Mit ‘Lucio Fulci’ getaggte Beiträge

Meinen letzten Text über Fulcis Film einen „Verriss“ zu nennen, wäre zu viel gesagt; Fakt ist aber, dass ich mit LUCA IL CONTRABBANDIERE damals überhaupt nicht warm geworden bin. Ganz anders gestern, als ich ihn in deutscher Version als DAS SYNDIKAT DES GRAUENS auf großer Leinwand erleben durfte. Was für ein Brett!

Die Diskrepanz zwischen dieser und der vergangenen Sichtung beweist mir mal wieder, dass ich italienische Filme nicht vorschnell aburteilen sollte, wenn ich diese nur mit englischer Synchro genossen habe. Viele der Vorwürfe, die ich beim letzten Mal gegen LUCA IL CONTRABBANDIERE erhob, lassen sich meines Erachtens nur auf die Leb- und Variantenlosigkeit zurückführen, die englische Synchros fast immer „auszeichnet“. Dass einem die Figuren fremd blieben, kann ich nach der gestrigen Sichtung jedenfalls nicht mehr behaupten. Und Sprüche wie „Das ist Ursel aus Frankfurt, sie ist deutsch bis aufs Knochenmark“ knallen einfach wie Peitschenhiebe. Dazu kommt noch, dass Fulcis Inszenierung wirklich erst auf der Leinwand ihre volle Wirkung entfaltet. LUCA IL CONTRABANDDIERE hat einen etwas unscheinbaren Look, der Film ist trüb und farbarm, psychedelische Effektsequenzen wie in seinen Horrorfilmen darf man natürlich auch nicht erwarten, trotzdem ist er eine Augenweide. Die Kamera schwebt immer wieder sanft um die Figuren herum, oft blendet Gegenlicht und belegt das Geschehen kurz mit einem unwirklichen Schleier. Eine frühe Discosequenz, die komplett im Stroboskopgewitter spielt, dürfte für mich ewig weitergehen und Fabio Testi liefert unter der Anleitung Fulcis eine seiner besten Leistungen ab.

Dann ist da natürlich die Gewalt. Die Bunsenbrennerszene brennt sich wahrlich ins Gedächtnis, Dutzende explodierender Köpfe, Brustkörbe und Bäuche lassen einem die Kinnlade herunterklappen. Richtig harter Tobak ist aber eindie ausgedehnte Vergewaltigungssequenz, die im Kinosessel zur wahren Zerreißprobe wird. Die sich zur Kakophonie steigernden Schreie des Opfers und Lucas hilfloser Blick am anderen Ende des Telefons: Das vergisst man nie wieder. Lassen sich viele der in den Siebzigerjahren in Italien entstandene Gangster- und Polizeifilme als chauvinistischer Unfug mit Partycharakter titulieren, wirft LUCA IL CONTRABBANDIERE einen besonders desillusionierten Blick auf das finstere Treiben der Mafia. Lucio Fulci ist eh nicht als großer Spaßvogel bekannt, dieser Film darf als einer seiner trostlosesten angesehen werden.

Ich bin froh, den Film noch einmal in dieser Form gesehen und hier außerdem die Gelegenheit zu haben, vergangene Fehler wiedergutzumachen. LUCA IL CONTRABBANDIERE ist einer von Fulcis besten Filmen.

