Mit ‘Mads Mikkelsen’ getaggte Beiträge

king-arthurWährend ihres Eroberungszugs durch Europa und Vorderasien unterwerfen die Römer auch das kampfeslustige Volk der Sarmaten, von deren Kraft und Durchhaltevermögen sie so begeistert sind, dass sie einige von ihnen gleich in die eigene Armee integrieren. Darunter befindet sich auch der junge Lancelot (Ioan Gruffudd), der mit einigen seiner Landsleute unter dem römischen General Artorius Castus (Clive Owen) – Sohn einer Britin – am Hadrianswall stationiert wird, um die Grenzen des römischen Reichs vor den von Norden herandrängenden Woads zu beschützen. Nach vielen Jahren im Dienste Roms erhalten sie schließlich die Erlaubnis, in die Heimat zurückzukehren. Doch vorher wartet eine letzte Mission: Sie sollen ins Gebiet der Woads eindringen, um den dort lebenden Patensohn des Papstes vor den einfallenden Sachsen zu retten.

KING ARTHUR hat es sich zum Ziel gesetzt, die Artussage auf ein historisches Fundament zu stellen, entzieht dem Mythos damit aber leider jeden Zauber und verstrickt sich darüber hinaus auch noch in zahlreichen Ungereimtheiten. Zwar wurde vonseiten der Macher nie geleugnet, dass es sich bei ihrer Interpretation der Geschichte um reine Spekulation handelte, trotzdem geht hier so viel drunter und drüber, dass Sinn und Zweck der ganzen Übung reichlich fragwürdig erscheinen. Vor allem, weil man letztlich wieder einmal nichts anderes zu erzählen weiß, als die sattsam bekannte und reichlich pathosgetränkte Geschichte um Patriotismus, Freiheitsdrang und die „wahre Bestimmung“. Da muss der ständig dumpf-brüterisch in die Gegend blickende Artus in endlosen bedeutungsschwangeren, dazu noch furchtbar gespreizt klingenden Dialogen zu der banalen Erkenntnis geführt werden, dass er Britannien eigentlich ganz gern hat und Rom doch nicht sooo geil ist, wie er es in Erinnerung hat. Die Entscheidungsfindung wird zum Glück dadurch erleichtert, dass die Römer ein verlogenes Volk grausamer Potentaten sind, die von Norden kommenden Sachsen zottelige Barbaren, die zudem Till „Drei Ausrufezeichen!!!“ Schweiger in ihren Reihen haben, die Briten aber eine Lady Guinevere (Keira Knightley) vorweisen können, die es genauso gut versteht, schutzbedürftig und begehrenswert in Walle-walle-Kleidern durch den winterlichen Wald zu schweben wie auch als kampfeslustige Amazone in geilem Fetisch-Ledergeschirr und Corpsepaint mit der Armbrust herumzuballern. Die Männer von Artus‘ Tafelrunde sind die üblichen groben, aber ehrlichen Haudraufs, auf die immer Verlass ist und unter denen der feingeistige Lancelot als Eye Candy und Orlando-Bloom-Ersatz hervorsticht. Am Ende wird in einer elend lang ausgedehnten Schlacht klar Schiff gemacht, gemetzelt und gestorben, bis alle das geeinte Britannien feiern und sich darüber freuen können, dass die Freunde für den „common cause“ ins Gras gebissen haben.

