Mit ‘Märchenfilm’ getaggte Beiträge

Auf dem Mond trifft Baron Prásil (Milos Kopecky) einen vermeintlichen Mondmenschen, der sich jedoch als Astronaut und Naturwissenschaftler Tonik (Rudolf Jelinek) entpuppt. Um ihm die Wunder der Erde nahezubringen, reist der Lügenbaron mit ihm erst nach Konstantinopel, wo sie die Prinzessin Bianca (Jana Brejchová) befreien und daraufhin vor den Türken fliehen müssen. Sie landen schließlich auf einem Schiff, legen sich mit der türkischen Armada an, werden von einem Wal geschluckt und geraten schließlich mitten in einen Krieg …

Karel Zemans Verfilmung der Abenteuer des Lügenbarons Münchhausen ist vor allem ein ästhetischer Triumph: Basierend auf den berühmten Stahlstichen Gustav Dorés und mithilfe verschiedener Animationstechniken lässt Zeman nicht nur die Geschichten des Barons aufleben – die von der historischen Figur Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen tatsächlich selbst erzählt worden waren, bevor verschiedene Literaten sie dann verarbeiteten und für ihre Verbreitung sorgten –, er nähert sich filmtechnisch auch der Zeit ihrer Entstehung an. Denn obwohl Zemans Film aus dem Jahr 1962 stammt, wirkt er wie ein historisches Dokument aus der Zeit, als die Bilder mithilfe heute vorsintflutlich wirkender Geräte laufen lernten. Der innersequenzielle Schnitt ist von ebenso untergeordneter Bedeutung wie die Kameraarbeit, die die Abenteuer Münchhausens in überwiegend statischen Tableaus einfängt. Das Bild ist je nach Stimmung der jeweiligen Szene in monochromes Gelb oder Blau gehüllt und die Schauspieler agieren in Szenerien, die eben zum Großteil der „Feder“ Dorés entstammen, also innerhalb gezeichneter Settings, die durch „reale“ Bauten oder Landschaften vervollkommnet werden. Die so vor dem Auge des Betrachters entstehenden Kunstwelten werden durch eine Vielzahl von Spezialeffekt-Techniken ergänzt, die von simplen Doppelbelichtungen über scherenschnittartige Animationen bis hin zu Stop-Motion reichen. Das Ergebnis ist absolut einzigartig: BARON PRÁSIL wirkt wie aus der Zeit gefallen. Vielleicht kann man ihn als ein Simulakrum im Baudrillard’schen Sinne verstehen, als eine Kopie ohne Original: Er scheint einen historischen Stil zu kopieren, der in dieser Form jedoch nie existiert hat, ja, der erst dank der 1962 verfügbaren Tricktechnik überhaupt denk- und realisierbar war. Ein nahezu perfekter Rahmen für die Lügengeschichten Münchhausens, in denen sich Wahres, Halbwahres und Erlogenes nicht eindeutig von einander trennen lassen.

