Mit ‘Malisa Longo’ getaggte Beiträge

In den frühen Montag-Morgenstunden wurde es für mich so langsam Zeit, Abschied zu nehmen. Der Schmerz, am folgenden letzten Kongresstag nicht mehr teilhaben zu können, wurde mit dem für diese Uhrzeit obligatorischen „Videoknüppel“ effektiv gelindert. Nachdem alle vorangegangenen Filme von 35 mm gezeigt wurden – was einen ziemlichen Restaurations- und Arbeitsaufwand für den lieben Christoph bedeutete, dem hiermit noch einmal von Herzen gedankt sei, dass er diese Strapazen auf sich genommen hat –, trübte LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS sehr adäquat als VHS-Rip von der Leinwand. Das matschige Bild und die wahrlich erlesene deutsche Pornosynchro passten ganz ausgezeichnet zu diesem öligen Spätachtziger-Sleazebolzen, der dem längst vergessenen Genre des europäischen Softerotikfilms keine Schande machte, sondern perfekt repräsentierte.

Erzählt wird die Geschichte der geilen Gloria (Malisa Longo), eine Dame vom Typ „hochtoupierte, schon leicht ranzige Glamour-Schlampe“, die seit der Heirat auf dem Trockenen liegt, weil ihr geliebter Ehemann (Tomas Pico), sich leider als impotent und zudem als masochistischer Voyeur erwiesen hat. Weil Gloria daher chronisch der Schritt brennt, schmeißt sie sich beim gemeinsamen Urlaub an Bord des Orient-Express an alles ran, was einen Schwanz hat und sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann. Derweil ist ihr Gatte, der das unglaubliche Verhalten seiner Frau erregt beobachtet, im siebten Himmel, sind jene Art der Demütigung und visuellen Stimulierung doch genau sein Ding …

Wie „schön“ waren doch die späten Achtziger: Aus jeder Minute von LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS quellen literweise Schmieröl und Frittenfett, es riecht nach preiswertem Cologne, Mottenkugeln und Tabakladen und wenn man von den Insignien falschen, billigen Glamours – Pelzmantel, Protzschmuck, Reizwäsche, Bummelzug – geblendet wird und ins Taumeln gerät, bremsen meterbreite Schulterpolster sanft den Fall. Die Frauen sehen allesamt aus wie Männer, die sich auf die Geschlechtsumwandlung vorbereiten und meinen, immer noch eine Schippe obendrauf legen zu müssen: Für die Haarspray-Frisuren wurde wahrscheinlich ein eigenes Ozonloch aufgerissen, Lippenstift und Nagellack leuchten in feinstem Nuttenrot, Seidenstrümpfe und Strapse werden nicht einmal zum Pennen ausgezogen. Die Männer, verweichlichte Jammerlappen, torkeln immer am Rande der vorzeitigen Ejakulation entlang und sind völlig unfähig, sich gegen die ihre Reize aggressiv einsetzenden Damen auch nur annähernd zu behaupten. Devot winselnd liegen sie ihren Angebeteten zu Füßen, lassen sich demütigen, beleidigen oder das Geld aus der Tasche ziehen, dabei völlig entrückte Lobpreisungen gen Himmel schicken, dass sie diesen süßen Rausch der Sinne erleben dürfen. Sex ist hier keine gleichberechtigte Sache, noch nicht einmal etwas, was man miteinander macht, sondern immer nur ein Bedienen oder Nehmen, das von der Frau ausgeht. Sie ist dem Mann hoffnungslos überlegen, aber was nützt ihr das, wenn sie es dann doch mit jedem Penner auf dem Bahnhofsklo treibt, anstatt sich den Besten auszusuchen? Das Tolle an LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS ist die krasse Diskrepanz zwischen der vorgekaulten Vornehmheit und Transzendenz und der tatsächlichen, bodenlosen Schmierigkeit. Der Film erzählt eigentlich von der Überwindung eines nagenden Eheproblems, doch geht das schon im Ansatz in die Hose, weil seine Protagonisten nur bei äußerst großzügig ausgelegter Definition noch als Menschen durchgehen. Da schütten sie sich das Herz über ihre heiligen Gefühlsregungen aus, reden in einer Tour aneinander vorbei, während sie sich begrapschen und ablecken wie die Handwerker. Währenddessen klappert der Film die tollsten europäischen Städte ab – Venedig, Paris, Zürich –, doch sein Orient-Express besteht anscheinend nur aus zwei Waggons, in denen sich zwei Handvoll Gäste aufhalten. Der „Künstler“, der Gloria am Schluss auf Geheiß ihres Mannes nackt malen soll, sieht aus wie ein am Down-Syndrom leidender Zwillingsbruder von Andy Warhol und seine Tiraden auf die „kleinbürgerliche Scheiße“ nehmen sich angesichts seiner Schmierereien reichlich geprahlt aus. Der Opernsänger, ein Pavarotti-Lookalike muss ständig husten und seine amateurhaften Sangeskostproben werden von den Gästen frenetisch beklatscht. Das alles wäre aber nur die halbe Miete ohne die Synchronisation, die auch den banalsten Scheiß noch weihevoll intoniert. „Hier gibt es schöne Sachen“, sagt der Ehemann zu Gloria, als beide über einen Antikmarkt bummeln, LA SENORA DELL ORIENTE EXPRESS damit ebenso schön und treffend zusammenfassend wie den 11. Hofbauer Kongress. Ich freue mich auf die 12. Ausgabe, von der ich – sofern ich dabei sein kann – wieder ausführlich berichten werde.