Mit ‘Lillian Gish’ getaggte Beiträge

Vielleicht der Film, über den zu schreiben am schwierigsten ist?

D. W. Griffiths THE BIRTH OF A NATION ist ein Film der Superlative: Es war der erste Film auf 12 Rollen, den damaligen Standard mit seinen 190 Minuten weit überschreitend, der erste Film, für den ein eigener Score komponiert wurde, der erste, der landesweit vertrieben wurde und für den Zuschauer denselben Preis wie für ein Konzert bezahlen mussten. Thomas Dixon jr., Autor der Romanvorlage „The Clansman“ und des Drehbuchs, ließ sich von Griffith, der sich nicht zu erträumen wagte, was BIRTH für ein bahnbrechender Erfgolg werden würde, eine 25-prozentige Umsatzbeteiligung in den Vertrag schreiben, und wurde darüber zum Multimillionär. Die komplexe Handlung von THE BIRTH OF A NATION erstreckt sich über mehrere Jahre vom Beginn des Bürgerkriegs bis in die Zeit der Rekonstruktion, und integriert dabei mehrere (angeblich) originalgetreu nachgestellte Ereignisse, wie etwa die Erschießung Lincolns. Mehrere Erzählstränge um ein gutes Dutzend handelnder Figuren werden ineinandergewoben, Hunderte von Statisten in den aufwändig choreografierten Schlachten- und Massenszenen aufeinandergehetzt. Um die damit verbundenen Schwierigkeiten zu lösen – man bedenke, dass Griffith mit dem Ton auf ein wichtiges Bedeutung tragendes Element verzichten musste -, entwickelte der Regisseur viele der auch heute noch wesentlichen Techniken, Stilmittel und Effekte. Kein Wunder, dass die Kosten während der Produktion von 40.000 auf 100.000 US-Dollar (nach Inflationsbereinigung ca. 2,5 Millionen USD) explodierten. Doch das wirtschaftliche Risiko zahlte sich aus: Die Menschen standen Schlange, um das Spektakel zu sehen, lachten und weinten, fieberten, litten und jubelten, wie sie das zuvor im Kino noch nie getan hatten. Über das Einspielergebnis lässt sich heute nur spekulieren, aber es wird vermutet, dass THE BIRTH OF A NATION weltweit von über 200 Millionen Menschen gesehen wurde. Damit waren die Weichen gestellt: Wurde Film bis zu diesem Zeitpunkt als putzige, aber nur wenig nachhaltige Jahrmarktattraktion betrachtet, änderte sich das mit Griffiths Werk, offenbarten sich seine immensen, mit keiner anderen Kunstform zu vergleichenden Möglichkeiten auch Skeptikern in ihrem ganzen Ausmaß. Die Geschichte des Kinos als kommerzieller Unterhaltung für die Massen und des über spektakuläre Schauwerte verfügenden Blockbusters begann mit D. W. Griffiths Epos. Es ist wahrscheinlich der wichtigste Film des 20. Jahrhunderts.

Dieser mit keinem anderen Film des 20. Jahrhunderts zu vergleichende historische Status ist in gewisser Hinsicht auch sein Glück, denn – und das ist die Kehrseite der Medaille – ideologisch ist THE BIRTH OF A NATION nicht zu verteidigen. So ehrbar Griffiths Vorhaben eines Antikriegsfilms vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs auch ist: Es fällt schwer, seinen Humanismus ernst zu nehmen, wenn Schwarze nicht nur konsequent als Menschen zweiter Klasse, sondern auch als faul, dumm, gemein, raubtierhaft und grausam, die Rassisten und Lynchmörder des Ku Klux Klan hingegen als edle Retter der Nation dargestellt werden. Auch wenn man Griffith zugutehält, dass er mit seinen Ansichten nur den damals vorherrschenden Mainstream vertrat, selbst Kind einer entsprechenden gesellschaftlichen Prägung war und aufgrund seiner Herkunft (sein Vater war selbst stolzer Südstaatler) kaum anders denken konnte, als es hier zutage tritt, ist THE BIRTH OF A NATION in seiner zweiten Hälfte, die sich mit der Rekonstruktionszeit beschäftigt, harter Tobak. Die Politiker, die Lincolns Erbe übernehmen – der mit Bocksbein und halbwahnsinniger farbiger Geliebter ausgestattete Stoneman (Ralph Lewis) und sein Protegé, der „Mulatte“ Silas Lynch (George Siegman) – haben mit ihrer schwarzenfreundlichen Agenda nichts anderes im Sinn, als den Süden wirtschaftlich zu ruinieren, legen dabei geradezu teuflisch-perverse Charakterzüge an den Tag und werden ohne jede positive Eigenschaft gezeichnet. Die ehemaligen Sklaven benehmen sich wie eine Bande losgelassener Affen, denen die neue Freiheit sogleich zu Kopf gestiegen ist, und die armen, armen Südstaatler sind plötzlich Fremde im eigenen Haus, werden nach der erlittenen Niederlage immer weiter gedemütigt. Man fühlt sich unweigerlich an die „Ängste“ erinnert, die derzeit diversen verblödeten Bundesbürgern die Synapsen verstopfen und sie auf die Straßen treiben. Die Erlösung kommt, als die tapfersten Südstaatler den Ku Klux Klan gründen und für ihr „Aryan birthright“ – so eine besonders harte Texttafel – kämpfen und schließlich triumphieren. Dass Lincoln die Sklaverei aus moralischen Erwägungen abschaffte, die Guten im Norden und die Bösen im Süden wohnten, ist gewiss ein Trugschluss; nicht zuletzt standen wirtschaftliche Erwägungen und geldwerte politische Interessen hinter der Abschaffung der Sklaverei. Das darf man durchaus auch benennen. Aber Griffith ist ja nicht an Aufklärung gelegen, wie er zum Auftakt des Films verkündet, sondern an plumpester Revision. Seine Kritik richtet sich nicht gegen eine scheinheilige Politik, deckt nicht etwa das Streben nach Macht und Reichtum als Triebfeder auf, sondern verzeichnet seine Feinde allesamt zu augenrollenden Dämonen, die Schwarzen zu einer vertierten Brut, die man gar nicht anders behandeln kann, als sie in Ketten zu legen. Seine Abstraktion dient nicht der Bergung der Wahrheit, sondern ihrer Verschleierung.