Aber BARON PRÁSIL hat durchaus noch mehr zu bieten als avancierte Form: Mit seinem feinen Humor zeichnet Zeman Münchhausen als idealtypischen Vertreter preußischen Herrenmenschentums und aristokratischer Arroganz. Seine Lügengeschichten sind nicht bloß Ausdruck unschuldiger Fabulierfreude, vielmehr schlägt sich in ihnen eine recht exklusive Sicht auf die Welt nieder, die der Adlige für sich gegenüber dem unterprivilegierten Fußvolk in Anspruch nimmt. Beim Klang einer einschlagenden Kanonenkugel gerät er nicht etwa in Unruhe über die drohende Gefahr: Vielmehr freut er sich über das Geräusch, ist es ihm doch untrüglicher Beweis dafür, dass das geliebte Europa nun nicht mehr weit weg ist. Die tatsächlichen naturwissenschaftlichen Errungenschaften des Astronauten Tonik werden von Münchhausen als Spinnerei verlacht: Zeman markiert in der Figur des Lügenbarons die Grenze zwischen einer gewissermaßen utopisch-naturwissenschaftlichen Fantasie, die Realität werden möchte, und einer bloß ästhetischen, die den Blick auf die Wirklichkeit vielmehr versperrt, als ihn zu öffnen. Der Baron interessiert sich gar nicht besonders für die Welt, die ihn umgibt, sie dient ihm lediglich als Stichwortgeber für seine Geschichten. Und was er nicht begreift, das kann auch nicht so wichtig sein. Dass Prinzessin Bianca sich in den Forscher verliebt, einen in seinen Augen langweiligen Arbeiter, und nicht in ihn, den eleganten Freigeist, ist ihm demzufolge unbegreiflich. Und natürlich ist er vor jeglicher Erkenntnis und Selbsteinsicht gefeit. Münchhausen ist der perfekte Narziss. Und Zeman hat ihm mit BARON PRÁSIL eine filmische Wunderwelt geschaffen, in der es so leicht ist, auf die schnöde Realität zu pfeifen. Kein Wunder, dass sich Terry Gilliam – dessen Animationsstil man hier manchmal wiedererkennt – von der Sichtung dieses Films inspiriert wurde, auch seine Vision von Münchhausen auf die Leinwand zu bringen. Er gab dem Lügenbaron dann aber die Unschuld zurück, die Zeman ihm genommen hatte. Welcher Version des Lügenbarons man vorzieht, dürfte Geschmackssache sein. Dass BARON PRÁSIL aber einer der schönsten Filme überhaupt sein dürfte, daran besteht für ich kein Zweifel.

Eigentlich fängt meine filmische Weltreise erst jetzt so richtig an. Bislang bewegte ich mich noch auf vertrauten Pfaden, doch mit diesem Film beginnt die kontinuierliche Entfremdung von westlichen Erzählstandards und ich darf mich in den nächsten Tagen auf fremdartige Filmwunder aus dem ehemaligen Ostblock, dem Nahen Osten und Vorderasien freuen. Die Grenzüberschreitung in dieses doch weitgehend unbekannte Territorium mit dem noch zu Zeiten der UdSSR entstandenen lettischen Spielfilm ZIRNEKLIS (was schlicht „Spinne“ bedeutet) ging noch relativ sanft vonstatten – lediglich das Fehlen einer verständlichen Ton- oder Untertitelspur gab einen Vorgeschmack auf den noch bevorstehenden Kulturschock.

Auch wenn erzählerische Details somit an mir vorbeigegangen sind, ein paar Lücken erst durch Hypnosemaschine Alex‘ Text geschlossen werden konnten (der mir diesen und zahlreiche der kommenden Filme netterweise zur Verfügung gestellt hat – vielen Dank nochmal ganz offiziell!), fühlte ich mich in ZIRNEKLIS doch noch einigermaßen gut aufgehoben. Er erinnert ein wenig an erwachsene tschechische Märchenfilme wie etwa VALERIE A TYDEN DIVU, wenn er auch dessen formale Brillanz vermissen lässt, roher, ungeschliffener und, ja, auch etwas „billiger“ rüberkommt. Er erzählt die Geschichte der hinreißend schönen Vita (Aurelija Anuzhite), die einem Maler Modell für ein Marienporträt stehen soll. Unter dem Einfluss dessen expressiver, etwas an die Werke von Hieronymus Bosch erinnernder Gemälde gerät Vita in Trance und kann sich nur mühsam den folgenden sexuellen Avancen des Künstlers entziehen. In den folgenden Tagen leidet sie immer wieder an Albträumen und Halluzinationen, in denen sie von einer riesigen Spinne vergewaltigt wird. Aus Sorge um Vita schickt die Mutter ihre Tochter zu Verwandten an die Küste des baltischen Meeres, wo sich die Gute gleich in einen stattlichen Jüngling verliebt. Doch der teuflische Maler will sich seine Errungenschaft nicht so leicht abspenstig machen lassen und folgt ihr …