der_new_york_ripperWie das Terza Visione selbst hat auch meine Berichterstattung darüber irgendwann ein Ende. Das Festival schloss mit diesem Film und einem unvergesslichen Knalleffekt, der mir zum Glück auch die Gelegenheit bietet, etwas geradezurücken. Was ich anlässlich meiner letzten Sichtung vor drei Jahren über den Film geschrieben habe, kann ich nach dieser Wiederbegnung überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Ich war geradeu geschockt über das, was ich da lesen musste. Meine Aussagen über den angeblich nicht mehr so potenten Schockfaktor der Effekte, mangelnde Spannung oder andere Kritikpunkte, die ich damals anführte, lassen sich meiner Meinung nach nur mit der anderen Sichtungssituation – zu Hause auf der Couch via DVD und englischer Synchro – und akuter geistiger Umnachtung entschuldigen. Im Kino, schön aus der ersten Reihe und herrlich voyeuristischer Perspektive von schräg unten, hat LO SQUARTATORE DI NEW YORK fast wieder so heftig geknallt wie damals, als ich ihn als unreifer, ob der gebotenen Schweinereien reichlich schockierter Lausebengel sah. Eine der Stärke des Films sind eben diese Effekte, vor allem aber, wie Fulci sie einfängt. Dass der SQUARTATORE einer jener Filme ist, die einem suggerieren, mehr gesehen zu haben, als tatsächlich gezeigt wurde, mag angesichts durchgeschnittener Augäpfel und halbierter Nippel etwas absurd anmuten, aber es stimmt insofern, als Fulci fast ausschließlich mit Close-ups arbeitet, die das „große Ganze“ gnädig verbergen. Dann natürlich die berüchtigte Donald-Duck-Stimme und diese ultrafrontale Montage: LO SQUARTATORE DI NEW YORK nimmt keine Gefangenen, hinterlässt vielmehr auf und vor der Leinwand geschundene Leiber. Und er endet mit einer der geilsten unbefriedigen Auflösungen aller Zeiten. Mir kann keiner erzählen, dass nicht der Psychiater der Mörder war und nach Abschluss der Credits munter weiterkillt.

Eigentlich wollte ich hier aber über etwas anderes schreiben, nämlich darüber, was für großartige Menschen Christoph und Andi, die Initiatoren des Terza Visione, sind. Beziehungsweise darüber, dass ich die beiden für Genies halte, die in einer gerechten Welt von Festivalmachern, Filmmuseen, Archiven, Feuilletons oder sonst wem hofiert und mit Geld beworfen würden. Die deutsche 35-mm-Kopie von LO SQUARTATORE DI NEW YORK galt bis vor kurzem nämlich als verschollen. Alle waren hinter ihr her und wollten sie zeigen, keiner wusste jedoch, wo sie war. Es ist Andreas zu verdanken, dass sie nun wieder verfügbar ist, weil er sie in einem Geistesblitz hinter dem Titel „New York Runner“ (ein Film, den es nicht gibt bzw. den keine Datenbank zuordnen konnte) auf der Liste eines Privatsammlers erkannte. Da war einfach eine unleserlich gewordene Beschriftung übertragen worden und DER NEW YORK RIPPER firmierte plötzlich unter einem Namen, unter dem er nur durch eben einen solchen Geniestreich wiederentdeckt werden konnte. Wenn man hört, welche Unwägbarkeiten die wenigen Leute zu meistern haben, die sich überhaupt noch die Mühe machen, an unzugänglichen Orten unter viel Schlamm verborgene Trüffeln zu suchen, nötigt einem eine solche Eingebung gleich noch einmal so viel Respekt ab. Mal ganz davon abgesehen, dass Andi diese unglaubliche Geschichte, für die ich mir wochenlang auf die Schulter klopfen würde, mit größter Bescheidenheit erzählte. Er hat halt seinen Job gemacht (für den er allerdings keinen Pfennig Geld sieht). Ich bin froh, solche Menschen zu kennen, zu meinem Freundeskreis zählen und mich von ihnen und den von ihnen ausgewählten Schätzen verwöhnen lassen zu dürfen und hoffe inständig, dass all die Freude, die sie da regelmäßig spenden, irgendwann einmal – wenn’s geht nicht erst im afterlife – zurückgezahlt wird.