KING ARTHUR ist schrecklich dröge und unelegant als Puzzle aus den Einflüssen zahlreicher vorangegangener und auch schon öder Filme wie BRAVEHEART, GLADIATOR, LORD OF THE RINGS, PEARL HARBOR oder PIRATES OF THE CARIBBEAN erzählt, mit den üblichen Mitteln der Postproduction visuell aufgepimpt und bar jeder Subtilität. Passend dazu dröhnt, wimmert, posaunt und trötet Hans Zimmers Default-Score, dass einem die Ohren bluten und man die lebenslange Verpflichtung bei der Bundeswehr erwägt. Das Ganze dauert dann zu allem Übel auch noch sage und schreibe 140 bleischwere Minuten – zumindest im Director’s Cut (Bruckheimer, der an den Erfolg seines Piratenfilms anknüpfen wollte, ließ den Film zum Kinostart massiv herunterkürzen und nachbearbeiten). Klar, es fallen ein paar nette Szenen und Bilder ab, etwa die Befreiung der Lady Guinevere aus einem schimmligen Kellerverlies oder der Kampf auf einem zugefrorenen See, aber bei dem hier betriebenen Aufwand (Budget: 120 Millionen Dollar) fällt es mir schwer, das positiv anzurechnen. KING ARTHUR ist nur ein besonders eklatantes Beispiel für die furchtbar uninspirierten, geistlosen, stumpfen und immer gleich aussehenden Schlachtengemälde, die Hollywood seit gut 20 Jahren in einer Tour raushaut und damit einem absolut ekelhaften Militarismus das Wort redet. Dass Fuqua danach mit SHOOTER, BROOKLYN’S FINEST und THE EQUALIZER drei Knaller erster Güte abgeliefert hat, darf man angesichts dieses Rohrkrepieres als mittelschweres Wunder bezeichnen.

Ich habe CASINO ROYALE damals aus mangelndem Interesse nicht gesehen, die begeisterten Reaktionen zwar nicht abgetan, aber doch mit einiger Skepsis betrachtet. Die Bond-Reihe schien sich, trotz der insgesamt durchaus respektablen, wenn auch durchwachsenen Brosnan-Ära, seit eigentlich gut 20 Jahren überholt zu haben und der Clou eines gritty reboots war nun auch nicht der allerneueste und kreativste Schachzug, einem darbenden Franchise neues Leben einzuhauchen. Nach der Sichtung stehe ich nun vor einem ziemlichen Dilemma: CASINO ROYALE hat meine Erwartungen weit übertroffen und es lässt sich mit gutem Recht argumentieren, dass Martin Campbell nach über 40 Jahren den besten Bondfilm überhaupt vorgelegt hat. Die Charakterisierung Bonds, die die Drehbuchautoren gemeinsam mit Daniel Craig vorlegen, entspricht so ziemlich genau dem Bild, das die Connery-Bonds gelegentlich andeuteten, aber schließlich zugunsten von Sixties-Charme und Europulp verwarfen, das mit Moore vollkommen auf den Kopf gestellt und weder bei Dalton noch bei Brosnan wirklich ausgearbeitet wurde. Hier ist der Bond, über den ich etwa in meinem Text zu DR. NO schrieb: Ein blunt instrument, wie M (Judi Dench) ihn beschriebt, keinesfalls ein international man of mystery, wie es in der Bond-Persiflage AUSTIN POWERS in treffender Beschreibung vor allem der Moore-Bonds hieß, nicht die geschliffenste Waffe des britischen Geheimdienstes, sondern lediglich ein recht banaler Auftragskiller, für optimale Effizienz ausgebildet, ultimativ austauschbar und im Notfall mitleidlos zu entsorgen. Craig verleiht dem Agenten eine nie zuvor gesehene Körperlichkeit, die er mit geradezu todessehnsüchtiger Wucht in die Schlacht wirft. Der massige Körper, das Knautschgesicht mit den unförmigen Blumenkohlohren, die eingeschränkte Mimik: Sein Bond ist ein Golem, Frankensteins Monster, eilig und ohne jede künstlerische Ambition rein auf Funktionalität modelliert, zwar dazu geschult, sich auch in der Glitzerwelt der High Society sicher bewegen zu können und mit dem nötigen Stilbewusstsein ausgestattet, aber im feinen Anzug, wie seine Kollegin Vesper Lynd (Eva Green) treffend bemerkt, immer auch ein wenig verkleidet, verloren, deplatziert, traurig aussehend. Und anders als seine Bondvorgänger gerät sein Dienst für ihn nicht zum ausgedehnten Junggesellenabschied: Das Töten, das ständige Schweben in Lebensgefahr, das Wissen, dass das Eingehen zwischenmenschlicher emotionaler Bindungen ihn nicht nur verwundbar macht, sondern auch tödliche Gefahren für den Partner mit sich bringt, zehren ihn aus, zerren an ihm, sind dabei, ihn vollständig auszuhöhlen. Als Bond auf Vesper Lynd trifft, ist er bereits auf dem besten Wege, ein Zombie zu werden. Als sie am Ende des Films stirbt, drohen ihn Zorn und Schmerz zu zerreißen. Die Explosion wird durch nur die Schlusscredits vertagt, aber sie wirft ihren Schatten auf den Nachfolger.

