Mit ‘M. Night Shyamalan’ getaggte Beiträge

Bei Erscheinen von M. Night Shyamalans Superhelden-Dekonstruktion UNBREAKABLE stand der im Schatten des sensationellen Erfolgs von THE SIXTH SENSE – obwohl er der mit einigem Abstand bessere Film war. Die Wikipedia-Seite berichtet, dass UNBREAKABLE nur der erste Akt einer von Shyamalan erdachten Geschichte sei, doch der Regisseur dementierte nach den eher enttäuschenden Einspielergebnissen alle Gerüchte über mögliche Fortsetzungen, ohne sie jedoch ganz zerschlagen zu können. SPLIT, der zweite Teil dessen, was heute als „UNBREAKABLE-Series“ bezeichnet wird, Shyamalans Antwort auf das MCU, hätte gut und gern ein alleinstehender Film sein können, wenn da nicht mit der letzten Szene und dem Auftritt von UNBREAKABLE-Protagonist David Dunn (Bruce Willis) eine Verbindung geknüpft worden wäre. GLASS, benannt nach dem UNBREAKABLE-Superschurken „Mr. Glass“, Elija Price (Samuel L.Jackson), schließt nun vorerst den Kreis, deutet aber weitere mögliche Sequels an. Die Idee hinter der Geschichte, die so etwas wie eine intellektuelle Reflexion über die Superhelden-Idee darstellt, ist durchaus interessant, vor allem vor dem Hintergrund der in den letzten zehn Jahren vollzogenen Entwicklung des US-Eventkinos, das heute mit wenigen Ausnahmen fest in den Händen des Superheldenfilms liegt. Als UNBREAKABLE anlief, steckte das comicbasierte Superheldenkino hingegen noch in den Kinderschuhen: Erst vier Monate zuvor war X-MEN angelaufen, den man rückblickend als Initialzündung betrachten kann. Aber GLASS wird leider vom Gewicht seiner eigenen Ambitionen und Shyamalans bisweilen mangelhafter Selbstkontrolle heruntergezogen.

In GLASS werden die drei „Superhelden“ David Dunn, der als unverwundbarer und seherisch begabter Vigilant auf der Suche nach Verbrechern durch die Straßen Philadelphias zieht, der Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), der einem ganzen Dutzend verschiedener Persönlichkeiten eine Heimat in seinem Kopf bietet, und der superintelligente, an einen Rollstuhl gefesselte Elija Price gefangen genommen und in eine Heilanstalt gesperrt. Die Psychologin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) ist der Überzeugung, dass die drei unter einer bislang noch nicht erforschten Wahnvorstellung leiden und ihr Ziel ist es, sie davon zu überzeugen, „normale“ Menschen zu sein, die sich ihre besonderen Fähigkeiten nur einbilden bzw. rational erklärbare Vorgänge zu mystifizieren. Aber Superhirn Mr. Glass hat eigene Pläne: Er befreit sich Crumb aus seiner Gefangenschaft.

Shyamalan wirft mit GLASS mehrere spannende Fragen auf: Gibt es Superhelden wirklich? Wenn ja, worin bestehen ihre Superheldenfähigkeiten? Was unterscheidet den Helden vom Schurken? Hat nicht jeder das Potenzial, eine Superfähigkeit auszubilden? Und wenn ja: Was geschieht mit einer Welt, in der jeder Schurke oder Held sein kann? Es mangelt GLASS also ganz gewiss nicht an inhaltlichem Potenzial, wohl aber an einem Drehbuch, das diese Fragen in eine interessante Geschichte überführt, anstatt sie einfach nur in ermüdender Dialogform abzuarbeiten. GLASS ist, das muss ich leider so sagen, todsterbenslangweilig, mit einer Spielzeit von zwei Stunden viel zu lang und außerdem mit einer unangenehmen Gravitas belastet, die jede Euphorie im Keim erstickt. Die andächtige Bedeutungsschwere fällt umso unangenehmer auf, als man als Betrachter über weite Strecken des Films keine Ahnung hat, worauf Shyamalan eigentlich hinauswill: Das ist nicht zwangsläufig ein Makel, wenn der Weg zum Ziel wenigstens Spaß macht, aber leider passiert in GLASS lange Zeit einfach gar nichts. Und das zerrt zunehmend an den Nerven: James McAvoys schauspielerischer Parforceritt nervt mit jeder weiteren Szene ein bisschen mehr, bis man für jeden Augenblick ohne ihn dankbar ist. Sarah Paulson ist entsetzlich dröge als Psychologin, deren Geheimnis Shyamalan viel zu lang für sich behält. Wenn dann in der letzten halben Stunde eine Enthüllung auf die nächste folgt, ist es schon zu spät, zumal die Twists, die Shyamalan sich hier ausgedacht hat, den großen Punch seiner besten Filme vermissen lassen.

