Mit ‘Mad Scientist’ getaggte Beiträge

d6vtujzm79q6l6hws1kdhfxbatgGRITOS EN LA NOCHE – oder THE HORRIBLE DR. ORLOFF, wie er international heißt – war schon der elfte Film des fleißigen Jess Franco, aber der erste, mit dem er außerhalb seines Heimatlandes auffiel. Gerade solchen Zuschauern, die mit Franco eher nicht so viel anfangen können, denen seine Filme zu wild, zu billig, zu improvisiert, zu wenig an Narration interessiert sind, gefällt DR. ORLOFF in der Regel sehr gut: Es handelt sich um einen tatsächlich sehr straight erzählten und überaus kurzweiligen Mad-Scientist-Grusler, der sich mit seinem nokturnen Schwarzweißlook visuell stark an den Universal-Klassikern aus den Dreißigern orientiert (die sich ihrerseits vom „Deutschen Expressionismus“ hatten inspirieren lassen).

Die Story, ein recht unverhohlenes Rip-off von dem zwei Jahre zuvor unter der Regie von Georges Franjus entstandenen LES YEUX SANS VISAGE, bietet Franco willkommenen Anlass für nachtschattige Bilder, einen hypnotisch dreinblickenden Howard Vernon und ein stummes Monster namens „Morpho“: ein Name, den man wie den des Schurken noch häufiger in seinen Filmen hören sollte. Ich habe nicht viel zu sagen zu GRITOS EN LA NOCHE, was in diesem Fall aber gar nichts Negatives bedeutet. Der Film ist, was er ist: ein effektiv gemachtes, pulpiges Schauerstück mit toller Kameraarbeit und noch ganz ohne die inszenatorischen Brüche und Verfremdungseffekte, die Francos Werk in den folgenden Jahrzehnten immer stärker prägen sollten. Aller Geisterbahn-Naivität zum Trotz ist GRITOS EN LA NOCHE sehr effektiv, und sorgt bei nächtlicher Sichtung durchaus für eine gemütlich prickelnde Gänsehaut. Der Film hat ganz einfach tonnenweise Charme und entführt den geneigten Betrachter in eine Welt, die schaurige, markerschütternde, unbeschreibliche Geheimnisse hinter ihren verwitterten Mauern verbirgt. Solches Entertainment ist heute fast ausgestorben, GRITOS EN LA NOCHE darum umso wertvoller.

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la mujer murcielago poster batwoman

In und um Acapulco herum tauchen die Leichen kräftiger Ringer auf. Allen wurden mit chirurgischer Präzision ein Teil des Gehirns und etwas Zirbeldrüsensekret entnommen. Die Polizei tappt im Dunkeln, auch der schnell hinzugezogene Agent von „Interpoll“ weiß keinen anderen Rat, als die Hilfe einer geheimnisvollen Frau in Anspruch zu nehmen, die sich in Batwoman-Verkleidung und unter Geheimhaltung ihrer wahren Identität mit großem Erfolg der Verbrechensbekämpfung widmet. Und weil man schon ab diesem frühen Zeitpunkt bereit ist, dem Film alles abzukaufen, fällt auch der deutsche Synchroeinfall nicht weiter ins Gewicht, Batwoman als „Draculas Tochter“ auszugeben, die mit ihren Heldentaten Abbitte für die Untaten des Papas leisten möchte. Gemeinsam kommen sie dem bösen Dr. Satanas (ebenfalls deutsche Synchro) auf die Schliche, der mit seinem treuen Gehilfen Igor auf seinem Schiff „Reptilicus“ – dessen immense Größe nicht wirklich ausgenutzt wird – an der Kreation eines Fischmenschen arbeitet. Warum, das wird auch bei diesem Mad Scientist nicht so richtig klar: Einmal will er die Ursprünge menschlichen Lebens ergründen, dann wieder mit einer ganzen Armee von Fischmenschen die Weltmeere erobern. Immerhin weiß er, wie er zum Ziel gelangt: Einmal lässt er eine Puppe– nein, halt, ein Embryo! – zu einem Goldfisch in ein Aquarium sinken und bekommt einen Tobsuchtsanfall, als auch unter Einschalten wilder Blubberblasen kein Fischmensch daraus entsteht. Aber er lässt sich nicht lumpen und irgendwann verwandelt sich das Aquarium in einen Fernseher, auf dessen Bildschirm man einen Mann im Fischkostüm herumpaddeln sieht. Experiment geglückt! Als nächstes wird der Fischmac auf dem Meersboden bestrahlt, wobei die dämlichen Schergen des Professors zur Einhaltung von „Sicherheitsabstand M“ ermahnt werden. Es kommt aber trotzdem zur Balgerei unter Wasser, die nur mithilfe eines Pieptons (Strahlung!) beendet werden kann.