ZIRNEKLIS besticht wahrscheinlich nicht nur für den des Russischen nicht mächtigen Zuschauer durch seine Bilder: Die in der Gegenwart angesiedelte Geschichte wirkt durch verschiedenste visuelle Mittel einer konkreten Zeit enthoben, traumgleich. Für ersteres ist vor allem der intensive Braunstich verantwortlich, der alles mit der Patina vergangener Jahrhunderte bedeckt, für letzteres sowohl der Einsatz von Weichzeichner als auch Mass‘ Verwendung natürlichen Gegenlichts, das die Bilder oft verschwimmen, ja beinahe transparent werden lässt. ZIRNEKLIS lullt den Zuschauer mit dieser Technik ein, macht ihn empfänglich für seine Sinnestäuschungen und stellt ihn somit auf eine Stufe mit der orientierungslosen Vita. Ganz im Gegensatz zu dieser das Materielle anscheinend scheuenden Bildsprache stehen die kruden, vielleicht aber gerade deshalb beeindruckenden Spezialeffekte. Vor allem die „Sexszenen“ mit der Riesenspinne bleiben im Gedächtnis, weil sie sich stilistisch wunderbar in das Gesamtbild einfügen. Statt auf technische Perfektion, die sich Mass wahrscheinlich nicht leisten konnte, setzt der Regisseur auf Atmosphäre und einen desorientierenden Schnitt. Wunderschöne Stop-Motion-Effekte ergänzen das Effektinventar und zwingen den Zuschauer dazu, eine  kindlich-staunende Perspektive einzunehmen. Vielleicht trifft der Begriff des „magischen Realismus“ am besten, was Mass mit ZIRNEKLIS geleistet hat: Der Film widmet sich einem ganz und gar weltlichen Thema – das Erwachen der Sexualität -, formt dieses aber zu einen verstörenden Märchen über böse Magier, gute Priester, wilde Fantasien und die Verlockung des Bösen um. Dass die lettische Küste, an der Teile des Films entstanden, aussieht wie gemalt, spielt ihm dabei nicht wenig in die Karten. ZIRNEKLIS ist sicher kein Film, den ich mir jeden Tag ansehen müsste, dafür ist er in seinen expositorischen Szenen ein klein wenig zu unbedarft (zumindest wirkt es so, wenn man nichts versteht), aber einer, der einem schmerzhaft klar macht, welches große künstlerische Potenzial einst hinter dem Eisernen Vorhang fernab der westlichen Aufmerksamkeit schlummern musste und bis möglicherweise heute unentdeckt geblieben ist.

Ein paar Impressionen noch, dann geht es weiter nach Weißrussland.



Satsuki und ihre kleine Schwester Mei ziehen mit ihrem Vater in ein altes Haus auf dem Land, um in der Nähe des Krankenhauses zu sein, in dem die kranke Mutter behandelt wird. Bei ihren Erkundungsgängen in die umgebende Natur macht die kleine Mei Bekanntschaft mit Totoro, einem riesengroßen, pelzigen, freundlichen Waldgeist, mit dem sich die Mädchen schließlich anfreunden. Als ein beunruhigendes Telegramm aus dem Krankenhaus eintrifft, läuft Mei von zu Hause weg. Satsuki sucht kurz entschlossen Totoro auf, damit er ihr bei der Suche behilflich ist …