Ich liebe euch, Jungs! Bis zum nächsten Mal. 🙂

 

2jacci9Als George Miller mit MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR den Endzeitfilm „erfand“, ihm zumindest einen unverwechselbaren und einprägsamen visuellen Stil verpasste, trat er damit vor allem in Italien eine wahre Lawine los (Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK war ein weiterer wichtiger Einfluss). Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre drehte eigentlich jeder italienischen Genreregisseur seinen Endzeitfilm, mit dem er die von Miller (und Carpenter) erdachte Bilderwelt weiter erkundete und ausschlachtete: Castellari drehte nacheinander 1990: I GUERRIERI DEL BRONX, I NUOVI BARBARI und FUGA DAL BRONX, Ruggero Deodato I PREDATORI DI ATLANTIDE, Sergio Martino 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK, Romolo Guerrieri L’ULTIMO GUERRIERI, Joe D’Amato ENDGAME und ANNO 2020: I GLADATORI DEL FUTURO und Giuliano Carnimeo IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA, etliche weitere taten es ihnen gleich, lediglich Umberto Lenzi hielt soich raus. Und Fulci? Der inszenierte eben diesen Film, der sich aber nicht an MAD MAX 2, auch nicht an Carpenter, sondern an Norman Jewisons ROLLERBALL orientierte.

Im Gegensatz zu den Filmen seiner Kollegen, die meist in den USA spielen, ist I GUERRIERI DELL’ANNO 2072 in Rom angesiedelt, wo der von Cortez (Claudio Cassinelli) geführte Fernsehsender WBS mit makabren, sensationsgeilen Shows um die Gunst der Zuschauer buhlt, dabei abernur mäßig erfolgreich ist. Die Lösung soll eine Gladiatorensendung sein, in der der Sportstar Drake (Jared Martin, der sogar aussieht wie James Caan) in einem Kampf auf Leben und Tod gegen einige zu Tode Verurteilte – darunter Fred Williamson und Al Cliver – antritt. Doch die Männer freunden sich an un proben den Aufstand gegen das diktatorische System.

Fulcis Entscheidung, sich an Jewisons Dystopie zu versuchen, lässt den Liebhaber des großen, ambitionierten Hollywood-Films erkennen, bereitet für die mit sparsamen Mitteln produzierte Italoversion aber auch erhebliche Schwierigkeiten. Das von BLADE RUNNER inspirierte zukünftige Rom mit den durch die Luft fliegenden Gleitern ist eindeutig als preiswertes Pappmodell zu erkennen, die Settings sind klaustrophobisch beengt, grau und trist, jede Andeutung von Größe aus dem Film getilgt. Anders als Carpenter in seinem ESCAPE FROM NEW YORK oder auch Castellari mit I NUOVI BARBARI, die ähnliche Voraussetzungen vorfanden, gelingt es Fulci aber nicht, seine Limitierungen zu Stärken umzuinterpretieren. Er ist eher ein Opfer seines Budgets als ein souveräner Verwalter: Es ist schwierig, einen Arenakampf nach antikem Vorbild als Spektakel für die blutgierigen Massen zu akzeptieren, wenn diese Massen niemals zu sehen sind, man hinter der Schwärze der Nacht die Kulissenwand erahnt, hinter der der nächste Film gedreht wird. Vielleicht habe ich I GUERRIERI DELL’ANNO 2072 gestern nicht im optimalen Zustand gesehen, vielleicht war ich zu müde, um ihn würdigen zu können. Ich glaube aber eher, dass er es war, der mich so eingeschläfert hat, mit seiner monochromen Tristesse und seiner staubigen Pappigkeit.

EDIT: Habe die englische Synchro „genossen“, die ganz sicher einigen Anteil an meinem Missfallen hat. Mal sehen, ob die deutsche noch was rettet, wenn ich sie mal in die Finger bekomme.

3119311148_aa4f03e2f3Als Fulci diesen Italowestern drehte, da war selbst die durch Castellaris KEOMA eingeleitete Renaissance schon wieder passé. Aber mit dem Dreck, dem Nihilismus, den kaputten Helden und den sadistischen Schurken, die man mit DJANGO und seinen Ahnen verbindet, hat SELLA D’ARGENTO eh nur wenig zu tun. Vielmehr lässt er Fulcis Liebe für den klassischen Hollywood-Western und überhaupt das amerikanische Kino erkennen (ich fühlte mich etwas an Hathaways NEVADA SMITH erinnert)- und wirkt damit mehr als etwas anachronistisch.