Auf dem Festland nimmt indessen kein Mensch besonderen Anstoß daran, dass da eine überaus attraktive Frau am hellichten Tag in einer Fledermausverkleidung herumläuft, die weite Teile ihrer prächtigen Anatomie bloßlegt. Einmal fragt Batwoman eine Frau, ob sie sie nach Hause bringen solle, doch die lehnt ganz höflich ab, schließlich werde sie ja von ihrem Freund abgeholt. So steigt Batwoman/Draculas Tochter in voller Montur wieder in ihr Auto und fährt davon. Es ist wirklich rührend, wie LA MUJER MURCIELAGO – deutscher Titel nur konsequent DRACULAS TOCHTER UND PROFESSOR SATANAS – jegliche dem Film innewohnende Sexualität nicht nur verleugnet, sondern noch nicht einmal eine Ahnung davon zu haben scheint, dass es so etwas überhaupt gibt. Noch nicht einmal die schmierigen Gehilfen Satanas‘ kommen auf die Idee, der Schönen wenigstens mal „zufällig“ an die Brust zu langen. Alle lassen höchste Professionalität walten. Immerhin kommt der Professor am Schluss auf die Idee, dem Fischmann die passende Fischfrau zu basteln, aber auch da interessiert ihn mehr, ob eine Frau die schwierige Gehirnoperation vielleicht überleben könnte, weniger ob Fischmann und -frau sich paaren. Am Ende geht natürlich alles gut aus: Der Fischmann fällt über seinen Schöpfer her, die „Reptilicus“ fliegt in die Luft und die furchtlose Heldin zeigt eine verwundbare Seite, als sie beim Anblick einer Maus in die starken Arme der nun endlich wieder überlegenen Männer hüpft.

LA MUJER MURCIELAGO ist voll mit diesen kleinen Eigenheiten, für die man solche Filme so liebt: Ständig wird viel zu viel Zeit dafür aufgewendet, dass Leute von rechts nach links ins Bild und in umgekehrter Richtung wieder herauslatschen. Unterwasseraufnahmen (Spektakel!) helfen dabei, den Film auf Länge zu bringen. Immer wieder halten Figuren inne, um das Offensichtliche zu bekakeln. Und das hysterische Mad-Scientist-Lachen darf natürlich auch nicht fehlen. Es gibt eine fantastische, wahrscheinlich bei 30 Stundenkilometern abgehaltene Verfolgungsjagd, die damit endet, dass die Verfolgte einfach stehenbleibt und sich einsammeln lässt. Bei einer Szene in der Ringerschule, aus der die Opfer stammten, ergehen sich die aus ihren besten Jahren bereits herausgewachsenen Ringer in einer Barrenübung, die von gnädigen Lehrern im Schulsport eingesetzt wird, um auch den größten Bewegungslegasthenikern noch zu einem „Befriedigend“ zu verhelfen. Einmal porkelt einer von Satanas‘ Killern – unfähige, mittelalte Männer mit Hüten – dem bewusstlosen Fischmann fasziniert am Glubschauge herum wie ein entdeckungsfreudiges Kleinkind. Und dann ist da natürlich der Fischmann selbst, ein bemitleidenswerter Schauspieler in einem hübschen Stoffkostüm mit überdimensionierter Maske. Es gibt, wie gesagt, viel Bestaunenswürdiges zu entdecken und immer wieder frage ich mich bei solchen Filmen, was damals anders war, dass erwachsene Männer sich solch einen schreienden Unsinn ausdenken und ihrem Publikum mit ernstem Pokerface vorsetzen konnten. Das Tolle an LA MUJER MURCIELAGO, das, was ihn von den kläglichen heutigen Versuchen, Grindhouse- und „Trash“-Filme zu machen, abhebt, ist die Abwesenheit jeder distanzierenden oder zur Absicherung dienenden Ironie. Wenn ich irgendwo läse, René Cardona sr. habe Zeit seines Lebens unter der Wahnvorstellung gelitten, die Welt könnte von Fischmenschen überrannt werden, und davon geträumt, nur Batwoman könne das verhindern, es würde mich nach diesem Film nicht wundern.

