Mit ‘Luc Besson’ getaggte Beiträge

„by far the most French-comic-book movie ever made“, schrieb Outlaw Vern in seiner wohlwollenden Rezension zu Luc Bessons neuestem Leinwand-Epos. Das ist einerseits wahr, andererseits muss man nach vergnüglichen 140 Minuten voller quietschbunter Designs, fleischgewordener Yes-Plattencover und abgedrehter Einfälle einräumen, dass die französischste Comicbuch-Verfilmung aller Zeiten ruhig noch ein bisschen weniger amerikanisch hätte sein dürfen. Man sieht dem Film seine Ursprünge in einer utopistischen Comicreihe aus den Siebzigern zwar deutlich an, merkt aber auch, dass die Risikobereitschaft bei einem Budget von rund 180 Millionen Dollar begrenzt ist. Es ist einfach auffällig, dass diese zukünftige Welt, in der uns noch selbstverständliche Grenzen doch längst weit überschritten sind, in anderen Belangen auffallend rückständig ist: Beim Militär haben weiße Männer das Sagen, noch so amorphe Alienrassen lassen sich schön in Männlein und Weiblein einteilen und selbst wenn Protagonistin Laureline (Cara Delevingne) ihrem Partner in Sachen Schlagkraft in nichts nachsteht, dann und wann sogar die Initiative übernehmen darf und sich am Ende als das Herz des Duos erweist, gehört VALERIAN rein nominell dem Herren der Schöpfung. Das tut dem Vergnügen keinen wirklichen Abbruch, aber man hätte sich angesichts des freigeistigen Erfindungsreichtum, den VALERIAN an anderer Stelle unter Beweis stellt, doch eine etwas weniger heteronormative Weltsicht gewünscht.

In anderer Hinsicht wird man wahrscheinlich lange warten müssen, bis einem vergleichbarer Wahnsinn dieser Preisklasse auf diesem inszenatorischen Niveau geboten wird: Der Film eröffnet auf einem türkisblauen Karibikstrand-Planeten, auf dem feingliedrige Perlmuttwesen kleine Tierchen mit Perlen füttern, aus denen daraufhin weitere Perlen herausschießen, bevor die Apokalypse in Form von in die Atmosphäre stürzenden Wrackteilen eines im All tosenen Krieges ausbricht. Eine ausgedehnte Actionsequenz spielt auf einem sich über zwei Dimensionen erstreckenden Markt: Die Shoppingtouristen laufen durch eine ausgestorbene Wüstenei, betreten mithilfe einer Art VR-Brille aber eine gewaltige BLADE RUNNER-artige Stadt die sowohl weit in den Himmel wie auch tief ins Planeteninnere reicht. Rihanna spielt eine Gestaltwandlerin, die eine lupenreine Fetischtanznummer abzieht, das Creature-Design stellt noch die STAR WARS-Filme in den Schatten. Auf manche von ihnen kann man gerade einen kurzen Blick werfen, andere, wie die dummdreisten Fresssäcke der Boulan-Bator, drei freche Entenwesen oder gewaltige Unterwasserdinosaurier bekommen etwas mehr Zeit eingeräumt. Die verschiedenen Kontinente der gigantischen Weltraumstadt werden im Eiltempo durchflogen, man wünscht sich immer wieder, hier noch etwas länger verweilen zu dürfen, bevor der nächste Höhepunkt naht. Eine Handlung gibt es auch, aber eigentlich funktioniert VALERIAN am besten als bewusstseinserweiternder (mit Einschränkung, siehe oben) Trip aufeinanderfolgender Set-Pieces und wenn am Ende alle Fäden zusammengeführt werden, stößt Besson deutlich an seine Grenzen.