Es ist nicht alles schlecht an GLASS, aber von den guten Dingen gibt es eindeutig zu wenig: Samuel L. Jackson ist toll, wird nach Jahren, ach was, Jahrzehnten, in denen er verlässlich auf den Schwarzen reduziert wurde, der „motherfucker“ sagt, endlich einmal wieder schauspielerisch gefordert und beweist, was er leisten könnte, bekäme er die Gelegenheit dazu. Bruce Willis hat als Dunn fast nichts zu tun, aber die souveräne Entspanntheit, die er mitbringt, beatmet den schwermütigen, klumpfüßigen Film um ihn herum mit frischer Luft. Das „Biest“, McAvoys Killer-Identität ist mit aufgepumpten Muskeln, pulsierenden Venen und grollender Stimme ebenfalls eine Schau. Und ja, am Ende, wenn man dann endlich versteht, was das alles eigentlich sollte, stellt sich dann auch Spurenelementen dieses excitements ein, das man aus Shyamalans besseren Filmen kennt. Aber letztlich ist GLASS viel zu laboriert, zu sehr mit Ambitionen belastet, zu überzeugt von seiner eigenen Bedeutung und viel zu umständlich und selbstverliebt, als das dies den bestehenden Eindruck noch entscheidend ändern könnte. Ich war immer der Meinung, dass Kritiker wie Zuschauer die Bedeutung des Plottwists, der Schlussüberraschung in Shyamalans Werk überbewerten. GLASS wirkt hingegen so, als sei sein Macher selbst auf den Hype reingefallen.

 

 

Die Tagline um die 23 personalities, die ein Kevin da in sich vereine, lässt im Zusammenhang mit dem Namen des Regisseurs Böses vermuten: Shyamalans längst verflogener Ruhm gründete zumindest in den Augen des durchschnittlichen Kinogängers auf diese unerhört unvorhersehbaren Plot Twists und narrativen Gimmicks, die seinen Erfolgsfilm THE SIXTH SENSE und dessen direkte Nachfolger zumindest auf den ersten Blick auszeichneten. Als Shyamalan sich mit THE LADY IN THE WATER weigerte, diese Masche weiter zu bedienen (streng genommen waren schon Filme wie UNBREAKABLE, SIGNS und THE VILLAGE nicht mehr allzu sehr an schnöden Taschenspielertricks interessiert und das Interessante an THE SIXTH SENSE nicht seine Auflösung, sondern wie es ihm gelang, deutliche Hinweise zu verschleiern), mit dem wahlweise avantgardistischen oder katastrophalen THE HAPPENING sogar noch einen draufsetzte und anschließend mit THE LEGND OF AANG und AFTER EARTH die nächsten Totalflops zu verantworten hatte, war die Traumkarriere erst einmal vorbei. Der ohne große Tamtam veröffentlichte Low-Budget-Schocker THE VISIT war eine schöne Überraschung, der man die Erleichterung des Regisseurs, nicht mehr die Verantwortung für eine Multimillionen-Dollar-Prestige-Produktion tragen zu müssen, in jeder Sekunde anmerkte. SPLIT ist nur unwesentlich teurer als der Vorgänger gewesen, kommt aber zunächst mit dem Ruch des stunts daher: Hauptdarsteller James McAvoy spielt einen Mann mit multipler Persönlichkeitsstörung und laut Poster sollen es eben nicht weniger als 23 Charaktere sein, die er in sich vereint. Man sieht ihn schon vor sich, den ganz in seiner Mission aufgehenden method actor, der 23 verschiedene Akzente, Tics, Kostüme und Arten, sich an der Nase zu kratzen, erlernt hat und so jede Szene zur aufmerksamkeitsheischenden One-Man-Show verkommen lässt, aber zum Glück bleibt einem das erspart. Letztlich spielen nur drei, vier Persönlichkeiten eine Rolle und weit mehr als auf irgendwelche marketingtechnischen Tricks setzt Shyamalan hier auf wunderschön komponierte symmetrische Bilder, einen ruhigen, beinahe träumerischen Erzählfluss und eine wohltuend unaufgeregte Thematisierung von sexuellem Missbrauch.

