Mit ‘Luigi Cozzi’ getaggte Beiträge

12938309_1185425714816062_236977913783283157_nBevor es hier mit meinem „normalen“ Filmprogramm weitergeht, möchte ich kurz auf zwei auswärts erschienene Texte von mir aufmerksam machen.

Den ersten findet ihr im HERCULES-Mediabook von Koch Media, das Luigi Cozzis herrlichen Film in optimaler Qualität und mit vielen interessanten Extras, etwa über die wunderbar anachronistischen Spezialeffekte, präsentiert. Cozzis Filme werden immer wieder von lieblosen Gestalten als Trash verunglimpft, ich finde, sie gehören zum Schönsten, was das Genrekino der späten Siebziger- und frühen bis mittleren Achtzigerjahre hervorgebracht hat. Ich sage nur STARCRASH, hach!

Beim zweiten Text handelt es sich um den Beitrag zur tollen Reihe „Papas Kino bebt“ auf critic.de, die sich – passend zu einer in diesem Jahr auf der Berlinale gelaufenen, ganz ähnlichen, leider aber viel langweiligeren, weil kanonlastigen Retrospektive – mit dem kommerziellen deutschen Film des Jahres 1966 beschäftigt. Dafür habe ich mir diesmal DER WÜRGER VOM TOWER vorgeknöpft, ein Edgar-Wallace-Rip-off aus der Schmiede von Erwin C. Dietrich, an das sich aufmerksame Leser vielleicht noch erinnern. Meinen neuen Text findet ihr hier.

Viel Vergnügen!

herculesLuigi Cozzis Wiederbelebung des Peplums sieht ungefähr genauso aus, wie man das nach seinem STAR CRASH erwarten durfte: Die Kostüme sind offenherzig und fantasievoll, die Spezialeffekte bemühen Mitte der Achtzigerjahre bereits reichlich veraltete Techniken, die dem Film eine kindliche Naivität verleihen, überall blitzt und funkelt es und statt eines kontinuierlich entwickelten Spannungsbogens gibt es eine Aneinanderreihung von Episoden, deren Logik nicht immer unmittelbar nachvollziehbar ist. Trotz dieser Gemeinsamkeiten ist HERCULES aber ein völlig anderer Film als Cozzis Weltraumoper (die nur Unmenschen ohne Geschmack und Stil als STAR WARS-Rip-off bezeichnen). Cozzi wirft sich mit offenem Visier in die Schlacht, versucht nicht, die alten Sandalenfilme auf einen historisch fundierteren Boden zu stellen, sondern empfängt den dem Genre inhärenten Kintopp mit offenen Armen, schafft aber gleichzeitig ein Werk, dessen hoher Abstraktionsgrad es schon fast in den Rang des dekonstruktivistischen Metafilms hebt.

Für mich besonders auffällig: HERCULES wird niemals „lebendig“, wie es die alten Herkules-Filme ohne Zweifel wurden, die ihre Zuschauer in eine pittoreske Pseudoantike voller schöner Frauen, edler Recken, finsterer Schurken und gräuslicher Ungeheuer entführten. Stattdessen spielt Cozzis Film in einer beinahe entvölkerten Welt, über der des Nachts ein planetenreiches Weltall prangt und deren wenigen Bewohner keinen normalen Alltag zu kennen scheinen, sondern ständig irgendwelche seltsamen Pläne schmieden. Der Film beginnt mit keinem geringeren Ereignis als der Erschaffung der Welt, bei der Pandoras Büchse – hier eher: ein Tonkrug – eine wichtige Rolle spielt. Am Ende des Vorgangs kommen die auf dem Mond (!) lebenden Götter Zeus (Claudio Cassinelli), Athene (Delia Boccardo) und Hera (Rossana Podestà) auf die Idee, einen Superhelden aus reinem Licht zu schaffen, um den nun auf der Erde waltenden bösen Mächten etwas entgegenzusetzen. An seinem neuen Bestimmungsort angelangt, wird der kleine Hercules sogleich als potenziell gefährlicher Göttersohn enttarnt und auf einem Floß ausgesetzt, auf dem der Tausendsassa seinen Pflegeeltern in die Arme treibt. In diesem Stil setzt sich der gesamte folgende Film aus Elementen zusammen, die man entweder aus anderen Mythen und Märchen oder aber aus zu jener Zeit erfolgreichen Filmen (vor allem CLASH OF THE TITANS und SUPERMAN müssen genannt werden) kennt, die aber nie im Stile des nervtötenden Zitatekinos mit wissendem Augenzwinkern refrenziert werden.