Es ist ein bisschen schade, dass diese Art des Eventkinos, die mit ungeahnten technischen Möglichkeiten ganze Welten aus dem Nichts in beeindruckender Plastizität auf die Leinwand zaubert, erzählerisch immer noch tief in vergangenen Jahrhundert gefangen ist, anstatt auch strukturell in neue Galaxien vorzudringen. Was möglich wäre, erahnt man in jeder Sekunde: VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS ist ein Film, der in sich das Potenzial trägt, Grenzen zu durchbrechen und die „doors of perception“ nicht nur aufzustoßen, sondern niederzureißen, aber weil da eben viel Geld auf dem Spiel steht, bleibt es beim neugierigen, großäugigen Lugen durchs Schlüsselloch. Gebracht hat diese Vorsicht nichts: VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS ist auf dem immer noch wichtigsten Filmmarkt der Welt hart gefloppt, die Fortsetzungen, die man sich unbedingt gewünscht hätte und die dann vielleicht größere Risikobereitschaft hätten unter Beweis stellen können, wird es wahrscheinlich nicht geben. Aber bleiben wir positiv: VALERIAN ist ein visuell berauschendes Fest, das so nur von einem Filmemacher wie Besson kommen konnte und die drögen Superhelden-Popanze in Sachen Leichtigkeit weit in den Schatten stellt. DeHaan (auf dessen Darbietung sich die Kritik in erster Linie eingeschossen hatte, der aber in der deutschen Synchronisation sehr gut rüberkommt) und Delevingne hätte ich durchaus zugetraut, zum echten Traumpaar heranzureifen, und besonders schön fand ich die pazifistische Ausrichtung des Ganzen. Ohne Aderlass kommt zwar auch VALERIAN nicht aus, aber seine Botschaft des Verzeihens und eines friedlichen Miteinanders der Völker ist in einer Zeit, in der selbst noch jeder Kinderfilm todsicher auf die grimmige Deklamation unumstößlicher Dogmen und einen kriegerischen Austausch hinausläuft, einfach sehr wohltuend. Kurzum: Auch wenn an VALERIAN längst nicht alles perfekt ist, sein Scheitern an der Kinokasse ist einfach traurig.

James Reece (Jonathan Rhys Meyers), ein junger aufstrebender Agent im Dienste der US-amerikanischen Botschaft in Paris, erhält den Aufrag, mit dem Agenten Charlie Wax (John Travolta) zusammenzuarbeiten, um einen terroristischen Anschlag auf ein in Kürze stattfindendes Gipfeltreffen zu verhindern. Reece ist zunächst erschüttert über die ruppigen Methoden des großmäuligen Amerikaners, doch als sich herausstellt, dass er ganz persönlich in die Pläne der Terroristen involviert ist, ändert sich seine Haltung …

Während die gegenwärtigen Großtaten des amerikanischen Actionkinos überwiegend dem Independentbereich entspringen, zeigen die Franzosen unter Federführung des Produzenten Luc Besson derzeit am eindrucksvollsten, wie die Hochglanzvariante gefälligst auszusehen hat. Von den Nachwuchsregisseuren entwickelt sich vor allem Pierre Morel zu einer ernstzunehmenden Größe: Nachdem er als DoP für den Look von Filmen wie THE TRANSPORTER, UNLEASHED oder WAR verantwortlich war, inszenierte er selbst mit BANLIEUE 13, TAKEN und nun eben FROM PARIS WITH LOVE drei der herausragenden Beispiele des neuen französischen Actionfilms, allesamt geprägt durch eine phänomenale Choreografie ihrer atemberaubenden Actioneinlagen. Nach dem düsteren TAKEN nähert er sich mit FROM PARIS WITH LOVE zwar einer kommerzielleren Ausrichtung des Actionfilms an, wirft dabei aber gottseidank nicht jegliche Relevanz über Bord. Der Abgleich mit dem Vorgänger drängt sich nahezu auf, denn in beiden mischt ein US-Amerikaner die als Hauptstadt der Liebe apostrophierte französische Hauptstadt mächtig auf, verwandelt sie geradezu in ein qualmendes Kriegsgebiet. Doch während sich der Rachefeldzug Liam Neesons als Ex-Agent Mills in TAKEN noch als Kommentar zur Interventionspolitik der USA lesen ließe (oder die Figur einfach als Nachfolger der grenzüberschreitenden Helden des Westerns), so eignet sich Travoltas Charlie Wax eher für eine strukturalistische Lesart. FROM PARIS WITH LOVE – dessen Titel ein ganz fieser Scherz ist – beginnt als beschwingt-romantischer Agentenfilm mit einem smarten, gentlemanhaften Rhys Meyers, der als Reece zudem mit der wunderschönen Caroline (Kasia Smutniak) liiert ist, die jederzeit ein gutes Bondgirl abgeben würde. Er zieht das elegant-erfinderische Anbringen von Wanzen der handfesten Auseinandersetzung vor, macht sich nur ungern die Hände schmutzig und auf den nicht zu anstrengenden Arbeitstag folgt das romantische Candlelight-Dinner mit der Geliebten im Traumappartement über den Dächern von Paris. Die harte Zäsur erfolgt mit dem Eintreffen seines neuen amerikanischen Partners: Schon am Flughafen wird der Frieden durch den Kraftausdrücke und rassistische Verunglimpfungen förmlich sprühenden Wax jäh gestört, die anschließende Zerstörungstour durch als Chinarestaurants getarnte Drogenhöhlen, Hinterhofpuffs und das in den Banlieues angesiedelte Gangland markiert den engültigen Umschwung vom romantischen Agentenfilm hin zum brutalen Actioner mit zunehmend irritierenden komödiantischen Buddyfilm-Anleihen. Aber entgegen der Konventionen dieses Subgenres geht es hier keineswegs um eine beiderseitige Annäherung: Es ist allein Reece, der aus der Zusammenarbeit  mit dem mit allen Abwassern gewaschenen Profis etwas zu lernen hat. Am Ende wird er nicht nur begriffen haben, dass die Geheimdienstarbeit kein glamouröses Abenteuer, sondern vor allem dreckige Arbeit ist, die es auch einmal erfordert, dem Gegner eine Kugel in den Kopf zu jagen. Und diese Lektion wird der junge Agent auf die denkbar schmerzhafteste Art und Weise lernen, in einem Finale, das den bitteren Schlusspunkt unter einen Film setzt, der doch wie ein unschuldiger Spaß begann. 