Bei den Eltern musste unsere Tochter Selma ja ein Filmfan werden. Und weil wir daher in den letzten Monaten eine schwere Überdosis Pixar, Disney und Dreamworks erhalten haben, war ich froh, als mir einfiel, dass ja noch ein paar von arte aufgenommene Miyazakis im Schrank lagen. TONARI NO TOTORO, von dem ja eigentlich jeder schwärmt, der ihn gesehen hat, war definitiv die richtige Wahl: Ich weiß nicht, ob Papa den nicht sogar noch eine Spur schöner, lustiger, trauriger, süßer und besser fand als die kleine Selma. Tatsächlich ist dieser Film ein Glücksfall sondergleichen, einer, der keine Fragen offenlässt und dennoch nicht alle Geheimnisse offenbart; einer, der ausschließlich in Bildern erzählt, der keinen konstruierten Plot mehr darüber stülpen muss, um Einheit zu suggerieren; ein Film von großer stilistischer Sicherheit; einer, der in jeder Sekunde die Weisheit seines Machers erkennen lässt. TONARI NO TOTORO ist ein Film über die kindliche Fantasie und über Fantasie überhaupt. Über den Respekt vor der Natur, die Demut vor Schöpfung, darüber, dass der Mensch nicht allein auf der Welt ist, dass es um ihn herum zahlreiche Dinge gibt, die er nicht versteht. Darüber, wie er Sinn in die Welt bringt, indem er ihr aufgeschlossen gegenübertritt, seine Sinne nicht von kalter, starrer Vernunft vernebeln lässt. Und diese Haltung gegenüber den Dingen übernimmt man nur zu gern, weil Miyazakis Film selbst ein ungeahntes Maß an Leben und Lebensfreude ausstrahlt. Man vergisst tatsächlich, dass man einen Film, einen Trickfilm noch dazu, sieht: TONARI NO TOTORO ist wie ein Fenster in eine Realität, aus der alles Kalkül, jede Schablone abgezogen wurde, und die man daher in absoluter Klarheit sieht. Die Bilder, die Musik: Man kann sich diesen Film schlicht nicht anders vorstellen. Alles ist so perfekt, ohne dabei jemals klinisch, leblos oder unspontan zu wirken, wie das bei „perfekten“ Filmen allzu oft der Fall ist. Miyazaki erreicht diese Perfektion, weil sich sein Gestaltungswille immer seinen Protagonisten unterordnet. Es sind Satsuki und Mei, die den Rhythmus des Films bestimmen, die die Regeln machen, denen er folgt, die den Blick des Films konstituieren: den Blick von Kindern, die die Welt erst noch verstehen lernen, denen menschliche Hybris fern ist, weil sie nur den grenzenlosen Himmel, turmhohe Wolken und majestätische Bäume sehen. Ja, TONARI NO TOTORO ist in gewisser Hinsicht ein Film über den Himmel, Wolken und Bäume. Und nie sahen sie schöner aus als hier. Ein Traum.

Vor Jahren schwor Mr. Fox (George Clooney) seiner Gattin (Meryl Streep), sein Leben nicht mehr bei der Hühnerjagd zu riskieren. Doch das folgende beschauliche Leben als Kolumnist einer Zeitung und Vater des schwer pubertierenden Ash (Jason Schwartzman) hält nur wenig Herausforderungen und Befriedigung für den geborenen Räuber bereit. Der letzte große Coup, ein dreifacher Überfall auf die Höfe der bösartigen Bauern Boggis, Bunce und Bean, soll alte Lebensgeister wecken. Doch stattdessen bringt Mr. Fox sich, sein Familie und alle anderen Tiere in Gefahr …

Im Vorfeld von THE DARJEELING LIMITED war ich mir nicht sicher, ob ich mich zu den Anderson-Verehrern oder doch eher zu den -Verächtern zählen sollte. Der wunderbare Film zerstreute dann jeden Gedanken an eine zuvor unterstellte mögliche Substanzlosigkeit oder einen leeren Manierismus. Klar, wer schon den Untergang des Abendlandes oder der künstlerischen Integrität wittert, bloß weil ein iPod ins Bild gerückt wird, der soll sich von Andersons Filmen besser fernhalten: Ein solcher Griesgram wird mit seinem Stilwillen und seinem moralischen Ästehtizismus eh nix anfangen können. Auch FANTASTIC MR. FOX ist zunächst mal eine sinnliches Erlebnis: Die Idee, Dahls Vorlage mithilfe vermeintlich altmodischer Puppenanimation zum Leben zu erwecken, ist so großartig wie sie eigentlich auf der Hand liegt, und ihre Umsetzung so reich und lebendig, dass die ganzen aufgeblasenen 3D-Animationsschinken mit ihrem Einheitslook daneben komplett seelenlos wirken. Trotzdem ergeht sich Anderson nicht in barockem Kitsch, heimeliger DIY-Romantik oder Früher-war-alles-besser-Nostalgie: Diese seltsam unterkühlte Atmosphäre, die mir vor allem daher zu rühren scheint, dass Emotionen bei ihm selten nonverbal, sondern meist in den eloquenten Dialogen zum Ausdruck kommen, verhindert ein allzu bequemes Disney-Gefühl und macht FANTASTIC MR. FOX – aller familienkompatibler Message zum Trotz – zu einem unverkennbar modernen Film. Und zu einem ungemein witzigen obendrein.

