Mit ‘Lino Capolicchio’ getaggte Beiträge

Die doch schon ziemlich rotstichige Kopie von ESCALATION, die vor knapp zwei Jahren beim Terza Visione lief, war kein reines, unbeschwertes Vergnügen. Die Blu-ray, die jetzt bei Forgotten Film Entertainment erschienen ist – dem Label, das wie das oben genannte Festival dem Schoß des KommKinos in Nürnberg entspringt – ist da schon von anderem Kaliber. Roberto Faenzas psychedelische Coming-of-Age-Farce ist außerdem ein toller Film über das komplizierte Verhältnis von Alt und Jung, Väter und Söhnen sowie Männer und Frauen. Claudine Auger sieht – wie der Film in dieser Präsentation – zum Anbeißen aus und lässt es einem gleichzeitig eiskalt den Rücken hinunterlaufen. Auf Critic.de habe ich anlässlich der Veröffentlichung der Blu-ray einen kleinen Text hinterlassen.

Mit dieser speziellen Art von linksliberalen Spätzechziger-Hippiefilmen habe ich mehr und mehr Schwierigkeiten: Auch wenn ich ihre grundsätzliche Haltung mag, stört mich oft der aufklärerische Ton, den sie anschlagen, die „Botschaft“, der dann alles untergeordnet wird. Roberto Faenzas Debüt genießt oder genoss in Italien zu seiner Entstehungszeit angeblich einen exzellenten Ruf und ich würde ihm immer zu Gute halten, dass er alles andere als stromlinienförmig ist. Er hüpft aus der Schublade, in die man ihn eben geglaubt hat, einordnen zu können, immer wieder raus, verwandelt sich von einer leichtfüßigen Coming-of-Age-Geschichte im Stile der Commedia all’italiana in eine böse,  gesellschaftskritische Groteske, ohne dass es jedoch einen echten tonalen Bruch gäbe. Das ist alles höchst seltsam und auch interessant, aber so richtig gut fand ich ESCALATION dann doch nicht. Wenn die zauberhafte Claudine Auger, für mich eine der schönsten Frauen, die jemals die Leinwand zierten, hier nicht immer wieder höchst erotisch und verführerisch ins Bild gerückt würde, wäre mein Urteil vielleicht sogar negativer ausgefallen.

ESCALATION hält sich nicht lang mit Exposition auf: Augusto Lambertenghi (Gabriele Ferzetti) reist nach London, wo sein Sohn Luca (Lino Capolicchio) sich im Müßiggang ergeht, von einer Indienreise träumt und den Buddhismus studiert. Seinem Vater ist all das zuwider, und weil er jemanden braucht, der ihm in seinem florierenden Betrieb hilft, holt er Luca nach Hause. Schon nach wenigen Arbeitstagen ist klar, dass Luca für den Kapitalismus nicht gemacht ist. Versuche ihn umzuerziehen, führen ihn in eine Heilanstalt, wo er einer Schocktherapie unterzogen wird, aber aus der er fliehen kann. Schließlich engagiert Augusto die Psychotherapeutin Carla Maria (Claudine Auger), die Luca ohne sein Wissen umerziehen soll, indem sie ihm eine Liebebeziehung – und dann eine Ehe – vorgaukelt. Der Plan gelingt, Luca entdeckt den Geschäftsmann in sich, wird aber von der zunehmend abweisenden Carla förmlich in den libidinösen Wahnsinn getrieben. Dann kommt er hinter das Komplott des Vaters – und begeht einen raffiniert geplanten Mord …

