Mit ‘LISA-Film’ getaggte Beiträge

Die_Einsteiger_DVD_(de)-FrontThomas Groh nennt diesen Film gern „die deutsche Antwort auf VIDEODROME“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Nachdem die Supernasen Thommy und Mike in PIRATENSENDER POWERPLAY unter Siggi Götz‘ Regie noch die bevorstehende Privatisierung des Rundfunks antizipiert hatten, widmen sie sich nun der medientechnischen Revolution namens „Heimvideo“. Der Tüftler und Videofan Mike hat einen „Video-Integrator“ gebastelt, mit dessen Hilfe man sich direkt in einen Film seiner Wahl hineinbeamen kann, sofern man die dazugehörige Fernbedienung besitzt. Fortan vertreiben und sein Kumpel und Mitbewohner Thommy die Zeit, indem sie in Italowestern, Indiana-Jones-Filme, Polanskis TANZ DER VAMPIRE, ROCKY und andere Werke aus Mikes umfangreicher VHS-Sammlung „einsteigen“ und dort echte Abenteuer und Heldentaten erleben, die eine willkommene Abwechslung zu ihrem tristen Alltag sind. Natürlich bekommt ein japanischer Elektronikhersteller Wind von der Erfindung und versucht, das Gerät an sich zu bringen. Außerdem bahnt sich eine sanfte Liebesgeschichte zwischen Thommy und der schönen Linda (Anja Kruse) an, die ihren Ex-Gatten, den Firmenchef Kapellusch (Gerd Baltus), dazu bringen will ein Testament zugunsten des gemeinsamen Sohnes aufzusetzen. Aber die Handlung von DIE EINSTEIGER ist eigentlich nur mäßig interessant und raubt dem Film gerade in der zweiten Hälfte einiges von dem Drive, mit dem er aus den Startlöchern kommt und die Enttäuschung über den schwachen ZWEI NASEN TANKEN SUPER sofort vergessen macht. DIE EINSTEIGER ist ganz bei sich, wenn er Filmwelten rekonstruiert und von zwei deutschen Humorterroristen überfallen lässt: Da zeigt sich eine nicht von Ehrfurcht, sondern Partizipation geprägte Liebe für das Kino, die typisch ist für das Videozeitalter.

Interessant ist überdies, welches Verständnis von Film hier zugrundeliegt: Wer „einsteigt“, nimmt nicht als eine Art embedded viewer am Film teil, sondern tatsächlich als handelnder und im Stile des Films ausstaffierter Charakter. Im Italowestern sollen Mike und Thommy sogleich gehängt werden, im Indiana-Jones-Film teilen sie sich die Protagonistenrolle als ungleiches Duo, im Boxfilm steigt Mike in den Ring, während Thommy als Trainer außen vor bleibt, und im Südseeinsel-Setting verwandelt sich Mike einmal gar in einen Menschenaffen. Die anderen Handelnden merken nicht, dass da plötzlich neues Personal mitwirkt und das Drehbuch ändert, alle passen sich ganz selbstverständlich den neuen Gegebenheiten an. Firmenboss Kapellusch und Polizeikommissar Gierke (Werner Kreindl) beschließen bei Anblick des Inselidylls gar, ihr Leben in der Realität ganz aufzugeben und „im Film“ zu bleiben, und als die beiden Helden im Ringen mit den Vampiren um Graf Frackstein (Udo Kier) in Bedrängnis geraten, nimmt Thommy aus Versehen eine Vampirin statt Mike mit zurück. Das alles suggeriert, dass Film nichts Statisches ist, sondern eine ganze, mit vollwertigen Individuen bewohnte Welt enthält, deren Abmessungen weit über das hinausreichen, was Kamera und Regie einfangen. Der Fernsehschirm ist so gesehen nur das viel zitierte „Fenster“, durch das man nur einen kleinen Ausschnitt vom Ganzen erhaschen kann, der dann die Fantasie zum weiteren Ausschmücken und Weiterspinnen der Geschichten anregt. Der Demokratisierungsaspekt, der bereits in PIRATENSENDER POWERPLAY eine so wichtige Rolle spielte, kommt auch hier wieder zum Tragen: durch die einfache Existenz des Videorekorders, der seinen Besitzer – eine entsprechende Videosammlung vorausgesetzt – zum selbstbestimmten Programmdirektor macht, und dann, als nächste Evolutionsstufe, durch den Integrator, der die durch den Bildschirm gegebene physische Grenze durchlässig werden lässt. Letztlich ist Mikes Erfindung aber nur eine pointierte Übersteigerung des Segens, den die Erfindung des Videorekorders dem Filmfan brachte: sich 24 Stunden lang vom heimischen Sofa aus auf Traumreise durch seine Liebelingswelten zu begeben, ohne also das Haus verlassen und eine Kinokarte lösen zu müssen. DIE EINSTEIGER externalisiert, was sich sonst nur im Kopf des Filmsehers abspielt.

Gegenüber den vorangegangenen beiden Filmen, die unter der zweckmäßigen, aber auch biederen Regie von Dieter Pröttel entstanden waren, zeigt DIE EINSTEIGER seinem Sujet angemessen wieder mehr inszenatorisches Profil. Die Film-im-Film-Szenen sind den Vorbildern liebevoll nachempfunden und schön launisch, der Titelsong von Oliver Onions gibt dem ganzen den nötigen Schwung, kleine quirks, wie Jochen Busses wunderbar dadaistischer Gastauftritt, und außergewöhnliche Kameraeinstellungen verleihen Profil und sorgen dafür, dass DIE EINSTEIGER nicht allzu weit hinter seinen Referenzen zurückfällt. Die Albernheiten des Hauptdarstellerduos wurden zugunsten der Handlung deutlich zurückgefahren, was dem Film ebenfalls gut zu Gesicht steht. Das Ende ist gar eine handfeste Überraschung: Siggi Götz empfiehlt sich auf einmal als deutscher Giallo-Regisseur, wartet zu den atmosphärischen Klängen des goblinesken Soundtracks mit einer Bildfolge spannungssteigernder Detailaufnahmen auf und liefert eine Paraphrase zu Bavas REAZIONE A CATENA, die man in jedem Film erwartet hätte, aber gewiss nicht hier.

