Mit ‘Luciano Ercoli’ getaggte Beiträge

Minou (Dagmar Lassander), die junge, etwas unterforderte und deshalb Alkohol und Tabletten nicht ganz abgeneigte Ehefrau des Unternehmers Peter (Pier Paolo Capponi), wird in Abwesenheit ihres Gatten von einem Unbekannten (Simon Andreu) überfallen. Der Mann macht ihr nicht nur eindeutige Avancen, er behauptet auch, bei Peter handle es sich um einen Mörder. Wenig später erhält die verunsicherte Minou den Beweis für diese Behauptung in Form einer Tonbandaufnahme. Der Versuch, das inkriminierende Beweisstück in ihren Besitz zu bringen, führt sie aber nur auf die Matratze des Erpressers, der so gerissen ist, das gemeinsame Liebesspiel fotografisch festzuhalten. Minou gerät immer stärker unter Druck …

Die erste Regiearbeit von Ercoli bildet den Auftakt zu seinem fabelhaften Giallo-Dreigestirn, dessen anderen beiden Teile LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI und LA MORTE ACARREZZA A MEZZANOTTE ich hier schon frenetisch bejubelt habe. Wie in diesen zeichnet sich auch LE FOTO PROIBITE durch eine tolle visuelle Gestaltung und einen sehr ruhigen Aufbau aus, bei dem die Spannungskurve nur langsam, aber stetig ansteigt, und der weniger den äußeren Plot akzentuiert als vielmehr die psycholgisch Verwirrung seiner Protagonistin. Schon der Anfang ist bemerkenswert, weil er seine Hauptfigur ganz nebenbei während der Auftaktcredits, aber eben ganz entscheidend charakterisiert, sodass man dies beinahe übersieht, weil man noch gar nicht richtig im Film angekommen ist: Zu Ennio Morricones betörend schöner Musik (die seinerzeit auf der „Mondo Morricone“-CD enthalten war) macht sich Minou für den Abend fertig. Erst erklärt sie, dass sie ab heute auf Zigaretten, Alkohol und Beruhigungsmittel verzichten wolle, um ihrem Mann einen Gefallen zu tun, sinniert über ihre Pläne, allein auszugehen, ergeht sich anschließend in Fantasien darüber, wie sie ihren Mann mit der Nachricht einer erfundenen neuen Liebschaft und dem Scheidungswunsch auf die Palme bringen könne, nur um ihn danach umso zärtlicher zu empfangen, bevor sie sich an den Rat ihrer Freundin Dominique (Susan Scott) erinnert, sich nicht so hausfräulich zu kleiden, und die oberste Schleife ihres Minikleidchens lüpft. Wenig später folgt schon der Überfall des Unbekannten, der das Fräuleinwunder auf den Boden der Tatsachen zurückholt: Was Ercoli hier in den ersten fünf Minuten seines Films mit seiner Protagonistin anstellt, sucht seinesgleichen.

Und er knüpft in den folgenden 90 Minuten nahtlos an die erlittene Verunsicherung an. LE FOTO PROIBITE ist eher Hitchcock als Bava verpflichtet und anstatt einen schwarz gewandeten Messermörder loszulassen, auf dass er sich durch die Besetzungsliste schlitze und mittels gezielter Schocks auch den Zuschauer in Mitleidenschaft ziehe, bleibt er aufreizend defensiv. Man wartet darauf, dass sich die latente Bedrohung endlich in einem handfesten Angriff manifestieren möge, doch der kommt einfach nicht. Wird ein Schritt in diese Richtung gemacht, drosselt Ercoli das Tempo danach umso mehr, mit dem Ergebnis, dass LE FOTO PROIBITE für den Zuschauer genauso enervierend ist wie für Minou, die bald nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht, und deren gute Vorsätze vom Anfang schnell vergessen sind. Ähnlich wie bei Sergio Martinos brillanten „Laster“-Giallos – LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH und IL TUO VIZIO È UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE – wird auch dieser Film weniger von sichtbaren Handlungen, von körperlichen Angriffen, Morden, Messern, Wunden, Blut und abgetrennten Gliedmaßen, bestimmt, sondern von den dahinter verborgenen Gedanken und Gefühlen. Auch die Fotos im Titel verweisen auf dieses „Indirekte“: Es geht nicht so sehr um den Ehebruch, als vielmehr um das Bild des Ehebruchs. Nicht um die Tat als solche, sondern darum, was sie gesellschaftlich bedeutet. Der ganze Film spiegelt in seinem Entwurf den bösen Plan, der auch hinter den Taten des Unbekannten steht.