Das macht es zwar unmöglich, THE BIRTH OF A NATION zu lieben, aber es ändert nichts an seinem Wert als kulturhistorisches Artefakt. Griffiths Film ermöglicht den unverstellten Blick auf seine Entstehungszeit und das Denken seiner Zeitgenossen, aber das ist ja nur der naheliegendste Aspekt. Für viel wichtiger halte ich, dass wahrscheinlich kaum ein anderer Film so gut dazu geeignet ist, zu demonstrieren, welche Kraft die Kunstform entfalten kann, wie sie Affekte steuert und Überzeugungen transportiert. Aus formaler Sicht, daran kann es keinen Zweifel geben, ist Griffiths Film ein Meisterwerk, der schiere Scope seine Visionen und Schlachtengemälde atemberaubend, die Fotografie schlicht umwerfend und die Unverfrorenheit seiner rassistischen Polemik lässt einem auch heute noch das Blut in den Adern gefrieren. Wie muss dieser Film die Menschen damals umgehauen haben, die mit dem Medium noch kaum mehr als bewegte Bildchen verbanden? Dass Griffith dieses bis dahin ungenutzte Potenzial für einen solch hasserfüllten Film hob, stimmt traurig, andererseits brauchte das Kino vielleicht diesen Urknall, um seinen Siegeszug antreten zu können. Und die Kontroversen, die THE BIRTH OF A NATION verursachte, die (verständlichen) Rufe nach Zensur und Verbot, die er nach sich zog, bewogen Griffith ein Jahr später dazu, INTOLERANCE zu drehen, einen Film, den noch heute viele Cineasten für eine der einsamen Sternstunden der Filmgeschichte halten und bei dessen Betrachtung der innere Humanist nicht gepeinigt, getreten und bespuckt wird. Trotzdem: Wer sich ernsthaft mit Film auseinandersetzen möchte, der muss THE BIRTH OF A NATION wenigstens einmal durchlitten haben.

 

Dino Corelli (Desi Arnaz jr.), Sohn des italienischen Einwanderers Luigi (Vittorio Gassman) und seiner wohlhabenden Gattin Regina (Nina Van Pallandt), heiratet Muffin Brenner (Amy Stryker), ihrerseits Tochter des irischstämmigen Spediteurs Snooks Brenner (Paul Dooley). Die große Feier im stattlichen Herrenhaus der Corellis beginnt denkbar tragisch mit dem Tod von Nettie Sloan (Lillian Gish), Reginas altersschwacher Mutter, und mit zunehmender Dauer gesellen sich zur Toten noch weitere, wenn auch – bis zum Finale – nur metaphorische Leichen aus den Kellern der Beteiligten hinzu. Die Situation eskaliert endgültig, als herauskommt, dass Buffy Brenner (Mia Farrow) ein Kind vom frisch gebackenen Gatten ihrer Schwester erwartet …

