Mit ‘Luciano Salce’ getaggte Beiträge

Lucio Ridolfi (Vittorio Gassman) reist mit seiner Gattin Hilde (Emma Danieli) sowie Freund Riccardo (Adolfo Celi) und dessen Frau Simonetta (Isabella Biagini) in einen Winter-Kurzurlaub nach Sestriere. Die beiden Männer hätten eigentlich gern einmal Ruhe vor ihren Frauen, um hemmungslos flirten zu können. Mit einer Finte entledigen sie sich der beiden und stürzen sich sogleich ins Abenteuer. Für Lucio endet das aber schon bald mit einem Schock: Im Haus seiner Eroberung Helen (Beba Loncar) wohnt er einer Ermordung bei, nur wenig später wird er nach Kairo verschleppt und rasselt dort in eine turbulente Spionagegeschichte …

Herrlich! Luciano Salces sich am Rande des Eurospy-Films tummelnde Komödie ist beseelt von jener wundersamen Mischung aus sonniger Sxities-Entspanntheit und quirliger Aufregung, wie sie nur Südeuropäer so sympathisch hinbekommen. Die Gimmicks, die in den James-Bond-Rip-offs stets eine zentrale Rolle einnehmen, sind hier gänzlich abwesend, stattdessen besinnt sich Salce auf die Stärken der Commedia all’Italiana, die auch dann noch im Mittelpunkt des Interesses bleiben, wenn er sie durch zeitgenössische Einflüsse aufpeppt oder seinen Helden durch die ägyptische Wüste jagt. Es geht letztlich doch immer um den italienischen Mann, seinen schlitzohrigen Machismo einer-, seine Hasenfüßigkeit andererseits sowie die diese Eigenschaften kongenial ergänzende Biestigkeit bei geradezu grotesker Vertrauensseligkeit seiner Frauen. Die besten Szenen hat SLALOM dann auch zu Beginn, wenn er noch eine ganz normale Beziehungskomödie um zwei Männer in den „besten Jahren“ und ihre Ehefrauen ist: Gassman und Celi sind göttlich im Zusammenspiel, wie sie wissende Blicke austauschen und jammern, aber in Gegenwart ihrer Gattinnen dann doch immer wieder kuschen.

Vittorio Gassman ist wahrscheinlich die Idealbesetzung für diesen Typen: gut aussehend, dabei kultiviert und durchaus nicht uncharmant, aber eben doch, wie es der deutsche Verleititel sehr treffend ausdrückt, ein „Windhund“, der es perfekt versteht, sich irgendwie durchs Leben zu lavieren, ohne sich dabei jemals auf irgendwelche Prinzipien festnageln zu lassen – nur ein echter Römer zu sein, darauf besteht er. Die größere Überraschung ist Celi, der ja sonst eher die kalten Patriarchen oder aber größenwahnsinnige Schurken mimt: Er ist wunderbar als Lucios Freund, der den gemeinen Trick seiner Frau, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was er vorschlägt, abfängt, indem er dasselbe macht und so eben doch stets bekommt, was er will. Es ist ein bisschen schade, wenn er nach einer halben Stunde aus dem Film verschwindet und Gassman das Feld überlässt, aber Salce tröstet darüber hinweg, indem er das Tempo aufdreht und eine Verwicklung an die nächste reiht. Es ist immer was los in SLALOM und weil auch die deutsche Synchro dieser Rarität wunderbar mitspielt, darf man sich auf sympathisches Entertainment auf durchaus gehobenem Niveau freuen – im Eurospy-Genre durchaus keine Selbstverständlichkeit.

Eine tolle Entdeckung in atemberaubender Farbqualität, die auch auf dem Hofbauer-Kongress oder dem Terza Visione gut aufgehoben gewesen wäre.

 

15213UN UOMO, UNA CITTÀ beginnt am Bahnhof von Turin, wo der Film spielt. Mehrere Menschen, wir kennen sie alle noch nicht, steigen aus dem Zug aus, werden mal kurz, mal länger von der Kamera eingefangen und festgehalten. Einige lernen wir dank eines kleinen Dialogs etwas kennen, andere huschen nur vorbei, doch die meisten von ihnen werden später noch einmal auftauchen, unabhängig voneinander in eigenen, mal mehr, mal weniger wichtigen Episoden, aus denen sich Guerrieris Film zusammensetzt. Das ist typisch für den Film, der keinem großen erzählerischen Gesamtentwurf folgt, sondern viele kleine Geschichten erzählt, die durch die Figur des alternden Inspektor Michele Parrino (Enrico Maria Salerno) zusammengehalten werden. Ergo: „Ein Mann, eine Stadt“.

