Mit ‘Lorraine De Selle’ getaggte Beiträge

Was ich eben anlässlich von MANGIATI VIVI! geschrieben habe, nämlich dass ich viele Filme, die mich vor 20 Jahren noch tierisch geschockt haben, heute nicht mehr viehisch brutal, sondern eher  belustigend finde, zeigt sich auch in CANNIBAL FEROX. Der war zwar schon damals keine ernsthafte Konkurrenz für Deodatos unerreichten CANNIBAL HOLOCAUST, aber dass er die goods deliverte hätte ich ihm nicht in Abrede stellen wollen. Für mich lag der damals splattertechnisch auf einer Höhe mit den Zombiefilmen Fulcis, mit dem Unterschied, dass er sujetbedingt noch eine Ecke geschmackloser und damit auch irgendwie ekliger und schmuziger war. Bei der gestrigen Sichtung habe ich ihn in erster Linie als putzige Lachnummer wahrgenommen, die zwar deutlich schockierender ist als der Vorläufer MANGIATI VIVI!, aber mit dem Abstand der Jahre doch erheblich an damaligem shock value verloren hat – dass er sich inhaltlich auch noch deutlich an Deodatos Meisterwerk orientiert, macht seine Misslingen nur noch deutlicher.

Los geht es mal wieder in New York, wo kein Geringerer als Dominic Raacke als eben aus der Klinik entlassener Junkie durch die Straßenschluchten taumelt und dann von dem blonden Carlo-Tränhardt-Lookalike Perry Pirkanen, der ja auch schon bei Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST mitgewirkt hatte, erschossen wird. Irgendwie geht es um Drogen und einen verschwundenen Gauner, der dann wenig später am Amazonas auftaucht: Es handelt sich um Mike (John Morghen), bis unter die Haarspitzen zugekokst und mit dem verletzten Kumpel Joe (Walter Lucchini) unterm Arm. Die drei Protagonisten Rudy (Danilo Mattei), Gloria (Lorraine De Selle) und Pat (Zora Kerova), die an den Amazonas gereist sind, um zu beweisen, dass es keine Kannibalen gibt, freuen sich zwar, statt madenfressender Urwaldmenschen mal wieder einen Weißen zu Gesicht zu bekommen, aber da ahnen sie auch noch nicht, dass Mike im Drogenrausch den Zorn eben eines Stammes von Menschenfressern auf sich gezogen hat. Wie bei Deodato hat sich Mike den „Primitiven“ gegenüber benommen wie die Axt im Wald, aber nicht, um spektakuläres Filmmaterial mit nach Hause zu bringen, sondern lediglich für schnöden Reichtum. Irgendwann schlagen die Gebeutelten zurück, schnippeln ihm den Piepmatz ab und zeigen der geilen, aber dummen Pat, wie sich der Begriff „Hängetitten“ etymologisch erklären lässt.

CANNIBAL FEROX genießt beinahe legendären Status, ist mit Beschlagnahmungen in angeblich 31 Ländern der „gewalttätigste Film aller Zeiten“, und fungierte unter anderem auch als Einfluss für einen gewissen Herrn Zombie, der das Debütalbum seiner Kapelle White Zombie nach dem internationalen Verleihtitel MAKE THEM DIE SLOWLY taufte, und wird immer genannt, wenn es um die Geschmacksentgleisungen des Schmuddelkinos europäischer Provenienz geht. Diesen Ruf hat er nicht ganz zu Unrecht, denn was hier für ein beträchtlicher Aufwand betrieben wurde, nur um Zora Kerova Haken durch die Brüste zu ziehen und sie daran aufzuhängen, ist schon erstaunlich. On location in New York und am Amazonas gedreht, ist CANNIBAL FEROX ein einziger Mummenschanz und Lenzi geht out of his way, um seinem Publikum das Essen aus dem Gesicht fallen zu lassen. Da werden, wie gesagt, fette Maden gefressen, Tiere abgeschlachtet, Eingeweide und Augäpfel rausgerissen, mit Lust und blutverschmierter Schnute auf Gekröse rumgekaut. Die Message hinter dem ganzen Quatsch ist wieder einmal die, dass der Zivilisationsmensch ein viel größeres Schwein ist als der eigentlich brave Kannibale, der doch nur in Ruhe im Schlamm sitzen möchte. John Morghen ist als freidrehender Vollarsch idealbesetzt und wie immer eine Schau, ob er sich nun mit irrem Blick eine Prise kolumbianisches Nasenpuder reinzieht, seine Eroberung Pat zur Vergewaltigung eines Eingeborenenmädchens überredet oder einem armen Tropf ein Auge auspiekst.

DIE RACHE DER KANNIBALEN wurde Anfang der Achtziger in Deutschland aus dem Verkehr gezogen, ein Schicksal, das auch allen späteren Videoveröffentlichungen und selbst ausländischen Releases zuteil wurde. Ein reichlich lächerlicher Zustand, denn Lenzis Film ist so durchsichtig und stulle, dass man eigentlich niemanden davor schützen muss. Schon gar nicht heute, fast 40 Jahre nachdem Lenzis Schlachtplatte die deutschen Bahnhofskinos und die dort Unterschlupf suchenden Pennbrüder beglückte. Ich finde ihn heute wie gesagt eher putzig als schockierend und als Schlussstrich unter das Kannibalengenre, das er auf jene feisten Geschmacklosigkeiten reduziert, aus denen es immer schon bestanden hat, ziemlich perfekt. Wie immer man das auch letztlich bewerten mag.