Die Chemikerin Ivanna Rakowsky (Erna Schürer) möchte ihre neue Stelle auf dem Schloss von Janos Dalmar (Carlos Quiney) antreten. Schon bevor sie dort angekommen ist, deuten sich allerdings Probleme an: Das nahe gelegene Dorf wird von einer Serie von brutalen Frauenmorden erschüttert. Weil der Beginn dieser Mordserie mit dem Tod von Igor Dalmar, dem Bruder des Schlossherren koinzidiert, alle Opfer mit Janos liiert waren und zudem Verletzungen aufweisen, die von seinen gewaltigen Doggen stammen könnten, ist man auf den zurückgezogen lebenden Mann nicht sonderlich gut zu sprechen. Ivanna reist trotzdem fest entschlossen aufs Schloss und besteht auch dann noch auf Erfüllung ihres Vertrages, als Janos sie gleich wieder loswerden will: Er hatte sich offensichtlich verlesen und eigentlich einen Mann erwartet. Nach einigem Hin und Her überzeugt sie ihn aber davon, die geeignete Kraft für sein Projekt zu sein: Er möchte die Forschungen seines Bruders fortsetzen, der in Frankenstein-artige Experimente involviert war. Janos‘ Plan ist es, den im Labor vollständig verbrannten Igor wiederzubeleben …

Mit viel melodramatischer Schwülstigkeit, nackter Haut und Holzhammer-Grusel inszenierte der Spanier Merino diese Schauermär ganz wie es im spanischen Horrorkino jener Zeit so üblich war. Weil ich dummerweise glaubte, es mit einem italienischen Film zu tun zu haben, dauerte es eine ganze Weile, bis ich mich auf die doch deutlich andere Stimmung des Films eingegroovt hatte. Anders, als es in einem eher geradlinigen italienischen Gothic-Grusler der Fall gewesen wäre, konzentriert sich Merino in IL CASTELLO DALLE PORTE DI FUOCO vor allem auf die dem Stoff inhärenten sexuellen Perversionen sowie die sich anbahnende Romanze zwischen Ivanna und dem hölzernen Janos und laviert damit um den heißen Brei des Mad-Scientist-Horrors herum. Selbst wenn die schöne Blonde nachts von missgestalteten Patschehänden begrapscht und auf eine Streckbank gefesselt wird, scheint das nicht so sehr ihre Angst als vielmehr eine tiefsitzende Lust anzustacheln. Das hört sich so komprimiert wahrscheinlich wunderbar sleazy an und im letzten Akt des Films  werden dann auch tatsächlich alle Regler auf 11 gedreht, wenn das von tosender Geilheit getriebene Monster die schöne Ivanna inbrünstig als „mannstolle Schlampe“ beschimpft. Bis dahin sind die wirklich tollen Momente aber recht sparsam verteilt. Klar, IL CASTELLO DALLE PORTO DI FUOCO sieht fantatstisch aus und man muss ihn schon deshalb irgendwie mögen, weil es nicht allzu viele Filme seiner Art gibt, aber trotzdem fehlt der entscheidende Kick. Ich hatte vor allem Probleme, mich mit den beiden Hauptdarstellern zu identifizieren: Carlos Quiney etwa agiert für einen feurigen Spanier ganz schön blutarm, weiß mit seiner eigentlich doch recht schönen, ambivalenten Rolle, mit denen andere, charismatischere Akteure Reißaus genommen hätten, nur wenig anzufangen. Aber ganz untypisch ist das ja nicht für das spanische Genrekino. Auch wenn da die Emotionen turmhoch wallen, geben sich die Charaktere ihnen doch nie so zügellos hin wie ihre Nachbarn vom Stiefel, ergehen sich vielmehr im masochistisch anmutenden Hadern und Zweifeln. Insofern stellen diese Filme natürlich auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und dem Katholizismus dar: Auf der einen Seite lockt die blanke Lust, macht sich mit einem unangenehmen Ziehen und Reißen in der Lendengegend bemerkbar, auf der anderen wirft der Herrgott ein wachsam-grimmiges Auge auf das Treiben seiner Schäfchen und droht mit Ausschluss aus dem Himmelreich. Der Spanier reagiert darauf mit theatralischer Selbstzerfleischung und verfällt nicht selten dem augenrollenden Irrsinn. Da räkelt sich etwa die schöne Ivanna halb entblößt allein auf dem Bett, aber wenn der lüsterne Unhold sich in ihr Schlafgemach schleicht, begnügt er sich doch damit, ihren Arm zu liebkosen, anstatt ihr ordentlich die Brüste durchzuwalken, die sie aller Welt gut sichtbar präsentiert. Sie will es doch, verdammt noch mal! Das Ergebnis von so viel Enthaltsamkeit stapelt sich auf dem Dorffriedhof. Wenn man Merino etwas zugute halten will, dann sicherlich, dass sein Film ein feuriges Plädoyer fürs ungehemmte Ficken ist.

