Mit ‘Luigi Bazzoni’ getaggte Beiträge

Der Erfolg der frühen Giallos von Dario Argento – L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO und IL GATTO A NOVE CODE – zog eine Vielzahl von Epigonen nach sich, die meist nach dem Prinzip des „Malen nach Zahlen“ gefertigt wurden. Filmemacher, die weniger Künstler als vielmehr talentierte Handwerker und Diener cleverer Produzenten waren, reduzierten Argentos Filme auf eine griffige Formel und extrahierten aus ihnen die markigsten Merkmale, die sie dann lediglich neu kombinierten: ein Killer, blutige Morde, schöne, oft nackte Frauen, viel psychedelischer Seventies-Chic, delirante Musik und fehlgeleitete Ausflüge in die Küchenpsychologie. Der Giallo geriet so zu einem extrem homogenen, aus diesem Grund aber auch kurzlebigen Subgenre des Thrillers, das zwar heute noch viele Freuden für den geneigten Zuschauer bereithält, aber auch nur wenige Titel hervorbrachte, die über das Genre hinaus von Bedeutung sind. Luigi Bazzoni ist keiner der ganz großen Namen des italienischen Kinos, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass er zwischen seinem Debüt 1967 und dem vorläufigen Ende seiner Karriere 1975 lediglich vier Filme produzierte (erst 20 Jahre später, 1994/95, nahm er seine alte Tätigkeit für eine Reihe von Dokumentarfilmen noch einmal auf), aber mit GIORNATE NERA PER L’ARIETE und dem vier Jahre später gewissermaßen zum Abschied hinterlassenen Meisterwerk LE ORME schuf er zwei Ausnahme-Giallos, für die die Genreschublade eine Nummer zu klein ist.

GIORNATE NERA PER L’ARIETE – in Deutschland ausnahmsweise wörtlich mit EIN SCHWARZER TAG FÜR DEN WIDDER übersetzt – zeigt natürlich schon im tierischen Titel die Orientierung an Argentos Kinohits und weist mit seinem mysteriösen Krimiplot, seinem loungigen Score, den Bildern stilvoller Eigenheime und den Auftritten eines gesichtslosen Killers jene Zutaten auf, ohne die kein Giallo auskommt. Doch während viele seiner Zeitgenossen diese Zutaten großzügig mit beiden Händen in einen großen Topf warfen, reichlich Geschmacksverstärker zugaben, nur noch einmal kräftig umrührten und so Kalorienbomben ohne echten Nährwert produzierten, ging Bazzoni mit deutlich mehr Finesse zu Werke. Was nicht bedeutet, dass es hier nicht auch jede Menge Psychostuss, eine haarsträubende Auflösung und Stippvisiten Richtung Sleazehausen gibt: In der wahrscheinlich bescheuertsten Szene des Films zieht der Protagonist Andrea (Franco Nero) seiner Freundin beherzt den Handrücken durchs Gesicht und beschimpft sie wüst als Schlampe, weil er sie mit einem anderen Mann in einem Auto gesehen hat (es handelte sich um ihren Bruder), und zieht eingeschnappt von dannen. Als er nach Hause zurückkommt, findet er sie tot auf, mit aufgeschnittener Kehle: Doch dann entpuppt sich das alles nur als Streich, den sie ihm zur Rache gespielt hat, die beiden spielen Fangen um sein Bett, machen ein Kämpfchen und alles ist wieder gut. Italien halt. Wer den Giallo auch für solche Mätzchen liebt, muss keine Enttäuschung zu fürchten. Dennoch zeichnet sich der Film vor allem durch eine wahrhaft opulente visuelle Gestaltung von Kameragenie Vittorio Storaro aus, der mit ihr die in der Geschichte nur unterschwellig verhandelten Themen von Einsamkeit und Isolation an die Oberfläche holt: Kalte Glasfronten und -scheiben, wuchtige rechtwinklige Betonklötze, menschenleere Plätze und immer wieder Jalousien, die das Bild waagerecht durchschneiden und die handelnden Figuren einsperren wie Tiere, bestimmen GIORNATE NERA PER L’ARIETE visuell.

Die Geschichte ist nicht so entscheidend: Der australischstämmige Lehrer (Maurizio Bonuglia) einer Sprachschule wird nach einer Silvesterparty überfallen und schwer verletzt. Der Journalist Andrea Bild, ein Alkoholiker, der auch auf der Feier war, untersucht den Fall. Einige Tage nach dem Angriff gibt es ein weiteres Mordopfer, das demselben Umfeld entstammt. Es bleibt nicht das einzige Kapitalverbrechen. Immer wieder werden Menschen ermordet, die kurz vor dem Anschlag auf den Lehrer auf der besagten Party waren. Und Bild hat für keinen der Morde ein Alibi.