Noch vor Jahresfrist hatte mich DIE SUPERNASEN unerwarteterweise positiv überrascht. Die gestern erfolgte Neusichtung im Rahmen meiner kleinen Gottschalk/Krüger-Retro brachte keine wesentlichen neuen Erkenntnisse, sodass ich hier direkt zum Sequel übergehe, das ich damals wie so viele andere Bundesbürger im Kino sah. Es ist heute, wo man nur mit Schwierigkeiten eine brauchbare Abbildung des Filmplakats im Netz findet und die DVD-Veröffentlichung von einem Billiglabel mit selbstgebasteltem Cover besorgt wird, gar nicht so einfach, Menschen, die 1984 nicht selbst dabei waren, zu erklären, was für ein Ereignis dieser Film war. Der extremste Auswuchs des Supernasen-Hypes war sicherlich der Promo-Besuch der Hauptdarsteller beim „Aktuellen Sport-Studio“ im ZDF, wo sie zwar nix verloren hatten, das die im Film populär verwendeten Trikes aber trotzdem gern als fadenscheinigen Motorsport-Aufhänger benutzte, um vom erwarteten Erfolg des Films zu profitieren. Ich weiß noch, dass die beiden „Helden“ ihrem Image als glückliche Underdogs entsprechend erstaunlich gut beim Torwandschießen abschnitten, und die Trikes, eine genau genommen ziemlich idiotische Erfindung, weder Fisch noch Fleisch, für ein paar Tage der Traum jedes Jungen auf dem Grundschulhof waren, bis sie den Weg ins Vergessen antraten, wie ihre Kollegen Segway und Jetpack. Doch auch die Trikes konnten kaum darüber hinwegtäuschen, dass ZWEI NASEN TANKEN SUPER gemessen an den beiden Vorgängern eine Enttäuschung war, zudem Beleg dafür, dass weder das Autoren- und Hauptdarstellerteam noch Regisseur Pröttel noch die Geldgeber der LISA-Film verstanden hatten, was sowohl PIRATENSENDER POWERPLAY als auch DIE SUPERNASEN gegen jede Wahrscheinlichkeit hatte funktionieren lassen.

ZWEI NASEN TANKEN SUPER ersetzt die an einem dünnen roten Faden aufgereihten Gags, die Krüger und Gottschalk zuvor den losen Rahmen für ihre liebenswerten Taugenichtse gegeben hatten, nun gegen eine „echte“ Handlung: Der Raub zweier wertvoller Juwelen geht schief, die Gangster (András Fricsay & Achim Gunske) können die Klunker gerade noch in zwei Trikes verstecken, die Teil einer Motorausstellung sind. Durch Zufall gelangen ausgerechnet Thommy und Mike in den Besitz der Dreiräder und begeben sich ohne jede Vorahnung auf Deutschlandreise. Die Gauner heften sich an ihre Fersen und fordern die Herausgabe der Steine, die die beiden jedoch längst als Andenken an die Anhalterinnen Birgit (Simone Brahmann) und Farah (Sonya Tuchmann) verschenkt haben. Es gilt nun, die Mädels ausfindig zu machen und ihnen die Steine wieder abzunehmen. Zwar bietet auch diese Geschichte letztlich auch nur den recht beliebigen Anlass für Zoten, Kalauer und Slapstick-Einlagen, dennoch vermisste ich schon nach kurzer Zeit die Lockerheit und Unbekümmertheit, den mild-anarchischen Charme, der mich für PIRATENSENDER POWERPLAY und DIE SUPERNASEN so eingenommen hatte. Die Existenz einer Story bringt keinen Gewinn für Gottschlak und Krüger, schnürt sie im Gegenteil in ein Korsett und lässt ihre frappierenden Unzulänglichkeiten nur noch stärker hervortreten. Wirklich witzig ist ZWEI NASEN TANKEN SUPER nur selten und wenn, dann sind es eher kleine Beobachtungen oder Nebenepisoden, die für Lacher sorgen, etwa wenn der betrunkene Mike sich über ein paar Rocker empört: „Der hat ,Torte‘ zu meiner Ische gesagt!“ Dass die beiden nur deshalb in den Schlamassel geraten, weil Mike dringend pinkeln muss, ist im Grunde genommen der beste Einfall des Films, und diese Prämisse auszudehnen, hätte gewiss mehr hergegeben als die lahme Roadmovie-Handlung, die ohne jedes Gespür für Spannung, Bewegung und Körperlichkeit inszeniert wurde. Immerhin war schönes Wetter am Wörthersee.