 

 

Vacanze_per_un_massacro_1980Der Gewaltverbrecher und Bankräuber Joe Brezzi (Joe Dallessandro) bricht aus dem Knast aus, killt zwei Typen, klaut ihr Auto und begibt sich zu dem Bauernhäuschen, wo er einst seine Beute versteckt hatte. Dummerweise haben sich dort soeben drei Städter für ein erholsames Wochenende einquartiert: der Hobbyjäger Sergio (Gianni Macchia), seine Gattin Liliana (Patrizia Behn) und deren Schwester Paola (Lorraine De Selle), die eine Affäre mit Sergio hat …

Durchaus untypisch für den doch weitestgehend geschmackssicher inszenierenden Di Leo beginnt VACANZE PER UN MASSACRO wie ein richtiger schmuddelig-dampefender Sleazehobel. Schwer zu sagen, ob das die Zeit war, die Di Leo zwang, sich dem Unterleib des italienischen Volkes zuzuwenden – der Niedergang des italienischen Kinos war bereits kaum noch abzuwenden –, oder ob er sich da lediglich einen Spaß erlaubte, um das Publikum in „Sicherheit“ zu wiegen. Die letzte halbe Stunde und das Finale sind nämlich von anderem Kaliber als der spaßige, aber auch etwas einfältige Aufbau. Was natürlich nicht heißt, dass der Film bis dahin schlecht wäre. Dreck und Schmier können ja durchaus erfrischend sein und das ist auch VACANZE PER UN MASSACRO in jedem Fall. Joe Dallessandro ist ganz fleischgewordene, entgeistigte, entintellektualisierte Körperlichkeit wie er da mit Jeans und Trägershirt und stumpfen Gesichtsausdruck durch die Pampa watschelt (sein Bewegungsablauf ist schon die halbe Miete, ehrlich!), kaum unter Kontrolle gehaltenes Tosen der Hormone, und in der kargen Hütte, in der sich die drei schicken Stadtmenschen versammeln steht die Stimmung breiets vor seiner Stippvisite vorm Überkochen. Paola kann es kaum erwarten, es von ihrem Sergio besorgt zu bekommen und benimmt sich wie eine Nymphomanin, der ein paar Sicherungen rausgeflogen sind: Gleich am Esstisch steckt sie ihm den Fuß in den Schritt, drückt ihm Küsse auf, wenn Liliana sich bloß umdreht, schläft vollkommen nackt in der Wohnstube des Hauses und empfängt ihn am nächsten Morgen mit entblößtem Venushügel, während die gutgläubige Gattin nur wenige Meter entfernt nichts ahnend schlummert. Und die hat wiederum gar kein Problem damit, dass sie sich ständig das Geschlechtsorgan ihrer enthemmten Schwester anschauen muss. Sergio selbst ist aber nur unwesentlich besser: Zwar versucht er verzweifelt eine gewisse Diskretion zu wahren, aber irgendwie genießt er die Situation auch. Joe findet Paola schließlich allein vor – er hatte das Treiben im Haus zuvor beobachtet und weiß von der Dreiecksbeziehung – und wird sogleich Opfer ihrer wenig subtilen Ranschmeißmethoden. Mehr aus Bequemlichkeit zieht er sie durch, bevor er sich wieder wichtigeren Dingen zuwendet. Richtig interessant wird es, als sich Liliana und Sergio wieder einfinden und Joe die Bombe platzen lässt. Dann zeigen die zuvor so verlogenen und feigen Städter plötzlich ihre Zähne, spinnen böse Pläne und vergessen jede Blutsverwandtschaft, um ihre eigenen Ärsche zu retten. Da kommt sie dann wieder durch, die zynische, pessimistische Welt- und Menschensicht Di Leos, und was vorher ein blödlustiger Reigen der Niedertracht war, wird mit einem Mal zum bitteren Psychothriller mit unerwarteten Wendungen.

Auch ästhetisch ist VACANZE PER UN MASSACRO spannend, weil er dem grauenvoll schmucklosen Interieur, in dem der Film über weite Strecken angesiedelt ist, mit der Kameraführung eines Vollprofis begegnet und es immer wieder mit sonnendurchfluteten Außenaufnahmen der italienischen Natur kontrastiert. Und Luis Bacalov zieht mit seinem Score ebenfalls alle Register seines Könnens, verbindet ein hochdramatisches Orchesterstück mit treibenden Beatsongs, plötzlich aufheulenden Sirenen und dissonantem Synthiegefiepse. So wird dieses sparsame Vier-Personen-Kammerspiel bis zum Bersten aufgeladen, bis es zum Schluss nur noch in einem Freeze Frame explodieren kann. Toll.