Mehr als alle narrativen Kniffe ist es diese kontemplative Ruhe sowohl des Blicks, den er als Regisseur auf seine Charaktere, die Räume, die sie bewohnen, und ihre Gewohnheiten wirft, als auch der Aussagen, die er über sie macht. Wobei „Aussagen“ es schon nicht trifft: Shyamalan hat weniger eine Meinung über seine Figuren als erst einmal nur ein unstillbares Interesse an ihnen und dieses Interesse möchte er mit seinen Zuschauern teilen, mehr als ihnen irgendetwas zu erklären oder vorzubeten. Nur deshalb konnte er einen Endzeitfilm drehen, in dem seine Protagonisten – und er! – beinahe sehnsüchtig auf das Wogen der Bäume im Wind starrten, als lauerte dort die Antwort auf alle Fragen, eine Antwort, die es nicht gab: die denkbar größte Katastrophe, die sich der verzweifelt an das Kausalitätsmodell klammernde Mensch überhaupt vorstellen kann. SPLIT ist, betrachtet man nur seine Story, typischer Serienmörder-Thriller: Es gibt drei attraktive, junge weibliche Opfer, einen hoch intelligenten, hochgradig gestörten Täter und seine Psychotherapeutin, die ihm bald auf die Spur kommt, aber wie Shyamalan diese Geschichte erzählt, hat mit den gängigen Mechanismen und Klischees nur wenig zu tun.

Das „Monster“ bekommt bei ihm ein sehr menschliches Gesicht und das volle Mitgefühl des Regisseurs, ohne dass dies zulasten seiner „Opfer“ ginge. Als eines der drei Mädchen die Überwältigung ihres Peinigers mit vereinten Kräften vorschlägt, weist die in sich gekehrte Casey (Anya Taylor-Joy) diese Idee als idiotisch zurück – sie hätten keine Chance gegen diesen Kraftprotz. Ihr insgeheim ausgearbeiteter Plan, die kleine Hedwig, eine der vielen Persönlichkeiten des Täters und wahrscheinlich die schwächste, zu manipulieren, erweist sich nicht nur als die intelligentere, sondern auch als respektvollere Strategie. Und sie kommt nicht umsonst von der als etwas sonderbar eingeführten Casey, die ahnt, das solcher Wahn wie der des manischen Kidnappers nur die Ursache einer tiefen seelischen Verletzung sein kann. Shyamalan ist fasziniert von der Resilienz unseres Geistes und der Konsequenz, mit der unser Gehirn diese Ersatzcharaktere zu unserem Schutz erst entwirft, mit völlig individuellen Eigenschaften ausstattet und dann gegen seinen biologischen „Eigentümer“ verteidigt. Fast könnte man sagen, er betrachte diesen Kevin als besonders avanciertes Exemplar einer raren Tiergattung mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber seine Faszination gleitet nie in den Voyeurismus ab, ins Aufgeilen am Pathologischen oder in den Exotismus. Nein, dahinter stecken Empathie und der Zorn über eine Welt, die solche Verletzungen zulässt und ihre Opfer dann als perverse Monstren diffamiert. Was der nüchternen Anerkennung, dass diese Geschädigten ihrerseits zu unbeschreiblichen Gräueltaten fähig sind, nicht im Weg steht. Exemplarisch sei hier der Tod der Therapeutin genannt. Ihr Gesichtsausdruck im Moment der Erkenntnis ist herzzerreißend, weil sich in ihm sowohl die Trauer darüber spiegeln, dass der Mensch, dem sie immer nur helfen wollte, ihr Mörder werden wird, als auch das Wissen, immer richtig gehandelt zu haben.