Man merkt dem Film an, dass für die Beteiligten plötzlich etwas auf dem Spiel stand. Während sie vorher einfach irgendeinen Quatsch verzapfen konnten, knüpftn die Gags nun häufiger an irgendwelche zeitgenössischen Themen an, aber nicht, weil das besonders witzig wäre, sondern einfach, weil nichts besseres einfiel. Ein Anhalter, der nach Sarajewo will, wird von Krüger mit dem Erkennungsruf des Maskottchens der im selben Jahr in Sarajewo ausgtragenen Winterolympiade bedacht, und Jürgen von der Lippe darf sich in einem quälend unlustigen Gastauftritt als Kellner eines Burgerladen über ein berühmtes Fastfood-Restaurant lustig machen, für das Gottschalk seinerzeit warb. Der mit platinblonder Frisur und einem Silberohr ausgestattete Verbrecher soll wahrscheinlich an einen Bondschurken erinnern, die Marotte seines Chefs (Karl Spiehs), jede Äußerung mit der Phrase „Wenn ich x sage, dann meine ich auch x.“ abzuschließen, erinnert ein wenig an die Sprüche aus dem ein halbes Jahr zuvor sehr erfolgreich gelaufenen Hallervorden-Film DIDI – DER DOPPELGÄNGER. Überall wird ein bisschen was ausgeliehen und abgezweigt, Gottschalk darf einmal als Karateka auftreten und sich als Künstler über die doofen Intellektuellen lustig machen, die Bilder mit Dreiecken mögen, aber wirklich hängen bleibt nichts und so hat der fragwürdige Spaß nach 92 zähen Minuten ein Ende. Und es ist ja durchaus auch ein bisschen beruhigend, dass Nostalgie nicht alles schönfärben kann.

dmB9V70IdpdpqYsDUHCvls2OkPrPIRATENSENDER POWERPLAY war einer der ersten Filme, die meine Eltern in den frühen Achtzigerjahren auf Video ausliehen, durchaus auch, um mir einen langweiligen Abend zu verkürzen, und diese Tatsache sagt schon viel über das enorme Standing, das Krüger und Gottschalk und mit ihnen dieser Film damals genossen. Der Witzeerzähler aus Quickborn war zu jener Zeit wahrscheinlich noch der größere Star der beiden Hauptdarsteller und ein Tape eines seiner Liveauftritte lief im elterlichen Auto in der heavy rotation, sehr zu meinem anhaltenden Vergnügen. Natürlich liebte mein schätzungsweise fünf-, sechsjähriges Ich seinen Superhit „Der Nippel“, wie wahrscheinlich alle Jungs, die Mitte der Siebziger geboren worden waren. Gottschalk hatte seine ersten Fernsehauftritte zwar schon im Jahrzehnt zuvor absolviert, war aber in erster Linie noch als Radiopersönlichkeit bekannt. Der Aufstieg zu DER deutschen Fernsehpersönlichkeit begann ungefähr parallel zu diesem Film mit seinem ZDF-Engagement als Moderator von „Thommys Pop-Show“, dem dann die langlebige Talkshow „Na sowas!“ folgte. Kürger und Gottschalk spielen in Siggi Götz‘ Erfolgsfilm weniger „Rollen“, als dass sie die von ihnen auf der Bühne bzw. im Radio/TV etablierte Persona in einen Film hinübertrugen: „Mike“ ist demzufolge der etwas tolpatischige Witzbold mit dem Gesicht zum Reinschlagen, „Thommy“ der Sunnyboy mit dem Gespür für die heißesten Sounds aus den US of A und der jugendlichen Ansprache. Gerade letzteres sorgt heute für Heiterkeit: Gottschalk geriert sich bekanntermaßen immer noch gern als frecher, respektloser Sprücheklopfer, steht als mittlerweile 65-Jähriger jedoch keinesfalls mehr im Verdacht, den Finger am Puls der Zeit zu haben oder besonders cool zu sein, verkörpert als beinharter Rockist vielmehr einen rückwärtsgewandten und spießigen Geschmack (der sich freilich schon in der damals bereits hoffnungslos überkommenen Musikauswahl für PIRATENSENDER POWERPLAY mit Songs von Bands wie der J. Geils Band oder Little Feat entsprechend niederschlägt). Er ist ein Opa, der gern noch 20 wäre und so eher Fremdscham auslöst. Hier hingegen liegen ihm die Jugend und vor allem die feschen Mädels geradezu zu Füßen, lauschen gebannt seinen schmerzhaft unwitzigen Sprüchen und bewundern ihn als Trendsetter. Um PIRATENSENDER POWERPLAY wirklich zu mögen – und das tue ich – ist es unerlässlich, sich den historischen gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem der Film entstand zu vergegenwärtigen.

Wie Thomas Groh in der letztjährigen, zu Siggi Götz‘ 70. Geburtstag erschienenen Ausgabe von Sigi Götz Entertainment schrieb, nimmt PIRATENSENDER POWERPLAY die Einführung der Privatsender in den mittleren Achtzigerjahren vorweg und darf als früher Beitrag zu einer bis heute anhaltenden Diskussion um die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und um seine nötige Verjüngung verstanden werden. Die beiden unangepassten Jungspunde Mike und Thommy erfreuen sich mit ihrem jeden Montag um 15 Uhr für genau eine Stunde illegal ausgestrahltem Programm nämlich immenser Beliebtheit bei der Jugend. Die von Thommy flapsig-flippig anmoderierten Hits aus Übersee, die von Mikes Kalauern unterhaltsam aufgelockert werden, bekommt man in dieser Konzentration sonst nirgendwo zu hören. Den Beamten des ÖR, vor allem dem Intendanten (Ralf Wolter), ist die Konkurrenz ein Dorn im Auge, weshalb Dr. Müller-Hammeldorf (Gunther Philipp) mitsamt des tölpeligen Polizei-Einsatzleiters Pluderer (Rainer Basedow) auf die Rundfunkpiraten angesetzt wird. Die bekommen just in dem Moment, da die Falle zuzuschnappen droht, unerwartete Hilfe von Mikes Schwester (Evelyn Hamann). Weil die Religionslehrerin erkennt, welches kommerzielle Potenzial im Projekt ihres Bruders steckt, investiert sie das ihr zur Verfügung stehende Kapital, kauft ein schickes Wohnmobil als schwierig zu ortenden Sendewagen und holt einige Werbepartner an Bord. Am Ende einer für den ÖR erfolglos verlaufenen Jagd zieht der Intendant die einzig richtige Konsequenz: Er integriert die „Feinde“ ins System und lässt sie ihr Programm unter dem Banner des staatlichen Rundfunks machen, eine Strategie, der sich ARD und ZDF auch heute noch bedienen, um den Anschluss an die Privatsender nicht gänzlich zu verlieren.