Es ist beeindruckend, wie es Campbell – der schon gut zehn Jahre zuvor mit GOLDENEYE für einen erfolgreichen Neustart der Serie verantwortlich war – mit CASINO ROYALE gelingt, einen Film vorzulegen, der gleichermaßen voll und ganz neu und frisch wirkt, ohne dabei jedoch seine Blutlinie zu leugnen. Die Übernahme bestimmter Trademarks verortet seinen Film ganz klar innerhalb der Reihe: der Blick durch den Pistolenlauf auf den von rechts ins Bild schreitenden Bond, die bekannte Titelmelodie von Monty Norman, die Verwendung einer Pre-Title-Sequenz – Bonds in Schwarzweiß gehaltene Origin-Story –, ein mit viel Pathos vorgetragener Titelsong (hier von Chris Cornell), die Anwesenheit vom M, natürlich die zu Trademarks geronnenen Dialogzeilen, auf die kein Film bislang verzichten konnte, die attraktiven Schauplätze, die teuren Drinks und Autos. Aber nicht nur hinsichtlich seiner Hauptfigur könnte sich CASINO ROYALE kaum mehr von seinen Vorläufern unterscheiden. Sowohl in Stimmung, Ton als auch in der Dramaturgie verbindet Campbells Film nichts mehr mit ihnen. Die Geschichte wird wesentlich kohärenter erzählt. Die Schauplatzwechsel korrelieren mit einem konsequenten Fortschreiten der Handlung, sind kein Ersatz für eine solche. Der Zuschauer wird ganz anders involviert und angesprochen, weniger auf Distanz gehalten, sondern mehr gefordert. Das Kino der Attraktionen wird wieder zu einem Kino der Emotionen. Gelegentliche Lacher schaffen keine Distanz, sondern Nähe. Was geblieben ist, ist die edle Optik: CASINO ROYALE dürfte einer der bestaussehenden Bondfilme sein, ganz egal, ob er an einen sonnendurchfluteten Karibikstrand, in die mondäne Kulisse Montenegros (tatsächlich Tschechien) oder ins romantische Venedig entführt. Kein Bond hat die Verlockungen des Luxus – und die Gefahren, die damit einhergehen – so  greifbar ins Bild gerückt. Und dann die Actionsequenzen, in denen der Effektbombast zugunsten realistischer Körperaction zurückgenommen, ein beachtliches Tempo und eine schroffe Härte etabliert werden. Die Parcour-Sequenz auf Madagaskar, die Verfolgungsjagd auf der Rollbahn eines Flughafens oder der Kampf in einem zusammenstrüzenden venezianischen Haus sind Instant-Highlights und werden wunderbar kontrastiert von den hochkonzentrierten Mind Games, die Bond und sein Kontrahent Le Chiffre (Mads Mikkelsen) miteinander spielen. Zu guter Letzt die wunderbare Chemie, die Craig und die betörende Eva Green entwickeln und damit alle Liebesgeschichten seit Lazenbys Techtelmechtel mit der unsterblichen Diana Rigg in den Schatten stellen. Doch, doch: CASINO ROYALE ist Kinoperfektion im positivsten Sinne und tatsächlich, wie ich oben schrieb, ein ernstzunehmender Kandidat für die Krone. Auch wenn das zuzugeben dem Nostalgiker in mir nicht leicht fällt.

