Mit ‘Louis Koo’ getaggte Beiträge

spl-2-movie-poster-gsc-malaysiaErinnert ihr euch auch noch an den Adrenalinschub, den damals, Anfang bis Mitte der Neunzigerjahre, die Erstbegegnung mit den Meisterwerken des Hongkong-chinesischen Heroic-Bloodshed-Kino verursachte? Wie die Actionszenen in den Filmen von John Woo, Tsui Hark, Ringo Lam oder anderen einen förmlich aus den Schuhen wuchteten, einem das Gefühl gaben, etwas ganz Neues zu sehen, etwas, was man in dieser Intensität noch nie zuvor gesehen hatte? An die wallenden Emotionen, die da plötzlich freigesetzt wurden, an die ungebremste Theatralik und Dramatik von Filmen wie DIP HUET SEUNG HUNG oder DIP HUET GAAI TAU, die mit dem unterkühlten Machismo des US-Actionkinos so rein gar nichts gemein hatten? An die Aufregung, die mit der plötzlichen Erkenntnis einherging, dass da draußen eine riesige Filmwelt voller unbekannter Juwelen nur darauf wartete, erkundet zu werden? An das Fieber, das einen bei der Lektüre der Asien-Rubrik der Splatting Image und anderer plötzlich aus dem Boden schießender Publikation erfasste? Wenn ja, dann habt ihr in den vergangenen 20 Jahren, als man dabei zusehen musste, wie die großen Helden des Hongkong-Kinos nach Hollywood abwanderten, um dort selten mehr als einen faden Abglanz der einstigen Großtaten zu produzieren, als der Hollywood-Bullshit im selben Maße ins Hongkong-Kino Einzug hielt wie Hollywood Wire-Fu und tänzerisch choreografierte Shoot-outs für sich entdeckte, genauso gelitten wie ich. Und irgendwann hatte man sich mit der traurigen Situation ganz einfach abgefunden. Die Dinge kommen und gehen, das ist im Filmgeschäft genauso wie überall sonst auch.

Aber gestern habe ich mir SAAT PO LONG 2 (es besteht keinerlei inhaltliche Verbindung zu Wilson Yips zehn Jahre altem Vorgänger) angeschaut und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Auf einmal war ich wieder der neugierige, offene, beeinflussbare Teenie, dem die Schädeldecke weggepustet und die ganze filmische Power direkt und ungefiltert ins Hirn gegossen wird. Der einfach nur gefesselt und mit offenem Mund vor dem Bildschirm sitzt und hofft, es gehe nie zu Ende. Der lacht, jauchzt, stöhnt und heult und einfach nur glücklich ist über das Spektakel vor ihm. Wasist dieser Film für ein Fest! Nach all dem nervtötenden Format-und Franchise-Scheißdreck, den man sich heute viel zu oft reinzieht und dann auch noch schönredet, weil es eben kaum noch was anderes gibt und das Leben eh schon deprimierend genug ist, zeigt einem SAAT PO LONG 2 wieder, was auch heute noch, wo man doch meint, alles schon einmal gesehen zu haben, tatsächlich noch drin ist. Dass es falsch ist, sich mit fadem, einfallslosen Durchschnitt zufriedenzugeben, dass man sich dagegen wehren sollte, von Hollywood zum bloßen Konsumenten degradiert zu werden. Dass man sich mit nicht weniger zufrieden geben sollte, als mit Filmen, die einen bei den Eiern packen und allerhöchstens mal locker lassen, damit man mal Luft holen kann. In SAAT PO LONG 2 gibt es Action, die einen mit schierer Kinetik plattwalzt, vor allem aber, weil sie an eine gnadenlose emotionale Breitseite gekoppelt ist. Oft wird in Zusammenhang mit Actionfilmen der Begriff der „Gewaltoper“ verwendet, der nur selten zutreffend ist und meist nichts anderes besagt, als dass es wenig mehr als elaboriertes Gemetzel zu sehen gibt. Bei SAAT PO LONG 2 ist das anders: Tatsächlich mutet der Film musikalisch darin an, wie er auf sich wiederholende Themen und Symmetrie setzt, sich langsam und geduldig dem totalen Crescendo entgegenschraubt, wie er die einzelnen Elemente erst langsam in Position bringt und sie dann immer schneller bewegt. Wie jedes Bild, jeder Schnitt, jede Szene keine andere Funktion hat, als den Zuschauer noch stärker zu binden, bis er für das große Finale bereit und nicht mehr in der Lage ist, sich zu entziehen.