Lou Ferrignos Held scheint selbst nie so ganz zu begreifen, was da um ihn herum eigentlich vorgeht, und der böse Plan seiner Gegenspieler – der schurkische König Minos (William Berger) und seine Gefährtin Ariadne (Sybil Danning) – ist kaum mehr als ein Vorwand, um ihn auf die Reise durch verschiedene Set Pieces zu schicken. Hier und da schnappt man mal etwas auf, was man kennt – den Augiasstall oder Charon, den knochigen Fährmann -, aber mehr als an griechischen Mythen ist Cozzi offenkundig am Spinnen eigenen Seemannsgarns interessiert. Sein Hercules tritt gegen riesige Roboterwesen an, die eine weibliche Zauberin namens Daedalus (Eva Robins) zum Leben erweckt hat, Circe (Mirella D’Angelo) verwandelt ihn in einen Riesen, sodass er die Kontinente Europa und Afrika trennen kann, der Finalkampf findet im Inneren eines brodelnden Vulkans statt, den Minos als Energiequelle nutzt. Atlantis wird auch mal kurz erwähnt, genau wie der Feuervogel Phoenix und es ist erstaunlich, dass ein Film, der so konfus ist, gleichzeitig so aufgeräumt wirkt.

Die Legende besagt, dass der back to back mit Fragassos und Matteis I SETTE MAGNIFICI GLADIATORI gedrehte HERCULES ursprünglich als „erwachsen“ angelegt war und erst auf Initiative des entrüsteten Ferrigno entschärft wurde. Ein HERCULES UNBOUND wäre sicher interessant gewesen, aber ich finde Cozzis Film auch so sehr schön. Er ist nicht ganz so ein selig machender Knaller wie STAR CRASH, aber welcher Film ist das schon? Ich finde jedenfalls, dass er – wie eigentlich alle Filme von Cozzi – als verlachtes So-bad-it’s-good-Vehikel reichlich unter- und vor allem geringgeschätzt wird.

Die Zweitsichtung dieses Wunderwerks, diesmal nicht im Heimkino, sondern auf der großen Leinwand in wunderschönem, entspanntem Rahmen, mit einem Publikum, dessen tosender Schlussapplaus erahnen ließ, dass der farbenfrohe Unfug da oben manches Herz erobert hatte. Es ist aber auch wahrlich schwer, sich der einlullenden Liebenswürdigkeit des Films zu entziehen, so schwer, dass selbst der abgebrühteste Zuschauer irgendwann die Waffen strecken und sich dem vor seinen Augen entfachten Zauber ergeben muss. Nie zuvor habe ich einen Film gesehen, in dem die Protagonisten – Pilotin Stella Star (Caroline Munro), Navigator Akton (Marjoe Gortner) und der treue Roboter Elle (Judd Hamilton) – so viel platonische Zuneigung für einander übrig haben, an einen Konflikt zwischen ihnen ist noch nicht einmal im Entferntesten zu denken. Sie lieben und verehren sich, und kein einziger böser Gedanke kommt ihnen in ihrer harmoniebeseelten Stimmung in die Quere. Immer wieder versichern sie sich ihren Respekt und ihre Sympathie, bedanken sich artig für die Hilfe des anderen, loben sich für die geleistete Arbeit und freuen sich wie kleine Kinder, wenn sie mal wieder eine besonders aussichtslose Situation gemeistert hat. Es ist klar, dass der böse Zarth Arn (Joe Spinell), der seine gesichtslosen Vasallen immer nur im Befehlston anblafft, keine Chance gegen so viel bedingungslose Liebe hat. Als Akton stirbt, überwiegt nicht die Trauer darüber, nun Abschied von seinen Freunden nehmen zu müssen, nicht die Angst vor dem Unbekannten, das ihm bevorsteht, sondern unendliche Dankbarkeit für die gemeinsam erlebten Abenteuer. Und wahrscheinlich zeigten viele der Zuschauer mit laufender Spielzeit des Films einen ähnlich entrückt-beseelten Gesichtausdruck wie der gute Akton. Mein Grinsen wurde jedenfalls immer breiter, und als der Emperor (Christopher Plummer) am Schluss mit der Seelenruhe, die nur ein Herrscher des Universums aufbringen kann, der schon alles gesehen hat, verkündet, dass nach der in letzter Sekunde abgewendeten Gefahr alle erst einmal wieder entspannen können, da wäre ich am liebsten für immer in meinem Sessel sitzengeblieben. STARCRASH ist, da muss ich der So-bad-it’s-good-Fraktion leider rüde übers Maul fahren, einer der schönsten Filme ever, ein absoluter Rausch, buchstäblich von einem anderen Stern, aus einem anderen Bewusstseinszustand zu uns herübergebeamt. Ein Film, mit dessen Protagonisten man sich anfreunden will, den man zum Kuscheln am liebsten mit ins Bett nehmen möchte. Oder, weil das natürlich etwas unpraktisch ist, wenigstens Stellar Star in ihrem geilen Fetischfummel, ihr wisst, was ich meine.