Frankreich ist in Aufruhr: Während es von Kriegen umringt ist, intrigiert Kardinal Richelieu (Christoph Waltz) mithilfe der verräterischen Milady DeWinter (Milla Jovovich) gegen den unerfahrenen Ludwig XIII. (Freddie Fox) und Königin Anne (Juno Temple). Die drei Musketiere Athos (Matthew Macfayden), Aramis (Luke Evans) und Porthos (Ray Stevenson), einst stolze Diener des Königs, sind bereits entmachtet, als sie dem jungen ungestümen D’Artagnan (Logan Lerman) begegnen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als selbst ein Musketier zu werden und Frankreich zu dienen. Er wird bald Gelegenheit dazu bekommen, denn Richelieu und Milady planen Frankreich in einen Krieg mit Großbritannien zu stürzen, indem sie der Königin eine Affäre mit Lord Buckingham (Orlando Bloom) unterstellen. Um diesen Plan zu vereiteln, machen sich die Musketiere auf den Weg nach London, um in den schwer bewachten Tower einzudringen …

In der von ihm gewohnten Art reimaginiert Paul W. S. Anderson Alexandre Dumas‘ Klassiker der Unterhaltungsliteratur als leichtfüßiges Actionspektakel mit wunderschönen, in ihrer Textur an alte Gemälde erinnernden Bildern des barocken Paris, verspielten visuellen Effekten – Schauplatzwechsel werden mit dreidimensionalen Landkarten illustriert –, bombastischen Actionsequenzen und einem spitzzüngigen Humor, der die Titelhelden von ihrem steifen Pomp befreit und als rauhbeinige Loner charakterisiert. Wer also einen klassischen Mantel- und Degenfilm erwartet, der muss sich erst einmal neu orientieren: Auch mir erschien Andersons Film zunächst etwas zu sehr auf den Effekt hin inszeniert, zu wenig an seinen Figuren und den historischen Gegebenheiten interessiert. Doch das legt sich, wenn man sich einmal an seine Erzählweise gewöhnt hat, denn dann bemerkt man, dass man den Reichtum, den man zunächst vermisst hat, lediglich an der falschen Stelle gesucht hat. Am liebsten würde Anderson auf „Handlung“ im klassischen Sinne wohl ganz verzichten. Die Szenenübergänge, wenn in etwas steifen Dialogszenen Exposition förmlich abgehakt wird, wirken wie lästige Pflichtübungen, wie Zugeständnisse an ein Publikum, das für 90 Minuten reinsten Anderson’schen Expressionismus wohl noch nicht bereit ist. Es sind seine vor Einfallsreichtum, Lust, Raffinesse und visuellem Zauber nur so sprühenden Actionszenen, an denen sein Herz hängt, in denen er sich Ausdruck verleiht. Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas Schöneres gesehen habe als jene grandiose Luftschlacht zwischen zwei Luftschiffen, die den Showdown des Films bildet. Da verwandelt man sich wieder in den Zehnjährigen, der mit der Taschenlampe unter der Bettdecke in Abenteuerromanen geschmökert hat (habe ich nie, aber wenn, dann hätte ich mich dabei bestimmt so gefühlt wie bei THE THREE MUSKETEERS) und die Buchstaben auf den Seiten sich in der Fantasie in prächtige, detailreiche Technicolor-Bilder verwandelten.