Faenza bringt eigentlich Unvereinbares zusammen: den breiten Körperhumor und die ausgestellte Albernheit der Slapstick-Komödie, verkörpert vor allem von Capolicchio, der seinen Luca als unreifen, tölpelhaften Clown anlegt, und die Reduzierung, die man vielleicht am ehesten mit dem absurden Theater verbindet. Alles Psychologische, das einem die Figuren in ihren Beweggründen näher bringen könnte, wird konsequent aus dem Film genommen, was ihm dieses Lehrstück- und Parabelhafte verleiht, den Umschwung, den ESCALATION in der zweiten Hälfte vollzieht, aber nicht gerade begreiflicher macht. Die Entscheidung Lucas, seine Gattin zu ermorden, scheint eher der „Aussage“, die Faenza machen will, geschuldet, als dass sie wirklich transparent wird. Immerhin führt dieser Twist zu einer denkwürdigen Schlussszene, bei der die Braut in einem Sarg aus Eis und zur Musik einer schwarzen Jazzkapelle vor einem apokalyptischen Industrie- und Mülldeponiepanorama beerdigt wird, während die Lambertenghis in neuer Einigkeit einer güldenen Zukunft entgegenschreiten. Grandios neben der Musik von Morricone und dem kühlen Sex der Auger ist Gabriele Ferzetti, der den Tycoon mit der smarten raubeinigen Ökonomie eines Amerikaners der Marke Richard Conte oder Jack Palance verkörpert und mit seinem Mienenspiel die meisten Lacher hat. Auch das Setting voller bizarrer Pop-Art-Möbel und sinnloser elektrischer Gadgets bereitet große Freude. Am Spiel Caplicchios hingegen schieden sich gestern die Geister und er ist definitiv die Hürde, die man als Zuschauer nehmen muss. Leider war die Kopie dieses raren Films sehr rotstichig, sodass  seine visuellen Qualitäten nicht mehr richtig zum Tragen kamen. ESCALATION reiht sich ein in die Phalanx jener europäischer Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, deren Verschwinden vorprogrammiert ist. Und auch wenn er keiner meiner Lieblingsfilme werden wird: Dieses Schicksal hat er nicht verdient.

Stefano (Lino Capolicchio), ein Wissenschaftler, besucht seinen älteren Bruder, den Priester Don Paolo (Craig Hill), der auf einer Insel in der Lagune von Venedig lebt, um sich dort zu entspannen. Doch aus diesem Plan wird nichts, weil es schon kurz nach Stefanos Ankunft einen Mord zu beklagen gibt. Mit dem weiblichen Opfer, einem im Ort bekannten Medium, lag der Geistliche ebenso im Clinch wie mit den in den nächsten Tagen folgenden Toten: Wer verfasst also die Morddrohungen, die der nun regelmäßig erhält? Stefano versucht den Fall aufzuklären und seinem Bruder so zu helfen. Ob die Morde etwas mit den Erinnerungsfetzen zu tun haben, die ihn seit kurzem anfallartig heimsuchen?

SOLAMENTE NERO fungiert als  weiterer Beleg für die von mir vertretene These, dass man keinen schlechten Film in Venedig machen kann. Zwar lässt sich vor allem nach den zuletzt bestaunten  IL PROFUMO DELLA SIGNORA IN NERO und SEI DONNE PER L’ASSASINO kaum verhehlen, dass es sich bei Antonio Bidos Giallo nur um spannende Unterhaltung handelt, die zudem etwas fahrlässig gescriptet ist. Doch die herbstlich-winterliche Tristesse seines Handlungsortes mit seinen heruntergekommenen, halb verfallenen Häusern, in denen die Bewohner sich wahrscheinlich florierende Schimmelpilzkolonien halten und bei deren Betrachtung es einem auch vor dem Bildschirm feuchtkalt in den Nacken zieht, lässt das sehr gut verkraften, wenn nicht gar vergessen. Ebenfalls zu seinem Vorteil gereicht es Bidos Film, dass er die prallen Geschmacklosigkeiten und den saftigen Sleaze, die das Gros der Gialli auszeichnen, vermeidet und für seine Auflösung gar das selten vergebene Prädikat „Glaubwürdig“ einheimsen kann. So hat man es bei SOLAMENTE NERO also mit einem eher seriösen, ruhigeren, ernsten und vor allem stimmungsvollen Film zu tun, der zwar – abgesehen vielleicht von Stelvio Ciprianis ohrenbetäubendem und Nackenhaare aufstellendem Score – keine Bäume versetzt, aber durchaus zu den positiven Erscheinungen eines qualitativ doch sehr heterogenen Genres gezählt werden darf.