So schwer es heute auch fällt, Mike Krüger und Thomas Gottschalk als Repräsentanten der Gegenkultur zu akzeptieren, Siggi Götz meint das durchaus halbernst. Schon zu Beginn bezieht er eindeutig Position, wenn er die als durchweg dämlich und autoritätshörig diffamierten Polizisten erst eine mit lustigen Gaga-Transparenten wie „Weg mit den Alpen! Freie Sicht aufs Meer!“ sympathisch tapezierte Kommune, wenig später dann ein Bordell stürmen lässt, in der sich zu diesem Zeitpunkt rein zufällig auch Mike und Thommy aufhalten. Der Richter spuckt bei der folgenden Verhandlung Zeter und Mordio, weil er eine Beleidigung des amtierenden Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß durch die Angeklagten wittert, dabei sprechen die beiden arglosen jungen Männer doch nur über ihren gleichnamigen Hund. Im weiteren Verlauf ist es immer wieder die schreiende Inkompetenz, gepaart mit Übermotivation und Selbstgerechtheit, die Müller-Hammeldorf ins Hintertreffen bringt, ihn selbst in aussichtsreichster Position versagen oder den Wald vor läuter Bäumen übersehen lässt. Es ist ja nur logisch, dass Götz die Rollen der Staatsbeamten mit älteren Herren besetzt, aber es passt in doppelter Hinsicht, weil Ralf Wolter, Gunther Philipp oder Rainer Basedow auch eine andere Humorgeneration verkörpern. Gunther Philipp etwa stürzt sich mit der ihm eigenen Verve in die Schlacht und sein Müller-Hammeldorf entwickelt dabei einen solchen Feuereifer, dass er über sein wiederholtes Versagen gar in der Nervenheilanstalt landet. Dem ganzen Slapstick-Chaos, das er und seine Mitstreiter entfachen, stehen Krüger und Gottschalk mit der Gelassenheit des Niederlagen und Nackenschläge gewohnten Slackers (Krüger) und der pfiffigen Unverdrossenheit des von der Sonne geküssten Glückspilzes (Gottschalk) gegenüber. Sie müssen gar keinen allzu großen Einfallsreichtum aufbringen, um den Verfolgern immer wieder zu entkommen, schlüpfen mit größter Selbstverständlichkeit in die unterschiedlichsten Rollen, und können sich in ärgster Not immer darauf verlassen, dass ihre Gegner schlicht zu blöd sind.

PIRATENSENDER POWERPLAY entwickelt so nicht gerade Spannung, aber einen sehr ansteckenden Drive, der von der Ferienatmosphäre, die der Film ausstrahlt, noch befeuert wird. Es ist die ganze Zeit was los, trotzdem ist das sich einstellende Gefühl eines von Entspannung, von vollkommen sorgenfreiem Müßiggang. Nichts scheint da wirklich irgendeine echte Konsequenz nach sich zu ziehen. Die Lebenshaltung, die darin zum Ausdruck kommt, dieses gänzlich unbelastete Gottvertrauen darin, dass alles irgendwie gut ausgehen wird, dass Mike und Thommy am Ende des Tages immer noch Mike und Thommy sein und die Unwägbarkeiten des Lebens irgendwie meistern werden, ist durchaus erstaunlich, gerade für einen deutschen Film, und davon mal abgesehen, einfach schön. Gerade heute, wo nicht wenige Eltern den Karriereplan ihrer Kinde schon vor deren Geburt fest eingetütet haben, tut es gut, zwei Männern dabei zuzusehen, wie sie einfach nur machen, worauf sie Lust haben. Dass sie am Ende Fernsehkarriere machen, wird so mitgenommen, es wird nichts Wesentliches ändern, und wenn nichts daraus wird, ist es auch egal. Vielleicht ist das ja auch die versteckte Botschaft des wunderbaren Zirkelschlusses, mit dem PIRATENSENDER POWERPLAY aufhört: Thommy sagt im Fernsehen den ersten Film an, den er mit seinem Kumpel Mike gedreht habe, und es laufen die Anfangscredits für eben jenes Werk, das sich auf dem intradiegetischen Fernsehschirm seinem extradiegetischen Ende nähert. Wenn alle Stricke reißen, fängt man eben von vorn an.

zzzzzzz„Der stählerne Überraschungsfilm“ des Sonderkongresses war den mittlerweile harten Stoff gewohnten Kongressteilnehmern noch nicht stählern genug. Sollte man angesichts des zur Schau gestellten Maßes an Zynismus und Niedertracht angewidert sein, oder dem Film zugute halten, dass er immerhin deutlich weniger zynisch und niederträchtig war, als es der Titel befürchten ließ? Ich indes weiß nicht genau, ob genau das nicht ein Teil des Problems ist: dass die Authentizität versprechende Straßendokumentation im Titel ein sensationsheischendes „Versprechen“ gibt, das nicht eingehalten wird, und überdies mit zahlreichen Sexszenen aus dem umfangreichen Spielfilmangebot der Lisa-Schmiede auf Länge gebracht und gewissermaßen „geschönt“ wird.