Man könnte monieren, dass FROM PARIS WITH LOVE seinen amerikanischen Antihelden etwas zu extrovertiert anlegt, dass dessen wilde Sprücheklopferei nicht ganz zur ernsten Wendung passt, die der Film im letzten Drittel nimmt – die Verbindung von Travolta & Paris machte eine Royale-with-Cheese-Referenz wohl unumgänglich -, doch das hieße auch, die erwähnte strukturalistische Ausrichtung des Films zu übersehen, ebenso wie die Tatsache, dass Wax eben kein ausgereifter Charakter, sondern  Typ ist, der sich durch bestimmte durch Kinokonvention präfigurierte Wesenszüge auszeichnet – und der vom Scientologen Travolta überdies mit viel Verve und sichtbarer Ferkelsfreude gegeben wird. Und natürlich, dass FROM PARIS WITH LOVE ganz großes Entertainment darstellt, dessen Actionsequenzen geradezu fulminant sind und der unter anderem die vielleicht bestinszenierte Schießerei enthält, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Den finalen Schub erhält der Film aber eben durch sein bitterböses und tragisches Ende, das mit einer Romantisierung des Agentendaseins endgültig aufräumt. Und dass er für seine Schlusseinstellung dann wieder zum beschwingten Ton zurückfindet, ist nicht etwa als pietätlos zu betrachten, sondern als endgültiger Knockout.

Nach dem ersten, von Cory Yuen inszenierten TRANSPORTER-Teil, der – wenig überraschend – an die im Hongkong-Kino übliche Genrereduktion anknüpfte, und der Zwischenmahlzeit namens TRANSPORTER: THE MISSION, die dem ersten Teil nichts Wesentliches hinzufügen konnte (und wollte), öffnet Olivier Megaton mit seinem furiosen dritten Teil ein ganz neues Kapitel, vollführt gegenüber den Vorgängern einen kaum für möglich gehaltenen qualitativen Quantensprung und legt einen der besten Filme des vergangenen Jahres vor.

TRANSPORTER 3 teilt mit den ersten beiden Teilen den Ideenreichtum, das Gespür für Timing und den visuellen Witz, untermauert diese aber mit einem geradezu poetischen Fundament, das den Zirkelschluss von selbstreflexiver Ironie und Uneigentlichkeit hin zum neuen Ernst erst ermöglicht – und so einen Ausweg aus der Postmoderne-Sackgasse aufzeigt. Natürlich aktiviert Jason Stathams Frank Martin sofort Assoziationen zu James Bond oder Steve McQueens wortkargen Badass-Cops, doch beginnt sich die Figurauch dank Stathmas famosem, flexiblem Spiel zusehends von diesen Vorbildern zu emanzipieren. Der größte erzählerische Clou – neben den selbstverständlich furios choreografierten und inszenierten Actionsequenzen, deren komplexe Rhythmen man fast schon als „tanzbar“ bezeichnen möchte, sowie der herrlich ikonischen Fotografie – ist sicherlich die Aneignung des Transporter-Kodex durch den Feind: Frank Martin agiert nach einem strengen Regelsystem, von dem er niemals abweicht. Erst dieses System schweißt ihn mit seinem Werkzeug – dem Auto – zu der perfekt funktionierenden Einheit zusammen, die ihm seinen Lebensunterhalt einbringt. In TRANSPORTER 3 wird Martin von seinem Feind nun ganz wortwörtlich mit seinem geliebten Vehikel vereint: Ein an seinem Handgelenk befestigter Zünder verbietet ihm, sich von seinem Auto mehr als zehn Meter zu entfernen. Das bietet nicht nur Anlass für fesselnde Verfolgungsjagden – Martin muss seinen gestohlenen Wagen mit einem BMX-Rad durch Straßenverkehr, Fabrikhallen und Hinterhöfe verfolgen, um die Entfernung nicht zu groß werden zu lassen und so zu sterben –, sondern leitet auch einen Reifeprozess, ein Umdenken in ihm ein: Als sein freiwillig aufgestellter Kodex für ihn plötzlich zum Zwang wird, muss er sich von ihm lösen und neu erfinden.