GIORNATE NERA PER L’ARIETE ist ein Film der gestörten Beziehungen und der Einsamkeit: Entfremdete Ehepaare, geschiedene oder getrennte Partner, Prostituierte und Freier bestimmen die Handlung, ein Aspekt, der sich, wie oben erwähnt, auch bildlich niederschlägt. Bazzoni hat einen Thriller gedreht, aber seine Story um den journalistischen Ermittler, der sich auf Tätersuche begibt, ist eigentlich nur der Vorwand für ein äußerst resignatives Welt- und Menschenbild. Dazu passt auch der astrologische Subtext: Der Mörder ist ein Widder, dessen spiralförmige Hörner – an die auch mehrere Wendeltreppen im Film erinnern – ja dem DNA-Strang ähneln, der wiederum jeden einzelnen Menschen determiniert. Es ist den Menschen in GIRONATE NERA PER L’ARIETE nicht vergönnt, in positive Beziehung zueinander zu treten. Sie bleiben sich fremd, auf Distanz zueinander, was die sie umgebende Architektur gleichermaßen begünstigt und verstärkt wie auch widerspiegelt. Die bleichen, kalten Farben – ein deutlicher Kontrast zu den oft eher „grellen“ Giallos – tun ihr übriges. Ein schöner, trauriger Film und Pflichtprogramm für jeden Freund des italienischen Kinos im Allgemeinen und des Giallo im Speziellen.

Nachdem sie von einem Mann geträumt hat, der für ein Experiment allein auf dem Mond zurückgelassen wird, geschehen rätselhafte Dinge im Leben der Übersetzerin Alice Cespi (Florinda Bolkan):  Erst verliert sie ihren Job, weil sie an den vergangenen drei Tagen angeblich nicht zur Arbeit erschienen ist, dann findet sie in ihrer Wohnung das Bild eines Hotels in einem Ort namens Garma, das sie zu kennen scheint, obwohl sie sich nicht daran erinnert, jemals dort gewesen zu sein. Als sie das Hotel besucht, trifft sie mehrere Menschen, die sie unter dem Namen „Nicole“ zu kennen vorgeben und behaupten, sie auch in den letzten Tagen dort gesehen zu haben. Je mehr sich diese Behauptungen im Folgenden bestätigen, umso mehr beginnt Alice an ihrem Verstand zu zweifeln …

Als Kind besaß ich ein Sachbuch über Piraten mit tollen Illustrationen. Ich kann mich heute leider nur noch an eines dieser Bilder konkret erinnern: Es hieß „Ausgesetzt“ und zeigte einen Piraten, der zusammengesackt am Strand einer einsamen Insel  saß, das Gesicht voller Verzweiflung in den Händen vergraben, fern am Horizont das Schiff, das ihn für ein unbekanntes Vergehen zurückgelassen hatte. Die Vorstellung, zu einem Leben in völliger Einsamkeit und räumlicher Abgeschiedenheit verurteilt zu werden, ohne Hoffnung, jemals wieder in die Gesellschaft von Menschen zurückkehren zu können, hat mich als Kind schwer getroffen, ich konnte gut nachfühlen, wie schrecklich das sein musste. Ich wusste, dass ich nie so enden wollte wie dieser Pirat. Was das mit LE ORME zu tun hat? Luigi Bazzoni ist es mit seinem Film gelungen, eben jenes Gefühl, das mich damals bei der Betrachtung dieses Bildes ereilte, erneut in mir hervorzurufen. Die eröffnenden Bilder mit dem Mann auf dem Mond, der in Panik der davonschwebenden Raumkapsel hinterherrennt, wissend, dass er in Einsamkeit Tausende Kilometer von der Erde entfernt sterben wird, ohne eine Spur zu hinterlassen, prägen die Stimmung des Films massiv und auch, wenn LE ORME danach mit beiden Beinen auf dem Erdboden bleibt, so stellt sich die Situation, in der sich Alice befindet, mit laufender Spieldauer doch als kaum weniger desolat dar.

Das Geheimnis dieses großartigen Films ist wohl, dass er die Suggestion nie zugunsten der Konkretion aufgibt: Auch wenn es eine Auflösung gibt, so wirft diese letztlich doch mehr neue Fragen auf, als sie alte beantwortet. Sie beruhigt nicht, vielmehr erhärtet sie nur den schrecklichen Verdacht, der als dräuender Schatten über dem ganzen Film schwebte. Und es ist dieser Verdacht, dieses sichere Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, das man aber nicht genau benennen kann, das diesen Film auszeichnet und das noch kein anderer Film, den ich kenne, in dieser Intensität hervorgerufen hat. Obwohl LE ORME wunderschön anzuschauen ist, liegt die eisige Atmosphäre des Todes über ihm. Alice‘ Wohnung, in der sie in fast völliger Isolation lebt, ist in kaltem, weißem, steril anmutenden Siebzigerjahre-Chic eingerichtet, in Garma wiederum herrscht diese Stimmung, die Urlaubsorte überfällt, wenn die Saison zuende und die Gäste wieder abgereist sind: als würde alles von einer großen Leere verschlungen, und der bittermelancholische, tieftraurige und zerbrechliche Score von Nicola Piovani scheint den Figuren schon den Weg ins Jenseits zu weisen, ihr Schicksal zu beweinen. Zwar erzählt LE ORME die Geschichte einer Frau, doch seine Trauer ist universal, weil er letztlich von der conditio humana selbst handelt: Menschliche Wärme ist immer nur vorübergehend und kann nur kurz über den tief im Innern vergrabenen Schmerz über die eigene Sterblichkeit hinweghelfen; alle spüren diese Leere, aber mit ihr auch die Machtlosigkeit, diese zu überwinden. Ja, es spricht tatsächlich einiges dafür, LE ORME als transzendentalen Endzeitfilm zu betrachten: Wir werden alle irgendwann sterben. Und weder Freundschaft noch Liebe werden etwas daran ändern, dass wir in diesem Moment mit uns allein sind.

Ein Meisterwerk.