Ich war wahrscheinlich nicht der einzige, der über den Etikettenschwindel ganz froh war: Otto Retzers „Dokumentarfilm“ handelt generell von den verschiedenen Formen der Prostitution und zeigt den Regisseur in diversen, vermutlich mal echten, mal gefakten Straßeninterviews mit minderjährigen, aber auch erwachsenen, weiblichen, aber auch männlichen Prostituierten in verschiedenen deutschen Großstädten (wie es sich für einen Lisa-Film gehört, sind die verschiedenen Lokalitäten Anlass für lustige Mundart-Dialoge). Wirklich überraschende Erkenntnisse lässt die Fragtechnik von Retzer leider nicht zu. Sein möglicherweise sogar ehrliches Interesse wird immer wieder von der dem Film inhärenten Sensationsgeilheit unterwandert: Die Frage nach der Preispolitik der Huren mag dem Wunsch geschuldet sein, das Milieu vom immer im Raum stehenden Neppverdacht zu befreien, viel eher bewirkt die ständige Wiederholung dieser Frage, ganz unabhängig von ihrer Beantwortung, aber das genaue Gegenteil. Trotzdem gibt es ein paar interessante Momente: das Gespräch mit vier schwulen Strichjungen, mit einem Kölner Zuhälter oder mit der Starhure Domenica. Sie sind – ihre Echtheit mal vorausgesetzt – auch deshalb aufschlussreich, weil Retzers Gesprächspartner sich nicht in die Rolle reiner Antwortgeber fügen und gewissermaßen die Kontrolle übernehmen. Domenica zeichnet aus ihrer sicher privilegierten Perspektive ein sehr positives, schönes Bild ihres Geschäfts, doch verkürzt Retzer – ganz im Sinne seiner Mission – ihre Ausführungen am Ende auf ihre Aussage, jungen Mädchen nicht zur Prostitution raten zu wollen. Mit Echo belegt und prophetisch auf Repeat geschaltet, entlässt sie den Zuschauer mit einer Warnung.

Das steht natürlich voll im Einklang mit der Strategie, die die Reports eigentlich immer gefahren sind: Sex einerseits sehr nüchtern, als alltägliche Transaktion zu betrachten, andererseits aber immer wieder die Frage aufzuwerfen, ob gerade davon nicht eine große Gefahr ausgeht. Werden wir alle komplett durchgesext, enden wir in moralischer und körperlicher Zerrüttung oder gar als Drogenleichen? Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass ein Film wie BABYSTRICH IM SPERRBEZIRK möglicherweise auf den ein oder anderen Zuschauer positiv aufklärerisch gewirkt haben mag. Dieser Verdienst sollte aber nicht überbewertet werden: In erster Linie geht es hier darum, den Zuschauern nackte Tatsachen zu servieren und ihnen gleichzeitig ein Alibi für die Sichtung mitzuliefern. ZUm Abbau von Vorurteilen funktioniert der Film nicht, als journalistisches Werk ist BABYSTRICH IM SPERRBEZIRK nicht nur zweifelhaft, sondern aufgrund seiner Unaufrichtigkeit und offensichtlicher Täuschungsmanöver schlicht nicht zu gebrauchen. Wer die höchst manipulative, dreiste und moralisch fragwürdige Strategie der Reports und Mondo-Filme aber gerade aufgrund dieses Konfliktpotenzials schätzt, für den ist Retzers Film in jedem Fall Pflichtprogramm. (Außerdem kommt man in den Genuss, den meist nachsynchronisierten Retzer hier im O-Ton zu erleben.)

Man könnte SUNNYBOY UND SUGARBABY nicht zuletzt aufgrund seiner Herkunft, er entstand in der umtriebigen LISA-Schmiede, irrtümlich für eine weitere Sexkomödie halten, doch in Wahrheit handelt es sich bei Gottliebs Werk um einen besonders avancierten Vertreter des übel beleumundeten deutschen „Problemfilms“. Nach der Definition des „Lexikons der Filmbegriffe“ handelt es sich bei diesem Genre

„um eine unspezifische Gruppe von Filmen, die klassen- oder gruppenspezifische oder individuelle Problem- bzw. Konfliktlagen thematisieren, für die es in der dargestellten Welt keine adäquate Lösung gibt (basierend auf Klassendifferenz, Armut, sozialen Konventionen). Bevorzugte Motive und Themen dieser durchweg realistisch motivierten Filme sind Sucht und Drogen, Armut, Ehekonflikte, Behinderung (Verstümmelung) und Krankheiten.“

SUNNYBOY UND SUGARBABY erfüllt diese Kriterien nicht nur lückenlos, er treibt das Wesen des Problemfilms auch noch in nie dagewesener Radikalität auf die Spitze. Man könnte sagen, seine Protagonisten sehen sich nicht nur einem für sie nicht zu bewältigenden Problem gegenüber, vielmehr ist es ihr ganzer Lebensinhalt (und der der Nebenfiguren), Probleme zu haben. Somit erzählt Gottliebs SUNNYBOY UND SUGARBABY weniger eine Geschichte, er folgt keinem zielgerichteten Plot, vielmehr präsentiert er ein nicht abreißende Folge von Problemen, die entweder überhaupt nicht bewältigt werden (können oder wollen), oder aber immer nur zu neuen Problemen führen. Bis zum Ende jedenfalls, bei dem die drei Antihelden des Films die einzig logische Konsequenz aus ihren Nicht-Erfahrungen ziehen: Sie erheben das Problem, das sie in 90 Minuten von Kitzbühel bis nach Manila, aus der Zivilisation bis in einen vorzivilisatorischen Urzustand trieb, zur wesentlichen, unhinterfragbaren Voraussetzung ihres ganzen Seins. Wenn es einem nicht gelingt, nach den von außen auferlegten Konventionen zu leben, muss man vielleicht die Konventionen über Bord schmeißen. Was hier noch nach Befreiung und Utopie klingt, entpuppt sich in SUNNYBOY UND SUGARBABY als lauer Kompromiss unverbesserlicher Dummköpfe.

