifisches, ein kleines Detail, das immer bedeutender wird, je häufiger man es wiederentdeckt. Die breit ausgedehnte Zirkus-Sequenz kurz vor Schluss, die den Film mit eingebauten Clowns-, Artisten- und Zauber-Attraktionen auf Länge bringt, zeigt indes eindeutig den schnöde-kommerziellen Impuls hinter der Produktion, für die offenkundig kein solch ausgefeiltes Drehbuch wie noch für den Vorgänger zur Verfügung stand (dessen folkloristischen Elemente wirkten dort noch weitaus weniger zeitschindend und selbstzweckhaft). Hier existierte dann eben schon so etwas wie eine Zielgruppe, Vorstellungen darüber, was diese sich von dem Film erhoffte, und der Wille, diesen Wünschen möglichst vollständig nachzukommen. Auch das Thema, Heimat und Natur, wird von Deppe nicht organisch aus der Geschichte und den Figuren heraus entwickelt, sondern vielmehr von außen übergestülpt. Das zeigt sich besonders an der Beziehung zwischen dem Amtsrichter (Willy Fritsch) und der Reiterin Mona (Maria Holst), einer alten Freundin von Helga, die sich dem Zirkus allein angeschlossen hat, um so in die USA übersetzen zu können: Den ganzen Film über wird sie von dem älteren Herrn, der sich Hals über Kopf in sie verliebt hat, bekniet, doch bei ihm „in der Heimat“ zu bleiben, ohne jedoch von ihrem Plan abzuweichen: bis zum Ende, als das Happy End ihren plötzlichen Gesinnungswechsel erforderlich macht, ohne dass der Beweggrund für ihr Umdenken auch nur annähernd nachvollziehbar würde. Daran zeigt sich sehr deutlich aus welchem ideologischen Holz GRÜN IST DIE HEIDE geschnitzt ist: Die Vernunft muss dem Ruf des Herzens nachgeben, Argumente sind Schall und Rauch, wenn das Sentiment nur stark genug ist, das Heimat- und Vaterlandsgefühl nur laut genug besungen wird. Deppes Film ist ein unersetzliches Zeitdokument und ein faszinierender Film, schön und verführerisch, aber in dieser Tendenz auch sehr beunruhigend und befremdlich.