Als Junge erschießt Roy Blood den Mörder seiner Vaters, einen der Männer des schurkischen Thomas Barrett. Viele Jahre später reitet er, nun ein gutaussehender Mann (Giuliano Gemma), ziellos durchs Land und hinterlässt, wie uns der melancholische Titelsong berichtet, eine Leichenspur. Ein Mordauftrag, den ihm der Halsabschneider Two-Strike Snake (Geoffrey Lewis) vermittelt und den er widerwillig annimmt, erweist sich als Falle und bringt ihn mit dem kleinen Thomas (Sven Valsecchi) zusammen, dem Neffen von Barrett (Ettore Manni). Der Wunsch, seinen Vater zu rächen, kollidiert mit väterlichen Gefühlen für den kleinen Jungen, dessen Familie er nicht zerstören will …

SELLA D’ARGENTO ist handwerklich über jeden Zweifel erhaben, was vor allem die kürzlich erschienene HD-Version deutlich macht, die die die von der Sonne ausgedörrten Bilder und die wunderschönen, spannungsreichen Bildkompositionen voll zur Geltung bringt. Aber irgendwie wollte der Funke einfach nicht überspringen. Fulcis Film ist sichtlich in dem Vorhaben gefertigt, großes Kino zu machen, nicht nur für eine beschränkte Zielgruppe, sondern buchstäblich für die ganze Familie. Die wenigen Härten – es gibt einige blutige Einschüsse zu bewundern – hat man damals, vor rund 40 Jahren, halt so mitgenommen, ansonsten steht die Freundschaft zwischen dem Revolverheld, dem man den skrupellosen Killer nicht so wirklich abnimmt, und dem blonden Jungen im Vordergrund, reiten die beiden in einem eher lustigen als kitschigen Ende gar zusammen in die Sonne, Blood auf seinem stolzen Hengst, der kleine Thomas auf einem niedlichen Zwergpony. Das ist nicht per se zu verurteilen, aber mir fehlten dann doch die Aha-Momente, die Brüche, die ungewöhnlichen Ideen, mit denen Fulcis Werk sonst geradezu gespickt ist. Nette, gediegene Abendunterhaltung, aber nicht mehr. VIelleicht hätte ich den Film auch nicht zur Mittagszeit schauen sollen.

zanna-bianca-locandina-lowIn Jack Londons berühmtem Roman „White Fang“ (deutscher Titel: „Wolfsblut“) geht es um den Kontrast zwischen Zivilisation und Natur, der am Beispiel eines Wolfsmischlings herausgearbeitet wird. Das Junge eines Wolfs und einer Schlittenhündin beginnt sein Leben als Haustier eines Indianerstamms, wird dann an einen skrupellosen Geschäftemacher verkauft, der es bei blutrünstigen Tierkämpfen einsetzt. Unter der Obhut des Abenteurers Scott reist das Tier schließlich zurück nach Kalifornien, wo es sich erneut der Zivilisation anpassen muss. In Lucio Fulcis Adaption tritt das Tier selbst ein wenig in den Hintergrund, doch die thematische Orientierung des Romans bleibt weitestgehend erhalten.

Der Regierungsbeamte Kurt Janssen (Raimund Harmstorf) und sein Freund, der Schriftsteller Jason Scott (Franco Nero) reisen an den Klondike River in Kanada, genauer gesagt in das Goldgräberstädtchen Dawson City, in dem sich der verbrecherische Geschäftsmann Charles „Beauty“ Smith (John Steiner) niedergelassen hat. Auf dem Weg dorthin begegnen sie dem Indianer Charlie (Daniel Martin), der mit seinem Sohn Mitsah (Missaele) und dem Hund „Wolfsblut“ zusammenlebt. Ein Unfall Mitsahs bringt die Familie nach Dawson, wo Smith den Indianer umbringen lässt und den Hund in seine Gewalt bringt. Als sich die Nachricht ausbreitet, dass neue Goldvorkommen im Osten entdeckt wurden, eskalieren die schwelenden Konflikte …

