Mit ‘Maria Bello’ getaggte Beiträge

Es gibt sie also doch noch, die Genrefilme, die nicht irgendwelchen Trends, sondern nur sich selbst verpflichtet sind. Filme, die keine hirnrissigen Konzepte, ausgeklügelte Prämissen oder überkandidelten Effekte benötigen, um den Zuschauer für die Dauer von 150 Minuten in ihren Bann zu schlagen. Denen das vielmehr allein mit einer packenden Geschichte, exzellenten Charakterzeichnungen und ebensolchen Darstellerleistungen gelingt. Die über einen ausgefeilten visuellen Stil verfügen, der aber im Dienst des Ganzen steht, anstatt dieses zu überragen. Die einen das ganze Spektrum menschlicher Gefühlsregungen durchlaufen lassen, ohne dabei den Verstand zu vernachlässigen. Die uns an unsere eigenen Abgründe führen, uns aber nicht brutal hineinstoßen, sondern uns liebend umfangen. Filme wie Denis Villeneuves meisterlichen PRISONERS.

Für den zweifachen Vater und liebenden Ehemann Keller Dover (Hugh Jackman) bricht eine Welt zusammen, als seine Tochter während eines Thanksgivingsday-Besuchs beim befreundeten Ehepaar Birch (Terrence Howard & Viola Davis) gemeinsam mit dessen Jüngster spurlos verschwindet. Nur ein heruntergekommenes Wohnmobil, das die Aufmerksamkeit der beiden Mädchen auf sich gezogen hatte, nun aber verschwunden ist, gibt einen möglichen Hinweis auf ihren Verbleib. Der Polizeibeamte Detective Loki (Jake Gyllenhaal) bekommt den Fahrer des Vehikels schnell in seine Hände: Es ist der zurückgebliebene Alex Jones (Paul Dano), aber es finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass er den Mädchen etwas angetan haben könnte. Keller ist jedoch überzeugt, dass Jones etwas weiß, und aufgebracht, als er erfährt, dass er wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Er entführt den jungen Mann und sperrt ihn in einem leerstehenden Gebäude ein, um ihn dort gemeinsam mit Franklin Birch solange zu foltern, bis er ihnen verraten hat, wo die Mädchen zu finden sind. Während sich die beiden ohne Ergebnis an ihm abarbeiten, kommt Loki einem weiteren Verdächtigen auf die Schliche …

PRISONERS befasst sich zunächst sehr eindringlich und differenziert mit dem Thema „Selbstjustiz“: Dass Kellers Handeln, die sadistische Grausamkeit, mit der er sich an Jones vergreift, nicht nur aus juristischer, sondern auch aus moralischer Sicht falsch ist, daran lässt Villeneuve keinen Zweifel. Trotzdem bringt er Verständnis für den Mann auf und macht nachvollziehbar, wie es zu seiner Tat kommen konnte. Er ist ein Mann, der seinem Sohn predigt, immer auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen und sich dafür zu wappnen, alles, was einem heilig ist, mit dem Leben zu verteidigen. Und dann schlägt das Schicksal mit äußerster Härte zu und erwischt ihn, dessen Keller für die Postapokalypse ausgestattet ist, ohne ihm überhaupt eine Chance zum Kampf zu bieten. Wenn er Jones überfällt und verschleppt, ihn ausdauernd verhört und verprügelt, bis er merkt, dass er zu drastischeren Maßnahmen greifen muss, wird seine ganze Hilflosigkeit sichtbar. Er will das nicht tun. Aber er ist nicht in der Lage, in die Passivität zu verfallen und auf die Polizei zu hoffen, weil ihm eingetrichtert wurde, dass er selbst für seine Interessen eintreten muss. Dieser Mann ist ein absolut lebendiger, facettenreicher Charakter, keine Schablone, die danach geschnitten wurde, bloß eine Botschaft zu übermitteln. Zu Beginn, wenn er seinen Sohn erst dazu anleitet, sein erstes Reh zu schießen, ihm dann bei der Rückfahrt im Pick-up die oben skizzierte Rede hält, habe ich ihn für einen typischen Redneck-Charakter gehalten. Doch dann stellen sich seine besten Freunde als durch und durch bürgerliche Afroamerikaner heraus und das Bild, das ich mir voreilig zurechtgezimmert hatte, fiel in sich zusammen. Villeneuve hält seinen Film mit solchen Überraschungen nicht nur spannend, er vermeidet auch die allzu leichten Antworten. Als der an seiner Tat leidende Franklin seine Gattin über das gemeinsame Folterprojekt in Kenntnis setzt, beendet die den Spuk nicht etwa, sondern hält Keller dazu an, weiterzumachen: Auch sie kann die schwindende Hoffnung, dass Jones etwas zu verbergen haben könnte, nicht gänzlich fahren lassen. Villeneuve bestätigt den Verdacht Kellers schließlich, dennoch rechtfertigt er damit nicht dessen Tat. Am Ende fließen all diese verzweifelten Handlungen in eine unerbittliche Kausalkette ein, die viele Jahrzehnte zurückreicht, ein trauriges Monument für die Schwäche und die Anfälligkeit des Menschen. Wenn es ihm ans Leben geht, sind Jahrtausende von Sozialisation und Zivilisation dahin und er zeigt unerbittlich seine Zähne. Er ist schwach.

