Mit ‘Maika Monroe’ getaggte Beiträge

11190713_oriDie Teenagerin Jay (Maika Monroe) hat gerade den ersten Sex mit ihrer Eroberung Hugh (Jake Weary) hinter sich gebracht, stilecht auf dem Rücksitz eines amerikanischen Wagens, der auf dem verlassenen Parkplatz vor einem verfallenen Gebäude abgestellt ist. Sie hängt ihren Träumen nach, redet mit ihm, aber mehr noch mit sich selbst, als er ihr von hinten ein Stück Stoff vor den Mund presst, bis sie bewusstlos wird. Wenig später sitzt sie gefesselt auf einem Stuhl im Inneren des maroden Hauses, er läuft nervös hin und her, redet wirres Zeug von einem „Ding“, das er ihr jetzt übertragen habe und das sie von nun an verfolgen und sie zu töten versuchen werde. Um es wieder loszuwerden, müsse auch sie mit einem anderen schlafen und ihm die „Regeln“ erklären, denn wenn ihr „Nachfolger“ dem Wesen zum Opfer falle, sei automatisch wieder sie an der Reihe. Nachdem tatsächlich eine zombiehaft staksende Frau auftaucht und unaufhaltsam auf sie zugeht, liefert er sie bei ihrer Familie ab, indem er sie einfach auf die nächtliche Straße vor ihrem Haus legt. Die Polizei wird gerufen, den Verdacht auf Vergewaltigung zerstreut Jay mit ihrer Aussage selbst, aber die Nachbarn zerreißen sich trotzdem das Maul über „diese Leute“. Jay hat indesse andere Sorgen: Am nächsten Tag wird sie von einer alten Frau verfolgt …

IT FOLLOWS ist nicht weniger als einer der besten, originellsten und atmosphärischsten Horrorfilme der letzten Jahre. Regisseur Mitchell hat einen archaisch anmutenden, unheimlichen Mythos erdacht und liefert zahlreiche Hinweise, wie man diesen mit Bedeutung aufladen könnte, ohne dass er ihm dadurch seinen Schrecken nehmen würde. Er entgeht sehr geschickt der Falle des zunehmend grassierenden „Inhaltismus“, bei dem Filme mit supercleveren „Subtexten“ aufwarten, die diesen Begriff nicht verdienen, weil es keinerlei Interpretationsspielraum mehr gibt, sie vielmehr wie Rätsel „gelöst“ werden müssen. Der Erfolg von IT FOLLOWS beruht zuerst auf seiner Visualität, er ist voller starker Bilder, die gerade deshalb eine solche Wirkung hinterlassen, weil sie eben nicht symbolisch überfrachtet sind, sondern zunächst einmal für sich stehen. Unbelebt wirkende Suburbs, ruinöse Vororte, Menschen, die sich streifen, ohne echten zwischenmenschlichen Kontakt zueinander aufzubauen. Gerahmte Fotos einer Familie, die nur noch auf dem Papier zu bestehen scheint, Sex im Auto als „Höhepunkt“ eines mechanisch ablaufenden Spiels, der Zuschauer als distanzierter, stumm starrender Zeuge immer dabei, mal ganz nah, dann wieder aus der Distanz wie ein Voyeur.

IT FOLLOWS handelt natürlich ganz wesentlich von Sex, vom Bedürfnis nach Intimität und Nähe in einer Realität, die beides nicht mehr wirklich zulässt. Vor 30 Jahren hätte man die geisterhaften Verfolgerwesen unweigerlich als AIDS-Allegorie verstanden, aber Mitchell geht es nicht um den Schrecken des eigenen nahenden Todes, sondern um das Grauen, das darin besteht, einen anderen verdammen zu müssen, um sich selbst zu retten. In der Zyklizität des Fluches erinnert IT FOLLOWS stark an Nakatas RINGU, aber die menschliche Komponente wiegt im US-Film schwerer, weil die Weitergabe des Fluchs eben an Sex geknüpft ist. Seine Protagonistin Jay weiß, dass sie infiziert ist: Ihr Freund Paul (Keir Gilchrist), den sie seit der Kindheit kennt und der neben ihrer Schwester Kelly (Lili Sepe) ihr einziger Vertrauter ist, rückt als möglicher Partner in weite Ferne; sie sieht einer Zukunft entgegen, in der körperliche Nähe nur noch mit völlig Fremden überhaupt denkbar scheint (nachdem Paul sich bewusst hat von ihr infizieren lassen, beobachtet er zwei Prostituierte, die selbst wie Geister an einer ausgestorbenen Straßenecke stehen).