Weil er es auf das Geld seiner reichen Ehefrau Norma (Tere Velázquez) abgesehen hat, die aufgrund seiner Seitensprünge die Trennung in Erwägung zieht, überlegt Giorgio Mainardi (George Hilton), wie er sie loswerden kann. Als er eines Nachts einen Killer (Antoine Saint-John) dabei ertappt, wie er eine Leiche verschwinden lässt, eröffnet sich ihm die Lösung seines Problems. Er erpresst den Mörder, der sich sofort an die Arbeit macht und Giorgios Auftrag kurzentschlossen ausführt. Dummerweise wird ihm das Auto, in dessen Kofferraum die Tote versteckt ist, von einem Liebespaar (Alessio Orano und Cristina Galbó) unter der Nase weggestohlen. Während die beiden keine Ahnung haben, in welcher Gefahr sie schweben, hat der Mörder die Verfolgung bereits aufgenommen. Gleichzeitig geben einige nicht in das Bild der vermeintlichen Entführung passende Fakten dem ermittelnden Inspektor (Eduardo Fajardo) Fragen auf, die ihm auch Giorgio nicht beantworten kann …

In Deutschland nie erschienen, ist L’ASSASSINO É COSTRETTO AD UCCIDERE ANCORA – oder kürzer IL RAGNO („die Spinne“), wie ein Alternativtitel lautet – international unter dem Titel THE KILLER MUST KILL AGAIN bekannt. Um einen Giallo, als der er vermarktet wird, handelt es sich dabei nur im weitesten Sinne. Cozzi konstruiert seine Geschichte nicht als psychosexuellen Reigen ornamentaler Morde mit Whodunit-Charakter, er orientiert sich eher an amerikanischen Vorbildern und hier vor allem am Großmeister des Genres, Alfred Hitchcock. Spannung bezieht er demnach auch nicht aus der Frage nach der Identität des Killers, also aus einem Mangel an Information, sondern gerade aus dem Wissensvorsprung  des Zuschauers gegenüber den Charakteren. Der Killer ist von Anfang an bekannt, auch sein Vorhaben liegt offen zutage und so fiebert man mit den Menschen mit, die nicht ahnen, in welcher Gefahr sie schweben, hofft, dass sie möglichst schnell dahinterkommen mögen, was ihnen droht. Die Leiche im Kofferraum steht dabei im Vordergrund: Gleich mehrfach bahnt sich ihre Entdeckung an, bevor sie dann doch wieder unterbunden wird. Das ist sehr geschickt gemacht, zumal sich die Bedeutung dieser Leiche für das Liebespärchen mehrfach wandelt: Als sie von der Polizei angehalten und aufgefordert werden, ihren Kofferraum zu öffnen, hoff man sich inständig, dass dieser Kelche an ihnen vorübergehen möge, später wünscht man sich hingegen sehnlichst, dass sie doch endlich einmal hineinschauen, um endlich zu begreifen, dass sie das Auto eines Mörders gestohlen haben. Auch in den Szenen, in denen der Inspektor dem schurkischen Giorgio auf den Zahn fühlt, ist man hin- und hergerissen: Ist Giorgio auch der eigentliche, überaus feige Mörder, so wird man doch auf seine Seite gezwungen, erwartet gespannt jede neue Frage des gerissenen Polizisten, der von Anfang an ahnt, dass etwas faul ist im Staate Dänemark, und Giorgios Antwort darauf. Wird er sich verraten?