Mehr als nur um Selbstjustiz geht es in PRISONERS aber überhaupt um Gewalt, darum wie sie von Generation zu Generation weitervererbt wird, wie der Druck damit immer weiter ansteigt, bis er schließlich nicht mehr auszuhalten ist. Es ist kein Zufall und nicht nur ein Mittel zur einfachen Affektbindung, dass es ausgerechnet um Kindesmissbrauch geht. Villeneuve wirft ein sehr kritisches Auge darauf, wie in unserer Welt mit Kindern umgegangen wird. Und er zeigt, dass Kinder, die unter Gewalt zu leiden hatten, selbst anfällig dafür werden, Gewalt gegen Schwächere anzuwenden. Es gibt mehrere solcher Missbrauchsopfer im Film, fürs Leben gezeichnete, bemitleidenswerte Geschöpfe, und alle mit einer ungesunden Fixierung auf Kinder. Aber auch Keller, ohne Zweifel ein guter Vater, ist ein gutes Beispiel dafür, welche Defekte Erziehung verursachen kann, selbst wenn sie nicht gegen Gesetze verstößt. Die Worte seines Vaters haben unauslöschliche Spuren in ihm hinterlassen und die Eskalation, die PRISONERS zeigt, erst ermöglicht. Und er gibt seines Vaters Botschaft seinerseits an seinen Sohn weiter, der in Zukunft auf seine Art und Weise damit umgehen wird. Wir erfahren nicht, was mit Loki ist. Aber in seinem linkischen Verhalten, der brüterischen Versessenheit, mit der er sich in seinen Fall hineinsteigert, der Zögerlichkeit, mit der er auf private Fragen reagiert, und der Wut, die ihn überfällt, wenn er nicht weiterkommt, meine ich auch bei ihm eine verräterische Verwundbarkeit erkannt zu haben. Vielleicht kann er sich mit den verschwundenen Mädchen auch deshalb so gut identifizieren, weil er selbst unschöne Erfahrungen gemacht hat? Es wird nie explizit, aber die durch und durch bedrückende Atmosphäre, die Villeneuve erzeugt, begünstigt solche Spekulationen. Die herbstlich-schmuddelige Tristesse und die  graue Gesichtslosigkeit der Settings erzeugen in Verbindung mit der langsam kriechenden Kamera, den forsch hingestellten Totalen und dem klagenden Score eine Stimmung allumfassender Traurigkeit, die den singulären Fall, um den es geht, weit überschreitet. Die ganze Welt ist aus den Fugen geraten und man kann am Ende nur ahnen, wie tief sich die im Zentrum stehenden Verbrechen in das Erbgut der Kleinstadt, in der der Film spielt, eingefressen haben. No one here gets out alive.