Ich hatte geahnt, dass es Ercoli nicht ganz zur Zufriedenheit gelingen würde, zum Finale hin den Schritt vom Vagen, Diffusen, Psychischen hin zum Direkten, Klaren, Körperlichen zu machen. Dass der Schlusstwist  vorhersehbar ist, ist verzeihlich, nicht aber, wie seltsam plump er in Szene gesetzt wurde. Die schlangenhaft-windige Elastizität der vorangegangenen 90 Minuten ist wie weggeblasen. Und als wäre das nicht genug, schiebt Ercoli wie einst Hitchcock in PSYCHO auch noch einen erklärenden und ultimativ redundanten Monolog hinterher, der noch einmal expliziert, was eigentlich keiner Explizierung mehr bedarf. Das ist so steif, dass man es eigentlich kaum anders als als Kommentar auf die Banalität des Lebens betrachten kann. Die Schlussszene, ein Happy End mit bunten Kleidern und lachenden Gesichtern, ist geradezu grotesk – aber auch deshalb wieder sehr effektiv. Weil der Bruch, der sich darin manifestiert, so hart ist, kann man dem Friede-Freude-Eierkuchen-Szenario nicht trauen. Und da ist es dann wieder, das ungute Gefühl, dass einem etwas durch die Lappen gegangenen ist, das zwischen den Zeilen steckt. Ein großer Film. Bitte mehr Ercoli auf DVD!

(Ich sehe gerade, dass der Film seinerzeit in Deutschland als FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT vermarktet wurde. Herr im Himmel!)

Das Fotomodell Valentina (Susan Scott) lässt sich von ihrem Freund, dem Klatsch-Journalisten Gio Baldi (Simon Andreu), für die Titelstory seines Revolverblättchens eine neue halluzinogene Droge verabreichen. Während ihres Trips halluziniert sie, wie im gegenüberliegenden Haus eine Frau von einem Mann mit einem stachelbewehrten Handschuh ermordet wird. Wenig später wird sie selbst von dem Mörder attackiert. Als sie daraufhin zur Polizei geht, stellt sich heraus, dass der von ihr gesehene Mord bereits vor geraumer Zeit stattgefunden hat, das Opfer identifiziert wurde und der Mörder bereits inhaftiert ist. Doch bei beiden handelt es sich nicht um die Personen, die Valentina gesehen haben will …

Nach LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI ist dieser Giallo gleich der nächste Volltreffer Ercolis, wieder geschrieben von Gastaldi, der dabei unter anderem vom verlässlichen Sergio Corbucci unterstützt wurde. Trotzdem hat mir der Vorgänger noch ein bisschen besser gefallen: LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE hat eine wunderbare Prämisse (dazu gleich mehr), die er im Folgenden zu einer immer mysteriöser werdenden Geschichte ausweitet, deren Auflösung dann aber fast zwangsläufig etwas enttäuschend ausfallen muss. Vermutete ich lange Zeit, dass der Boden der schnöden Realität zum Ende hin völlig verlassen werden würde, er eine komplette Hinwendung zum Mystery-Film vollzöge, wurde ich dann zu meiner milden Enttäuschung doch eines nicht unbedingt Besseren belehrt. Auch hier gilt aber wieder, was ich schon zum Vorgänger geschrieben habe: Wer der Meinung ist, Giallos (ich lege mich hiermit ein für allemal auf eine deutschen Pluralbildung fest) seien lediglich aufgrund ihres Styles und der Setzung bestimmter oberflächlicher Reize interessant, denen gegenüber ihre inhaltliche Seite aufgrund zahlloser logischer Fehler, Plotholes und maßloser Übertreibungen grundsätzlich zu vernachlässigen sei, den könnten die Ercoli-Giallos vom Gegenteil überzeugen: Auch diesmal fühlte ich mich am Ende mitnichten genasführt, sondern war im Gegenteil lediglich einem sehr sauber konstruierten, zwar verwirrenden, aber dennoch (halbwegs) nachvollziehbaren Krimi auf den Leim gegangen. Dass der mit Susan Scott eine wunderschöne Hauptdarstellerin, einen tollen Score von Gianni Ferro inklusive eines herrlichen Easy-Listening-Titelsongs und einige happig-sadistische Morde vorzuweisen hat, mit der Tatwaffe zudem eine unverkennbare Reminiszenz an Bavas SEI DONNE PER L’ASSASSINO, schadet natürlich nicht, doch noch mehr als all das hat mich sein unverkennbarer Meta-Aspekt gefesselt und mich dazu angeregt, mir noch während des laufenden Films Gedanken über „filmisches Erinnern“ zu machen.