cj7 (stephen chow, hongkong 2008)

Veröffentlicht: September 9, 2010 in Film
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Dicky (Jiao Xu) lebt mit seinem Vater, dem gutherzigen Bauarbeiter Ti (Stephen Chow), in bitterer Armut. Damit sein Sohn es einmal besser haben wird als er, steckt Ti sein gesamtes Einkommen in dessen Bildung, ermöglicht ihm so, auf eine der besten Schulen der Stadt zu gehen. Doch mit seinen vielfach geflickten und stets verschmutzten Kleidern ist Dicky bei seinen Mitschülern genauso unbeliebt wie bei den Lehrern. Dabei möchte Dicky doch einfach nur dazugehören. Als Ti seinem Sohn von einem nächtlichen Beutezug über die örtliche Mülldeponie ein merkwürdiges Spielzeug mitbringt, das sich wenig später als außerirdisches Hundewesen mit magischen Fähigkeiten entpuppt, erlebt Dicky einen ungeahnten Popularitätsschub. Doch der weckt nicht die besten Eigenschaften in dem kleinen Jungen …

In einer gerechten Welt würden die Filme von Stephen Chow als die generationenübergreifenden Filmwunder gefeiert, die sie sind, sein Name in einem Atemzug mit einem Steven Spielberg als wichtigster und bester Mainstreamregisseur genannt. Nach dem herrlichen SHAOLIN SOCCER und dem noch besseren, geradezu phänomenalen KUNG FU HUSTLE (der in CJ7 in einer großartigen Traumsequenz ebenso großartig refrenziert wird) wendet sich Chow zwar von den Martial Arts ab, bewahrt aber das kindliche-positive Gemüt, die Warmherzigkeit, das für Situationskomik ebenso wie für brüllenden Slapstick äußerst fein entwickelte Gespür, den cinematisch geschulten Blick und den schier überwältigenden Ideenreichtum, die diese so auszeichneten. Mit CJ7 etabliert sich Chow meines Erachtens endgültig als einer der großen Kinomoralisten und als legitimer Nachfolger solcher Filmemacher wie es etwa Frank Capra oder auch Douglas Sirk waren: Der Gestus ist derselbe, nur seine Methoden sind anders. Chow macht großes Familienentertainment, mit sichtbar dicken Budgets ausgestattetes Eventkino, lässt die Technologie aber niemals die Überhand gewinnen. Das äußert sich hier etwa darin, dass der überzeugendste Spezialeffekt des Films nicht aus der Maschine stammt, sondern direkt in die Anfangszeit des Kinos weist: Der Darsteller des kleinen Dicky ist in Wirklichkeit nämlich eine Darstellerin. Aber auch sonst ist die niedliche Titelkreatur eher Katalysator für die anrührende, aber niemals kitschige Vater-Sohn-Geschichte als dass sie wirklich im Zentrum stünde, wie der Titel das suggeriert. Über den außerirdischen Besucher lernt der Sohn seinen Vater zu lieben, die Richtigkeit von dessen Philosophie – ehrlich & fleißig sein, nicht fluchen, nicht kämpfen; kurz: ein guter Mensch sein – anzuerkennen. Es ist nicht der leichteste Weg, den sein Vater ihm vorzeichnet, keiner, der ohne Mühe zum Ziel führt, keiner, der das goldene Vlies am Ende garantiert; aber es ist der Weg, auf den man jederzeit mit Stolz zurückblicken kann. Auch das ist ein Unterschied zum ähnlich gelagerten zeitgenössischen Hollywood-Film, bei dem Glück immer gleichbedeutend mit materiellem Wohlstand und der nur folgerichtig in eine fette Marketingmaschine eingebunden ist, die seine Zuschauer aber zu bloßen Konsumenten und Befehlsempfängern degradiert. Ich schreibe das als jemand, der TRANSFORMERS von Michael Bay sehr genossen hat. Das Herz hat er mir aber nicht erwärmt. Bei CJ7 hat es geglüht.