(Kurze Bemerkung zum Schluss: Jackman und Gyllenhaal sind wirklich grandios in PRISONERS, füllen jede Nuance ihrer vielschichtigen Charaktere mit Leben aus, aber noch mehr beeindruckt hat mich Terrence Howard. Er hat keine große Rolle und bekommt auch nicht irrsinnig viel Gelegenheit zu brillieren, aber er schafft es, so in seiner Figur, einem mittelständischen, durchschnittlichen Familienvater, zu versinken, dass ich ihn erst in der Mitte des Films überhaupt erkannt habe. Ihm ist dieses Kunststück ganz ohne angefressenes Körperfett oder gesundheitsschädigende Magerkur, ohne lustiges Toupet oder Nasenattrappe gelungen – oder was Maskenbildner sonst noch so auffahren, um Menschen ein anderes Gesicht zu verleihen –, ganz allein durch sein Spiel. Diese Leistung, in einem kleinen, im Grunde genommen undankbaren Part ganz und gar aufzugehen, so sehr, dass die eigene Prominenz dahinter verschwindet, finde ich fast noch bemerkenswerter als mit großen, herausfordernden Rollen zu triumphieren.)

 

 

 

Der vor allem in den USA erfolgreiche, aber von der Kritik viel gescholtene GROWN UPS war eine der entspanntesten Komödien der vergangenen Jahre; ein Film, dem die oft als erstrebenswertes Ideal angestrebte, aber allzu oft nur mäßige Ergebnisse zeitigende Prämisse, befreundete Komiker zusammenzustecken und sie einfach mal machen zu lassen, ohne Limitierungen durch ein einengendes Drehbuch, zu ungeahnter Lockerheit verhalf. Das Miteinander von Sandler, James, Rock, Spade und Schneider sowie der anhängenden Frauen fühlte sich so echt und privat an, das die halbherzigen Versuche des Scripts, im dritten Akt doch noch so etwas wie einen Plot zu installieren, umso bemühter wirkten. Es war eigentlich klar, dass der zweite Teil, der ja per se das Problem haben würde, etwas draufsetzen zu müssen und nicht ganz so selbstbewusst bei sich sein könnte.

So krankt GROWN UPS 2 gegenüber dem Vorgänger tatsächlich an einer gewissen Überfülle an Ideen und dem verzweifelten Bemühen, einen richtigen Ansatz zu finden. Versammelten sich die Jugendfreunde mit ihren Familien im ersten Teil nach der Exposition schnell an ihrem Häuschen am See, wo sie ihr gemeinsames Urlaubswochenende in Gegenwart des glücklichen Zuschauers verbringen sollten, ist das Sequel deutlich rastloser, unruhiger, auf der Suche nach jenem Rückzugsort, wo seine Protagonisten ganz sie selbst sein können (was sich auch auf der Handlungsebene spiegelt, etwa in Erics (Kevin James) heimlichen Ausflügen zu seiner Mutter, die ihn füttert und ihn bestätigt). GROWN UPS 2 findet sein Haus am See erst ganz zum Schluss in einer großen Achtzigerparty, auf der sich die versammelten Fortysomethings gegen eine Horde vor Kraft strotzender College-Bros zur Wehr setzen müssen. Insgeheim wünsche ich mir eine Alternativversion des Films, die nur an diesem Abend, nur auf dieser Party spielt, mal diesem, mal jenem Charakter folgt, sie wieder vereint, trennt und in unterschiedlichsten Konstellationen zusammenführt, dabei eine Vielzahl kleiner Episoden spinnt, die sich zum Bild eines wunderbaren Abends zusammensetzen, an dem die Zeit stilzustehen scheint. GROWN UPS 2 ist leider nicht dieser Film, aber er ist dennoch ein Vergnügen, wenn er auch den Erfolg des Vorgängers nicht wiederholen kann.

Die rastlose Suche des Films hat nämlich auch was. Es ist schon bemerkenswert, wie wenig er daran interessiert ist, sich von einer Dramaturgie bändigen zu lassen. Das Selbstbewusstsein, das es dafür braucht, eint ihn mit dem ersten Teil. GROWN UPS 2 bewegt sich mal hierhin, mal dorthin, probiert dieses und jenes, scheut in seinem Hit-and-Miss auch vor blöden Einfällen nicht zurück und findet so zu einer Authentizität, die gerade im Komödiengenre, das dramaturgisch sehr festgefahren und enorm von originellen Prämissen abhängig ist, außergewöhnlich ist. Nicht jeder Gag sitzt, ein paarmal verdreht man die Augen, dann wieder gibt es aber diese wunderbaren Momente und insgesamt reicht es vollkommen aus, weitere 100 Minuten mit diesen Charakteren und allen aus dem ersten Teil bekannten Nebenfiguren verbringen zu können. Rob Schneider, der gute Geist des Vorgängers, fehlt allerdings an allen Ecken und Enden als ruhendes Zentrum seiner Clique. Vielleicht ist das tatsächlich der entscheidende Unterschied.