SPLIT wählt nicht ohne Grund ein Tiergleichnis, um das Phänomen seines wichtigsten Charakters zu verdeutlichen: Der Tierpfleger kann seiner Arbeit mit größter Sorgfalt, Liebe und Respekt nachgehen, es bewahrt ihn nicht davor, möglicherweise doch zerrissen zu werden. Das macht das Tier nicht zu etwas Bösem: Es kann einfach nicht anders.

 

the-visit M. Night Shyamalan hat in seiner vergleichsweise kurzen Regiekarriere schon ziemlich viel erlebt. Nach THE SIXTH SENSE flogen ihm die Herzen zu, danach kühlte das Verhältnis seiner Zuschauer zu ihm und seinen Filmen merklich ab, bezichtigte man ihn, ein one trick pony zu sein, das verzweifelt versuchte, seinen großen Erfolg zu duplizieren (was meines Erachtens Quatsch ist, zumindest aber ein unfairer Vorwurf). Mit LADY IN THE WATER kippte die Stimmung endgültig gegen ihn – es war wahrscheinlich wirklich keine so gute Idee, die Rolle des Künstlers, der die Lösung für alle menschlichen Probleme entdeckt hat, selbst zu spielen -, THE HAPPENING wurde mit großer Einhelligkeit und fast bösartiger Unfähigkeit missverstanden, verrissen und verlacht, und mit THE LEGEND OF AANG war dann alles aus. Der Versuch, mit AFTER EARTH und dem ebenfalls nicht sehr gut beleumundeten Vater-Sohn-Duo Will und Jaden Smith ein Comeback zu starten, war wohl von Anfang an zum Scheitern verurteilt und die Nachricht, dass sich Shyamalan für THE VISIT mit den Produzenten von PARANORMAL ACTIVITY und INSIDIOUS für einen Found-Footage-Horrorfilm zusammengetan hatte, verhieß zumindest künstlerisch nichts Gutes. Umso überraschender und erfreulicher ist das Ergebnis: Shyamalans neuestes Werk ist nicht perfekt, hat durchaus einige Probleme, belegt aber doch, dass er ein höchst eigenständiger Filmemacher ist, dessen Filme ganz gewiss einen Gewinn darstellen.

In THE VISIT besuchen zwei Geschwister, die Teenagerin Becca (Olivia DeJonge) und ihr einige Jahre jüngerer Bruder Tyler (Ed Oxenbould), zum ersten Mal die Großeltern, mit denen ihre Mutter (Kathryn Hahn) seit einem Streit vor 15 Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Becca möchte die Gelegenheit nutzen, einen Dokumentarfilm über dieses Treffen zu drehen – mit dem Hintergedanken, eine Versöhnung der beiden Streitparteien einzuleiten. Aber die Großeltern erweisen sich schon nach kurzer Zeit als reichlich sonderbar: Die Oma (Deanna Dunagan) schleicht nachts kotzend durchs Haus, wenn sie nicht auf allen Vieren durch die Gegend kriecht, und der Opa (Peter McRobbie) verfügt über eine stattliche Sammlung vollgeschissener Windeln, die er in einem Holzschuppen versteckt. Auf Nachfrage kommen immer nur Beschwichtigungen: Oma und Opa seien schon alt und krank,  da werde man eben mitunter etwas wunderlich. Doch der wahre Schock stellt sich erst noch ein …

