Mit ‘Lo Lieh’ getaggte Beiträge

gou hun jiang tou (ho meng-hua, hongkong 1976)

Veröffentlicht: Juli 31, 2017 in Film
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Die Fortsetzung von JIANG TOU bietet mehr schwarze Magie aus China, ein Wiedersehen mit den Stars Ti Lung und Lo Lieh, krude Effekte und viel Kurzweil – leider aber auch ein irgendwie liebloses Drehbuch, das es versäumt dem Zuschauer klarzumachen, warum er sich für die Charaktere, denen das alles wiederfährt, überhaupt interessieren soll.

In der Eröffnungsszene wird eine arme Frau beim Baden von einem Krokodil gefressen: Ein Zauberer fängt das Biest daraufhin ein, schlitzt ihm den Bauch auf und angelt neben einem Flip-Flop auch einen Armreifen hervor. Was das mit dem Rest des Films zu tun hat? Keine Ahnung, aber es passt trotzdem: GOU HUN JIANG TOU ist nett anzusehen, aber nur wenig nachhaltig. Nichts bleibt wirklich hängen. Der Film handelt von den Versuchen der befreundeten Mediziner Zhongping (Ti Lung) und Zhensheng (Lam Wai Tiu), den Geheimnissen einer bestimmte Spielart der schwarzen Magie auf die Spur zu kommen, mit der Menschen in willenlose Sklaven verwandelt werden. Hinter dem bösen Zauber steckt der Magier Kang Cong (Lo Lieh), der Unliebsame oder auch nur zahlungsunfähige Kunden mithilfe seiner Künste umbringt oder in zombieartige Kreaturen verwandelt und der Muttermilch schöner Frauen seine ewige Jugend verdankt. Sein neuestes Opfer ist Margaret (Lily Li), die Gattin von Zhensheng.

An Wahnsinn mangelt es GOU HUN JIANG TOU nicht und Ho Meng-Huas versierte Regie lässt den Film auch dann noch hübsch aussehen, wenn die Effekte die an ihnen vorübergezogenen Jahre nicht verbergen können. Ein Kampf auf einer Gondelbahn kommt mit schlechten Rückprojektionseffekten herrlich dated daher, die schwachen Zeitraffaufnahmen, mit denen der Zerfall von Kang Congs Opfern in Szene gesetzt wird, war schon 1976 nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Das ist alles nicht so schlimm wie die furchtbare Beliebigkeit, mit der das Drehbuch die für sich genommen hübschen Ideen aneinanderreiht. Der Vorgänger war auch episodisch, aber er wurde durch die vergleichsweise komplexe Figurenkonstellation und die wiedererkennbaren Figuren zusammengehalten. Die Protagonisten hier haben überhaupt keine echten Eigenschaften und ihren Wunsch, hinter das Geheimnis der rätselhaften Tode zu kommen, zieht der Regisseur buchstäblich aus dem Hut. Die Mühe, eine Verbindung zwischen ihnen und Kang Cong herzustellen, macht er sich gar nicht erst. Das erinnert etwas an die Poverty-Row-Horrorfilme von anno dunnemals, in denen allein der Beruf „Reporter“ ausreichend dafür war, die Protagonisten mit allem möglichen Kram zu konfrontieren. Selbst wenn Zhongping da also mit der Zange die Nägel aus den Schädeldecken der Willenlosen zieht, Magieopfer langsam zerfallen, sich wieder einmal Würmer unter der Haut schlängeln, der Zauberer sein Lebenselixier direkt aus der nackten Brust trinkt oder sich Nägel durchs Gesicht bohrt, springt der Funke nicht richtig über. Das ist schade, weil GOU HUN JIANG TOU schon einiges auffährt, um dem Zuschauer im Gedächtnis zu bleiben, und dieser ganze Wahnsinn eine interessantere Geschichte verdient hätte. Irgendwie ein klassischer Fall von Sequelitis.

jiang tou (ho meng-hua, hongkong 1975)

Veröffentlicht: Juli 24, 2017 in Film
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Ich schaue definitiv zu wenig Horrorfilme aus Hongkong.  Asien ist als Kinokontinent bei mir ja generell sträflichst unterrepräsentiert, vielleicht bietet der gute alte HK-Horror einen guten Anlass, daran etwas zu ändern. JIANG TOU, international bekannt als BLACK MAGIC, in Deutschland als OMEN DES BÖSEN, hat jedenfalls reichlich Lust auf mehr gemacht – auch bei der gleich hintergeschobenen Zweitsichtung noch. Das Schöne an der Art Horrorfilm, die Ho Meng-huas JIANG TOU vertritt, ist zum einen die stark regionale Verwurzelung sowie die bunt-chaotische Verknüpfung von Handlungs- und Stilelementen, die im Horrorfilm westlicher Prägung garantiert niemals zusammenfinden. Unerwartete Wendungen kommen hier mithin immer noch eine Nummer unerwarteter als man es gemeinhin erwartet (hihi). Und wenn es eklig wird, dann auf eine Art und Weise, die einem alles zusammenzieht, selbst wenn drumherum blühender Blödsinn angesagt ist.