Das ganze Maß der in meinem Beitrag über JACK AND JILL beschriebenen Verachtung, die Adam Sandler vonseiten der US-Kritik entgegenschlägt, kann man der Rotten-Tomatoes-Seite zu GROWN UPS (Tomatometer: 10 %) ablesen. Mir fallen auf Anhieb nur wenige Filme ein, die in den letzten Jahren so einhellig so böse verrissen worden wären wie dieser hier (es erstaunt mich, dass sein IMDb-Rating so gnädig ausfällt). Ironischerweise zeigen diese Rezensionen aber vor allem eins: dass viele der vermeintlich professionellen, „seriösen“ Filmkritiker schon lange vor dem Verfassen ihrer Texte, nämlich bei der Betrachtung des zu rezensierenden Films scheitern, dass sie speziell bei Sandler mit breitem Arsch und bereits vorgefasster Meinung im Kino sitzen, fest entschlossen darauf, dem Star einen reinzuwürgen. Die Feder ist mit den entsprechenden, naheliegenden Argumenten schon geladen und ob sie nun auch noch auf den zu rezensierenden Film zutreffen, ist völlig zweitrangig. Dass Sandler das Ende des Kinos ist, ist eh Konsens, warum sich also noch lange mit Fakten aufhalten. Lieber einen gallesprühenden Verriss runterrotzen, an dem sich am Ende genau das zeigt, was man Sandlers Film fälschlicherweise vorwirft.

Knapp 20 Jahre ist es jetzt her, dass Lenny (Adam Sandler), Eric (Kevin James), Kurt (Chris Rock), Marcus (David Spade) und Rob (Rob Schneider) Jugendmeister im Basketball wurden. Als Erwachsene treffen sich die Fünf ausgerechnet zur Beerdigung ihres ehemaligen Meistertrainers wieder. Bis auf Marcus, der als Single dem Müßiggang frönt, haben sie alle eine Familie und führen ein von Pflichten und Verantwortung geprägtes Leben. Lenny ist Hollywood-Agent, wohlhabend, mit der attraktiven Modedesignerin Roxanne (Salma Hayek) verheiratet und mit drei Kindern gesegnet, von denen die beiden älteren mit „verwöhnte Wohlstandsblagen“ wohl treffend beschrieben sind. Erics vierjähriger Sohn hängt immer noch bei der überfürsorglichen Gattin Sally (Maria Bello) an der Brust, während die jüngere zu Wutausbrüchen neigt. Kurt ist Hausmann und leidet unter Gattin Deanne (Maya Rudolph) und Schwiegermama Ronzoni Sorgen und Nöte, die normalerweise Hausfrauen vorbehalten sind. Rob ist mit der gut 20 Jahre älteren Gloria (Joyce van Patten) lieert, hat drei gescheiterte Ehen und ebensoviele ausgeflogene Töchter hinter sich. Um die alten Zeiten zu feiern, verbringen die alten Freunde mit ihren Familien ein Wochenende in einem Haus am See und müssen sich dabei mit dem Gedanken abfinden, dass die Jugend lange, lange hinter ihnen liegt …