L’ASSASSINO É COSTRETTO AD UCCIDERE ANCORA bietet also über weite Strecken ausgesprochen spannende Unterhaltung, hängt aber leider im letzten Drittel etwas durch. Meines Erachtens eine Drehbuchschwäche: Anstatt das Duell zwischen dem Killer und dem Liebespärchen durch weitere Wendungen auf die Spitze zu treiben, fällt Cozzi nichts Besseres ein, als eine zusätzliche, eher uninteressante Figur (Femi Benussi) als weiteres Opfer einzubauen. Das bringt den Film nicht wirklich weiter, zögert den eigentlichen Konflikt nur weiter hinaus und lenkt vom Wesentlichen ab. Auch das ändert aber nichts daran, dass L’ASSASSINO É COSTRETTO AD UCCIDERE ANCORA sehr sauber dargebotenes und effektives Spannungskino ist, das atemlos angetrieben wird von einem nervösen, rythmischen Score von Nando De Luca. Wer behandschuhte Killer sehen will, ist hier vielleicht nicht ganz an der richtigen Adresse, aber seine für das italienische Thrillerkino eher ungewöhnlichen Struktur verleiht Cozzis Film wiederum ein gewisses Alleinstellungsmerkmal.

Die beiden Weltraumschmuggler Akton (Marjoe Gortner) und Stella Star (Caroline Munro) werden von dem intergalaktischen Polizisten Thor (Robert Tessier) und seinem Roboterhelfer Elle (Judd Hamilton) gefangen genommen und erhalten vom Emperor (Christopher Plummer) einen Auftrag: Sie sollen die Vernichtungswaffe des bösen Zarth Arn (Joe Spinell) finden und zerstören und auf der Suche Ausschau nach Simon (David Hasselhoff), dem Sohn des Kaisers, halten, der mit seinem Raumschiff Opfer eines Angriffs des Schurken geworden war …

Viel hatte ich von diesem Film gehört, jetzt habe ich ihn endlich gesehen, und, oh boy, das Warten hat sich gelohnt, denn STARCRASH dürfte wohl eines der beknacktesten jener Science-Fiction-Märchen sein, die im Gefolge von Lucas‘ Sternenoper die Kinos fluteten, aber gleichzeitig wahrscheinlich auch das wildeste, bunteste, psychedelischste und schlicht und ergreifend schönste – lediglich Mike Hodges‘ FLASH GORDON stellt noch ernsthafte Konkurrenz für ihn dar. Gleich zu Beginn beschleunigen Stella Star und Akton ihr Raumschiff auf Hyperspeed und anscheinend wird davon auch Cozzis Film erfasst, denn der jagt in den folgenden 90 Minuten von einem irrwitzigen Set Piece zum nächsten, ohne auch nur mal kurz Luft zu holen oder innezuhalten und sich zu fragen, ob das alles noch Sinn ergibt. Ein kurzer Abriss gefällig? Das Raumschiff von Simon wird von „roten Monstern“ (eigentlich eher rote Blubberblasen, die per Doppelbelichtung über das Bild gelegt werden) zerstört, Schnitt zu Akton und Stella, die von der Polizei verfolgt werden. Beide finden das führerlos treibende Raumschiff und bergen einen Verwundeten, der von den roten Monstern faselt, bevor Stella und Akton dann von der Polizei geschnappt und zu Strafarbeit verdonnert werden. Stella arbeitet in einem Reaktor, zettelt aber nach nur wenigen Stunden eine Meuterei an, sodass sie entkommen kann und schließlich in einem Maisfeld von einem Raumschiff abgeholt wird: An Bord sind wieder ihre Ankläger, die es sich jedoch anders überlegt zu haben scheinen, und ihr und Akton nun den oben beschriebenen Auftrag erteilen. Die Suche nach den Überresten des Raumschiffs führt Stella und Elle erst an einen Strand, wo sie von berittenen Amazonen gefangen genommen werden und schließlich vor einem riesigen Roboter fliehen müssen. Die nächste Reise führt auf einen Eisplaneten, wo Elle und Stella sich einschneien lassen müssen und nur von Elles Roboterenergie am Leben gehalten werden können. In einer Höhle findet Stella am Schluss schließlich den Prinzen Simon, der beiden im Kampf gegen Zarth Arn hilft, alles explodiert, Ende.