In JIANG TOU geht es um den Zauberer Shan Jianmi (Ku Feng), der Bittstellern gegen Geld und Geschmeide seine Dienste zur Verfügung stellt. Vor allem Unglückliche in Liebesdingen suchen ihn in seiner Hütte auf, um von ihm etwa die Ermordung des untreu gewordenen Ehemanns und seiner Geliebten zu fordern oder die Gefügigkeit einer verehrten Person. Konkret sucht der etwas schmierige Lang (Lo Lieh) den Magier auf, weil er ein Auge auf die zickige High-Society-Tante Luo Yin (Tien Ni) geworfen hat, die ihn wiederum nur abstoßend findet und viel lieber mit dem attraktiven Bauingenieur Su Lang (Ti Lung) anbandeln würde, der aber leider schon an Quming (Lily Li) vergeben ist. Es folgt wüstes Gezaubere und Gehexe, in das irgendwann auch ein guter Magier eingreift, um den Helden zu helfen. Und natürlich ist am Schluss alles gut.

Für westliche Zuschauer besteht der Reiz zu allererst darin, Zauberei als etwas Alltägliches vorgesetzt zu bekommen: Zwar kommen einige der handelnden Figuren zum ersten Mal mit ihr in Berührung, dennoch sieht man in JIANG TOU eine Gesellschaft, an deren Rändern es durchaus noch einen Platz für Magie gibt. Shan Jiangmi ist letztlich so etwas wie ein Heilpraktiker, der den Menschen seine Hilfe anbietet und tatsächlich ein Handwerk beherrscht. Seine Zauber funktionieren dann ja auch wirklich: Luo Yin erliegt nach dem Schluck vom Liebestrank dem Charme ihres Verehrers zumindest für eine Nacht, Su Lang wird zum willenlosen Zombie, der seine Verlobte von einem Moment auf den nächsten verlässt, das Pärchen aus dem Prolog wird durch klassischen Voodoopuppen-Zauber den ewigen Jagdgründen zugeführt. Die Polizei interessiert das alles herzlich wenig, das Gesetz spielt überhaupt keine Rolle in JIANG TOU, die Betroffenen sind auf sich allein gestellt.

Beklemmung oder gar Furcht löst Ho Meng-huas Film dennoch zu keiner Sekunde aus, dafür ist er dann doch zu seifenopernhaft und zu sonnig im Gemüt – und für europäische Betrachter wohl auch zu skurril und fremdartig. Wenn es einen dann doch einmal schüttelt, dann ist das den diversen Geschmacklosigkeiten und garstigen Effekten geschuldet, in denen mit Vorliebe glitschiges Gewürm zum Einsatz kommt. Einsamer Höhepunkt in dieser Hinsicht ist der Blick auf den Brustkorb der armen verhexten Quming, unter deren Haut man sich windende Würmer erkennen kann. Der gute Zauberer kennt zum Glück das Heilmittel: Er rammt der Armen kurzentschlossen ein Röhrchen ins Kreuz, aus dem sogleich schwarze, mit Blut vermischte Würmer in eine Schüssel tropfen. Su Lang bekommt hingegen eine Hirnoperation und wird im Anschluss mit Tausendfüßlerbrei gefüttert, ein faulender Finger unterm Bett fungiert an anderer Stelle als Bannzauber. Das Finale auf einer Baustelle wird mithilfe visueller Effekte der Zeit absolviert, die heute nur noch rührend wirken, bevor Su Lang noch einmal beherzt ein paar Regenwürmer mit Blut auskotzt. Das macht alles Riesenspaß, selbst wenn ich einräumen muss, dass sich diese Zusammenfassung wahrscheinlich deutlich spektakulärer liest, als sich der Film wirklich darstellt. Am besten tritt man nicht in Erwartung des nächsten großen Ekelschockers an JIANG TOU heran, sondern lässt sich einfach von seinem Charme verzaubern. Dann ist allerdings große Freude garantiert.

Boah, was für ein Brett! Tsui Hark nimmt mit diesem Frühwerk (es ist sein dritter Spielfilm) keine Gefangenen und liefert einen ultradeprimierenden, hyperbrutalen, megarohen Wutklumpen ab, mit dem er quasi im Alleingang die Hongkong-New-Wave initiierte, die dann im Laufe des Jahrzehnts zum durchgestylten Heroic-Bloodshed-Kino eines John Woo mutierte. Choreografiertes Kugelballett sucht man hier noch vegebens, stilistisch ist Harks Film deutlich näher dran an den siffigen Runterziehern, die New Yorker Filmemacher wie James Glickenhaus oder William Lustig zu jener Zeit ausschwitzten und damit ihren Zorn und ihre Angst kanalisierten.