In seinem schönen Text zu Lucio Fulcis QUANDO ALICE RUPPE LO SPECCHIO führt Sven Safarow die Rubrik des „letzten Films“ ein. Auch UN UOMO, UNA CITTÀ lässt sich als solcher „letzter Film“ oder „Abschiedsfilm“ kategorisieren, auch wenn sowohl Regisseur Guerrieri als auch Hauptdarsteller Salerno danach noch weiter tätig waren. Kurz bevor der Polizeifilm italienischer Prägung dem Zorn der gebeutelten Bürger Ausdruck verschaffen und zum affektgeladenen Gewaltreißer mutieren sollte, inszenierte Guerrieri ihn zum vielleicht ersten und letzten Mal mit unübersehbarer Sentimentalität und Melancholie, mit dem Blick für die Menschen hinter den nackten Zahlen in der Statistik, für die tragischen Geschichten hinter den Schlagzeilen. Salerno, in jener Zeit bereits auf die Figur des müden, von der Zeit überholten Kriminalbeamten abonniert, hetzt hier nun endgültig nicht mehr atemlos hinter den Schurken her. Er nimmt sich Zeit, mit den Menschen zu sprechen, er hört ihnen zu, zieht aus dem Gehörten seine Schlüsse und erkennt – forciert durch seinen zunehmend schlechteren Gesundheitszustand –, dass es für ihn langsam an der Zeit ist, den Hut zu nehmen. Er hat eine junge Geliebte, die Lehrerin Anna (Paola Quattrini), doch wahre Seelenverwandtschaft, jene anscheinend blinde, voraussetzungslose Übereinkunft, die die Voraussetzung für das ist, was man „Liebe“ nennt, spürt er eigentlich erst im Dialog mit der gleichaltrigen Cristina Cournier (Francoise Fabian), der Tochter eines verdächtigen Jugendlichen. Es gibt mehrere Kriminalfälle, die während des Films gelöst werden, und einen, den man als „zentral“ bezeichnen könnte, aber eine Ermittlung im klassischen Sinne findet kaum statt. Guerrieri ist an den Resultaten von Parrinos Arbeit nicht besonders interessiert, dafür umso mehr an dem Miteinander der Bürger und dem Ort, den sie, vom Schicksal willkürlich hingeworfen, miteinander teilen. Zeichnet der Poliziesco jener „bleiernen Zeit“ sonst kein besonders schmeichelhaftes Bild der Menschheit, sondern vielmehr eine Gesellschaft, in der der Mensch meist des Menschen Wolf ist, jeder rücksichtslos auf seinen Vorteil bedacht, scheint er hier ein Zusammenrücken, Empathie und Mitgefühl proklamieren zu wollen. Die Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben, zeigen Menschen im freundschaftlich-verständnisvollen Dialog miteinander.

Besonders eindrucksvoll ist der Besuch Parrinos bei einer armen Kleinfamilie aus dem Süden. Der junge Sohn hat sich erhängt, weil er zum dritten Mal die Versetzung nicht geschafft hat. Seine Mutter liegt vor dem Leichnam auf den Knien und schreit ihren Schmerz zum Himmel, während Parrino vom Vater erfährt, dass der Junge mit dem Umzug in den Norden, der Sprache, die die Menschen hier sprechen, und dem neuen Rhythmus des Lebens von Anfang an überfordert war. Parrino macht eine kurze Bemerkung darüber, dass der Mann sich doch um seine hysterische Frau kümmern müsse, doch der antwortet nur sehr, sehr weise, mit vollem Verständnis in die eigentlich unlösbare Aufgabe, die nun vor ihnen steht: „Nein. Eine Mutter muss weinen.“ Parrino schweigt, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Es ist eine Szene, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Eine weitere jener Randfiguren, die den Film immer wieder durchkreuzen, kurz Aufmerksamkeit einfordern und dann wieder verschwinden, ist „Il cavalier Battista“ (Tino Scotti), ein verwirrter Rentner, der die Entlassung aus den geliebten Fiat-Werken nicht verkraftet hat und nun ziellos durch die Straßen irrt, hin und wieder eines jener Automobile bewundert, an deren Konstruktion er einst selbst beteiligt war, Passanten anhält, sie in Gespräche verwickelt und an seiner Geschichte teilhaben lässt. Er verschwindet irgendwann aus dem Film und man sieht Parrino den Schmerz darüber an, dass es nicht in seiner Macht steht, diesem Mann zu helfen. Alles, was ihm bleibt, ist ihm kurz zuzuhören, ihm das Gefühl zu geben, dass er da ist, auch wenn seine Antworten bei dem Greis kaum noch ankommen. Schön ist auch die Freundschaftsbeziehung zwischen Parrino und dem Journalisten Paolo Ferrero (Luciano Salce): In den Szenen der beiden zeigt sich, was das eigentlich ist, „Freundschaft“. Berufsbedingt sind die beiden nicht immer einer Meinung, die Presse ist auf saftige Schlagzeilen angewiesen, die dem Polizisten oft ein Graus sind, vor allem, wenn sie auf seinen eigenen Fehlern gründen. Es gibt einmal ein handfestes Massaker bei einem Einsatz, den Parrino leitet. Durch eine Verkettung von unglücklichen Zufällen werden sowohl drei Zugräuber als auch deren Geisel und einige Polizeibeamte bei einem vermeidbaren Schusswechsel getötet. Parrino ist entsetzt, zwar trifft ihn keine direkte Schuld, aber doch trägt er die Verantwortung. Er gerät heftig mit Ferrero aneinander, der seine Kollegen, deren Fragen Parrino zuwider sind, vor ihm verteidigt: Sie machen doch auch nur ihren Job. Später treffen sich die beiden wieder und verteilen an die „feinen Herschaften“, deren illegal betriebener Privatpuff einem jungen Mädchen das Leben gekostet hat, bei einer Theatervorführung überführende Beweisfotos. Die Antwort auf die Frage, ob ihre Aktion einen positiven Effekt nach sich zieht, bleibt Guerrieri schuldig, aber das ausgelassene Lachen der beiden Veteranen über die bedröppelten Gesichter der Honorationen ist ein schöner Schlusspunkt. Parrino verstummt und spaziert langsam ins Dunkel der Nacht, gedankenverloren. Die Rufe seines Freundes hört er nicht mehr. Er ist jetzt woanders, vielleicht bei seiner möglichen Zukunft, bei seiner Stadt und ihren Menschen, aber ganz gewiss nicht mehr bei seinem Beruf.