Diese rasante Aneinanderreihung von Episoden wird vor allem durch den Look des Films zusammengehalten: Als habe ihm eine Low-Budget-Version von 2001: A SPACE ODYSSEY vorgeschwebt, kleistert Cozzi nämlich jede Einstellung mit preisgünstigen Spezialeffekten zu – Rückprojektionen, Doppelbelichtungen, Stop-Motion, Miniaturmodelle – und hüllt seine Protagonisten in die neueste Fetischmode: alles, was das Nerdherz begehrt. Die Effekte sind natürlich ziemlich fadenscheinig und leicht zu durchschauen, doch tut das ihrem Gelingen keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Ästhetik von STRACRASH unterstreicht das Artifizielle des Films, markiert ihn als Popfantasie und verleiht ihm erst seinen surreal-psychedelischen Charme, der jede Kritik an technischen Unzulänglichkeiten als das Geläster herzloser Erbsenzähler erscheinen lässt. Wer will sich denn allen Ernstes über mäßige Spezialeffekte beklagen, wenn unterm Strich ein Ergebnis wie eben STARCRASH herauskommt, ein Film, dem man die Liebe, Begeisterung, den Enthusiasmus und die ungezügelte Fabulierfreude seines Machers in jeder Sekunde anmerkt? Cozzi hat sich seine Vision nicht von miesepetrigen Machbarkeisterwägungen kaputtmachen lassen und das sollte man meines Erachtens entsprechend würdigen, als ihn mit nüchtern durchgerechneten Hochglanzprodukten zu vergleichen, deren Macher sich für das Budget von STARCRASH wahrscheinlich noch nicht einmal aus ihrem Bett erhoben hätten. Viel zu viele Filme kranken an fehlendem Mut, an der Abwesenheit jeglichen Wahnsinns und vor allem an der über allem stehenden technischen Perfektion, die doch oft ziemlich langweilig ist – wenigstens aber nicht allein einen guten Film ausmacht. STARCRASH ist mit seinem herrlichen kreativen Chaos ziemlich heilsam und mir tausendmal lieber als der inspirations- und kantenlos runtergekurbelte, dafür aber mit absurden Riesenbudgets aufgemotzte Retortenkäse, der einem heute als Eventkino verkauft wird.

Jaja, ich weiß, auch das ist im Grunde eine ziemlich miesepetrige und kulturpessimistische Haltung, aber wenn ich sehe, wie STARCRASH allerorten verlacht wird – selbst auf Seiten, von denen man eigentlich mehr erwarten könnte -, dann ruft das bei mir eben entsprechende Reflexe hervor. Ich finde es einfach nur traurig, wie die zunehmende Perfektionierung von Spezialeffekten den kindlichen sense of wonder fast völlig abgetötet hat: Dass man Kino – und Fiktion überhaupt – mit der suspension of disbelief begegnen, dass man dem Erzähler mit einem Vertrauensvorschuss begegnen, sich ihm überantworten sollte, diese Bereitschaft scheint ziemlich aus der Mode gekommen. Schade, schade, schade, denn lässt man sich auf Cozzis STARCRASH ein, nimmt man ihn mit seiner wahnwitzigen Ausstattung, seiner Krachbummpeng-Dramaturgie, seinen haarsträubenden Dialogen und seinen Netzhaut-ablösenden Spezialeffekten at face value, fährt man eindeutig besser – und darf sich auch mit 35 mal wieder wie ein staunender Sechsjähriger fühlen, der noch ein ganzes Leben voller Abenteuer vor sich hat: Vielleicht ja eines als Weltraumschmuggler mit einer Stella Star oder, für die Damen, einem schmucken Akton im Arm. Wer wird da nicht schwach?

Im Hafen von New York läuft ein führerloser Frachtdampfer ein. Bei der Begehung des Schiffes durch die Polizei unter der Führung von Lieutenant Tony Aris (Marino Masé) stellt sich heraus, dass die gesamte Besatzung tot ist, im Frachtraum finden sich zudem Hunderte von Kartons, die mit merkwürdigen eierartigen Gebilden gefüllt sind. Deren Inhalt entpuppt sich schon kurz darauf als ausgesprochen tödlich, was den Einsatz von Colonel Stella Holmes (Louise Marleau) erforderlich macht. Experimente zeigen, dass die Eier außerirdischen Ursprungs sind und offensichtlich von einer Marsexpedition auf die Erde gebracht wurden. Den Astronauten Hubbard (Ian McCulloch) hatte man noch für verrückt erklärt, als er die Eier in seinem Bericht erwähnte, nun weiß man es besser. Und sein Partner Hamilton (Siegfried Rauch), der angeblich tot sein soll, ist quicklebendig und bereitet von Südamerika aus die Invasion der außerirdischen Lebensform vor …