Zu den Klängen von Goblins Stampfthema aus DAWN OF THE DEAD entführen gleich die ersten Bilder in einen Abgrund aus Dreck, Beton, Armut, Tod und Gewalt. Blick in ein dunkles, klaustrophobisches Drecksloch in einer dieser trostlosen, gigantischen Hongkonger Hochhauskomplexe, in denen sich Elend an Elend reiht. Einmal hier angekommen, ist alles aus. Eine weiße Maus wird aus ihrem Käfig geholt und bekommt dann eine Stecknadel tief in den Nacken gestochen. Panisch beginnt sich das arme Geschöpf im Kreis zu drehen, versucht verzweifelt mit der Nase an die schmerzende Stelle zu gelangen, bis schließlich seine Beine erlahmen und es sich nur noch langsam zuckend fortbewegt. Es ist kein schöner Anfang, ein höchst streitbarer überdies, aber er ist die ideale Einleitung für das, was da in den kommenden 80 Minuten über den Zuschauer wie ein zerstörerischer Hagelschauer hereinbricht.

Drei junge Studenten aus gutem Haus, die mit ihren Hornbrillen, den braven Harrschnitten und den Bubigesichtern noch wie Schüler aussehen und deren größte Sorge die ständige Bevormundung durch die Eltern ist, fahren bei einer nächtlichen Spitztour einen Mann über den Haufen. Bei ihrem Fluchtversuch – sie wissen, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht – werden sie von einem Mädchen beobachtet, das sie fortan dazu erpresst, bei ihren depressiv-suizidalen Aktionen mitzuwirken. Die Hobby-Bombenbastlerin ist die Schwester eines Polizisten (Lo Lieh) und eben jene Rattenquälerin aus dem Vorspann. Den ganzen Tag sitzt sie in ihrem Drecksloch, ohn Aussicht auf eine bessere Zukunft, und hat viel Zeit, ihren wachsenden Hass zu pflegen. Die Jungs kommen ihr gerade Recht, denn Mäuse zu quälen ist auf Dauer keine Herausforderung. Wie dem auch sei: Irgendwann kommen die vier jungen Leute einem Gangster in die Quere, dem sie ein Päckchen abnehmen, ohne zu wissen, worum es sich dabei handelt. Der Inhalt entpuppt sich als ein ganzer Batzen gestohlener, in Japan einzulösender Barschecks, den die Verbrecher natürlich zurückhaben wollen. Weil sich die Kleinkriminellen Taugenichtse beim Versuch, das Papier in Bargeld umzuwandeln, höchst naiv anstellen, sind ihnen bald außerdem diverse Banden und natürlich die Polizei auf den Fersen. Die Schlinge zieht sich immer enger um die Freunde, immer tiefer sinken sie in den Sumpf der Gewalt und die Wahrscheinlichkeit, heil aus der Sache herauszukommen, wird immer geringer. Auf einem gewaltigen Friedhof versammeln sich die Konfliktparteien zum großen Bluten, Morden und Sterben …

Tsui Harks Film stellt seiner Wahlheimat Hongkong – der Mann ist gebürtiger Vietnamese – kein gutes Zeugnis aus: Die Stadt ist heruntergekommen, diejenigen, die das Pech hatten, nicht auf der Sonnenseite des Lebens zu landen, werden in unwürdigen Elensbauten kaserniert, zwischen denen sich turmhoch der Müll und Bauschutt türmt, für junge Leute gibt es schlicht keine Perspektive, noch nicht einmal die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen und das Verbrechen wuchert wie ein bösartiges Geschwür. Kein Wunder, dass der Film der Obrigkeit damals ein Dorn im Auge war und erst nach diversen Entschärfungen den Weg in die Kinos fand. In Deutschland half man noch einmal aus ganz anderen Gründen nach: Um ihn für das anvisierte Actionpublikum interessant zu machen und eine entsprechende Titeländerung (siehe Bild) zu rechtfertigen, wurde die Synchro umgestrickt, der Film gekürzt und umgestellt. Dass er dabei dennoch nichts an seiner urwüchsigen einbüßte, auch plötzliche Handlungssprünge oder Ellipsen seine Durchschlagskraft beinahe noch verstärken, liegt in erster Linie an Harks enorm übergriffiger Inszenierung: In unnachgiebigem Tempo tobt sein Film einem alles wegblasenden Finale entgegen, dabei jedoch niemals in Konfusion verfallend. Ein krasses Bild jagt das nächste, und der mit viel Geschmack und Gespür für gnadenlos pumpende, maschinell anmutende Rhythmen zusammengeklaute Score verzeichnet Harks düstere Bestandsaufnahme zur apokalyptischen Großstadt-Dystopie. Nach der superagitatorischen Fotomontage, mit der DI YI LEI XING WEI XIAN fast als Kriegserklärung an einen autoritäre Regierung endet, ist es geradezu ein Wunder, dass Hongkong danach nicht in Schutt und Asche gelegt wurde. Tsui Harks Filmkarriere führte ihn danach verdientermaßen in ungeahnte Höhen, doch die ungebremste Wucht, mit der er diesen Film aus seinem Bauch auf die Leinwand warf, hat er danach nie wieder erreicht. Ein Meisterwerk, und zudem unerlässlich, wenn es darum geht, sich einen vollständigen Überblick über das Actionkino der Achtzigerjahre zu verschaffen.