Wahrscheinlich muss ich IL CASTELLO DALLE PORTE DI FUOCO noch einmal schauen, wenn ich alle Sinne beisammen habe. Nach meinem Text kann ich es nämlich kaum noch glauben, dass er mich gestern über weite Strecken eher gelangweilt hat.    

 

Der junge Wissenschaftsautor Hans von Arnim (Pierre Brice) kommt in ein kleines Örtchen in Flandern, um dort einen Aufsatz über eine lokale Attraktion zu schreiben, das hundert Jahre alte „Karussell“ (eher ein bewegtes Gruselkabinett),  welches der Bildhauer Prof. Gregorius Wahl (Herbert A. E. Böhme) einst von seinem Vater übernahm und seitdem mit eigenen Kreationen am Leben hält. Doch in dessen Behausung angelangt, der „Mühle der versteinerten Frauen“, wie sie von der Bevölkerung genannt wird, stellt Hans bald fest, dass irgendetwas nicht stimmt: Wahl hat eine wunderschöne Tochter namens Elfie (Scilla Gabel), die er vor der Außenwelt versteckt hält. Sie leidet angeblich unter einer schweren, unheilbaren Krankheit, und um sie zu versorgen, hat er den dubiosen Dr. Bohlem (Wolfgang Preiss) eingestellt, der mit ihnen in derMühle wohnt. Die Situation eskaliert, als Elfie, die ein eindeutiges amouröses Interesse an Hans zeigt, von dessen bevorstehender Hochzeit mit Liselotte (Dany Carrel) erfährt. Nach einem Streit mit Hans bricht sie tot zusammen …

Giorgio Ferronis Gothic-Horrorfilm ist ein kleiner Klassiker des europäischen Genrekinos und steht ästhetisch genau an der Schwelle zwischen dem alten, schwelgerisch-schwärmerisch-melodramatischen Gruselfilm der Fünfzigerjahre und dem modernen Horrorkino, das sich nicht zuletzt durch eine größere Zeigefreudigkeit auszeichnet. Ganz ruhig und langsam baut Ferroni die Spannung auf, zeichnet erfolgreich eine ominöse Atmosphäre, statt auf vordergündige Effekte zu setzen, und erweckt im Zuschauer allmählich die Ahnung einer großen Tragödie. Herausragend ist die visuelle Gestaltung: Der Film profitiert erheblich von seinem ungewöhnlichen Setting. Das urige Mühleninterieur begeistert genauso wie das herbstliche Flandern mit seinem endlos scheinenden Flachland und den dieses durchziehenden Kanälen. Der oft ins Barocke, Kitschige umkippende Gothic Horror wird so in einer deprimierenden Tristesse geerdet, die Ferroni als Alleinstellungsmerkmal für seinen Film verbuchen darf und die einen interessanten Kontrast zu dem Familiendrama darstellt, das den Kern der Geschichte bildet.