Was überzeugt an THE VISIT ist zunächst einmal die Ballung interessanter Erzählansätze, die völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen: So geht es nicht nur um die erste Konfrontation zweier Kinder mit Alter, Krankheit und Tod, die Bewältigung familiärer Traumata und den Spalt, der die Generationen notgedrungen voneinander trennt, sondern natürlich auch um Film und die hinter diesem stehende Technik selbst. Die daraus folgende Dichte zeichnet THE VISIT aus und hält das Interesse an der Geschichte wach, die sich am Ende als weitaus weniger mytseriös entpuppt als es zunächst den Anschein hat. Als herausragend habe ich die Dialoge insbesondere der Kinder empfunden: Mittels ihrer Sprache werden sie deutlich von den Großeltern unterschieden, und auf ebenso einfache wie authentische Art und Weise der Eindruck erweckt, dass hier wahrhaftig Welten aufeinanderprallen. THE VISIT hat für mich dann auch weitaus mehr als Komödie denn als Horrorfilm funktioniert. Erschreckt, gegruselt geschweige denn verstört hat er mich rein gar nicht, dafür empfand ich ihn gerade in den entsprechenden Szenen dann doch zu vorhersehbar und in seinen Darstellungen den seit einigen Jahren etablierten und demnach bereits reichlich abgenutzten Inszenierungsmustern verhaftet. Dafür begeistert sein sehr eigenwilliger, seltsamer Humor, der sich nur schwer greifen lässt und zur eigenartigen Atmosphäre entscheidend beiträgt. An der Auflösung werden sich – fast schon gute Tradition bei Shayamalan – wieder einmal die Geister scheiden: Während ich es durchaus begrüßt habe, dass der Film nicht ins Fantastische abdriftet, ist die kontinuierliche Zuspitzung der Ereignisse bis dahin nur bedingt gelungen. Ein echtes Gefühl der Bedrohung stellt sich nie ein, dafür wird THE VISIT dann in den letzten Minuten unerwartet ruppig, ganz so, als wolle er Versäumtes nachholen.

Trotz dieser Schönheitsfehler wünscheich  es Shyamalan trotzdem, dass er weiterhin die Gelegenheit bekommt, seine Filme zu drehen. THE VISIT ist mitunter wunderbar bizarr, verschroben und abseitig, weit weg vom glattgebügelten Mainstream-Horror, der kaum noch jemanden zu überraschen vermag. Vielleicht ist er bei solchen kleineren Produktionen ohne Publicity-geile Stars viel besser aufgehoben als bei den großen Blockbustern, in denen er auf Nummer sicher gehen muss, seit LADY und THE HAPPENING längst nicht mehr die Narrenfreiheit genießt, die man ihm damals zubilligte. Dass sich Bruce Willis oder Will Smith eine vollgeschissene Altherrenwindel ins Gesicht hätten drücken lassen, darf jedenfalls stark bezweifelt werden.

EDIT: Ich habe einen Spoiler entfernt, der in den Kommentaren zur Sprache gekommen ist.

Wenn ein Film mit traditionellen Credits beginnt, dann ist das ein Zeichen. Die Credits zu Anfang eines Films sind ja nahezu vollständig verschwunden, was wohl vor allem der Absicht geschuldet ist, den Zuschauer gleich vom Start weg in den Film zu ziehen. Aber noch mehr: Die Credits sind ja ein ganz untrüglicher Hinweis auf die Gemachtheit des Films, auf eine Künstlichkeit, die dem Wunsch nach Authentizität und Realismus entgegen steht. Wenn THE HAPPENING sich also erst mehrere Minuten Zeit nimmt, vor einem Wolkenpanorama und zur Musik von James Newton Howard die Credits ablaufen zu lassen, dann ist das auch ein Statement, das den Zuschauer auf das Kommende vorbereiten und ihn einstimmen soll. THE HAPPENING ist – das ist das Hauptmissverständnis, mit dem dieser Film zu kämpfen hatte – kein Suspense-Film, kein Thriller, kein Horrorfilm, sondern in erster Linie ein Filmfilm, ein Essay über die Möglichkeiten filmischer Sinnstiftung und -erzeugung und erst dann auch einer über das menschliche Bedürfnis nach Kausalität. Und wo sollte sich dieses Bedürfnis deutlicher abzeichnen als in der Dichtung und damit auch im Film? Aber wie erzählt man über den Verlust von Sinn?

