Mit ‘Lisa Gastoni’ getaggte Beiträge

Auch das Leben im Weltall ist nicht vor Enttäuschungen gefeit. Eben tobt auf der Raumstation Gamma 1 noch eine rauschende Silvesterparty, bei der die hippen Beatgirls vom Whisky aus turmhohen Karaffen berauscht mit den enthemmten Besatzungsmitgliedern eine flotte Sohle aufs Parkett legen oder über die Ballettdarbietung der Astronauten im All staunen, die durch geschickte Formationen tatsächlich „Happy New Year“ an den Sternenhimmel schreiben, im nächsten Moment muss das Fest frühzeitig unterbunden werden, weil seltsame Nebel auftauchen, die – so unglaublich es auch klingen mag – tatsächlich aus „negativer Strahlung“ bestehen. Die ernsten, mit tiefen Sorgenfalten durchzogenen Gesichter der Kommandanten erweisen sich bald schon als berechtigt, denn die kosmischen Nebel machen nicht nur trübe Sicht, sie lassen auch tapfere Kosmonauten zu Salzsäulen erstarren und dann ganze Raumfähren verschwinden. Zum Glück gibt es den todesmutigen Commander Mike Halstead (Tony Russel) und Lieutenant Jake Jacowitz (Franco Nero), die die Auseinandersetzung mit der Spacebrühe nicht scheuen. Hinter der verbirgt sich nicht etwa ein Wetterphänomen, sondern eine uralte Spezies, quasi der Großvater von Hegels Weltgeist, dem auch schon der Captain Jacques Dubois (Michel Lemoine) verfallen ist. Der Plan der gasförmigen Rasse: Alle  Lebewesen zu einem riesigen Multiorganismus zu vereinen. Kein Wunder, dass unsere Helden solch kommunistischem Gedankengut nicht wohlgesonnen sind …

I DIAFANOIDI VENGONO DA MARTE, zu Deutsch: TÖDLICHE NEBEL, ist einer von vier Science-Fiction-Filmen, die Antonio Margheriti im Jahr 1966 zunächst fürs italienische Fernsehen inszenierte, bevor sie dann unverhofft auf die Leinwände gehievt wurden. Die anderen Titel, I CRIMINALI DELLA GALASSIA (deutsch: RAUMSCHIFF ALPHA), IL PIANETA ERRANTE (deutsch: ORION 3000 – RAUMFAHRT DES GRAUENS) und  LA MORTE VIENE DAL PIANETA AYTIN (deutsch: DÄMONEN AUS DEM ALL), kenne ich noch nicht, aber wenn sie ähnlich liebenswert sind wie die NEBEL, dann muss ich diese Bildungslücke dringend schließen. Gemessen an den Posterartworks erweisen sich Margheritis „Effektspektakel“ zwar als hoffnungslos rückständig, aber man muss die Naivität, mit der da eine Zukunft im Weltall um ca. 1990 herum erdacht wird, einfach ins Herz schließen – von den immer wieder wundervollen Miniatureffekten und Modellbauten mal ganz abgesehen.