Auch wenn IL MULINO DELLE DONNA DI PIETRA recht zahm in seinen Darstellungen ist, so knackt und kracht es doch ganz gewaltig im Gebälk. Die Beziehung zwischen dem Vater und der schwerkranken Tochter ist mit „problematisch“ noch sehr defensiv beschrieben und riecht förmlich nach Inzest, aber auch der brave Held Hans hat es faustdick hinter den Ohren. Obwohl er mit Liselotte verlobt ist, steigt er Elfie hinterer, kaum dass er sie einmal erblickt hat, lässt sich von ihr bereitwillig ins Bett zerren, nur um sich dann wieder an seine Verpflichtung Liselotte gegenüber zu erinnern und die zuvor so Begehrte fallenzulassen wie eine heiße Kartoffel. Natürlich geht es in IL MULINO DELLE DONNA DI PIETRA auch darum: Wie Männer über Frauen verfügen, sie zu Objekten ihrer Pläne machen, sie dazu benutzen, sich selbst zu erhöhen. Welche Dimensionen der Wahnsinn längst angenommen hat, offenbart sich im eruptiven Finale, bei dem das furchtbare Geheimnis von Wahls Karussell gelüftet wird und das ganze Ausmaß seiner fehlgeleiteten Tochterliebe zu Tage tritt.

Der greisenhafte, im Rollstuhl sitzende Dr. Zimmer (Antonio Jimènez Escribano) hat die Stelle im Gehirn gefunden, in der die Befähigung zum moralisch guten wie bösen Handeln verortet ist, und einen Weg, sie zu stimulieren bzw. zu betäuben. Als er seinen Kollegen auf einem Neurologen-Kongress davon berichtet und von ihnen die Erlaubnis möchte, seine Thesen an einem menschlichen Versuchsobjekt zu verifizieren, ruft er damit Zorn, Entrüstung und Spott hervor. Zu viel für sein altes Herz: Er verstirbt noch an Ort und Stelle. Seine Tochter und Assistentin Irma (Mabel Karr) plant die Rache an seinen „Mördern“, indem sie sein Werk fortsetzt. Sie lockt die Nachtklub-Tänzerin Nadia (Estella Blain), die in ihrer Tanznummer als verführerische, aber todbringende Spinnenfrau „Miss Muerte“ die männlichen Besucher in Erregung versetzt, unter einem falschen Vorwand in ihr Haus, macht sie mit einer technischen Apparatur willenlos und setzt sie im Folgenden auf die drei Wissenschaftler an (darunter Howard Vernon), die ihren Vater in den Tod getrieben haben …

MISS MUERTE (oder THE DIABOLICAL DR. Z, wie der Film international heißt) war, wenn ich mich recht erinnere, mein erster Film von Jess Franco und ich sah ihn back in the day, als sich das Fantasy Filmfest noch den unverschämten Luxus einer Retrospektive leistete, sogar im Kino. Die damalige kleine Franco-Huldigung war überaus liebevoll zusammengestellt und bot Uneingeweihten mit einigen gut „konsumierbaren“ und – im Rahmen seines Gesamtwerks eher unüblichen – straighten Filmen die ideale Einstiegsdroge, die auf manch härter zu knackende, aber umso nachhaltiger wirkende Nuss vorbereitete. MISS MUERTE führe ich heute noch gern an, wenn es darum geht, Ortsunkundigen eine gut ausgebaute Zufahrtsstraße ins unübersichtliche Francoland zu weisen. Wie mein kompetenter Kollege Thomas Groh neulich in einem semiöffentlichen Privatgespräch (= Facebook) richtig sagte, ist MISS MUERTE einerseits repräsentativ genug für das Werk des Spaniers, um eine Vorstellung davon zu vermitteln, was ihn auszeichnet, andererseits funktioniert er als geradliniger Genrefilm, in dem man sich dank bekannter Motive schnell zurechtfindet. Der Plotverlauf ist denkbar einfach und vom Start weg relativ genau vorhersagbar, sodass man sich auf die vielen kleinen Details von Inszenierung und Gestaltung konzentrieren kann, die MISS MUERTE erst so richtig interessant machen. Anders als in einigen anderen Filmen Francos – siehe als kürzlich von mir gesehene Beispiele DER TEUFEL KAM AUS AKASAVA oder DER TODESRÄCHER VON SOHO –, gewinnen diese Details hier jedoch nie ganz die Oberhand: Man wird nicht von ihnen überrumpelt, sondern ganz sanft indoktriniert, bekommt eine kleine Einführung in mundgerechten Happen, auf der man dann mit weiteren Filmen des Meisters aufbauen kann.