Die Geschichte von LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE wird durch die weiter oben erwähnte „Halluzination“ Valentinas ins Rollen gebracht. Unter Drogeneinfluss „beobachtet“ sie einen Mord, sieht sowohl das Gesicht des Mörders als auch das des Opfers so gut, dass sie beide später wiedererkennen kann. Und der Zuschauer ist dabei ihr Augenzeuge: Nicht nur glauben wir, dass sie diese Vision tatsächlich hatte, wir teilen sie mit ihr. Das ist die Prämisse, von der aus alle weiteren Handlungsfäden gesponnen werden: Valentina beschreibt Dritten Mörder und Opfer, erkennt ersteren später auf der Straße wieder – und ist sich zudem ganz sicher, dass sie nicht bloß halluziniert hat, sondern dass das Gesehene tatsächlich passiert ist, von existierenden Person durchlebt wurde. Selbst wenn man berücksichtigt, dass der Zuschauer für LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE die suspension of disbelief leisten muss, um überhaupt den Einstieg finden zu können, ist das ihm anscheinend zugrunde liegende Verständnis von mentalen Bildern zunächst doch ziemlich spektakulär und faszinierend. In seiner Welt scheint es ja gar keinen Unterschied zu geben zwischen mentalen Bildern und mit den Sinnesorganen aufgenommenen Eindrücken. Eine Person zu imaginieren, also eine Person zu sehen, die nicht wirklich da ist, ist in ihm das gleiche, wie eine Person zu sehen, die einem gegenübersteht. Und in der Welt des Mediums Film (also nicht nur dieses Films) ist das ja auch tatsächlich so: Zwar können eine Halluzination, ein Traum, eine Erinnerung, eine Imagination durch zusätzliche Stilmittel – Schwarzweiß, Weichzeichner, visuelle Effekte, Musikuntermalung etc. – gekennzeichnet und somit von der innerfilmischen Realität abgehoben werden, dennoch werden diese Bilder ja auf dieselbe Art und Weise produziert, nämlich indem Schauspieler vor einer Kamera agieren, die ihre Bewegungen aufzeichnet (heute hat man dank der modernen Technologie natürlich noch andere Möglichkeiten, (mentale) Bilder zu erzeugen). Valentinas Halluzination liegt also eine materielle Entsprechung zugrunde, die in der (damaligen) Technik des Mediums begründet ist. Und diese Entsprechung macht es weiterhin nicht nur möglich, dass sie dem Ebenbild ihrer Einbildung auf der Straße begegnet und es identifiziert, sondern auch, dass wir als Zuschauer sehen, dass ihre Identifizierung richtig ist. In der Realität wäre das nicht möglich: Träume hinterlassen keinen quasifotografischen Eindruck, den man mit der Realität abgleichen könnte. Dritte könnten nicht bestätigen: Ja, diese Person, die ich dort sehe, ist die, die du in deinem Traum gesehen hast. Die Personen, die wir im Traum identifizieren, erkennen wir ja nicht auf dieselbe Art und Weise, wie wir jemanden erkennen, der uns gegenübersteht. Im Traum können wir Personen sogar dann noch identifizieren, wenn sie ganz anders aussehen als in Wirklichkeit, weil wir diese Bilder selbst produzieren. Die Grundlage zur Entschlüsselung unserer Traumbilder liegt nicht außerhalb unserer Wahrnehmung (wie der Mann, den wir gesehen haben, eben tatsächlich existiert), sondern nur in uns selbst: Deswegen identifizieren wir eine Person in einem Traum auch dann noch als unsere Mutter, wenn sie gar nicht wie diese aussieht, ohne dass das zwangsläufig ein Irrtum sein muss.