Visuell ist THE THREE MUSKETEERS ein Triumph, tatsächlich noch aufregender und vor allem ergreifender und wärmer als der auch schon tolle RESIDENT EVIL: AFTERLIFE. Das „Für Bernd“, mit dem der Film schließt, dürfte der verstorbene Produzent Eichinger sich nicht nur mit seinem unerwarteten Tod verdient, sondern darüber hinaus auch Einiges kosten lassen haben: Dem Stoff angemessen sieht THE THREE MUSKETEERS nämlich richtig kostbar und prunkvoll aus, da kann sich so manche Prestigeproduktion aus den USA eine Scheibe abschneiden. Die Effektarbeit ist großartig und hinzu kommt, dass Anderson für jedes Bild den richtigen Ton trifft, es meisterlich versteht, mithilfe von Lichtsetzung und Farbgebung die richtige Atmosphäre zu schaffen. THE THREE MUSKETEERS ist ein Bilderreigen, der seinen Zuschauer in immer höherer Frequenz mit unauslöschlichen Eindrücken bombardiert. (Einer davon, Milla Jovovich als barocker weiblicher Vorläufer Ethan Hunts mit sündhaft langen Beinen in Seindestrümpfen, wird mich wohl den Rest meines Lebens begleiten.)

Ich habe jetzt viel über die Oberfläche dieses Films gesprochen: Zu Recht, denn wenn sich jemand so viel Mühe gibt, zu glänzen, sollte das auch entsprechend honoriert werden. Aber es gibt auch diese Momente, in denen man bemerkt, dass diese Oberfläche nicht bloß die Verpackung für sonst gähnende Leere ist. Kurze Momente, zugegeben, aber sie fallen durchaus ins Gewicht. Da gibt es etwa diese eine Szene: D’Artagnan muss feststellen, dass der Gegner seine Geliebte in die Finger bekommen und damit auch ihn in der Hand hat. Er wägt ab, was er tun soll: Seine Liebe dem großen Ziel, dem König und Frankreich opfern? Oder das persönliche Glück wählen und ein größeres Unheil in Kauf nehmen? Athos gibt dem jungen, mit dieser Entscheidung überforderten Mann den entscheidenden Rat: Ein Leben ist nur lebenswert, wenn man es mit jemandem teilen kann, der Gedanke an Frankreich wird ihn in den Nächten seines Lebens nicht warmhalten. Das ist keine große Sache, aber in Zeiten, in denen sich Menschen darüber beklagen, dass sie keinen Nationalstolz zeigen dürfen, und Filme ganze Hundertschaften von Statisten für „die gute Sache“ über die Klinge springen lassen, finde ich diese Aussage bemerkenswert. Plötzlich haben auch überkommene Helden wie die drei Musketiere wieder Relevanz als unbeugsame Humanisten mit Zivilcourage.

Abschließend möchte ich noch mein Unverständnis für die Rezeption zum Ausdruck bringen, die dieser Film in weiten Teilen des Feuilletons erfahren hat. Dass Paul W. S. Anderson geradezu grotesk unterschätzt ist, habe ich in meinen vergangenen Texten (siehe hier zu SOLDIER, DEATH RACE und noch einmal zu RESIDENT EVIL: AFTERLIFE) schon ausreichend ausgeführt, aber wie einem die Freude und Frische dieses Films entgehen kann, ist mir wirklich ein Rätsel. Film besteht in erster Linie aus Bildern, nicht aus Worten. Und ein neues, scharfes Bild sagt tatsächlich mehr, als es Worte und Konzepte vermögen. Paul W. S. Anderson hat das verstanden. THE THREE MUSKETEERS zu hassen, heißt das Kino zu hassen.