So macht man also Bekanntschaft mit Howard Vernon, einem der vielen Stammschauspieler Francos, wohnt einer jener fantasievoll-exzentrisch-erotischen Tanznummern bei, von denen Franco im Laufe seiner Karriere noch einige drehen sollte, lernt, dass London auf der iberischen Halbinsel liegt und das vermeintliche Gütesiegel „gedreht an Originalschauplätzen“ etwas für fantasielose Pedanten und Faktenhuber ist. Am wichtigsten: Man bekommt ein Gefühl für die Franco’sche Ästhetik, die Langsamkeit und Schwerelosigkeit seiner Inszenierung, diese seltsam hypnotische Qualität, die seine Bilder – unterstützt von seinen jazzigen Impro-Scores – entwickeln: Wie sich in seinen Filmen Kategorien wie „Raum“ und „Zeit“, aber auch „Sinn“, „Bedeutung“ und „Kausalität“ und mit ihnen der Rückbezug auf eine Welt außerhalb des Kinos plötzlich vollständig auflösen und nur noch der Film bleibt als makellose, rätselhafte, unerforschliche Quelle nicht enden wollenden Wunders. Wer logische oder handwerkliche Schwächen in den Filmen ds Spaniers bemängelt, hat den Witz einfach nicht verstanden. Man schaue sich bloß diese Szene an, in der Howard Vernon als Dr. Vicas im Speisewagen eines Zuges dem Charme der Miss Muerte erliegt und die Welt um ihn herum förmlich verschwindet, und sage mir danach ins Gesicht, dass das nicht eine der gelungensten Darstellungen von Verführung in der Filmgeschichte ist. So vermessen, zu beurteilen, welchen Stellenwert MISS MUERTE im Gesamtwerk Francos einnimmt, bin ich indes nicht. Von seinen laut IMDb 201 Filmen habe ich nur einen lächerlichen Bruchteil gesehen und es gehört mit zur Franco-Faszination, dass da immer noch ein Riesenberg auf einen wartet, von dessen Reizen man sich keine Vorstellung macht. Aber, und auch in dieser Hinsicht ist MISS MUERTE ein guter Startpunkt, man bekommt wahnsinnige Lust darauf, diesen Berg zu erklimmen. Am besten ohne Seil und Sauerstoffgerät.

 

Michael Newman (Adam Sandler) ist mit der wunderschönen Donna (Kate Beckinsale) verheiratet, liebevoller Vater zweier Kinder und erfolgreicher Architekt.  Und er hat ein Problem: Weil er alles versucht, um seinen Chef (David Hasselhoff) zufriedenzustellen und Karriere zu machen, enttäuscht er zwangsläufig seine Familie. Als er in einem Baumarkt bei dem mad scientist Morty (Christopher Walken) eine Fernbedienung ersteht, die es ihm erlaubt, durch sein Leben zu zappen wie durch eine DVD, scheinen alle Probleme gelöst. Wenn die Ehefrau nervt, wird sie leiser oder gleich ganz stummgeschaltet, langweilige Familienessen werden einfach vorgespult, Vergessenes durch Zurückspringen wieder ins Gedächtnis gerufen. Ein Traum, so scheint es. Doch dann lernt er, was es mit der Lernfunktion des Wundergerätes auf sich hat: Das hat sich die Vorlieben Michaels nämlich genau gemerkt und nimmt ihm diverse Entscheidungen nun vollständig ab. Michael verpasst ganze Jahre seines Lebens, ist plötzlich alt, fett und geschieden, weiß nicht, wie die Gattin seines Sohnes heißt und erfährt aus zweiter Hand, dass sein Vater gestorben ist …

