Mit ‘Lil Dagover’ getaggte Beiträge

Just an dem Tag, an dem Margaret Lois Reedle (Brigitte Grothum) ihre Stelle bei dem Rechtsanwalt Shaddle (Fritz Rasp) kündigt, um künftig als Sekretärin für Gräfin Moron (Lil Dagover) zu arbeiten, beginnt ein mysteriöser Mann (Klaus Kinski) sie telefonisch zu belästigen, um seinen Morddrohungen dann sogleich Taten folgen zu lassen. Nur durch die Hilfe eines Fremden, des zur rechten Zeit auftauchenden Mike Dorn (Joachim Fuchsberger), bleibt Margaret am Leben. Wenig später erfährt sie zu ihrem Entsetzen, dass ihre Mutter nur ihre Adoptivmutter war: Tatsächlich brachte sie die verurteilte Mörderin Mary Pinder (Marianne Hoppe) zur Welt, die gerade aus der Haft entlassen wird …

DIE SELTSAME GRÄFIN schließt nahtlos an Reinls DER FÄLSCHER VON LONDON an, was bedeutet, dass sich auch von Báky weniger auf polizeiliche Ermittlungen als auf das Schicksal seiner weiblichen Protagonistin konzentriert. Die Arme entgeht mehrfach nur knapp dem Tod (durch eine von einem Baugerüst fallende Schubkarre, eine Explosion, vergiftete Pralinen, ein heranrasendes Auto und einen einstürzenden Balkon), sieht ihre ganze Biografie auf den Kopf gestellt und landet dann am Ende völlig aufgelöst gar als vermeintlich Geisteskranke in der Irrenanstalt des nur wenig vertrauenerweckenden Dr. Tappat (Rudolf Fernau). Es ist nicht nur die Anwesenheit der großen Lil Dagover, deutscher Stummfilm- und UFA-Star, die den Eindruck erweckt, DIE SELTSAME GRÄFIN sei 20 Jahre älter: Der Plot erinnert etwas an Edel-Mysterygrusler vom Schlage eines REBECCA, ebenso die kontrastreiche Fotografie, die Schatten mit großem Effekt einzusetzen versteht. Das exploitative Elelement, dass die Wallace-Filme sonst auszeichnet, wird eher sparsam eingesetzt und geht vor allem auf das Konto Kinskis, der hier zum ersten Mal in der Reihe in einer jener Irren-Rollen zu sehen ist, mit denen man ihn später nicht zuletzt assoziierte. Sein Auftritt als wahnsinniger Bresset, der die arme Margaret terrorisiert, bietet ihm die Gelegenheit, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Seine Tobsuchtsanfälle in der Gummizelle sind hier allein das Eintrittsgeld schon wert. Ansonsten kann man sich nur lebhaft vorstellen, was jemand wie Vohrer aus diesem Stoff gemacht hätte: Ich ahne, dass es bei seinen Anstaltsszenen kein Halten mehr gegeben hätte, die Grenze zum Horrorfilm deutlich vehementer überschritten worden wäre. So bleiben die Anleihen beim Gothic-Horror – das düstere Geheimnis, das in Margarets Vergangenheit liegt und nun die Gegenwart beeinflusst – sehr zurückhaltend, lediglich hübsch schmückendes Beiwerk für einen kompetent gemachten Whodunit vom alten Schlag, der gleichermaßen stilvoll und ansehnlich geraten ist.

Ein paar kleinere Variationen des Erfolgsrezepts schaffen den nötigen Wiedererkennungswert: Fuchsberger tritt in einer zunächst etwas ambivalenteren Rolle auf und wird sogar als möglicher Täter angeboten, Eddi Arent ist nicht bloß am Rand stehendes Comic-Relief-Beiwerk, sondern als Sohn der Gräfin stärker in die Geschichte eingebunden als in den Filmen zuvor. Die niedliche Brigitte Grothum gibt ebenfalls einen etwas anderen Heldinnentyp ab, ist verletzlicher, menschlicher und nahbarer als es etwa Karin Dor ist. Die Freundschaft zu ihrer treuen Begleiterin Lizzy (Edith Hancke), die ihr den ganzen Film über Beistand leistet, lässt sie – auch wenn sie als weitestgehend hilflose Damsel in Distress angelegt ist – mehr als echten Charakter erscheinen. Und dass es nebenbei um die Reintegration von Kriminellen in die Gesellschaft geht, möchte man dem Film beinahe als milde gesellschaftskritisches Element anrechnen. Auch DIE SELTSAME GRÄFIN ist natülich in erster Linie pulpiges Entertainment voller Klischees, aber dabei um Einiges gediegener als seine Vorläufer. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Gewaltspitzen stark reduziert wurden: Von Bákys Film ist eher zahm, hebt sich seine wenigen Toten bis zum Schluss auf und kann sich dem Vorwurf der „Selbstzweckhaftigkeit“ somit ganz beruhigt stellen. Insofern ist er vielleicht nicht unbedingt einer der typischsten Wallace-Filme, aber das hebt ihn aus der Masse angenehm hervor.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (7. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (5.),  Fritz Rasp (4.), Klaus Kinski (3.), Reinhard Kolldehoff (2.), Brigitte Grothum, Richard Häussler, Alexander Engel, Albert Bessler und Kurt Jaggberg (1.).  Regie: Josef von Báky Platz, Jürgen Roland (3.) und Ottokar Runze, Drehbuch: Curt Hanno Gutbrod und Robert A. Stemmle (1.), Musik: Peter Thomas (2.) (in DER FROSCH MIT DER MASKE blieb er noch ungenannt), Kamera: Richard Angst (1.), Schnitt: Hermann Ludwig (2.), Produktion: Horst Wendlandt (5.). 
Schauplatz: Gedreht wurde in West-Berlin sowie wieder einmal am Schloss Ahrensberg in Schleswig-Holstein.
Titel: Bezieht sich auf die mysteriöse Person, bei der alle Plotfäden zusammenlaufen und die vielleicht hinter den Mordanschlägen steckt.
Protagonisten: Damsel in Distress Margaret Reedle und ihr Helfer Mike Dorn.
Schurke: Klaus Kinski als wahnsinniger Auftragsmörder, Rudolf Fernau als schurkischer Irrenarzt, die räfin als Fadenzieher im Hintergrund?
Gewalt: Tod durch Stromschlag, zwei Erschießungen.
Selbstreflexion: Keine.