Schon die Story-Konstruktion ist für die Ewigkeit und fordert eigentlich den Vergleich mit großen Epen wie C’ERA UNA VOLTA IL WEST oder THE DEER HUNTER heraus, mehr als mit irgendwelchen Genrekloppern. Im Zentrum stehen der kleine Gefängniswärter Chatchai (Tony Jaa), der verzweifelt auf der Suche ist nach dem Mann, der seiner Tochter  die lebensrettende Knochenmarksspende geben kann. Bei diesem Mann handelt es sich um den nichts ahnenden Chan Chi-Kit (Jing Wu), einen drogenabhängigen Undercover-Cop, der von seinem Vorgesetzten und Onkel (Simon Yam) in die Organisation von Hung Mun-Gong (Louis Koo) eingeschleust wurde, hinter dem man einen Organhändler-Ring vermutet. Der wiederum benötigt dringend ein neues Herz, doch der einzige, der als Spender in Frage kommt, ist sein eigener Bruder. Es entspinnt sich ein wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Konfliktparteien, das auch deshalb so nervenzerfetzend spannend ist, weil die Protagonisten deutlich weniger über ihre Beziehungen zueinander wissen als der Zuschauer. Jeder hat seine eigenen Ziele und Pläne, und es ist eine Freude dabei zuzusehen, wie kunstvoll und elegant Pou-soi Cheang (nach einem Drehbuch von Lai-yin Leung) alle Stränge zusammenführt, die ganze Geschichte immer wieder in perfekt getimten und brillant choreografierten Actionszenen kulminieren lässt und dabei auch noch die Muße hat, Bilder für die Ewigkeit zu malen.

Allein wie kreativ hier das sonst meist als Krückstock für denkfaule Drehbuchautoren dienende Smartphone eingesetzt wird, wäre schon einen lobende Erwähnung wert, aber man täte SAAT PO LONG 2 damit Unrecht, ihn auf solche Details zu reduzieren. Dieser Film ist nichts anderes als ein Meisterwerk und ich würde ihn sofort als ein Meilenstein des Actionkinos bezeichnen, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass diese Schublade viel zu klein ist für dieses Juwel. Pou-soi Cheang hat ganz einfach einen der tollsten, bewegendsten, schönsten, rasantesten und spannendsten Filme der letzten Jahre gedreht. Und jetzt holt euch das Teil schon endlich!

 

 

Nachdem seine Drogenfabrik in die Luft geflogen ist und er Brüder und Ehefrau verloren hat, rast Timmy Choi (Louis Koo) von den giftigen Dämpfen benebelt und schließlich bewusstlos mitten in ein Geschäft. Dem Drogencop Zhang (Honglei Sun) kommt er gerade recht, braucht er für seinen Schlag gegen die chinesischen Drogenkartelle doch einen Insider. Mit dem Versprechen, dass die eigentlich anstehende Todesstrafe ausgesetzt wird, erkauft er sich die Dienste Chois, der Zhang und seine Leute an den Drogenboss und seine Hintermänner heranführt …