Es ist erschreckend, wie wenig die meisten Rezensenten in der Lage sind, diesen Film zu verstehen, vor allem, wenn man die Vorwürfe der Dummheit und Einfalt betrachtet, mit denen sie gegen ihn zu Felde ziehen. „In the end, the movie is about having no regrets.“, schreibt Connie Ogle vom Miami Herald über den Film, den sie für symptomatisch für eine von Mittelmäßigkeiten geschlagene Summer-Movie-Saison hält. Leider ist das falsch, denn es geht im Gegenteil sogar darum, sich mit eigenen Schwächen und Fehlern auseinanderzusetzen, um schließlich erwachsen zu werden. Die Industriepostille Variety interessiert sich eh nicht für Inhalte und weiß mit der Geisteshaltung eines Buchhalters und Statistikers zu berichten, dass GROWN UPS „delivers precious few laughs for the volume of sheer comedy talent on offer“, ganz dem Irrglauben erlegen, der Erfolg einer Komödie hänge von der Zahl der Lacher ab (davon abgesehen: ich habe sehr häufig gelacht). Joshua Rothenbaum fragt auf Time Out, ob es „would have been such a crushing blow to these stars‘ egos if they’d accomodated a little anxiety, instead of the typical lake-rope-swinging mishaps“ und bemerkt vor lauter vorgeschobenem Anspruch gar nicht, dass der Film zum einen durchaus „anxiety“ bietet – etwa in Lennys Angst, verwöhnte Kinder großzuziehen, in Kurts Klage, als Hausmann nicht wertgeschätzt zu werden, in Robs Geständnis, in seinen Ehen immer zu früh aufgegeben zu haben, in Erics Furcht, als Arbeitsloser von seinen Freunden nicht Ernst genommen zu werden, in Marcus‘ Unfähigkeit, ein geordnetes Leben zu führen –, zum anderen eigentlich auffallend arm ist an jenen typischen Slapstick-Einlagen, die er beklagt. Jeff Beck vom Examiner  macht wenigstens gleich zu Beginn seines einsichtsfreien Artikels klar, dass er ahnungslos ist, wenn er behauptet Dugans und Sandlers bisherige Kollaborationen YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN und I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK AND LARRY seien „failures“, da kann man sich das Weiterlesen sofort sparen. Und die Filmnerd-Seite Filmdrunk mag einige humorvolle Schreiber am Start haben, aber leider niemanden, der sich mit Film auskennt. Wenn man GROWN UPS als schlechtesten Film des Jahres 2010 platziert, riecht das vor allem nach Revanchismus und dem Bedürfnis, Klicks zu generieren. Xan Brooks vom Guardian will sich gar nicht lange mit dem Film aufhalten und watscht ihn deshalb ab wie ein kleines Kind, nicht jedoch, ohne sich über die herablassende Art von GROWN UPS zu beschweren: Besonders gestört hat den Schöngeist, dass die Protagonisten des Films „pull disgusted faces at a sixtysomething woman on the basis that she is still sexually active and therefore so much more repulsive than the teenage hottie who fixes her car with her rear in the air“dabei übersehend, dass diese Frau innerhalb des Films zum einen durchaus als Sexualpartner ernstgenommen wird, der Ekel zum anderen in vollem Bewusstsein des eigenen unaufhörlich fortschreitenden Alters empfunden wird. In allen diesen Reviews (ich habe keine Lust mehr, weitere zu lesen) kommen ein fruchtbar beschränktes Verständnis der Gattung „Komödie“ sowie die völlige Unfähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, zum Ausdruck, und kollidieren aufs Heftigste mit einem schon vor Jahren gefestigten Bild Sandlers, das man sich nur noch bestätigen lässt, anstatt sich von Vorurteilen freizumachen. Der vielfach beschworene Mangel an Plot ist die auffallende und herasuragende Stärke des Films, die vermissten Charakterisierungen braucht er nicht, weil wir diese Figuren dank der zigfach etablierten Personae ihrer Darsteller bereits in- und auswendig kennen. Die „bösartigen“ Beleidigungen, die immer wieder kritisiert werden, sind keine, vielmehr handelt es sich um das typische Necken, das unter männlichen Freunden so üblich ist. Dass nicht jeder One-Liner begnadetes Dialoggut ist, kommt dem Realismus des Films zu Gute. Elaboriertere Gags hätten den wunderbar flüchtigen, alltäglichen Eindruck, den Dugan gemeinsam mit seinen Stars beinahe mühelos etabliert, nur geschadet. Die Selbstverliebtheit Sandlers – er ist als Lenny Hollywood-Agent, hat eine Superfrau und kann auch noch Basketball spielen –, wird immer wieder als Argument gegen den Film herangezogen. Was keiner erwähnt, ist die Niederlage, die Lenny am Ende absichtlich herbeiführt, weil er den Underdogs einmal ein Erfolgserlebnis verschaffen will. Der ganze Film tut nichts anderes, als die Stars in vollem Bewusstsein ihrer etablierten Stellung über ihre Oberklassen-Scham sinnieren zu lassen. Irgendwo habe ich auch gelesen, GROWN UPS sei ein zynisches Alibi für Sandler gewesen, mit seinen Kumpels Urlaub zu machen. Das ist ja wirklich besonders schwachsinnig und populistisch: Als könne Sandler sich keinen richtigen Urlaub leisten, ja, als müsse er überhaupt noch arbeiten.

