Mit ‘Lindsay Lohan’ getaggte Beiträge

the canyons (paul schrader, usa 2013)

Veröffentlicht: September 23, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , ,

canyons_ver3_xlgDie Euphorie war zunächst groß: Paul Schrader dreht nach einem Drehbuch von Bret Easton Ellis, seines Zeichens Autor des Jahrhundertromans „American Psycho“, einen fast ausschließlich über Crowdfunding finanzierten Film mit Entzugsklinik-Dauergast und Skandalnudel Lindsay Lohan und Pornstar James Deen in den Hauptrollen. Das weitere Casting erfolgt mithilfe von Social-Media-Tools, die gesamte Pre-Production gerät vom Experiment zum politischen Statement: …we’re making art out of the remains of our empire. The junk that’s left over. And this idea of a film that was crowdfunded, cast online, with one actor from a celebrity culture, one actor from adult-film culture, a writer and director who have gotten beat up in the past—felt like a post-Empire thing.“ Noch vor dem Release kursieren klickträchtige Anekdoten über die Zusammenarbeit mit dem Problemfall Lohan, die Schrader allerdings nicht im günstigsten Licht, sondern eher als chauvinistischen Menschenquäler und Manipulator oder aber schlicht als Großmaul dastehen lassen. Dann schließlich gibt es Streit über die finale Schnittfassung. Vor allem Ellis wird deutlich: The film is so languorous. It’s an hour 30, and it seems like it’s three hours long. I saw this as a pranky noirish thriller, but Schrader turned it into, well, a Schrader film.“ Er rudert schließlich zurück, doch irgendwie ist abzusehen, welches Schicksal THE CANYONS ereilen wird: Der Film wird zuerst sowohl vom Sundance Festival als auch vom SXSW abgelehnt und erfährt einen nur kleinen Start, der überwiegend mit vernichtenden Kritiken quittiert wird. Zwar gibt es auch wohlwollende, gar überschwängliche Stimmen, aber am Ende entfaltet THE CANYONS längst nicht die künstlerische Potenz, die Enthusiasten sich von ihm erhofft hatten.

Ich muss relativieren: THE CANYONS ist gewiss nicht die künstlerische Bankrotterklärung, die manche Rezensenten in ihm gesehen haben wollen oder die die desaströsen 3,9 Pünktchen auf IMDb vermuten lassen. Die kühle Fotografie – gedreht wurde an Hollywood-Originalschauplätzen oder in aufgeräumten Designerhäusern – weiß ebenso zu überzeugen wie die Akteure, und die eisige Atmosphäre, die Schrader erzeugt, wirkt gerade im Kontrast zum beruhigend im Hintergrund pluckernden Elektroscore überaus enervierend und niederziehend. THE CANYONS ist mit seinen Beziehungsmonstren das grimmige Spiegelbild der gut gelaunten RomCom oder Soap Opera, seine Protagonisten sind ein egoistisch-psychotischer Sex- und Geldprotz (James Deen) und seine emotional vollkommen ausgebrannte Freundin (Lindsay Lohan). Man weiß von Anfang an, dass das immer schneller drehende Beziehungskarussell irgendwann aus der Verankerung und seine Passagiere ins Verderben reißen wird, trotzdem beobachtete man fasziniert, wie die Katastrophe sich langsam und unaufhaltsam nähert. Mehr noch als Lindsay Lohan, die im Grunde genommen sich selbst spielt, reißt James Deen den Film mit seiner Darbietung an sich: Die Filmgeschichte hat wohl nur wenige größere Arschlöcher gesehen.

Aber das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass THE CANYONS eigentlich nichts Substanzielles zu sagen hat. Die Welt ist scheiße, seine Bewohner entweder psychopathische Egomanen oder emotionale Wracks, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Ständig tippen sie auf ihren Smartphones herum oder laden sich via Online-Dating fremde Leute für den enthemmten Sex nach Hause ein. Die Oberfläche ist alles, verdecken tut sie längst nichts mehr. Das weiß man schon seit, genau, „American Psycho“, der allerdings noch mit einem gewissen Humor aufwartete – und zwar nicht erst in der Verfilmung von Mary Harron –, satirische Zuspitzung leistete und daher aufschlussreich war. THE CANYONS ist einfach nur negativ, wiederholt Klischees, die ihre Urheber als von der Zeit überholte Meckerfritzen enttarnen, die wahrscheinlich in erster Linie verbittert über ihre zunehmenden Erektionsprobleme sind. Man fragt sich unweigerlich, warum zwei Künstler, die offensichtlich so wenig Positives in der Welt sehen, sich überhaupt noch die Mühe machen. Einzig die Aufnahmen von leerstehenden, verlassenen und langsam verfallenden Kinos, die den Film eröffnen und beenden, die sind ausnahmslos toll. Ansonsten ist THE CANYONS ein ziemlich zweischneidiges Schwert.