Diese Kälte, die Unmöglichkeit, den anderen als Menschen zu verstehen, sich ihm vertrauensvoll und offen zu nähern, zeigt sich in IT FOLLOWS in allem: In der zersplitterten Familie von Jay und Kelly (eines der Phantome, die Jay verfolgen, nimmt die Gestalt ihres verschwundenen Vaters an), in den ruinösen Vororten des sterbenden Industriemolochs Detroit, den distanzierten Bildern voller leerer Räume, unwirtlich zweckmäßiger Bauten und ziellos umherwandernder Gestalten. Das Finale in einem nächtlichen Schwimmbad, das aufgrund seiner Effektlastigkeit hier und da auf Kritik stieß, erinnerte mich gestern stark an Cronenbergs ganz ähnliche Schlusspointe in SHIVERS: Da wurde der letzte noch verbliebene Mensch von den besessenen Sexzombies ins Wasser gestoßen und zu einem der ihren gemacht. In IT FOLLOWS lockt Jay das Monster ins Wasser, um die Liebe zu retten. Sie triumphiert, aber ganz anders als gedacht …

„Deine blauen Augen machen mich so sentimental“, sang Annette Humpe im Hit „Blaue Augen“ zu Beginn der Achtzigerjahre in ihren Bands Neonbabies und Ideal. Strahlende blaue Augen gelten nicht nur als Schönheitsideal, sie sind auch Objekt beinahe mystischer Verklärung und als solches gerade für Schauspieler ein Pfand, mit dem sich gut wuchern lässt. Dan Stevens‘ Interpretation des vermeintlichen Irak-Heimkehrers David, der im Haus der Familie Peterson – Vater Spencer (Leland Orser), Mutter Laura (Sheila Kelly), Tochter Anna (Maika Monroe) und Sohn Luke (Brendan Meyer) – einkehrt, um ihnen von ihrem gefallenen Sohn auszurichten, dass dieser sie alle geliebt habe, basiert auf diesem Blick, entwaffnend und duchdringend, beruhigend, vertrauensvoll und einfühlsam, aber in dieser Qualität gleichzeitig drohend und aggressiv. „It starts with the eyes, incandescent blue—dreamy and seductive one moment, cold and alien the next. It all depends on the inflection. […] Director Adam Wingard surely understood the effect blue eyes have on the other characters—and, just as crucially, on the audience. Everyone wants to believe that this stranger has good intentions, because his presence is so confident and reassuring […]“ 

THE GUEST variiert die Ausgangssituation von Bob Clarks DEAD OF NIGHT (aka DEATHDREAM) und entbindet sie ihrer übernatürlichen Elemente (die sie der Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ von W. W. Jacobs verdankt): In jenem Film kam der totgeglaubte Sohn aus dem Vietnamkrieg zurück, um sich nach anfänglicher Freude als vampirisches Wesen zu entpuppen. Hier ist es zwar nur ein vermeintlicher Freund jenes gefallenen Sohnes, doch er sucht diesen zu ersetzen und erweist sich dabei als kaum weniger tödlich. Das Eindringen dieses Fremden, die selbstbewusste, fast sadistisch zu nennende Art, auf die er die Mutter sehr direkt und ohne jede Zurückhaltung mit dem noch kaum verarbeiteten Tod ihres Sohnes konfrontiert, stellen eigentlich eine unverhohlene Provokation dar, die ihm jedoch aufgrund seines selbstbewussten Auftretens und seiner verbindlichen Art verziehen wird. Im weiteren Verlauf erschleicht er sich gegen jede Vernunft das Vertrauen aller Familienmitglieder, indem er ein offenes Ohr spendet, im täglichen Kampf gegen die Highschool-Bullies tatkräftige Hilfe leistet und natürlich, indem so verdammt attraktiv ist. Er wird zum Sohn und Bruder 2.0 und zur potenziellen Erfüllung aller weiteren Wünsche, die der Verstorbene aufgrund seiner Blutsverwandtschaft nie erfüllen konnte. Wenn sich David dann schließlich als gefährlicher Psychopath entpuppt, wenn sein finsteres Geheimnis ans Tageslicht dringt und die bewaffneten Spezialeinheiten sich vor der Haustür der Petersons versammeln, um dem Entflohenen Einhalt zu gebieten, ist das eine zunächst etwas enttäuschende Trivialisierung einer Figur, die umso greifbarer schien, je mehr ihre Biografie im Dunkeln blieb. Aber das scheint auch Wingard so zu sehen: Im Finale, in dem er die beiden Peterson-Kids vor dem Hintergrund der für den anstehenden Ball aufwändig geschmückten Highschool mit dem Killer konfrontiert, kehrt er zum andeutungsreichen, märchenhaften Symbolismus der ersten Hälfte zurück. THE GUEST bewahrt sich seine Geheimnis. Wer dieser verstorbene Bruder wirklich war, welche Rolle er in der Familie einnahm, was er für jeden der Petersons bedeutete, bleibt völlig im Dunkeln. Und die Erklärung, was es mit diesem David auf sich hat, wirft weder ein erhellendes Licht auf die Funktion, die ihm in der trauernden Familie zukommt, noch warum er sich diese überhaupt ausgesucht hat.

Einmal heißt es über David, er sei dazu programmiert, das Geheimnis seiner Identität zu wahren. THE GUEST bleibt elusiv wie sein Hauptcharakter. Starker Film.