TÖDLICHE NEBEL hält den Witz der ersten 20 Minuten, in denen man aus dem Staunen kaum herauskommt, leider nicht über die gesamte Laufzeit. Die Nebel geben als Bedrohung einfach nicht so viel her wie grüne Tentakelmonster oder Weltraumvampire und noch dazu ist die Geschichte hoffnungslos konfus erzählt. Man weiß nie, auf welcher der zahlreichen Raumstationen, Planeten und Fähren man sich jetzt eigentlich aufhält, und dass die Helden alle dieselbe Frisur tragen, hilft auch nicht gerade weiter. Wer erwartet, 90 Minuten vor Spannung an den Sitz gefesselt zu werden, braucht sich TÖDLICHE NEBEL gar nicht erst ansehen, wir haben es hier viel eher mit einem „Mood Movie“ zu tun, den man sich anschaut, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen oder sich von Zeitgeist umwabern zu lassen: NEBEL entführt einen in eine Zeit, in der die Mondlandung kurz bevorstand und ganz sicher nur der erste Schritt in der danach unmittelbar fortgesetzten Eroberung des Weltalls war, mit bewohn- und bereisbaren Raumstationen, geilen Raketenautos und futuristischen Städten auf dem Mond (in einer dem Film vorgeschalteten Wochenschau aus dem Jahr 1967 wurden die Bilder einer Modellbaustadt auf dem Mond mit den Worten kommentiert, das mit solchen Siedlungen „zwischen 1970 und 1980“ zu rechnen sei); eine Zeit, in der begehrenswerte Typen stets Uniformen trugen, Befehle von oben missachteten, graue Schläfen hatten und ihre Angebetete schon mal beherzt ausknockten, wenn die gerade zu stören anfing; in der alle danach lechzten, die Feindesbrut mit Nukleargewalt aus dem Universum zu sprengen und mit Laserkanonen (= Feuerzeugen) und großem Enthusiasmus auf amorphe Gaswolken ballerten; in der man sich in außerirdischer Gefangenschaft als erstes über den erstklassigen Whisky freute, der einem kredenzt wurde. Auch wenn man sich durch manche Länge und Redundanz kämpfen muss: Man wird immer wieder mit schönen Ideen für diese Geduld belohnt und die Synchro lässt sich auch nicht lumpen. Weisheit des Tages: „Spaß muss sein, sonst kommt niemand zur Beerdigung.“ Das sollte man sich spätestens fürs eigene Ableben merken.

Giuseppe Lagana (Maurice Ronet) kehrt nach 15-jähriger Abwesenheit in seine sizilianische Heimat zurück, um dort das Haus seiner verstorbenen Eltern zu verkaufen, eigentlich jedoch vor allem, um seine alte Schulliebe Caterina (Lisa Gastoni) wiederzusehen, eine Witwe und Mutter der 15-jährigen Graziella (Jenny Tamburi). Das alte Liebespaar, das in den seit der letzten Begegnung vergangenen Jahren stets der gemeinsamen Vergangenheit hinterhertrauerte, ohne eine neue Erfüllung zu finden, knüpft schnell wieder romantische Bande.  Das Glück scheint perfekt, bis Graziella ihre erblühenden Reize einsetzt …