Diese Neuerfindung des Actionkinos peilt auch Megaton mit seinem Film an. Den Erfolg zu verkünden, wäre angesichts des lockeren Tons von TRANSPORTER 3 vielleicht noch übertrieben, festzustellen bleibt aber, dass viele vermeintlich visionäre zeitgenössischen Filme gegen das Feuerwerk, dass hier abgebrannt wird, reichlich alt aussehen. (Die Spitze gegen AVATAR verkneife ich mir jetzt nur, weil ich ihn noch nicht gesehen habe.)

Die TAXI-Reihe von Luc Besson

Veröffentlicht: Dezember 16, 2009 in Film
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Ein Fahrgast steigt in das Taxi, einen strahlend weißen Peugeot, von Fahrer Daniel (Samy Naceri), nennt den Zielort und bittet um Beeilung: Worte, die er schon bald bereuen wird, denn Daniel nimmt sie sehr wörtlich. Das automatische Ausfahren der Spoiler, der richtigen Rennreifen und des anderen technischen Schnickschnacks ist nur die Ruhe vor dem Sturm, bevor Daniel endlich Vollgas gibt. Wenn sein Wagen wenige Minuten später mit qualmenden Reifen am Zielort zum Stehen kommt, klappt von der Rückenlehne des Vordersitzes eine Kotztüte gerade noch schnell genug herunter, damit der Fahrgast sich in sie übergeben kann. Lachend wünscht Daniel einen schönen Tag und wartet auf den nächsten Kunden …

Wenn man die TAXI-Reihe, die Luc Besson produziert hat, auf ein einzelnes Bild herunterbrechen wollte, es wäre wohl dieses, das sich in jedem der mittlerweile vier Filme wiederfindet. Es ist ein Bilderwitz, ein Cartoon: der freundliche Taxifahrer mit dem Geschwindigkeitsrausch und der Rennfahrermentalität, sein aufgemotztes Auto, der arglose Kunde, der seine Eile körperlich bezahlen muss. Man muss nicht unbedingt verstehen, was der Appeal dieses Bilderwitzes ist und warum man ihn auf vier Filme strecken muss, denn es ist gerade diese Irrelevanz und Infantilität, die die Filme – lässt man sich denn auf sie ein – so liebenswert macht. Mit TAXI begann 1998 auch Bessons Karriere als Produzent französischer Actionfilme, die mittlerweile eine ernste Konkurrenz für die US-amerikanischen Vorbilder darstellen: KISS OF THE DRAGON, die beiden BANLIEUE 13-Filme, die TRANSPORTER-Reihe, Pierre Morels TAKEN, Leterriers UNLEASHED sind nur ein paar Beispiele, die man auch in Hollywood zur Kenntnis genommen hat. Alle diese Filme verbinden inhaltlichen Reduktionismus mit formaler Finesse und der von Besson gewohnten Pop-Sensibilität. Sie präsentieren sich als freies Spiel der Zeichen, ohne sich jedoch dabei in ihren Anführungszeichen – einer alles relativierenden Ironie – zu verstricken. BANLIEUE 13 etwa ruft mit seiner Allegorie den alten War-Albumtitel „The World is a Ghetto“ ins Gedächtnis, überführt die Carpenter’sche Dystopie aus ESCAPE FROM NEW YORK in die urbane Hip-Hop-Kultur und entwirft so das Bild einer alle Grenzen, Nationalitäten, sozialen Schichten und Mentalitäten überschreitenden Solidarität, ohne dabei jemals angestrengt zu wirken.