Ich habe GROWN UPS am vergangenen Wochenende gleich zweimal gesehen, einmal allein, einmal mit meiner Gattin, die ihn auch toll fand. Ich bin begeistert von ihm, weil ihm etwas gelingt, was in amerikanischen Filme sehr rar ist. Er ist wunderbar entspannt, konzentriert sich ganz auf das Miteinander seiner Protagonisten und befreit sich fast gänzlich von den Zwängen eines aufgesetzten Plots. Na klar, irgendwann muss es so eine Art Konflikt geben und eine Dialogszene, in der die eigentlich doch klar auf der Hand liegende Moral von der Geschicht noch einmal für alle verständlich ausformuliert wird. Aber Dugan und Sandler lassen keinen Zweifel daran aufkommen, wo das Herz dieses Filmes liegt. Es schlägt da, wo die Freunde einfach zusammen rumsitzen und Blödeln, wo sie alten Erinnerungen nachhängen oder sich ihre Sorgen anvertrauen, wo sie sich gegenseitig hochnehmen oder gemeinsamen Triumphen nachhängen. Dann riecht das trotz der Anwesenheit der großen Namen gar nicht mehr nach Hollywood-Bullshit, sondern wirkt sehr echt, klein und intim. Und die Clowns zeigen, dass sich hinter ihrer Maske Menschen aus Fleisch und Blut verbergen. Menschen, die mehr Herz und Seele haben, als ihnen das mancher nachsagt, der sich erst einmal die Augen untersuchen lassen sollte.

Nach einem Überfall wird Porter (Mel Gibson) von seiner Frau (Deborah Kara Unger) und seinem Kumpel Val (Gregg Henry) um seinen Anteil geprellt und mit zwei Kugeln im Kreuz zurückgelassen. Porter überlebt und hat fortan nur eins im Sinn: Er will sein Geld zurück. Weil Val Porters Anteil jedoch dazu benutzt hat, seine Schulden beim organisierten Verbrechen zu begleichen, muss Porter bei dessen Führungsriege (William Devane & James Coburn) vorstellig werden, die sich verständlicherweise wenig kooperativ zeigt. Und zu allem Überfluss bekommt Porter es auch mit zwei korrupten Bullen (Bill Duke & Jack Conley), einer Domina (Lucy Liu) und ihren asiatischen henchmen zu tun …

Ein Wiedersehen nach ca. 12 Jahren: Helgelands PAYBACK hatte mir damals schon ganz gut gefallen, der Director’s Cut ist jedoch ganz ohne Einschränkungen großartig und zumindest stimmungsmäßig ein komplett anderer Film (ich habe die Kinofassung zum besseren Vergleich gleich auch noch einmal angeschaut). Der auf dem von Donald E. Westlake unter dem Pseudonym „Richard Stark“ verfassten Roman „The Hunter“ basierende Film ist klassischer Hardboiled-Pulp um einen Gangster, der weiß, dass er seine Prinzipien ohne Rücksicht auf Verluste durchbringen muss, wenn er in seiner Welt überleben will. So legt er sich für vergleichsweise lächerliche 70.000 Dollar mit dem organisierten Verbrechen an: Er weiß, was ihm zusteht und er ist nicht bereit, auf sein Recht zu verzichten, nur weil der Gegner übermächtig erscheint. Porter ist zwar keineswegs zimperlich, aber im Grunde genommen ist er ein Radikalmoralist: Wer sich ihm gegenüber korrekt verhält, hat nichts zu befürchten. Dass er dennoch eine Spur von Toten und Verletzten hinterlässt, liegt am Milieu, in dem er sich bewegt und dem er selbst angehört. PAYBACK ist im Director’s Cut ein Film, der die Prinzipientreue seines Protagonisten durchaus mit einer gewissen Bewunderung verfolgt, aber nicht den Fehler begeht, den sehr speziellen Kontext seiner Handlungen außer Acht zu lassen. Gleich zu Beginn poliert Porter seiner verräterischen drogenabhängigen Frau heftig die Fresse, bevor er sie zum kalten Entzug zwingt: Harte Umstände erfordern harte Maßnahmen. Auch in Struktur und Rhythmus überlässt Helgeland seinem Protagonisten die Führung. Alle manchmal auch tödlich endende Ruppigkeit wird von einem Augenzwinkern begleitet – es ist auch die Dickköpfigkeit und Unbelehrbarkeit seiner Gegner, die Porter immer dazu zwingen, Gewalt anzuwenden –, kleinere Sprünge und unerwartete Schlenker lassen den Zuschauer immer einen Schritt hinter dem mit allen Abwassern gewaschenen Porter hinterherhinken. Am krassesten in dieser Hinsicht ist sicher der Schluss des Films: Auch eine gefährliche Schussverletzung des Helden hindert Helgeland nicht daran, den Film abrupt, aber ohne Frage positiv enden zu lassen. Porter hat Schlimmeres überlebt, er wird auch das wegstecken. Das ist symptomatisch für den ganzen Film, der das schwer kriminelle Treiben als mit harten Bandagen geführtes Spiel extremer Typen interpretiert.