Scheidungskind Max (Max Records) ist wütend und enttäuscht: Die Freunde seiner älteren Schwester haben sein Iglu zerstört, ohne dass sie ihm geholfen hätte, und seine Mutter (Catherine Keener) kümmert sich abends lieber um ihren neuen Freund als um ihn. Max nimmt Reißaus und seine Fantasie führt ihn an einen weit entfernten Ort, an dem eine Horde ebenso frustrierter Monster (gesprochen von u. a. James Gandolfini & Forest Whitaker) lebt, die Max zu ihrem König macht. Doch bald schleichen sich auch in diese neue Leidensgemeinschaft die üblichen Zankereien ein …

Lange hat Spike Jonze gebraucht, um seine Interpretation von Maurice Sendaks gleichnamigem Kinderbuchklassiker auf die Leinwand zu bringen. Seine Hartnäckigkeit, mit der sich gegen den Willen des Studios nach mehr CGI durchsetzte, hat sich bezahlt gemacht: WHERE THE WILD THINGS ARE ist ein „erwachsener“ Kinderfilm geworden, einer der das beunruhigende Potenzial der Vorlage einfängt und ausarbeitet, sowohl seine Charaktere wie auch sein Publikum ernst nimmt und sich nicht mit idiotischen Zugeständnissen an den Zeitgeist anbiedert, die die elliptische, dabei aber stets hellsichtig-kluge Vorlage verhöhnt hätten. Vor allem die „Wild Things“, die doch unter einer weniger selbstbewussten und verständigen Regie allzu leicht zu idiotischen, One-Liner absondernden SHREK-Eleven hätten degradiert werden können, sind schlicht wunderbar, wirken tatsächlich wie den magischen Illustrationen des Buches entsprungen.Und da, wo Jonze das Buch ausarbeitet und hinzudichtet, da nimmt er dem Stoff nicht das Mysterium, sondern fügt nur neue zu entziffernde Schichten hinzu, die dem Geist der Vorlage entsprechen.

Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg: Jonze hat – wie Sendak – verstanden, dass Kinder nicht die neunmalklugen Sonnenscheine sind, die den Kinderfilm sonst zu bevölkern pflegen – wahrscheinlich vor allem, um den Eltern zu gefallen – und ihn somit meist zu einer so ekelhaften Angelegenheit machen. Sein Max ist ein wütender, tobender Derwisch, ein asozialer Egoist im Allmachtswahn, der schreit und keift, seine Fantasiewelten von gefräßigen Monstern bewohnen lässt und Feinden das Gehirn rauszuschneiden wünscht. Aber Jonze weiß auch, dass diese Boshaftigkeit eng an Angst gekoppelt ist. Max‘ Abenteuer bei den „Wild Things“ ist natürlich eine Verarbeitung seiner eigenen Ängste: Die Monster verkörpern verschiedene Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit, die perfekten Eltern, die immer für ihn da sind, und den Wunsch nach einer Beständigkeit, die nicht zuletzt durch die reifende Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit arg ins Wanken geraten ist. Während Kreativität und Dichtung in den letzten Filmen von etwa Gilliam und Burton (die sonst auf dieses Thema abonniert sind) zum eitlen Selbstzweck geronnen zu sein scheint, lässt Jonze erkennen, wozu wir Geschichte noch brauchen: Sie lassen uns hoffen und den Schmerz verkraften, geben uns Kraft, unser Leben in die Hand zu nehmen.

WHERE THE WILD THINGS ARE ist einer der seltenen Glücksfälle der sonst so höhepunktarmen Gattung der Literaturverfilmungen. Ein wilder und lebendiger, dabei aber besinnlicher und wunderschöner, ebenso tieftrauriger wie schreiend komischer Film. Ein Film über das Erwachsenwerden und das Leben ganz allgemein, in seiner ganzen in den Wahnsinn treibenden Widersprüchlichkeit.