Der Restaurateur Stefano (Lino Capolicchio) wird in die italienische Provinz gerufen, um in einer alten Kirche ein Fresko wiederherzustellen. Es handelt sich dabei um eine besonders makabre Darstellung der Ermordung des heiligen Sebastians, die der örtliche Maler Legnani angefertigt hatte, seinerseits besessen von Tod und Leid bis zu seinem bizarren Selbstmord, der jedoch nie wirklich verifiziert werden konnte. Nicht nur wird Stefanos Arbeit immer wieder sabotiert, er selbst entwickelt eine obsessive Beziehung zum Bild des Malers und zu dessen Geschichte, die ihn weitere Nachforschungen anstellen lässt. Doch das ist in dem kleinen Örtchen nicht gern gesehen …

LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO steht auf meiner To-watch-Liste, seit er irgendwann Mitte der Neunzigerjahre in einem Artikel in der Splatting Image als Pupi Avatis Meisterwerk gepriesen worden war. Leider war des Films während des dunklen VHS-Zeitalters nur sehr schwer habhaft zu werden – vor allem in einer verständlichen Fassung –, sodass ich ihn erst jetzt, also mit über zehn Jahren Verspätung, gesehen habe. Aber die Ansicht, dass ein wirklich guter Film es immer wert ist, auf ihn zu warten, habe ich hier ja schon häufiger vertreten – und sie hat sich erneut bestätigt. Obwohl LA CASADALLE FINESTRE CHE RIDONO hier und da (auch in meinen Tags etwa) als Giallo bezeichnet wird, ist Avatis Film doch eher ein makabrer, aber sehr ruhiger Thriller mit Hang zum (Murder-)Mysteryfilm: Die Geschichte um eine Reihe von nie aufgeklärten Morden, die einen Schatten auf eine nur auf den ersten Blick unschuldige und beschauliche Gemeinschaft wirft, der bis in die Gegenwart reicht – ein Standardmotiv der unheimlichen Literatur und des Genrekinos –, wird kurzgeschlossen mit dem Abstieg des Protagonisten in den Wahnsinn, ein Handlungsgerüst, das seinerseits auf eine gewisse filmische Tradition verweisen kann. Zwei Filme fallen spontan als Referenz ein und es ist anzunehmen, dass Avati sich über diese Verwandtschaft durchaus bewusst war: Argentos PROFONDO ROSSO, in dem ebenfalls ein Gemälde eine wichtige Rolle bei der Aufklärung eines Mordfalles spielt, in den der Protagonist verwickelt ist, und Nicholas Roegs DON’T LOOK NOW, dessen Abwärtsspirale ebenfalls mit Restaurationsarbeiten in einer alten Kirche beginnt. Doch wo Roeg und Argento klassische filmisch-narrative Konzepte aufbrechen und die Form vom Inhalt emanzipieren, steht Avati mit seinem LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO der Tradition des Erzählkinos noch deutlich näher. Was seinen Film vor allem auszeichnet, sind der ruhige, elegant gezirkelte Spannungsbogen und seine leise suggestive Bildsprache.

Schon lange bevor zu erahnen ist, was sich hinter dem Bildnis St. Sebastians und der Geschichte Legnanis verbirgt, lädt Avati die marode-ruralen Settings seines Films mithilfe der exzellenten Fotografie Pasquale Rachinis (der hier, unglaublich aber wahr, sein Debüt als DoP feierte) mit einer unheimlichen Präsenz auf, die einen auch dann frösteln lässt, wenn eigentlich gar nichts passiert. Es sind nur kleine Details, mit denen er suggeriert, dass leerstehende Räume einst Schauplatz unvorstellbarer Gräueltaten waren, und manchmal kann man gar nicht genau benennen, warum man dieses oder jenes Bild nun genau unheimlich findet. So ruhig LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO auch ist, so verquer und beunruhigend kommt er immer wieder daher. Das wird durch das bizarre Finale, mit dem Avati die Grenzen des Vorstellbaren ein ganzes Stück über den erwarteten Rahmen hinausschiebt, noch unterstrichen. Ein großartiger, wunderschöner und trotz seiner Verandtschaftsverhältnisse einzigartiger Horrorthriller, der mich sehr beeindruckt und Lust auf eine Zweitsichtung gemacht hat.