Fotografie, Musik (von Luis Enrique Bacalov), Schnitt, das Spiel der Akteure  – vor allem von Lisa Gastoni und Pino Caruso, der den stets Weisheiten über das Wesen der Frau zum Besten gebenden Lebemann Alfredo, einen Freund Giuseppes, gibt – sind wie eigentlich immer bei Di Leo über jeden Zweifel erhaben. Die altehrwürdige Kulisse Siziliens mit seinen schroffen Felsen, maroden Prachtbauten und dem türkisfarbenen Meer, tut das Ihrige. LA SEDUZIONE ist, seinem Thema entsprechend, ein ausgesprochen sinnliches Erlebnis, das mich trotzdem nicht voll und ganz für sich eingenommen hat. Ich weiß einfach nicht so recht, wie ich den Film einordnen soll, was ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss, habe schon massive Probleme bei der Prämisse von LA SEDUZIONE: Es fällt mir einfach schwer, mir vorzustellen, von einer 15-Jährigen verführt zu werden, der Tochter meiner Geliebten zumal, der ich (angeblich) seit über einem Jahrzehnt hinterhertrauere. Ich verstehe Giuseppe nicht, der doch in seinen Wünschen und Vorstellungen zu Beginn des Films einen relativ gefestigten Eindruck macht. Er kommt nicht nach Sizilien, um durch die Betten zu pflügen, wie sein Freund Alfredo das zu tun vorgibt, er will die eine, die er seit 15 Jahren nicht vergessen kann. Giuseppe scheint gerade nicht der triebgesteuerte Frauenheld zu sein, der jedem sexuellen Angebot erliegt, im Gegenteil mutet er inmitten der sizilianischen Gesellschaft, deren Rollenverständnis man freundlich mit „traditionell“ und strenger mit „chauvinistisch“ bezeichnen könnte, aufgeklärt an. Alfredo betont immer wieder, dass Giuseppe ein „Franzose“ sei, weil der in Paris eine neue Heimat gefunden und sich dort auch von seiner sizilianischen Prägung gelöst habe. Das scheint mir das eigentliche Thema des Films zu sein: Wie ein vermeintlicher Außenseiter die Verhältnisse, in die er zurückkehrt, nicht aufbricht, sondern vielmehr selbst in sie zurückfällt. Aber wenn dem so ist, wenn es das ist, was Di Leo zeigen wollte, so wird diese Entwicklung Giuseppes nicht wirklich transparent. Giuseppes Liebe zu Caterina ist ja keine Lüge, kein Hirngespinst, trotzdem springt er allzu schnell auf die Reize Graziellas an. Es gibt keine lange Phase des Haderns: Obwohl ihm die Konsequenzen seines Handelns doch voll bewusst sein müssen, ergreift er die sich bietende Gelegenheit und stürzt sich Hals über Kopf in eine Affäre mit der Tochter der Frau, die er liebt. Nachdem Caterina hinter das Geheimnis gekommen ist, fleht er sie um Vergebung an, zeichnet sich als Opfer, das in einer hitzigen Situation den Kopf verloren habe. Aber das entspricht ja nicht der Realität. Die Frage, die sich stellt: Sagt er das, weil er es sagen muss, weil es das einzige ist, was er überhaupt zu seiner Verteidigung sagen kann, oder glaubt er das selbst? Und was vielleicht noch wichtiger ist: Glaubt Fernando Di Leo seinem Protagonisten? Diese letzte Frage kann ich einfach nicht beantworten und das ist auch das Problem, das ich mit LA SEDUZIONE habe. Ich weiß nicht genau, was mir da eigentlich erzählt wird. Handelt der Film einfach von der Verführung eines Erwachsenen durch eine Jugendliche? Dann macht es sich Di Leo sehr einfach. Oder will er, was ich glaube, zeigen, dass der sizilianische Mann seine tiefe innere Prägung nie ganz los wird? Dann steht mir eben der Charakter Giuseppes im Weg, oder zumindest das Spiel Ronets, dem ich den seiner Lust erlegenen Macho nicht wirklich abnehme. Und Alfredos Worte, der Giuseppe nach dessen Geständnis vorwirft, die Regeln seiner Heimat verlernt zu haben, sich eben gerade nicht wie ein Sizilianer verhalten zu haben.

Vielleicht liegt die Tücke von LA SEDUZIONE auch einfach darin, dass er dem Betrachter nicht den Gefallen tut, Giuseppe als das schmierige Chauvischwein zu zeichnen, sondern schlicht als Feigling. Vielleicht habe ich mich von Anfang an über ihn getäuscht und seine Zurückhaltung war kein Zeichen von Intelligenz, sondern einfach von massiver Unsicherheit. Vielleicht ist er ein Waschlappen, der es in Paris nur deshalb nicht zu einer Beziehung gebracht hat, weil er sich an die französischen Frauen nicht herangetraut hat, vielleicht macht er sich auch mit seiner Liebe zu Caterina nur selbst etwas vor. Die Unfähigkeit, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, ist für diesen Typus ja nicht ganz ungewöhnlich. Am liebsten will er sie nämlich beide haben, Caterina und Graziella, weil ihm eine Entscheidung zuwider ist, und am Ende schließlich auch noch deren Freundin Rosita, die ebenfalls erfolgreich ihr Glück bei ihm versucht, nachdem sie von Graziella gehört hat, dass er nicht abgeneigt ist. Damit geht dann aber zu weit. Dass Giuseppe Caterina mit Schande befleckt hat, hätte sie ja noch verkraftet, aber dass er nun auch noch ihre Tochter hintergeht, ist nicht mehr zu verzeihen. Auf offener Straße stellt sie ihn und jagt ihm mehrere Kugeln in den Leib. Sein Blick sagt, dass er immer noch nicht genau weiß, warum ihm jemand böse ist.