Der Unterschied des Director`s Cuts zur Kinofassung ist immens, sowohl inhaltlich wie formal. Die Kinofassung bemüht sich, Porters Welt mit schmutzigem Graufilter und ausgeblichenen Farben schön trostlos zu zeichnen, Helgeland verzichtet in seinem Cut auf solche Manierismen, lässt dafür lieber Taten eine umso deutlichere Sprache sprechen. Es ist bezeichnend, dass jene oben beschrieben Szene, in der Porter seine Gattin verprügelt, im offiziellen Cut fehlt. So dirty darf Porter dann doch nicht sein. Auch ein Oberschurke, der am Schluss in den Clinch mit dem Antihelden geht, fehlt in Helgelands Fassung. Kris Kristofferson, der in der offiziellen Version des Films den Kopf des Syndikats spielt, ist im Director’s Cut gänzlich abwesend, seine Rolle wird dort von einer körperlosen Frauenstimme am Telefon übernommen, die sich sonst aus allem raushält. Zu Recht: Die 70.000 Dollar, die Porter haben will, sind nur Peanuts für das Unternehmen, mit dem er sich da angelegt hat, folglich gibt sich dessen Kopf gar nicht erst mit dieser Angelegenheit ab, schickt lieber namenlose Handlanger oder lässt direkte Untergebenen ins Gras beißen. Das ist dramaturgisch unkonventioneller, aber auch deutlich realistischer als das klischeehafte „Now it’s personal!“ der Kinofassung, die in äußerst ungelenken, aufgesetzt wirkenden Szenen noch im letzten Drittel weitere eigentlich unwichtige Figuren einführen muss, um einen Showdown aufzubauen, der dem Ton des restlichen Films völlig zuwiderläuft. PAYBACK dient somit als Paradebeispiel dafür, wie das Hollywoodkino vielversprechende, originelle Interpretationen durch das Beharren auf überkommenen Konventionen auf Linie bringt und sie so künstlerisch kastriert.

Dass PAYBACK auch in dieser offiziellen Version aber noch sehr ansehnlich geworden ist, liegt neben Helgeland und der großartigen Besetzung – neben Gibson brillieren Gregg Henry als sadistischer Schmierlappen und William Devane, aber auch Lucy Liu holt das Optimum aus ihrer comichaft überzeichneten Rolle raus – vor allem an den superpointierten Dialogen. Als die Domina geradezu verzückt von Porters schlagkräftigen Fäusten gesteht, sie habe ein paar Minuten Zeit, entgegnet dieser bloß herrlich angewidert: „Go boil an egg!“ Trockener geht’s kaum. Wer die Wahl hat, schaut sich natürlich trotzdem den Director’s Cut an, der den Vergleich mit Klassikern des Genres – man denke an Siegels THE KILLERS oder CHARLEY VARRICK, man denke an Boormans POINT BLANK (der auf derselben literarischen Vorlage basiert), Flynns THE OUTFIT oder Peckinpahs THE GETAWAY, um nur ein paar zu nennen – nicht zu scheuen braucht. Über wie viele zeitgenössische Filme kann man das schon sagen?