One-Eye (Mads Mikkelsen) wird von einem Clan Nordmänner in bestialischen Schaukämpfen eingesetzt, die ihnen ein bisschen Geld einbringen. Zwischen den Kämpfen wird der stumme Einäugige wie ein Tier in einem Käfig festgehalten. Nachdem er seine Herren umgebracht hat und ihm so die Flucht gelungen ist, stößt er – gemeinsam mit einem kleinen Jungen, der ihn begleitet – auf ein paar Christen, die in missionarischer Tätigkeit unterwegs sind und ihn dazu auffordern, mit ihnen ins Gelobte Land zu reisen: Schließlich müsse er auch an seine unsterbliche Seele denken. Die Überfahrt gerät aufgrund undurchdringlichen Nebels zur Odyssee und als sie dann endlich auf Land stoßen, stellen sie fest, dass sie nicht dort sind, wo sie eigentlich hin wollten. Einer nach dem anderen werden sie von einem unsichtbaren Gegner getötet. Sind sie etwa in der Hölle?

Diese Inhaltsangabe gibt die Geschehnisse des Films zwar ziemlich genau wieder, sagt über VALHALLA RISING aber dennoch denkbar wenig. Der knapp 80-minütige Film kommt fast ohne Dialoge aus und ist in sechs Kapitel gegliedert, innerhalb derer diese Geschichte weniger dynamisch erzählt, als vielmehr in statischen Tableaus ausgebreitet wird. Wir kennen ihren Verlauf aus zahlreichen Mythen, deren Grundstruktur Refn aller ausschmückender Details entledigt und so eine Strenge erreicht, die VALHALLA RISING allen gleichnishaften, allegorischen Potenzials zum Trotz fast den Anstrich eines wissenschaftlichen Essays verleiht. Demgegenüber steht die großartige, poetische visuelle Gestaltung des Films: Refn lässt seine die Figuren vor überwältigenden, urwüchsig-furchteinflößenden Naturpanoramen agieren, vor denen sie und ihre Sorgen und Bedürfnisse in dem Maße lachhaft und nichtig erscheinen, in dem sie sich selbst in ihrem zivilisatorischen Streben für das Maß aller Dinge halten.Und darunter dröhnt und dräut ein Score, der nicht Musik ist, sondern selbst vielmehr wie der Ausdruck eines natürlichen Zorns klingt.

Ich musste VALHALLA RISING zweimal sehen, bevor ich mir zugetraut habe, diesen Text zu schreiben. Das, was Refn erzählt, ist keinesfalls so neu oder komplex, dass man es nicht auch beim ersten Mal verstehen könnte. Gerade, wenn man kurz zuvor den Backwood-Film beackert hat, kommen einem Refns Mensch-vs.-Natur-Meditationen sehr schnell sehr bekannt vor. Was an VALHALLA RISING aber herausfordert, vor den Kopf stößt und im tiefsten Inneren verstört, ist die Art, wie er an dieses Thema herangeht. Refns Film geht nicht den Weg gutbürgerlicher Aufgeklärtheit, die uns zur Bescheidenheit und Demut ermahnt, sondern wirkt selbst in höchstem Maße antiaufklärerisch, vormoralisch und mystisch, weil er auf jede erklärende Klammer, auf jede „Message“ verzichtet und bei aller technischer Versiertheit, die hier in jeder Sekunde ohne Frage zum Ausdruck kommt, einen Grad ungezügelter Rohheit erreicht, die ohne Vergleich und beinahe furchteinflößend ist. VALHALLA RISING repräsentiert selbst in Reinkultur, wovon er erzählt: den Zusammenprall apollinischer Vernunft und dionysischen Rausches. Wie sein Protagonist ist VALHALLA RISING ein Monster.

Zusammen mit Gaspar Noe (wie bekommt man eigentlich diese komischen Umlautpunkte aufs „e“?) steht Refn spätestens mit diesem Film für mich an der Spitze eines neuen aufregenden radikalen europäischen Kinos. Dieser Film kann demzufolge in diesem Jahr allerhöchstens noch von Noes INTO THE VOID übertroffen werden und ist eine Pflichtübung für jeden, der sich für Film und Kino interessiert. Hier ist Film noch Schock, noch körperliche Erfahrung und nicht bloß Hintergrundbeschallung. Hier fährt der rasende Zorn One-Eyes von der Leinwand direkt in die Glieder.