TAXI und seine Nachfolger erreichen nicht ganz die Klasse der genannten Filme, ohne dass man ihnen daraus jedoch einen Vorwurf machen müsste, weil sie eben nichts mehr größtmögliche Leichtigkeit anstreben: Alle vier stehen in der Tradition der Buddy-Actionkomödien, die in den Achtzigerjahren reüssierten und mit einer Mischung aus Humor und (meist) jugendfreier Action aufwarteten. In TAXI trifft der oben erwähnte Taxi-Rennfahrer auf den etwas tolpatschigen Polizisten Emilien (Frederic Diefenthal) und dessen Kollegen und muss ihnen erst unfreiwillig, dann schließlich mit immer größerem Vergnügen dabei helfen, irgendwelche Bankräuber oder Terroristen dingfest zu machen. Jeder einzelne der vier Filme besticht durch einen skizzenhaften, improvisiert wirkenden Plot, der Erzählzeit und erzählte Zeit fast in Deckung bringt und dadurch den sehr flüchtigen Eindruck noch unterstreicht (alle vier Filme sind sehr kurz), und unterhält mit einem locker-flockigen Mix aus Autoverfolgungsjagden und Slapstickszenen. Wollte man einen Vergleich bemühen, so erinnert die TAXI-Reihe am ehesten an Richard Donners LETHAL WEAPON-Serie in ihren beiden letzten Installationen: Mehr als der Plot stehen die einzelnen wiederkehrenden Charaktere und ihre Beziehung zueinander im Fokus des Interesses. Neben Daniel und Emilien sind das u. a. der Marseiller Polizeichef Gibert (Bernard Farcy), ein moderner Inspektor Clouseau, dessen gnadenlose Selbstüberschätzung immer wieder die eigenen Männer in die Bredouille bringt, Emiliens Freundin Petra (Emma Wiklund), eine toughe blonde Polizistin, die voll damit ausgelastet ist, auf Emilien aufzupassen, ohne ihm die Illusion zu rauben, der Herr im Haus zu sein, Daniels kesse Freundin Lilly (Marion Cotillard) sowie deren Vater, der Armeegeneral Bertineau (Jean-Christophe Bouvet), hinter dessen konservativ-autoritärer Fassade sich ein gutmütiger älterer Herr versteckt. Im ersten Eintrag der Reihe werden die Beziehungen der beiden Hauptfiguren etabliert, bevor Daniel und Emilien in TAXI 3 schließlich Vater werden; eine Rolle, die sie in T4XI dann partnerschaftlich teilen. Hinter diesen kleinen Geschichten treten die eigentlichen Kriminalfälle in den Hintergrund, dienen vor allem dazu, die zwischenmenschlichen Konflikte anzutreiben oder zu pointieren.

Es sind diese kleinen Geschichten, die alle vier Filme so sehenswert macht, auch wenn man das eigentlich erst im Nachinein merkt. Es ist heute absolut ungewöhnlich, dass ein Film so unprätentiös daherkommt, stets seine eigene Marginalität betont, anstatt sich großzutun und zu seinem eigenen Werbetrailer zu werden. Der Cameoauftritt von Sylvester Stallone in TAXI 3 lebt in erster Linie von diesem Kontrast zwischen der Überlebensgröße des Stars und der Provinzialität und Alltäglichkeit des ihn umgebenden Szenarios – ein Kontrast, der sich in TAXI 3 auch in der ästhetischen und dramaturgischen Annäherung an die Bondfilme widerspiegelt. Ich möchte meinen kleinen Text ungern in der üblichen Jubelarie beenden, weil alles, was ich nun über die TAXI-Filme geschrieben habe, besagt, dass sie so wenig auf marktschreierischen Jubel abzielen. TAXI, TAXI TAXI, TAXI 3 und T4XI schaut man sich am besten ganz entspannt an, ohne allzu große Erwartungshaltung. Man amüsiert sich knappe 80 Minuten, ohne dabei jedoch in Euphorie zu verfallen und wiederholt das mit allen drei Sequels. Und dann, nach ein paar Tagen, stellt man verwundert fest, dass alle Filme noch da sind, die Erinnerung an seine Figuren immer noch lebendig ist. Und dann wundert man sich darüber, dass es so wenige Filme gibt, die diese Art angeblich „leichter“ Unterhaltung wirklich hinbekommen. Ist wahrscheinlich doch gar nicht so „leicht“.

taken (pierre morel, frankreich 2008)

Veröffentlicht: November 30, 2009 in Film
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Als seine Tochter Kim (Maggie Grace) von ihren Plänen berichtet, mit einer Freundin nach Paris zu reisen, ist der ehemaliger Geheimagent Bryan Mills (Liam Neeson) alles andere als begeistert. Letztlich beugt er sich dem Willen seiner geschiedenen Frau Lenore (Famke Janssen), doch seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich, als die beiden Mädchen in die Hände von Menschenhändlern fallen. Bryan macht sich sofort auf die Reise nach Paris, um seine Tochter zurückzuholen, koste es, was es wolle. Dafür bleiben ihm jedoch nur 96 Stunden …