ZANNA BIANCA ist ein mit deutlich erkennbaren kommerziellen Ambitionen aufwändig produzierter Abenteuerfilm „für die ganze Familie“. Die beiden Freunde Kurt und Jason setzen es sich sofort zum Ziel, in Dawson für Ordnung zu sorgen und legen sich dafür – unter großzügigem Gebrauch ihrer Fäuste – mit Smith an. Hier erinnert Fulcis Werk durchaus etwas an die frühen Spencer/Hill-Filme mit ihren gut gelaunten, unverdrossenen Helden, lockeren Sprüchen, saftigen Keilereien und schmierigen Schurken. Harmstorf darf einmal sogar Nägel mit der Hand ins Holz dreschen: Die Kartoffel aus DER SEEWOLF hatte Spuren hinterlassen. Das ganze Setting, der Subplot um Wolfsblut und den Indianerjungen ist natürlich etwas, das Jungs damals das Herz aufgehen lassen musste, und ein bisschen Romantik gibt es auch in den zart angedeuteten Liebesgeschichten zwischen der Saloonsängerin Krista (Carole André) und Kurt auf der einen, der Nonne Schwester Evangelina (Virna Lisi) und Jason auf der anderen Seite. Fernando Rey sorgt zwei Jahre nach seinem Auftritt in THE FRENCH CONNECTION für Hollywood-Atmosphäre in der rein europäischen Produktion und natürlich darf ein explosiver Showdown auch nicht fehlen. ZANNA BIANCA ist schön anzusehen und stimmt heute angenehm nostalgisch.

Man spürt aber auch, dass Fulci für die wohl angestrebte Form reuelosen Eskapismus nicht ganz der richtige Mann war, ihm eine werkgetreuere Adaption des London-Romans wahrscheinlich lieber gewesen wäre. Die Skepsis gegenüber dem Menschen, die latente Misanthropie, die den Spätwestern auszeichnet, aber eben auch charakteristisch für Fulcis Schaffen ist, steht dem unbeschwerten Vergnügen dann doch merklich im Weg: ZANNA BIANCA wird seine Melancholie, ausgelöst durch die Einsicht in die Korrumpierbarkeit des Menschen, nie ganz los und die überschwängliche Freude, die Jason am Ende empfindet, wenn er den totgeglaubten Hund doch noch in die Arme schließen und mit in die Zivilisation nehmen darf, will sich einfach nicht auf den Betrachter übertragen. Zu sehr erkennt man darin das Bestreben des Menschen, sich alles zu Untertan zu machen. Wolfsblut gehört, genau wie sein Herrchen Mitsah, in die verschneite Landschaft der kanadischen Wälder, nicht in die Stadt. Ein Erfolg war ZANNA BIANCA aber trotzdem, weshalb Fulci nur ein Jahr später ein Sequel folgen ließ, mit der nahezu gleichen Besetzung. Es sei ihm von Herzen gegönnt.

138703Senator Puppis (Lando Buzzanca) ist aussichtsreicher Kandidat für die Wahl zum italienischen Staatspräsidenten, doch kurz vor dem Ziel droht ihm eine sexuelle Neurose zum Verhängnis zu werden: Puppis verspürt nämlich den unstillbaren Drang, Frauen an den Hintern zu greifen. Als Journalisten den Skandal enthüllen, wird er zunächst das Opfer einer ordinären Erpressung, doch das ist nur der Anfang. Wenig später melden sich schließlich seine Gönner und Förderer bei ihm, die erhebliches Interesse an seinem Erfolg haben, eine Wahlniederlage nicht akzeptieren können. Allen voran Kardinal Maravidi (Lionel Stander), der wiederum enge Kontakte zur Mafia in Form von Don Gesualdo (Corrado Gaipa) unterhält. Maravidi verordnet Puppis eine schnelle Therapie bei Vater Schierer, einem deutschen Mönch, der den völlig hilflosen Politiker nach wenigen Tagen als geheilt entlässt. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellt …

Lucio Fulcis drittletzter Ausflug ins Komödienfach, das einst seine Heimat war (es folgten später noch die Vampirkomödie DRACULA IN BRIANZA und LA PRETORA), zeigt sehr schön, welch subversives Potenzial das Genre eigentlich hat. Was wie eine alberne Commedia sexy all’Italiana beginnt, an burleske Die-da-oben-Polemisierungen erinnert, steigert sich im weiteren Verlauf zu einer reichlich finsteren und desillusionierten Bestandsaufnahme der politischen Situation in Fulcis Heimatland. Puppis – kongenial interpretiert von Buzzanca, der in Italien auf die Rolle des unbeholfenen Landeis abonniert war – ist eine Marionette, ein jämmerlicher Günstling von Gnaden der Kirche und des organisierten Verbrechens, als Mensch von klein auf zu jenem Puritanismus gedrillt, der heute seine peinlichen Folgen zeitigt, der fromme Maravidi ein skrupelloser Machtmensch, der auch bereit ist, über Leichen zu gehen, wenn es die Situation erfordert. Das zeigt sich sehr drastisch am Ende, als Puppi seine Entscheidung mitteilt, der Politik den Rücken zuzukehren. So leicht lassen die Mächtigen ihre Sockenpuppen nicht ziehen.

In Puppis Fetisch äußert sich nicht nur seine weinerliche Eierlosigkeit – er ist einfach nicht in der Lage, seine Triebe angemessen auszuagieren oder sich einem gleichberechtigten Partner auf Augenhöhe anzunähern -, sondern eben auch seine Unfähigkeit, sich seinen Problemen zu stellen: Er steht seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen völlig passiv und ratlos gegenüber, ohne eine Idee, wo die Wurzel seiner Probleme liegen könnte. Diese Unfähigkeit macht ihn ironischerweise zu einem idealen Präsidentschaftskandidaten, kommt es doch eh nicht auf Hellsichtigkeit und Durchsetzungsvermögen an, sondern nur darauf, als Identifikationsfigur für ddas Volk zu agieren – die echten Entscheidungen werden eh ganz woanders getroffen, in den Hinterzimmern des Klerus, der Wirtschaft und des organisierten Verbrechens. Puppi ist umso besser, je weniger eigenen Willen und eigene Meinung er hat, je mehr er sich von seiner ihm zugedachten homöopathischen Dosis „Macht“ blenden lässt.

ALL’ONOREVOLE PIACCIONE LE DONNE (etwa: „Der Abgeordnete mag die Frauen“) ist natürlich ein typisch italienischer Film und versperrt sich dem außenstehenden Betrachter in all seinen Details (und seinem Wortwitz) einem umfassenden Verständnis. Aber im Grunde genommen ist seine Gesellschaftskritik über nationale Grenzen und zeitliche Epochen hinaus verständlich. Wenn Fulci zu Beginn zeigt, wie sich die lautstark mitgehenden Passanten vor dem Schaufenster eines Elektrohändlers drängen, wo Fernsehgeräte den spannenden ersten Präsidentschaftswahlgang übertragen, ein kurzer Schwenk aber offenbart, dass die Menschen tatsächlich ein Fußballspiel im Fenster nebenan verfolgen, weiß man, das Politikverdrossenheit auch vor über 40 Jahren schon ein Thema war. Nicht nur deshalb ist ALL’ONOREVOLE PIACCIONE LE DONNE ein sehr sehenswerter Fulci, auch wenn der Mittelteil etwas durchhängt.