Die USA in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts: Im beschaulichen Green Town, einer Kleinstadt in Illinois, kommt in einer Herbstnacht der geheimnisvolle Mr. Dark (Jonathan Pryce) mit seiner Kirmes an. Die beiden Schuljungen Will Halloway und Jim Nightshade erkunden nachts die bunten Zelte und Buden und kommen dahinter, dass Mr. Dark mit fremden Mächten im Bunde ist. Doch für einige der Einwohner Green Towns ist es da schon zu spät: Denn die Wünsche, die auf Mr. Darks Kirmes erfüllt werden, gehen für ihre Nutznießer meist nach hinten los …

SOMETHING WICKED THIS WAY COMES ist die Verfilmung des in den USA überaus beliebten gleichnamigen Romans des bedeutenden Science-Fiction- und Fantasy-Autoren Ray Bradbury. Veteran Jack Clayton, der mit THE INNOCENTS für den vielleicht besten Gothic-Horror-Film ever verantwortlich ist, machte aus dem epischen Stoff, der vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, aber auch von einer ergreifenden Vater-Sohn-Beziehung und einer auf eine harte Probe gestellten Kinderfreundschaft erzählt, einen aufwändigen, im vollen Bewusstsein von dessen metaphorischer Kraft inszenierten Fantasyfilm, der zwar in erster Linie auf ein kindliches Publikum zielt (der Film wurde von Disney produziert), aber auch Erwachsenen zu Herzen gehen dürfte, die sich einen Funken Kindlichkeit bewahrt haben. Die Geschichte des kleinen Will, dessen Vater (Jason Robards) an seinem hohen Alter und dem schwachen Herzen vor allem deshalb leidet, weil sie ihn von seinem Sohn von Geburt an „getrennt“ haben, dürfte empfindsame Gemüter kaum kalt lassen, zumal die Schauspieler ihre Rollen mit sehr viel Herzblut und Einfühlsamkeit interpretieren.

Die wunderschöne Ausstattung und der durchaus in Würde gealterte Effektzauber des Film tun ihr Übriges, sodass man auch über einige kleinere, nur kosmetische Schwächen hinwegsieht: Man merkt etwas, dass sehr viel Stoff in ein knappes Drehbuch gepackt wurde und wünscht sich während des Sehvergnügens manchmal, der Film würde sich ein wenig mehr Zeit nehmen, ausharren, und Gelegenheit zum Staunen und Verweilen geben. Gerade in der ersten Hälfte legt der Film ein enormes Tempo vor und überstürzt die Dinge geradezu. Dass die 95 Minuten am Ende wie im Flug vergangen sind, bedauert man zwar nicht wenig, doch scheint mir das letztlich ein Kritikpunkt zu sein, mit dem sich ausgesprochen gut leben lässt.

Rätseln muss man als deutscher Zuschauer vor allem, warum es dieser in jeder Hinsicht erstklassige Film mit Ausnahme einer Fernsehaufführung Mitte der Neunzigerjahre unter dem Titel DAS BÖSE KOMMT AUF LEISEN SOHLEN weder in die deutschen Kinos noch auf Video geschafft hat. Hier bleibt nur zu wünschen, dass der Film wiederentdeckt wird und vielleicht doch noch eine DVD-Auswertung hierzulande erfährt. Gerade wenn man bedenkt, welchen Einfluss Bradburys Roman auf die „Genreliteratur“ in den anglophonen Nationen – und somit natürlich auch auf Genrefilme – hatte, ist eine solche Veröffentlichung eigentlich überfällig: Stephen King beruft sich gleich in mehreren seiner Werke auf Bradburys Geschichte (am deutlichsten m. E. in „Needful Things“, der aus der Kirmes lediglich einen Kramladen macht) und auch in Barkers „The Hellbound Heart“ bzw. HELLRAISER lassen sich Parallelen finden (die Cenobiten sind lediglich eine sadomasochistisch verzerrte Version von Mr. Darks „Autumn People“). Abgesehen von solchen paratextuellen Verbindungen ist Clayton aber einfach ein wunderschöner, emotionaler Film gelungen, wie sie heute einfach nicht mehr gemacht werden und deshalb umso wertvoller sind. Ich hoffe jedenfalls, dass sich einige meiner Leser von diesem Text haben überzeugen lassen und sich schleunigst die RC-1-DVD zulegen.