Die Renaissance des Actionkinos geht auch mit TAKEN weiter, einem wahrlich furztrockenen Vertreter des Rachekinos, das einst humorlos von Charles Bronson verwaltet wurde. Anders als jedoch dessen „rechtschaffener“ Bürger Paul Kersey, der durch persönliche Verluste und die daraus resultierende Ohnmacht zum Vigilanten wird, ist Neesons Mills ein Profi, der jederzeit ganz genau weiß, wie weit er gehen kann und muss, um sein Ziel zu erreichen. Mit äußerster Präzision und Effizienz geht er gegen seine Gegner vor und lässt keinen Zweifel daran, wer am Ende der „last man standing“ sein wird. TAKEN ist dann auch nicht im herkömmlichen Sinn spannend: Es ist eher die Bewunderung für eine Figur, die geradezu die Verkörperung des Begriffs „Kompromisslosigkeit“ zu sein scheint, für die geradlinige Zielstrebigkeit, die er an den Tag legt, und natürlich die Befriedigung, wenn Dreckschweine ins Gras beißen, die den Film am Laufen hält. Das macht schon offensichtlich, dass TAKEN ein polarisierender Film ist, der als Gesellschaftskritik missverstanden schwer im Magen liegen dürfte, aber er macht aus dieser Tatsache keinen Hehl: Für den US-Amerikaner Mills hört die Zivilisation an der eigenen Grenze auf, die Albaner vermehren sich und ihr schmutziges Geschäft mit der Geschwindigkeit einer Epidemie, ein junges Mädchen muss hinter jedem fremden Gesicht einen miesen Menschenhändler vermuten – das ist der provokative Dreisatz, den Morel hier vollführt. Dem Regisseur dabei zu folgen, sich seiner Manipulation auszusetzen, ist nicht nur der Schlüssel zum Gefallen, sondern auch der zum Vertsändnis des Hauptcharakters, dessen zivilisierte Fassade rasant bröckelt, als es ihm ans Eingemachte geht. Das Konzept der Menschlichkeit ist leider nicht besonders belastbar …

Paris 2013: Trotz der gut gemeinten Absichtserklärungen am Ende des ersten Teils hat sich nichts geändert: Distrikt 13 ist nach wie vor von einer hohen Mauer umgeben, seine Bewohner sind mehr oder weniger sich selbst überlassen und das Ghetto wird immer noch von vielen als Schandfleck angesehen, der ausgemerzt werden muss. Etwa von dem finsteren Geheimdienstchef Gassman (Daniel Duval): Der fingiert einen von Ghettoeinwohnern verübten Polizistenmord, spielt Aufnahmen davon der Presse zu und bereitet so den Boden für bürgerkriegsartige Zustände. Dem vernünftigen, aber letztlich auch hilf- und alternativlosen Präsidenten (Philippe Torreton) bleibt nichts anderes übrig, als dem Vorschlag einer Bombardierung des Viertels nachzugeben – und damit auch den eigennützigen Immobilienplänen Gassmans. Doch da sind ja noch der Ghettobewohner Leito (David Belle) und sein Freund, der Cop Damien Tomasso (Cyril Raffaelli), der von Gassman in weiser Voraussicht aus dem Verkehr gezogen wurde: Gemeinsam mit den Anführern der verschiedenen Gangs holen sie aus zum Gegenschlag …

„Bilder sagen mehr als tausend Worte“ heißt es in BANLIEUE 13: ULTIMATUM einmal und man kommt kaum umhin, diese Redewendung in Bezug zu setzen zu jener spektakulären Kampfszene, in der Damien sich einer ganzen Schar von Bösewichtern erwehren muss und dabei „nur“ mit einem millionenschweren Van-Gogh-Gemälde bewaffnet ist, das natürlich keinen Kratzer abbekommen darf. Ich verzichte jetzt darauf, die Implikationen dieses Bildes aufzulisten, weil es einen Großteil des Reizes von BANLIEUE 13: ULTIMATUM ausmacht, seine Doppel- und Mehrfachcodierungen wirken zu lassen. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“: Besson hat diese Redewendung verinnerlicht und spitzt deshalb komplexe gesellschaftliche, politische, kulturelle und soziale Sachverhalte in Bildern zu, die sich ganz intuitiv erfassen lassen: eine von einer hohen Mauer umgebene Stadt in der Stadt, ein Mann, der an dieser Mauer entlang läuft und in regelmäßigen Abständen Löcher hineinsprengt. Der Mann ist Leito, der im Sequel als Seher und Aufklärer fungiert (einmal schaut er wie der über Gotham wachende Batman über sein Viertel): Um den Menschen die Augen zu öffnen, öffnet er die Mauer um sie herum – stößt damit jedoch längst nicht nur auf positive Resonanzen. Der Anführer einer Bande Afrikaner bringt das Dilemma auf den Punkt: Innerhalb der Mauern ist er ein König, außerhalb nur einer von vielen. Warum also die Mauer abreißen? Zumal die Probleme überhaupt immer erst dann zu eskalieren scheinen, wenn sich das Innen und das Außen begegnen, die Mauer kurz durchlässig wird und das beiderseitige Unverständnis ungebremst aufeinanderprallt. BANLIEUE 13: ULTIMATUM ist dann auch ein Film, der es sich zum Ziel gemacht hat, dieses weltumspannende Unverständnis aufzulösen. Konnte man den Vorgänger noch als Reaktion auf die stets neu ausbrechenden Aufstände in den Pariser Banlieus und also als explizit französische Reaktion verstehen, schlägt das Sequel eine universellere Richtung ein, indem es das Ghetto als Welt in der Nussschale zeichnet, die die verschiedensten Ethnien beherbergt, die in erstaunlich friedlicher Koexistenz miteinander leben und sich am Schluss vereinigen, um ihren Distrikt 13 zu retten – prekärerweise gegen kapitalistische Immobilienspekulationen und einen Konzern namens – i kid you not – „Harriburton“.