Der mexikanische Agent „Machete“ (Danny Trejo) muss dabei zusehen, wie seine Frau vom Drogengangster Torres (Steven Seagal) umgebracht wird, die folgende, eigene Hinrichtung überlebt er jedoch und taucht Jahre später im politisch umkämpften texanisch-mexikanischen Grenzland auf der Seite der USA wieder auf. Dort wird er vom schmierigen Michael Booth (Jeff Fahey) beauftragt, Senator John McLaughlin (Robert De Niro) umzubringen, der einen elektrischen Grenzzaun errichten will, um illegale mexikanische Immigranten abzuwehren. Machete nimmt den Auftrag an, doch dann kommt ihm  bei der Erschießung jemand zuvor. Mithilfe der Polizeibeamtin Sartana (Jessica Alba) kommt er einem Komplott auf die Schliche, hinter dem niemand Geringeres als sein Erzfeind Torres steckt …

MACHETE ist, so viel sollte bekannt sein, das von einigen herbeigesehnte Spin-off eines zu GRINDHOUSE-Tagen frenetisch gefeierten Fake-Trailers von Robert Rodriguez, mit dem der Regisseur seinerzeit amerikanisch-mexikanischer Exploitation und dem Chicks-with-Guns-Subgenre Tribut zollte. Das Auswalzen dieses Trailers auf Spielfilmlänge gelingt Rodriguez vor allem dadurch, dass er seine Geschichte um den mexikanischen Supermann mit der Machete mithilfe vieler schillernder Nebenfiguren aufbläst. Durchaus zum Vorteil des Zuschauers: Die Auftritte von Robert De Niro, der hier zum ersten Mal seit x Jahren von seiner totgerittenen Masche des grimmigen Hardliners abweicht (OK, ein Hardliner ist er hier auch), von Don Johnson als Anführer einer Gruppe von Vigilanten, die die Grenze nach illegalen Einwanderern absuchen, oder von Seagal, der sich für weitere bizarre Schurkenrollen empfiehlt, lassen einem das Herz aufgehen und über das große, große Manko des Films hinwegsehen: Im Grunde seines Herzens ist Rodriguez nämlich ein richtiger Mainstreamer.

Wenn er in der Eröffnungssequenz das Bild mit entsprechenden Effekten auf alt trimmt, um das Siebzigerjahre-Bahnhofskino-Flair zu erzeugen, um das es in MACHETE ja nicht zuletzt geht, diese Sequenz dann aber mit deutlich als solchen zu identifizierenden CGI-Splattereffekten würzt, den erzeugten Eindruck somit selbst wieder zerstört, dann ist damit schon gesagt, woran es MACHETE mangelt: an Authentizität und einer gewissen Selbstdisziplin. Vom Kanon bizarrer Billigfilme, den ja auch Spezi Tarantino regelmäßig herunterbetet, hat sich Rodriguez vor allem bildlich inspirieren lassen: der tätowierte, vernarbte Ex-Federal-Agent mit Machetenvorliebe, der rassistische texanische Politiker, die heiße Blonde mit dem Vaterkomplex, die sich zum Schluss von der Hure in eine Heilige verwandelt (Lindsay Lohan überraschend freizügig), der griechische Hitman Osiris Amanpour (Tom Savini in einer Nebenrolle), die einäugige Amazone mit dem Riesenballermann (Michelle Rodriguez darf die Apotheose ihres eigenen Rollenklischees geben), der sonnenbebrillte Cowboy mit den Koteletten. Diese Figuren verquirlt Rodriguez zu einer Geschichte, die aller angeblicher Anstößigkeit zum Trotz erstaunlich glatt rüberkommt und nur wenig von der elliptischen, antiklimaktischen Holprigkeit jener Filme hat, die doch eigentlich referenziert werden sollen.

Diese Glätte kann man nicht zuletzt auf den Jessica-Alba-Charakter zurückführen, der dem eigentlichen Protagonisten Machete zur Seite gestellt wird, um dem Durchschnittskinogänger, der sich schwer tut, einen 60-jährigen, über und über tätowierten und verlebten mexikanischen Ex-Knacki, den er zudem nur aus Nebenrollen kennt, als Identifikationsfigur zu akzeptieren. Die Illusion, einen schmierigen Bahnhofskinofilm zu sehen, verflüchtigt sich spätestens, wenn Alba auf dem Bildschirm erscheint und langweilige Dialogszenen Exposition betreiben sollen, mit der sich die Vorbilder nie lang aufgehalten haben. Das ist typisch für den Film, der bei allem Exzess strukturell völlig steif und leblos wirkt, noch jedes kleine Plothole zu stopfen und alle Figuren mit einer schönen Motivation auszustatten versucht, anstatt sich um solchen wohlfeilen Quark einfach einen Dreck zu scheren.

Vielleicht tut man MACHETE aber auch Unrecht, wenn man ihn auf seinen Referenzcharakter reduziert. Seine Story, in der ein Mexikaner einen rassistischen Politiker umbringen soll, damit die US-amerikanische Wirtschaft weiterhin von den billigen Arbeitskräften, die illegale mexikanische Einwanderer nunmal sind, profitieren kann, ist deutlich brisanter, als es der vordergründig auf Spaß und Thrill gebürstete Film vermuten lässt. Ich habe mich streckenweise schon ganz gut amüsiert mit MACHETE, aber irgendwie fällt mir doch vor allem ein Wort zu ihm ein: Brav. Das ist denkbar weit am Ziel vorbei.