Was ich sagen will: Indem Ercoli in LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE Valentinas Halluzination „zeigt“, bestätigt er sie. Es kann keinen Vermittlunsgverlust geben. Indem wir an ihrer Halluzination teilhaben, zu ihr zurückspulen und sie nochmals betrachten können, indem wir wissen, dass sie inszeniert werden musste, indem wir zugeben müssen, dass dieser Mann, den Valentina sieht, der Mann ist, den sie zuvor imaginiert hat, wissen wir, dass sie Recht hat, die Wahrheit sagt. Das ist ein ziemlich starkes Stück, das außerhalb der Kunstrichtung „Film“ gar nicht möglich wäre – selbst in der Literatur müssten wir dem auktorialen Erzähler glauben, ohne uns von der Richtigkeit seiner Behauptung selbst überzeugen zu können. LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE authentifiziert aber etwas, das erkenntnistheoretisch keinerlei Entsprechung in der Wirklichkeit hat. Angesichts dieses Wurfs finde ich es fast schon schade, dass Ercoli nicht auf seine eigene filmische Täuschung reinfällt: Er ist zwar Giallo-Regisseur, aber einer, der irrwitzige Plots nicht um ihrer selbst willen konstruiert. Er weiß, dass man keine realen Ereignisse fantasieren kann und dass Valentinas Aussage  gegenüber einem Kriminalisten, sie habe jene auf einem Foto abgebildete Person in ihrer Halluzination gesehen, in der Realität vielleicht zur Kenntnis genommen würde, aber keinesfalls eine ernsthafte argumentative Auseinandersetzung nach sich zöge. Deshalb – und jetzt kommt ein Spoiler – handelt es sich bei Valentinas Halluzination dann auch gar nicht um eine solche, sondern um eine verdeckte Erinnerung. Valentina hat den Mord in der Vergangenheit gesehen und ihre Erinnerung wirft deshalb das Bild des Mörders vor ihr inneres Auge; deshalb ist sie in der Lage, einen Mann auf der Straße als jenen Mann aus ihrer Erinnerung erkennen.

Und genau das mag ich so an diesem Film: Er hat diese ganzen Reflexionen in mir angestoßen, mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was an ihm irgendwie nicht stimmt, ohne dass dieses Gefühl des Da-stimmt-was-nicht meine Sichtung, die Freude daran, der Geschichte auf ihren verschlungenen Pfaden zu folgen, beeinträchtigt hätte. Im Gegenteil: Es hat den Film aufgewertet. Und dass er mich in dem Verdacht, dass Ercoli diese Fantasterei nicht einfach so stehenlassen können würde, bestätigt hat, das war einfach toll. Insofern weiß ich jetzt am Ende gar nicht so genau, ob ich mein Eingangsstatement, LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI habe mir besser gefallen, überhaupt noch aufrechterhalten kann. Letztlich ist das aber nicht so wichtig: Entscheidend ist, dass Ercoli (mindestens) zwei erstklassige Giallos gemacht hat.

(Ich hoffe, mein Sermon war halbwegs nachvollziehbar. Sollte ich bei meiner Argumentationskette Erkenntnisse der Epistemologie, Neurologie und Hirnforschung missachtet haben oder allzu vereinfachend vorgegangen sein, rege ich hiermit zur Richtigstellung und Aufklärung via Kommentar an. Mir scheint der Komplex „Erinnerung im Film“ sowieso ein recht interessante Diskussionsthema zu sein …)