Das asiatische Kino habe ich in den vergangenen Jahren mehr als stiefmütterlich behandelt, dabei hatte gerade die Entdeckung von Johnnie To und seiner Produktionsfirma Milkyway vor nunmehr auch schon fast wieder 15 Jahren einen echten Euphorieschub verursacht. Tos immenser Output macht es aber nicht leicht, immer am Ball zu bleiben, auch wenn man von seinen Filmen meist reich belohnt wird. Nun also DU ZHAN, oder DRUG WAR, wie er auf dem internationalen Markt heißt. Ich hatte viel Gutes über ihn gehört, richtig Lust bekommen, ihn zu sehen, und bin nicht enttäuscht worden. Im Gegenteil wirkt der Film noch nach, und ich habe das dringende Bedürfnis, ihn noch einmal zu sehen, um seine raffinierten Erzähl- und Inszenierungsstrategien wirklich ganz durchschauen und wertschätzen zu können. Typisch für Johnnie To, wirkt DRUG WAR auf den ersten Blick gar nicht besonders auffällig: Es ist kein Film, der seine Raffinesse groß ausstellt. Während man es aus Hollyood-Produktionen gewohnt ist, dass jeder noch so kleine Twist, jede narrative Überraschung auf formaler Ebene gedoppelt wird, damit man auch bloß nichts verpasst und immer mitbekommt, wie genial man diese oder jene Wendung zu finden hat, wird man bei To mit solchen Hinweisen geradezu unterversorgt. Es wird wenig erklärt, die Bedeutung vieler Einstellungen und Szenen erschließt sich oft erst im Nachhinein. Das führt dazu, dass DRUG WAR wunderbar schlank und durchtrainiert daherkommt, windschnittig wie der Prototyp eines neuen Sportwagens; es schafft außerdem die für diese Art von Filmen so wichtige Authentizität, wenn die Charaktere nicht ständig erklären, was sie da gerade tun, und verstärkt den Eindruck, es zum einen mit Profis, zum anderen mit einer nach präzisen Regeln funktionierenden Welt zu tun zu haben; und es steigert die Spannung und erfordert eine wache, konzentrierte Teilnahme. Es wird einem nichts geschenkt. Actionkino für denkende Menschen.
Dabei ist DRUG WAR streng genommen kein Actionfilm. Zwar kracht es mitunter heftig, aber es geht nicht um das Zelebrieren von Körperlichkeit und Bewegung. Die Oberfläche von Tos Film ist eher schmucklos, geprägt von dreckigen, undefinierten Settings in Nordchina und einer herbstlich-winterlichen Stimmung. Das Drogengeschäft ist nicht glamourös und over the top, wie man das seit SCARFACE gewohnt ist. Es gibt eine Szene in einem Nachtclub, sonst auffallend wenig Bilder des Reichtums und der Affluenz. Der Film räumt da recht erbarmungslos mit Fehlkonzeptionen auf. Gleich zu Beginn scannt die Kamera das abgerissene Innere des Autos zweier Drogenabhängiger, Timmy rast Schaum spuckend und mit Blasen werfenden Verbrennungsnarben durch die Straßen, während andernorts polizeilich verordnete Einläufe dafür sorgen, dass Drogenkuriere ihre Ladung ausscheißen. Man bekommt eine Ahnung, warum Zhang sein Ziel mit solch grimigem Fanatismus verfolgt. Trotzdem wird die Gegenseite, die teilweise wie ein Spiegelbild der Cops wirkt, nicht verteufelt. Für gesellschaftliche Hintergründe interessiert sich To überhaupt nicht, genauso wenig für das Privatleben seiner Charaktere. Sie haben ihre Seite gewählt und handeln entsprechend. Moral hat damit nichts zu tun. Im Zentrum des Interesses steht die Beziehung zwischen Zhang und Timmy und die Frage, ob ersterer letzterem wirklich trauen kann. To erzählt seine Geschichte ohne die gängigen Klischees, sodass man als Zuschauer genauso unsicher über die Beweggründe Timmys ist wie der Polizist. Ihre Beziehung wird anders aufgelöst, als ich das erwartet hätte. Seiner nüchternen, realistischen Haltung angemessen endet DRUG WAR mit einem lange nachhallenden Bild und überantwortet einem dem Nichts. Ich wusste danach erst einmal nicht genau, was ich denken sollte. Daran hat sich bis jetzt nicht viel geändert.

Bevor ich diesen Text geschrieben habe, bin ich auf David Bordwells Essay gestoßen. Es hat mir geholfen, offene Verständnislücken zu schließen und zu begreifen, wie Tos Film funktioniert. Wie eigentlich alle formalen Analysen Bordwells ist auch diese ungemein lesenswert, sollte aber vielleicht erst nach Sichtung von DRUG WAR genossen werden. Ich werde mich an dieser Stelle ausnahmsweise einmal kurz fassen und nicht näher auf Details der Handlung oder der Inszenierung eingehen. Je unvorbereiteter man an den Film herangeht, umso besser. Wer auf Polizei- und Crimefilme, ernstes, unprätentiöses aber intelligentes Männerkino steht, kommt an DRUG WAR definitiv nicht vorbei. Wahrscheinlich das Beste, was ich in diesem Bereich seit Jahren gesehen habe.