Der Schluss ist bemerkenswert, weil er die Methode des Films auf den Punkt bringt, obwohl er von dieser abzuweichen scheint: Nachdem der von Gassman intendierte Bombenangriff auf das evakuierte Ghetto in letzter Sekunde abgewehrt werden konnte, erfolgt er doch, diesmal aber auf den ausdrücklichen Willen der Ganganführer und also unter gänzlich anderen Vorzeichen. Nicht Auslöschung soll die Sprengung nun bedeuten, sondern Neuanfang. „Bilder sagen mehr als tausend Worte“ sagt dieser Film und verzichtet deshalb im entscheidenden Moment auf diese. Nur die Geräusche der finalen Spengung, die es vorher noch abzuwenden galt und die das Signal der Niederlage bedeutet hätten, sind zu hören, signalisieren nun aber – auch wenn das Licht ebenso bedrohlich flackert – den Startschuss für eine bessere Zukunft, in der sich die Menschen die Hand reichen. Es ist nicht nur das Bild, das spricht, sondern auch sein Rahmen.

BANLIEUE 13: ULTIMATUM ist für mich einer der besten Filme des Jahres, auf ähnlich hohem Niveau wie sein Vorgänger angesiedelt und – abstrahiert man vom nackten Plot, der sich von jenem des ersten Teils kaum unterscheidet – hinsichtlich seiner Gesamtkonzeption sogar noch etwas interessanter als dieser. Außerdem gefällt, dass er statt eines ätzenden Zynismus, der ja letztlich auch nur den Status quo festigt, ungebremste Hoffnung vermittelt, die im Finale schon fast in Kitsch umschlägt. Der Film verkraftet das, weil er stets äußerst pointiert ist und deshalb auch jene Szene in einem anderen Licht erscheint, in der Leito seinen flammenden Appell an den Präsidenten richtet, der nichts von der väterlichen Gönnerhaftigkeit aufweist, mit der Filmpräsidenten sonst im Übermaß geschlagen sind, und deshalb einfach nur zuhört. Es sind die vielen erzählerischen und gestalterischen Details und ihre sinnhafte Verbindung, die diesen Film die Grenzen des reinen Genrekinos überschreiten lassen – und Sätze wie jener, den Drehbuchautor Besson dem Supercop Damien Tommaso in den Mund legt: „Meine Bibel ist der Code civil.“ Manchmal müssen es eben nur die richtigen Worte sein …

banlieue 13 (pierre morel, frankreich 2004)

Veröffentlicht: November 25, 2009 in Film
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Paris im Jahr 2010: Im aufgrund katastrophaler Zustände mit einer hohen Mauer vom Rest der Stadt abgeschnittenen sozialen Brennpunkt Distrikt 13 hat sich sich ein anarchisches Mit- und Gegeneinander unterschiedlichster Interessengruppen, Banden und Stämme etabliert, aus dem sich Staat und Polizei vollkommen raushalten. Leito (David Belle), im Distrikt 13 aufgewachsen und verwurzelt, ein aufrechter Idealist, versucht auf seine Weise, etwas zum Erhalt der Gerechtigkeit beizutragen und legt sich deshalb mit dem Drogenzar Tahar an, was aber letztlich nur ihn in den Knast und seine Schwester Lola in die Fänge des Verbrechers bringt. Gleichzeitig erhält der gewissenhafte Supercop Damien Tommaso (Cyril Raffaelli) den Auftrag, eine Neutronenbombe zu entschärfen, die in Tahas Hände geraten ist und innerhalb von 24 Stunden explodieren wird. Unterstützung soll Damien dabei von Leito erhalten, der bald den Verdacht hat, dass der Einsatz Damiens nur Vorwand für einen Schlag gegen das ungeliebte Ghetto ist …