Schon bei 50 FIRST DATES hatte ich den Vergleich zu einer TALES FROM THE CRYPT-Episode gezogen, und der drängt sich hier noch eutlich mehr auf. CLICK beginnt zunächst wie eine comichafte Komödie, die die What-if-Prämisse seiner Geschichte genüsslich ausspielt: Michael „pausiert“ seine Mitmenschen, stellt sie stumm und den Hund leiser, nutzt die Vorspultaste, schaltet sich in vergangene Kapitel seines Lebens, schaut sich sein persönliches Making of an, lässt seinen Chef auf Spanisch schwadronieren, belauscht die japanischen Geschäftsleute durch Zuschaltung der Untertitelspur oder hört sich den Audiokommentar zu seinem Leben an, der äußerst dramatisch von niemand Geringerem als James Earl Jones vorgetragen wird. Dass irgendwann ein Konflikt folgen muss ist klar, doch wie heftig sich Michaels Gebrauch der Fernbedienung auf sein Leben auswirkt, ist schon überraschend. CLICK verwandelt sich von der überdrehten Komödie in echten Horror jenseits übersinnlichen Spuks und messerwetzender Psychos: Michael zerstört sein Leben, verpasst prägende Ereignisse, die danach für ihn unwiederbringlich verloren sind. Für ihn gibt es am Ende wirklich kein Zurück mehr. Er muss akzeptieren, dass er sich einiger der wertvollsten Momente seines Lebens beraubt und die Liebe seiner Familie leichtfertig verspielt hat. Natürlich geht es dank eines gängigen Drehbuchkniffs – der, das muss man fairerweise sagen, auch nicht als große Überraschung oder spektakulärer Twist inszeniert ist – am Ende doch noch gut für ihn aus: Alles war nur ein Traum, der ihm gezeigt hat, was in seinem Leben wirklich wichtig ist. Die Wirkung der Mahnfabel wird in CLICK, anders als bei den den EC-Comics entlehnten Geschichten aus TALES FROM THE CRYPT und vergleichbaren Formaten, also nicht nur auf den Zuschauer übertragen, sondern auch auf den Protagonisten, der das Glück hat, Einsicht in seine Irrtümer zu erhalten und sich zu verändern.

CLICK gehört ohne Zweifel zu den schönsten Filmen Adam Sandlers: Die Mischung aus grellem Witz und humanistischem Geist bekommt im amerikanischen Mainstreamkino keiner auch nur annähernd so gut hin wie er. Dass er mit CLICK eben nicht den leichtesten Weg geht – locker hätte sich aus der Fernbedienungsidee ein putziges, beschwingtes 90-Minuten-Komödchen zurechtkloppen lassen –, ehrt ihn zusätzlich. Man muss die Konsequenz bewundern, mit der er seinen Einfall zum Äußersten treibt, ohne dabei allzugroße Rücksicht auf ein Publikum zu nehmen, dass eine Reihe lustiger Vorspulgags erwartet hat. Dass er den Bogen dabei am Ende vielleicht einen Hauch überspannt, ist angesichts dieses Muts ein verzeihlicher Fehler.

Marvin Mange (Rob Schneider) ist ein freundlicher Versager. Allzu gern würde er seinem verstorbenen Vater, einem ehemaligen, mehrfach geehrten Polizisten, nacheifern, doch Jahr für Jahr scheitert er aufgrund mangelnder Fitness an der Aufnahmeprüfung. So fristet er ein trauriges Dasein in der Asservatenkammer, wo er dem Spott kleiner Kinder auf Berufserkundung und Sergeant Sisk (John C. McGinley) ausgesetzt ist. Alles ändert sich, als Marvin einen schweren Unfall erleidet und von einem freundlichen Mad Scientist (Michael Caton) mit Tierorganen zusammengeflickt wird. Plötzlich hat er einen unerschöpfliche Ausdauer, immense Kraft sowie geschärfte Geruchs- und Gehörsinne – leider aber auch einen unkontrollierbaren Hunger und Sexualtrieb. Das erschwert nicht nur seine Annäherungsversuche an die Tierpflegerin Rianna (Colleen Haskell), sondern scheint ihn des Nachts auch in eine reißende Bestie zu verwandeln. Bald wird ein Mob auf ihn angesetzt …