Stefan (Ekkehard Belle) und Claus (Claus Obalski) sind beide verschossen in Eva (Sabine Wollin), und weichen ihr im Urlaubsort Kitzbühel nicht von der Seite. Eva, ganz selbstsüchtiger Cocktease, genießt die doppelte Aufmerksamkeit und mag sich deshalb gar nicht für einen ihrer beiden Verehrer entscheiden. In einer nicht enden wollenden Folge gegenseitiger Demütigungen und Irreführungen versuchen Stefan und Claus ihren jeweiligen Konkurrenten auszubooten, um die Angebetete endlich für sich zu haben. Das Absurde an der ganzen Situation: Die drei sind trotz allem die dicksten Freunde! Als Eva die Nachricht bekommt, dass ein Onkel verstorben sei und ihr sowohl sein Taxiunternehmen in Hongkong als auch diverse Restaurants in Manila vermacht habe, setzt sich das böse Spiel mit den beiden würdelosen Lustsklaven in Asien fort. Dummerweise entpuppt sich die großzügige Erbschaft als Nullnummer, die das gesamte Budget der Drei aufzehrt …

Jay-Z wusste von sich einst stolz zu sagen „I got 99 problems but a bitch ain’t one“, bei Claus und Stefan wird andersrum ein Schuh draus: Jedes ihrer zahlreichen Probleme hört auf den Namen Eva. Claus wird von Stefan ins Wasser geschmissen, als der die dösende Herzdame liebkost, dann hetzt er dem eine Fußverletzung vorgaukelnden Stefan zur Rache die Sanitäter auf den Hals, die ihn just in dem Moment abtransportieren, als er bei Eva endlich zur Sache kommen will. Weil der Satz vom Klügeren, der immer nachgibt, in der Welt von SUNNYBOY UND SUGARBABY nicht bekannt ist, wird Claus von Stefan wiederum ohne Hose in der Toilette eines Gasthofes eingesperrt, kann der Bredouille aber entkommen, weil er einem ahnungslosen Urlauber (Walter Kraus mit dem Problem, den Vertrag für diesen Film unterzeichnet zu haben, ohne zu merken, dass er den „Mann auf Toilette“ spielen muss) die seine entwendet. In Hongkong lernen Claus und Stefan beim Dschingis-Khan-Konzert (!) (hier hat ausnahmsweise einmal der Zuschauer ein Problem, nämlich jenes, den gleichnamigen Hit der Karnevalstruppe um VW-Hauskomponisten Leslie Mandoki in voller Länge ertragen zu müssen) zwei Chinesinnen kennen, die sie sogleich nach Hause schleppen. Nach vollzogenem Akt erwartet die in voller Zahl anwesende Chinesenfamilie am nächsten Morgen ein materielles Dankeschön der Kolonialherren, sodass die beiden erneut ohne Klamotten weiterziehen müssen. Eines der größten Alltagsprobleme in LISA-Filmen ist der Verlust der Hose, ein Umstand, dessen eingehende Analyse von der Filmwissenschaft bislang bedauernswerterweise versäumt wurde. (Claus lacht sich beim Sex mit der Chinesin auch noch einen Tripper an, weil der Film mit grobem Rassismus ausnahmsweise ausdrücklich kein Problem hat.) Ein abrupter Szenenwechsel versetzt den verdutzen Zuschauer – Orientierungsproblem – nun nach Manila. Erst nach einigen Minuten versteht man, dass Eva noch eine Cousine hat, die auch erben soll (Verständnisproblem). Interessanter sind aber die beiden deutschen Touristen (einer von ihnen Otto W. Retzer), die am Swimming Pool ihres Hotels schöne Asiatinnen begrabschen und sich über die konsequent auf sie herniederprasselnden Abfuhren wundern (Induktionsproblem?). Die Reise nach Manila finanzieren die drei mittellosen Hauptdarsteller (Geldproblem) unterdessen mithilfe einer mondänen Dame, die 2.000 Dollar dafür zahlt, Sex mit Claus zu haben. Doch es ist gar nicht sie, die etwas von ihm will, sondern ihr fetter, schwuler Ehemann (Identitätsproblem). Da fließen die verschiedenen Individualprobleme dann zu einer großen, amorphen kritischen Problemmasse ineinander, die nur in einer schlecht choreographierten, mit allerlei lustigen Geräuschen untermalten Keilerei aufgelöst werden kann. Weil Eva mittlerweile ein Problem damit hat, dass ihre beiden besten Freunde ein Problem mit ihr haben, zieht sie mit dem Urlaubsfreund von Otto W. Retzer von dannen, der daraufhin das Problem hat, allein zurückzubleiben. Statt Entspannung von ihrem Beziehungsproblem zu finden, hat Eva jedoch – wie unerwartet – gleich ein Neues, nämlich ihren Begleiter, der sich verständlicherweise Hoffnungen bei dem Mädchen macht, das da so mir nichts dir nichts in seinen Jeep gehüpft ist (Erwartungshaltungs-Problem). Während sie einem kleinen Philippino, der ihr nicht von der Seite weicht, ihre Wohlstandsprobleme beichtet, frönen Claus und Stefan derweil der Vielweiberei im tropischen Urlaubsparadies. Als Eva endlich zurückkommt, einigen sie sich auf die Dreiecksbeziehung, weil offensichtlich keiner von ihnen in der Lage ist, Konsequenzen aus den eigenen Unzulänglichkeitsgefühlen zu ziehen. Der Zuschauer ahnt, dass Eva, dieses dumme Luder, die beiden Klappspaten bei erstbester Gelegenheit sitzen lässt, um sich einem philippinischen Perlentaucher (no pun intended) an den muskulösen Body zu werfen. In einem Paralleluniversum existiert wahrscheinlich ein Found-Footage-Film, der zeigt, wie die mittlerweile in Unwürde ergrauten Claus und Stefan ihre hepatitisgeplagten Körper auf dem Straßenstrich von Manila feilbieten. Aber das ist zum Glück nicht mein Problem.