Der von Luc Besson produzierte BANLIEUE 13 greift zum zweiten Mal nach dessen YAMAKASI die Kunst des Parkour auf, nutzt sie aber nicht bloß als spektakulär anmutendes Gimmick (aber auch), sondern betont mithilfe ihrer Verlegung in ein dystopisch verzerrtes Großstadtszenario, das nicht wenig an Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK erinnert, die ihr zugrunde liegende transzendierende Funktion. Beim Parkour geht es darum, Hindernisse wie etwa Mauern oder Abgründe ohne Hilfsmittel und möglichst effizient zu überwinden, wobei der Traceur (der Läufer) durch die Beschränkung auf die Kraft und Fähigkeiten seines Körpers seine eigenen Grenzen kennen lernen und überwinden und so zu einem besseren Selbst- und Körperverständnis kommen soll. Dieses Verständnis bezieht die Umwelt als gleichberechtigten Partner mit ein: Der Traceur respektiert und erhält sie, soweit es ihm möglich ist. Insofern wohnt dem Parkour auch eine raum- und gesellschaftskritische Tendenz inne, denn der Traceur erobert den durch die Architektur vereinnahmten städtischen Raum zurück, er geht sozusagen dahin, wo noch kein Mensch zuvor gewesen ist, oder, weniger pathetisch ausgedrückt, dorthin wo ihm als „Unbefugten“ der Zutritt eigentlich untersagt ist. Anstatt dort jedoch physische Zeichen seines Zugriffs zu hinterlassen, wie etwa die Graffiti-Künstler ihre Tags, begnügt er sich mit einer ideellen Enteignung. Wo er gewesen ist, kann auch jeder andere hin, zumindest theoretisch.

In Morels BANLIEUE 13 verkörpert Leito, der vom Parkour-Erfinder David Belle gespielt wird, sowohl die Aufrichtigkeit und den Mut der Unterdrückten generell als auch eine neuen Heldentypus, der sich weniger durch einen positiv gewendeten Starrsinn namens Beharrlichkeit, ein rigides Wertesystem und Standfestigkeit auszeichnet, sondern im Gegenteil durch eine ausgesprochene Flexibilität und Wendigkeit. „Er ist wie ein Stück Seife“ sagt der Koloss K2, einer von Tahars henchmen einmal, nachdem Leito ihm und seinen Männern entwischt ist. Leito entscheidet Konflikte für sich, indem er sich ihnen entzieht. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Flucht, sondern vielmehr um eine Demonstration der Machtlosigkeit der Schurken. Wenn Leito seine Verfolger auf Wegen abschüttelt, die eigentlich gar keine sind, weder vor klaffenden Häuserschluchten, noch vor hohen Mauern halt macht, dann scheint er ihnen damit auch zu sagen: Diese Straßen gehören nicht euch. Der Weg und wie er beschritten wird waren schon immer zentrale Elemente des Actionkinos. Doch bisher war der Weg meist nur das Mittel, an dessen Ende mit dem Ziel der eigentliche Zweck stand. Der Weg war die Prüfung des Helden, die er ablegen musste, um sich für das Ziel, den finalen Konflikt mit dem Widersacher, zu qualifizieren. Für Leito ist der Weg das Ziel. Sein Wesen besteht ganz buchstäblich darin, immer einen (Aus-)Weg zu finden, also, um im Bild zu bleiben, niemals am Ende anzukommen. Das Duell, das der Actionheld anstrebt und aus dem er als Sieger hervorgehen will, ist für Leito demnach kein erstrebenswertes Ziel, sondern eher Zeichen der Niederlage: Wenn sich der Zweikampf nicht mehr vermeiden lässt, hat er als Traceur versagt.

BANLIEUE 13 ist vielleicht der beste der in den letzten Jahren entstandenen französischen Actionfilme, die auch verstärkt ihre Spuren in den USA hinterlassen. Visuell aufregend, mit einem druckvoll pumpenden Soundtrack versehen und garniert mit den spektakulären Stunts und Kampfchoreografien von David Belle, Cyril Raffaelli und anderen, vereint er alles, was modernes Actionkino leisten kann und muss. Dass er dabei manchesmal die Glaubwürdigkeit überstrapaziert und auf Klischees zurückgreift, ist nicht als Widerspruch dazu zu verstehen: BANLIEUE 13 ist purer Pop, Kino, das von seiner Intertextualität (hier müssen etwa Carpenters bereits erwähnter Klassiker als auch BATMAN oder BLADE RUNNER als Referenzen einfallen), Überstilisierung und Vereinfachung lebt, diese Stilmittel aber nicht zur Verschleierung, sondern im Gegenteil zur Schaffung von Transparenz nutzt und vor allem spannend, witzig, originell und voller guter Ideen ist.  Für mich ist BANLIEUE 13 ein filmisches Wunderwerk.