Man verzeihe mir meinen derzeitigen Hang zum Klamauk, aber für meine derzeitige Verfassung sind solche leichten Filme einfach ideal. Bei denen ist es auch nicht so schlimm, wenn die Müdigkeit zuschlägt und ich nach einer Stunde abbrechen und am nächsten Tag weitergucken muss. Dass ich ein Faible für Klamauk habe, ist Lesern meines Blogs wahrscheinlich auch nicht entgangen. Und Rob Schneider, ein viel geschmähter Komiker aus dem Sandler- und SNL-Umfeld, ist tatsächlich sehr viel lustiger als sein Ruf. Für diese etwas seltsamen, tolpatschigen Underdogs, die unermüdlich davon träumen, einmal auf der Siegerseite des Schicksals zu stehen, ist er wie gemacht. Auch der ihm auf den Leib geschriebene THE ANIMAL, sein zweiter „großer“ Film nach etlichen Nebenrollen, nutzt Schneiders glubschäugiges Gesicht, seine störrische Wuschelmähne und seine linkische Verletzlichkeit zu größtmöglichem Effekt. Das Drehbuch von Tom Brady und Schneider himself etabliert den bemitleidenswerten Sonderling als tragisches Stehaufmännchen, bevor es ihm seine Triumphe gönnt und melkt die absurde Prämisse dabei bis auf den letzten Tropfen. Marvin erliegt einem Fressrausch in einer Metzgerei, Marvin wiehert beim Anblick einer schönen Frau wie ein Pferd und vergeht sich schnaufend an einem Briefkasten, Marvin markiert sein Revier, Marvin verführt eine läufige Ziege, Marvin prügelt sich mit einem Orang-Utan, Marvin leckt sich den eigenen Schritt. Es sind erwartbare Zoten, die der Film mit Gusto reißt, aber weil das Timing stimmt und Schneider so wunderbar den gedemütigten Trottel geben kann, funktionieren sie fast alle. Es gibt außerdem noch einen schönen Subplot um Marvins schwarzen Kumpel Miles (Guy Torry), der überall, wo man freundlich und zuvorkommend zu ihm ist, Reverse Racism vermutet – und was zunächst eine paranoide Marotte zu sein scheint, erweist sich bald als zutreffend. Es ist ein für die eigentliche Handlung unwichtiger Nebenstrang, aber er wertet THE ANIMAL gehörig auf, weil er jene Intelligenz erkennen lässt, die man angesichts der Vielzahl an ordinären Herrenwitzen eher nicht vermuten würde.

Dass THE ANIMAL dennoch kein vergessener Klassiker der Low-Brow-Comedy, sondern nur ein guter Vertreter dieser verfemten Gattung ist, liegt vor allem daran, dass der Übergang von der reinen Gagparade zum eher dramatischen, erzählerischen Teil des Films nicht funktioniert bzw. reichlich holprig vonstatten geht. Der Konflikt des Films wirkt reichlich aufgesetzt, wird dann in Windeseile zwischen Tür und Angel aufgelöst. Die Idee, Marvin auf Werwolf-artige nächtliche Raubzüge zu schicken, ist ja eigentlich sehr naheliegend und komisch, aber das Drehbuch etabliert diesen Strang erst überaus nachlässig, lässt die Auflösung dann schlagartig vom Himmel fallen. Man merkt, dass sich niemand wirklich für diesen Teil des Films interessiert hat und das Hauptaugenmerk der Autoren darauf lag, sich lustige Situationen für den tierischen Helden auszudenken. Durchaus verständlich, wie ich finde. Aber es ist ja ein bekanntes Problem, dass moderne Komödien sich schwer damit tun, eine Geschichte zu erzählen, die nicht wie ein notwendiges Übel erscheint. Und nicht alle Filmemacher haben den Mut, konsequenterweise ganz auf einen Plot zu verzichten – so wie Dennis Dugan das in GROWN UPS erfolgreich exerziert hat. Und die genretypische Love Story von THE ANIMAL kommt nicht zuletzt daher so schrecklich schematisch rüber, weil Marvins Love Interest fürchterlich gesichtslos bleibt und ihre Darstellerin mit ihrem zuckersüßen Mauselächeln vor allem Aggressionen weckt. Die Liebe, die sich in THE HOT CHICK zwischen den beiden besten Freundinnen anbahnt, ist um ein Vielfaches lebendiger, echter und sympathischer, als die Spießerliebe, die sich in THE ANIMAL anbahnt. Aber wie ich schon sagte: Der Schwerpunkt des Films liegt woanders und wer Spaß an wildem Klamauk hat, der wird hier durchaus fündig werden. Meine Frau und ich haben jedenfalls herzhaft gelacht. Nuff said.