Vivi (Olivia Pascal) arbeitet für ein Möbelhaus und hat den Auftrag, die Tageseinnahmen von 17.000 DM zur Bank zu bringen. Unterwegs wird sie von ihrer Freundin Bea (Gesa Thoma) aufgehalten, die ihr das Geld abnimmt, ihrerseits jedoch von ihrem Macker Bob (Karl Heinz Maslo) davon abgehalten wird, es einzuzahlen. Bob ist seinerseits Lagerarbeiter bei Vivis Arbeitgeber, gibt sich vor Bea aber als Sohn des Chefs aus. Als die beiden bei ihrem Schäferstündchen im Möbellager gestört werden – die Betten, auf denen sie sich verlustieren, müssen dringend ins Hotel Zavattini am Wörthersee gebracht werden –, verliert Bea den Umschlag mit dem Geld, den der echte Chefsohn Bobby (Benny) nun mitsamt der Betten nach Velden fährt. Als Vivi erfährt, was passiert ist, bricht sie mit Bea ebenfalls nach Österreich auf, um das Geld zurückzubekommen. Unterwegs treffen sie auf den dicken Jonny (Zachi Noy), der im Hotel Zavattini eine Stelle als DJ antreten soll …

POPCORN UND HIMBEEREIS ist so etwas wie ein Best-of-Lisa-Film, beinhaltet er doch alle Elemente, die die Sexkomödchen der umtriebigen Produktionsgesellschaft zu jener Zeit auszeichneten – und das zudem auf einem vergleichsweise, ähem, hohen Niveau: Der Zuschauer bekommt eine hinreichend turbulente Geschichte serviert, die wiederum den willkommenen Rahmen für zahlreiche Verwechslungen, Tanz- und Partyszenen, unterleibszentrierte Zoten, nackte Tatsachen, grellen Slapstick, einen Hauch Action und etwas Romantik liefert. Elemente, die sich hier wohldosiert abwechseln, sodass einem nicht langweilig wird, sofern man mit dieser Form der Lowest-common-denominator-Unterhaltung denn etwas anfangen kann. POPCORN UND HIMBEEREIS hat einigen Schwung, profitiert von seiner bekannten Urlaubskulisse (überhaupt: die besten LISA-Filme wirken immer, als wären sie nebenbei, während einer Urlaubsreise entstanden) und den Darstellern, die wenn schon keine brillanten Mimen, so doch immerhin brauchbare und hier sogar recht sympathische Projektionsflächen sind. Olivia Pascal raubte Halbwüchsigen damals als erreichbar scheinendes, nicht zu loses Mädchen von nebenan den Verstand, Zachi Noy verkörpert frisch nach dem Erfolg des ersten ESKIMO LIMON den Typus des vom Pech verfolgten Losers in Perfektion und Schlagerbarde Benny bietet den jungen Zuschauerinnen etwas zum Anhimmeln, ohne das männliche Publikum dabei allzu sehr zu nerven. Neben diesen agiert das gewohnte LISA-Ensemble: Otto W. Retzer gibt den Halbstarken, Herbert Fux einen Priester, Alexander Grill den trotteligen Hotelchef und Walter Kraus den unfreundlichen Berliner Gast. Für das regelmäßige Herzeigen der Brüste engagierte man die allgegenwärtige Bea Fiedler (als Politesse, die die Tanzfläche nach Dienstschluss im Leoparden-Bodysuit unsicher macht), Ursula Buchfellner und Christine Zierl, ein Volksfest nutzte man frech, um Niki Lauda als prominentem Stargast ungefragt die Kamera ins Gesicht halten zu können. So machte man damals Filme!

Ich kann nicht anders, als für diese Art von Exploitation große Sympathien zu hegen, auch wenn POPCORN UND HIMBEEREIS ungefähr so zwingend ist wie die 25. Sorte Magnum auf der Langnese-Eistafel. Der Plot ist mit ganz heißer Nadel und ohne Rücksicht auf Logik gestrickt: Da transportiert Vivi 17 große Scheine in einer Plastiktüte auf dem Fahrrad durch München und keinen der Geschäftsführung scheint das auch nur im Mindesten zu bekümmern. Da macht das Riesenmöbelhaus tatsächlich „Betriebsferien“ und schließt für zwei Wochen seine Pforten. Und da gerät die Hatz auf das Geld zwischendurch mal ganz aus dem Blick, weil ja auch was für die Libido getan werden muss. Überhaupt: Könnte man die Situation nicht ganz einfach erklären und freundlich um Erlaubnis bitten, in die Betten schauen zu dürfen? Nein, stattdessen müssen die Protagonisten unter den fadenscheingsten Vorwänden in die Zimmer schleichen, um sie dort zu zerwühlen – und dabei natürlich regelmäßig in die Bredouille zu geraten. Der arme Jonny stört die dicke Frau des Hotelchefs beim Schäferstündchen mit dem Berliner Bronzky, beide werden wiederum vom Hotelchef ertappt, der nun die Möglichkeit sieht, den Weg für seine Beziehung zu der nymphomanen Yvonne (Ursula Buchfellner) zu ebnen. Herrje. Am Ende findet sich das Geld im Bett eines Totkranken im Krankenhaus, doch stattdessen greift man dessen geliebte Mettwurst, die durch Zufall ebenfalls in einer gelben Plastiktüte steckt. Nach 90 Minuten wildestem Hedonismus – einer der Songs, die den Film antreiben, heißt „Zufrieden mit mir“ – kommt Schwippschwager Humanismus auf einen Kurzbesuch vorbei und überlässt besagtem Totkranken die 17.000 DM, der sich davon die lebensrettende Operation leisten kann. Diesen Bogen muss man auch erst einmal spannen, ohne sich dabei ins Auge zu schießen.