10841Wer Fulcis Einflüsse jenseits des italienischen Kinos kennen lernen will, wird mit UNA SULL’ALTRA fündig, in dem der Regisseur dem großen Alfred Hitchcock und dem Film Noir mit seinen Femmes Fatales seine Reverenz erweist. Die Sichtung des Thrillers lohnt aber auch aus anderen Gründen: nicht nur, um drei hoch attraktiven Darstellern des europäischen Kinos – Elsa Martinelli, Marisa Mell und Jean Sorel – beim erotisch aufgeladenen Intrigenspiel zuzusehen, sondern auch weil es sich bei diesem Werk aus der frühen Hochphase von Fulcis Schaffen um einen seiner visuell schönsten und aufregendsten handelt.

Der Plot vereint, wie oben schon angedeutet, klassische Noir-Motive – Versicherungsbetrug und das In-die-Schuhe-Schieben eines Mordes – mit Anleihen bei Hitchcocks VERTIGO und dessen Vorliebe für den unschuldig Verfolgten. In UNA SULL’ALTRA trifft es Dr. George Dumurrier (Jean Sorel), den Chef einer mit finanziellen Probleme kämpfenden Privatklinik. Als seine wohlhabende, aber ungeliebte Gattin Susan (Marisa Mell) einer langjährigen Krankheit erliegt, scheint der Weg frei für seine Heirat mit der Modefotografin Jane (Elsa Martinelli), seiner langjährigen Geliebten. Dass Susan ihm außerdem eine Million Dollar vererbt hat, nimmt er zwar gern mit, wirft aber auch unangenehme Fragen und Zweifel an seiner Unschuld auf. Als er dann auf die Striptease-Tänzerin Monica Weston (Marisa Mell) aufmerksam gemacht wird, die Susan zum Verwechseln ähnlich sieht, verdichtet sich sein Verdacht, Opfer eines Komplotts geworden zu sein. Zu Recht, wie er erkennen muss, als er wegen Mordes in der Todeszelle landet …

Fulci erzählt seine Geschichte sehr geduldig und ruhig, weniger mit einem stetig ansteigenden Spannungsbogen als vielmehr mit einem sich im letzten Drittel des Films förmlich überschlagenden Handlungsverlauf, der den Protagonisten mit totaler Ohnmacht schlägt und ihm die Teilhabe am Ausgang der Geschichte aus den Händen nimmt. Die Auflösung, der der Zuschauer nicht direkt beiwohnt, sondern die ihm aus zweiter Hand, in Form des Berichts eines Reporters, serviert wird, verstärkt dies noch, lässt außerdem an das umstrittene Ende von Hitchcocks PSYCHO denken – der auffälligste erzählerische Kniff von NA SULL’ALTRA, aber bei Weitem nicht sein einziger. Noch aufregender als die Frage nach dem Täter ist es etwa, sich ganz der vielsagenden visuellen Gestatung hinzugeben. Fulci frönt nicht nur dem damals angesagten psychedelischen Look, er führt die Konflikte des Films auch in der von Gegenüberstellungen lebenden Bildgestaltung auf die Spitze: Immer wieder kämpfen da zwei Charaktere um die Dominanz im Bildkader, wird auch das Liebesspiel als latent aggressiv gezeichnet, nicht als erotisches Miteinander, sondern als ständiges Schwanken und Umstürzen der Kräfteverhältnisse. Schon wie Fulci Marisa Mell in Szene setzt, als ihre männlichen Partner förmlich überragende Naturgewalt, lässt erahnen, dass es für George nicht viel zu lachen geben wird. Nur die nicht minder erotische Elsa Martinelli kann ihr Einhalt gebieten, in einer lesbischen Szene, die den Höhepunkt des Films darstellt und deren erotisches Knistern sich langsam zu einem lautstarken Krachen ausweitet.

Auch wenn der reißerische deutsche Titel NACKT ÜBER LEICHEN es nicht unbedingt vermuten lässt: UNA SULL’ALTRA ist einer von Fulcis allerbesten Filmen. Er lässt den großen Stilisten erkennen und sollte alle, die bisher noch Zweifel an seinen enormen Fähigkeiten hatten, endgültig bekehren.