Weil ihr Vater nach einem Juwelenraub ermordet wurde, die Beute aber nach wie vor nicht aufgetaucht ist, verhört die Polizei die Pariser Striptease-Tänzerin Nicole Rochard (Susan Scott), doch die beteuert, nichts vom Verbleib der Steine zu wissen. Wenig später wird sie erst von einem Unbekannten per Telefon belästigt, dann schließlich von einem Maskenmann zu Hause bedroht. Weil sie ihren Freund, den arbeitslosen Michel (Simon Andreu), verdächtigt, überantwortet sie sich ihrem Verehrer, dem Chrirurgen Dr. Robert Matthews (Frank Wolff), der sie mit in sein Landhaus nach England nimmt. Doch wenig später verschwindet Nicole spurlos und Robert wird in seiner Praxis angeschossen …

Wow! Giuliano Ercolis LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI ist genau der Giallo, den ich jetzt gebraucht habe, nachdem mich Lenzi zuletzt bitter enttäuscht hat. Ercoli bleibt den Regeln des Genres einigermaßen treu – es gibt den maskierten Killer, ein paar sadistische (und blutige!) Mordszenen und schöne Frauen -, ist ihnen aber auch nicht sklavisch ergeben. So entwickelt sich sein Film in der zweiten Hälfte zu einem sehr raffinierten Krimi, der sich dadurch hervortut, dass seine Wendungen und Twists allesamt nachvollziehbar und glaubwürdig bleiben. Auch wenn es sicherlich übertrieben wäre, zu behaupten, der Zuschauer könne mitraten, wer der Mörder ist – dafür ist der Plot dann doch etwas zu verschlungen -, so kommt der Film diesem Ideal doch sehr nahe, weil er konsequent darauf verzichtet, im letzten Akt ein bis dahin verborgen gehaltenes As aus dem Ärmel zu zaubern oder sonstige Tricks zur Irreführung zu bemühen. Er hält damit tatsächlich das, was unser amtierender Bundespräsident immer nur verspricht: Transparenz. Der Kreis der Verdächtigen bleibt übersichtlich, lässt aber dennoch Raum für die so lieb gewonnene Figur des Sonderlings (hier mal wieder Luciano Rossi, der in seiner ersten Szene ganz blofeldesk eine Katze mit seiner behandschuhten Prothesenhand streicheln darf), und vom Wesentlichen ablenkende Nebenkriegsschauplätze sind auch nicht nötig, weil der Hauptplot verschlungen genug ist und die volle Aufmerksamkeit fordert.

Das Drehbuch von Ernesto Gastaldi (der etliche der von mir zuletzt gesehenen Giallos gescriptet hat, mit allerdings ganz unterschiedlichem Ertrag) kann also gar nicht genug gelobt werden: Als Zuschauer meint man, sich immer auf Augenhöhe zum Geschehen zu befinden, nur um dann verdutzt eine völlig unerwartete Entwicklung registrieren zu müssen. Andere Drehbuchautoren hätten ihre Geschichte ab der Ankunft von Nicole und Robert in seinem Landhaus nur noch abgewickelt, sich mit dem Stalk’n’Slash zufrieden gegeben – und damit ja durchaus auch Erfolg haben können. Nicht so Gastaldi, dessen Räuberpistole dort erst richtig beginnt und sich in eine Richtung bewegt, die man nicht abgesehen hat, nur um am Ende doch wieder am längst vergessenen Ausgangspunkt anzuknüpfen. Das ist große Giallo-Kunst und vorzügliche Unterhaltung, zumal es mit Susan Scott (bzw. richtig: Nieves Navarro) einen schönen Augenschmaus für die männlichen Zuschauer gibt, mit Frank Wolff einen exzellenten, sympathisch und natürlich rüberkommenden Hauptdarsteller (der leider ein Jahr später mit einem geglückten Selbstmordversuch den einzigen Ausweg aus seinen Depressionen nahm) und die Musikuntermalung von Stelvio Cipriani gewohnt hochklassig ist. Fast die gesamte Belegschaft des Films gab sich nur ein Jahr später in Ercolis nächstem Giallo LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE wieder die Ehre. Never change a winning team! Die ersten Minuten von diesem Film habe ich schon gesehen und darf für meinen nächsten Eintrag eine weitere Giallo-Sternstunde prognostizieren. (Ercolis Debüt, LE FOTO PROIBITE DI UNA SIGNORA PER BENE, folgt ebenfalls in Bälde.)