THE HAPPENING arbeitet mit Zeichen: das Rauschen der Blätter, das Säuseln des Windes, die Augen Zooey Deschanels, die an den Wasserspiegel am Fuße eines Brunnenschachtes erinnern, der Ring Elliotts (Mark Wahlberg), der seine Farbe – angeblich je nach Gemütszustand seines Trägers – verändert, der Hot Dog des merkwürdigen Gärtners, die Tränen von Alma am Tag ihrer Hochzeit. Diese Zeichen werden immer wieder mit Bedeutung aufgeladen, einer Bedeutung, die sich jedoch ebenfalls immer wieder als hochgradig arbiträr herausstellt. Hat der Ring Recht, weil er den Gemütszustand der kleinen Jess vorhersagt, oder reagiert Jess ihrerseits nur richtig auf den Ring, weil sie weiß, welche Stimmung dieser ihr zuschreibt? Wie die Farbe des Rings mit seinem Träger in Verbindung steht, bleibt ebenso unklar wie die Ursache für das plötzliche Sterben der Menschen. Sind wirklich die Pflanzen dafür verantwortlich, die immer wieder bedeutungsvoll im Wind rauschen? (Dieses Bild ist aus zwei Gründen der größte Kniff Shyamalans: 1. Das Wiegen der Baumwipfel ist ja gar keine Handlung, sondern selbst wieder nur Wirkung, der hier allerdings Ursachencharakter zugeschrieben wird. Aber niemand hinterfragt das im Film. 2. Das geheimnisvolle Rauschen der Baumwipfel ist kulturhistorisch betrachtet ein Zeichen, das für uns lesbar ist. „Das Rauschen im Walde“ ist nicht nur ein geflügeltes Wort, es ist auch filmisch vorbelastet. Wann immer wir es im Horrorfilm sehen oder hören, denken wir nicht an Wind, sondern an Unheil.) Mit der Ungewissheit, die daraus entsteht, dass wir zwischen zwei getrennten Phänomenen keine Verbindung herstellen können, können wir, Technokraten, Empiriker, Mystiker, die wir allesamt das Bedürfnis haben, unsere Umwelt zu verstehen, nicht leben. Shyamalan, der in SIGNS einer sehr religiösen Ausdeutung von Kausalität erlegen war, zeigt in THE HAPPENING sehr eindringlich, wie verzweifelt unsere Versuche, die Welt um uns herum mit Sinn aufzuladen, eigentlich sind. Wir können uns mit den Mitteln der Wissenschaft zwar an einer Interpretation versuchen, das schützt uns aber nicht vor dem vermaledeiten Induktionsproblem: Wenn morgen die Sonne nicht aufgeht, dann ist das kein „Fehler“ der Welt, sondern einer unserer Berechnungen. Im Zweifelsfall war unser Datenmaterial nicht ausreichend.

Über THE HAPPENING ist viel Spott und Hohn ausgeschüttet worden. In erster Linie wohl von solchen Zuschauern, die von Shyamalan immer wieder THE SIXTH SENSE erwarten – den sie auch schon nicht verstanden haben. Die Schauspieler würden overacten, das Geschehen sei theatralisch, die „Botschaft“ aufgesetzt (in Wahrheit gibt es gar keine): Diese Vorwürfe greifen nur dann, wenn man THE HAPPENING als den Erzählfilm missversteht, der er nicht ist. THE HAPPENING ist zu allererst ein ausgesprochen experimenteller Film, der neue Formen erprobt, das Unsagbare sichtbar zu machen. Wenn er von etwas erzählt, dann davon, dass die größte Katastrophe, die den Menschen ereilen kann, der Verlust von Sinn ist.