CONTAMINATION ist einer von zwei frühen italienischen Versuchen, sich eine Scheibe vom Erfolg von Ridley Scotts ALIEN abzuschneiden (der andere ist der frech betitelte ALIEN 2 – SULLA TERRA von Ciro Ippolito) und gilt nicht zuletzt aufgrund seiner exzessiven Splattereffekte, die man als wenig subtile Interpretation des Original-Chestbursters verstehen darf, als kleiner Klassiker des Italosplatters. Und das sehr zu Recht, wie ich nach meiner erst jetzt absolvierten Erstsichtung erfreut festgestellt habe: Im Blick hatte ich ihn zwar schon seit etlichen Jahren, aber irgendwie ist mir immer etwas dazwischen gekommen bzw. schien mir dringlicher als dieser Film, der ja zudem jederzeit verfügbar war. Aber was ist mir da für ein prächtiges Schätzchen entgangen! Die Parallelen zum Vorbild sind zwar unverkennbar, die Eier sehen tatsächlich fast genauso aus wie in Scotts Meisterwerk, aber Cozzi hat dann doch wesentlich dickere als der inszenierende Werbefuzzi aus England: Statt eines mageren aufplatzenden Brustkorbs gibt es hier etliche davon und die Eingeweide spritzen meterweit und zudem in Zeitlupe, dass einem förmlich das Herz überläuft. Und handlungstechnisch schreitet Cozzi durchaus auf eigenen Wegen: Der Hauptunterschied ist wohl die (budgetbedingte) Verlegung der Handlung von einem Raumschiff/fremden Planeten auf die Erde, die Abwesenheit eines killenden Monsters, das aus den Eiern schlüpft, und eine deutliche Akzentverschiebung in Richtung Bondfilm’scher Weltbeherrschungsfantasien. Die fremde Alienbrut hat nämlich die telepathische Herrschaft über einen Menschen übernommen, der wie ein megalomanischer Superschurke die Invasionspläne „leitet“ und zudem die „Mutter“ der Aliens beherbergt. Das Finale mit dem bizarr aussehenden – und tricktechnisch sehr gut gelungenen – Zyklopenwesen ist der Zuckerguss auf einem ohnehin schon äußerst wohlschmeckend geratenen Alienkuchen und man könnte sogar fast sagen, dass Cozzi hier die erst in Camerons Sequel auftretende Alienmutter vorwegnimmt.

Was CONTAMINATION im direkten Vergleich mit ALIEN fehlt, ist neben den ganz offenkundigen production values und dem superioren Giger-Design vor allem die Atmosphäre repressiver Sexualität samt der entsprechenden Symbolik – Cozzis Film ist einfach nur straighter, aber sehr stimmungsvoller Alien-Invasion-Splatter ohne jedweden Subtext – sowie die so genial erdachte Genese der fremden Rasse. Die lückenlos-zyklische Entwicklung der Aliens von der Mutter zum Ei zum Facehugger zum Chestburster zum fertigen Alien weicht in CONTAMINATION einer traurigen Eintagsfliegen-Existenz: Die Alienmama brütet Eier aus, die dann platzen und Menschen töten. Der Freude tut dies aber, wie gesagt, keinen Abbruch: Mithilfe von Kameramann Giuseppe Pinori und Editor Nino Baragli gelingen einige formidabel umgesetzte Szenen – sehr gut hat mir etwa das Zusammenspiel der beiden in einer eigentlich eher unspektakuläre Szene auf einem Hotelflur gefallen, aber auch die Mars-Rückblende ist toll -, Goblin hat einen hübschen Score beigesteuert, die Effekte sind spitze und Siegfried Rauch hat eine wahrhaft saftige Rolle abbekommen. Wenn es etwas zu meckern gibt, dann nur, dass das arg schematische offene Ende dem Film rein gar nichts bringt. Verschmerzbar im Gegensatz zu seinem platzenden Brustkorb, möchte man meinen.