Der Anfang ist toll: In einer Rollschuhdisco trifft ein junges, hübsches Mädchen ihren Freund, der mit seinen coolen Kumpel herumsteht. Als sie ihn anspricht, lässt er sie eiskalt abblitzen, sie störe, er sei mit seinen Freunden da. Enttäuscht und traurig zieht sie ab, lernt aber den DJ kennen, der ihr vorschlägt, sie später zu einem Breakdancetreffen mitzunehmen. Etwas später rollen beide ab, knutschen in den Gängen, die von der Rollschuhbahn nach draußen führen. Ihr Freund stört sie noch einmal, nun selbst ganz bedröppelt, denn so hatte er sich das nicht vorgestellt. Und nun ist es an ihr, ihn abblitzen zu lassen …

Diese erste Episode von Nikolai Müllerschöns SCHULMÄDCHEN ’84 (auch bekannt unter dem Titel DIE SCHULMÄDCHEN VON DER KLASSE SEX) enthält die ungebremste Melancholie der Jugend, den Überschwang der Gefühle, aber auch ihre Vergänglichkeit, die ganze Jämmerlichkeit von Gruppenzwang und jugendlich-männlichem Omnipotenzwahn. Sie fängt das Lebensgefühl dieser Zeit ein, in der die vermeintlich tiefste Enttäuschung und das höchste Glück nur wenige Nuancen und Minuten auseinanderliegen, an einem Freitagabend in der örtlichen Rollschuhdisco zum Synthie-Popsound gnadenlos kollidierten. Überhaupt die Rollschuhdisco: In meiner Vorstellung waren die ganzen coolen Kids 1984 mit Breakdance beschäftigt und wer noch in einer Rollschuhdisco herumturnte, war doch gnadenlos in den Siebzigern steckengeblieben. Kein Wunder, dass das Mädel die Rollschuhnerds stehenlässt und mit dem Breaker mitgeht, ab in eine verheißungsvolle Zukunft.

Je länger der Film läuft, umso flüchtiger und egaler werden leider auch seine Episödchen. SCHULMÄDCHEN ’84 peilt ganz gewiss Leichtigkeit an – „Aufklärung“ wie seine Vorläufer in den Siebzigern oder auch durch den Voice-over geschürter Sensationalismus sind seine Sache nicht. Es gibt hier keine Message, auch kein wirklich einendes Thema. Während der ersten Kurzgeschichten scheint der Film ganz der weiblichen Perspektive zugetan, scheint Müllerschön daran gelegen, das ganze Spektrum von Teeniemädchen-Sexualität einzufangen, aber dann treten doch auch immer wieder Jungs in den Mittelpunkt oder werden die Geschichten unglaubwürdiger, „aufregender“. Die fesche Susi (Jaqueline Elber) wird von einem Geschäftsmann (Rolf Zacher) bedroht, der sie spät nachts als Anhaterin mitnimmt. Doch als sie den Spieß umdreht und sich ihm anbietet, da zieht er sprichwörtlich den Schwanz ein, entsetzt über die losen Sitten der jungen Dinger von heute. Später dringt ein Mädel nach einem Konzert bis in die Garderobe des Stars vor (ein junger Terence Trent D’Arby), um ihren Schuh zurückzubekommen, der auf der Bühne gelandet war. Statt wildem Musikersex gibt es jedoch unverhoffte Algebra-Nachhilfe für die Arbeit am nächsten Tag. Und ganz am Schluss bekommt ein blondes Jüngelchen Sympathie-Gratissex im Edelpuff, nur um dann festzustellen, dass die Holde ihm lediglich das Geld klauen wollte.

Nach EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON war SCHULMÄDCHEN ’84 zwar eine Wohltat, aber nach dem erwähnt tollen Auftakt versumpft er doch etwas in der Beleibigkeit seiner Kurzgeschichtchen. Echter emotionaler Nachhall ist in den 5 Minuten, die Müllerschön seinen Protagonisten jeweils gönnt, nicht zu erreichen und so kommt zwar keine Langeweile auf, aber es bleiben letztlich lediglich Oberflächlichkeiten hängen, vor allem natürlich der Eighties-Zeit- und -Lokalkolorit sowie etwa Rolf Zacher in seinem zweiten Auftritt als schmieriger Rotlichtkenner. Otto W. Retzer, an jedem LISA-Film in irgendeiner Form beteiligt, musste sich für seinen wortlosen Auftritt als Puff-Türsteher wahrscheinlich gar nicht groß anstrengen. Mit Dreitagebart, weißem Schal und weit aufgeknöpftem Hemd ist er im Zweigespräch mit einer Prostituierten voll in seinem Element und das größte Zeichen von Authentizität, das sich der Film leistet.