A WEDDING war der vorläufige Schlusspunkt unter einer beispiellosen Serie künstlerischer Großtaten Altmans; wahrscheinlich sein letzter wirklich großer Film vor seinem viel beachteten Comeback mit THE PLAYER in den frühen Neunzigerjaren. (Ich werde diese Vermutung im weiteren Verlauf meiner Altman-Retro noch verifizieren oder falsifizieren.) In einer eigentlich kaum noch für möglich gehaltenen Steigerung verdoppelte Altman die Zahl der Protagonisten aus NASHVILLE auf satte 48, die er diesmal allerdings in einem wesentlich enger abgesteckten Setting beobachtete. Wie in seinem genannten Meisterwerk nutzt Altman die offene Prämisse einer Hochzeitsfeier für eine genuss-, aber durchaus auch liebevolle Sezierung der amerikanischen Oberklasse, die Kollision von „Old Money“ und „New Money“, wie er es im auf der DVD enthaltenen Interview bezeichnet. In A WEDDING hat nahezu jeder Charakter ein mehr oder weniger dunkles Geheimnis, das die mühsam aufrechterhaltene Fassade von Kultiviertheit und Anstand als eben solche enttarnt: Regina wird vom Hausarzt Dr. Meecham (Howard Duff) mit Drogen versorgt, Muffins Mutter Tulip (Carol Burnett) führt eine unglückliche Ehe mit ihrem Mann und wird von Reginas Schwager Mackenzie (Pat McCormick) leidenschaftlich hofiert, Sohn Dino und seine Kameraden von der Militärakademie sind alles andere als brav und vorbildlich und das Objekt ihrer Begierde Buffy, ihrerseits uneingeschränkter Liebling ihres Vaters, gibt nur vor, ein stilles Mäuschen zu sein, hat es vielmehr faustdick hinter den Ohren. Doch das ist alles nichts im Vergleich zu dem geheimen Abkommen, dass Luigi einst mit seiner Schwiegermutter getroffen hatte und das mit ihrem Tod nun seine Gültigkeit verloren hat.

Altman stellt die feine Gesellschaft als heuchlerisches und eitles Volk bloß, das den eigenen hohen Ansprüchen an Sitte, Moral und Anstand längst nicht mehr gerecht wird und sich über die emotionale Verarmung gnadenlos in Widersprüchen verstrickt. Die ach so mustergültigen Ehen und perfekten Familien existieren eigentlich nur auf dem Papier und im Fall Luigi Corellis stimmt noch nicht einmal der Name im Pass. Das Problem ist jedoch nicht die etwaige Verkommenheit dieser Menschen, sondern die absurden Vorstellungen darüber, was „richtiges“ Leben eigentlich bedeutet. Das, was sich die Angehörigen der Hochzeitsgesellschaft darunter vorstellen, erweist sich als schlicht nicht lebbar. So wird ausgerechnet die Hochzeitsfeier, ein von vorn bis hinten durchnormiertes und nach klaren Regeln und Konventionen ablaufendes Gesellschaftsritual und noch dazu eines, das das Ehepaar in die Schuld des wohl strengsten Richters überhaupt – Gott – stellt, der Anlass, zu dem alle Beteiligten ihr Korsett abstreifen, sich aus den Zwängen befreien und ein neues Leben in Betracht ziehen. Auch wenn es manchmal schmerzhaft ist, dem zuzuschauen – A WEDDING ist voll von peinlichen Enthüllungen und Entgleisungen –, inszeniert Altman dieses Schauspiel mit der dringend nötigen Leichtigkeit und lässt niemals einen Zweifel daran aufkommen, dass sich die Figuren mit all ihren Verfehlungen seiner Sympathie gewiss sein könnnen. A WEDDING ist tatsächlich einer der lustigsten Filme Altmans und es ist schlicht ein Vergnügen, sich als Zuschauer unter die Anwesenden zu mischen, mal hierhin und mal dorthin zu schlendern und Eindrücke zu sammeln, die sich manchmal zu einem Gesamtbild zusammenfügen, manchmal aber auch nicht. Altman enthüllt nämlich längst nicht alle Geheimnisse (zumindest nicht nach der Erstsichtung): Warum von den hunderten von geladenen Gästen tatsächlich nur einer gekommen ist, wird ebenso wenig beantwortet, wie etwa die Frage nach der unfreiwilligen Kinderlosigkeit der Hochzeitsplanerin (Geraldine Chaplin), die in einem der für Altman so typischen hingeworfenen Dialogsätze ein persönliches Drama offenbart, dem andere Regisseure einen ganzen Film gewidmet hätten, ohne jedoch dieselbe Durchschlagskraft zu erzielen.

Zwei Szenen spiegeln das breite Spektrum des Films am besten wieder: So versammelt sich etwa in der Mitte des Films die gesamte Hochzeitsgesellschaft in Luigis Kellerbar, um vor einem heraufziehenden – reinigenden? – Sturm Schutz zu suchen und werden von Regina spontan zu einer gemeinsamen, ausgelassenen Gesangseinlage angespornt. Auf einmal sind alle gärenden Konflikte vergessen und alle sind einfach nur da, aufgelöst in einem Moment von unbeschreiblicher Magie. Demgegenüber steht das Ende, das den Seelenfrieden der beiden Kernfamilien mit dem Tod zweier Nebenfiguren erkauft: Hier ist dann doch wieder der Zyniker Altman am Werk, der seine Zuschauer einfach nicht entlassen kann, ohne ihnen einen Nasenstüber zu verpassen. Aber so ist das Leben: Trauer und Glück liegen eng beieinander und bedingen sich oftmals sogar. Alles hat seine zwei Seiten und manchmal muss man diese Dialektik einfach hinnehmen, ohne sie auflösen zu können.