Mit ‘Marino Masé’ getaggte Beiträge

Die Erblinie des italienischen Giallo der Siebzigerjahre führt vom Gothic Horror über den psychologischen Thriller über die Trivialisierung beider im deutschen „Gruselkrimi“ und der Pulp-Literatur. In Miraglias LA DAMA UCCIDE SETTE VOLTE wird das besonders deutlich: Die Geschichte um einen jahrhundertealten Fluch, der die Schwestern der Familie Wildenbruck in eine mörderische Intrige stürzt, sucht sie auch in der Gegenwart heim, in der die schöne Kitty (Barbara Bouchet) in den Glauben versetzt wird, das neuester Opfer ihrer toten Schwester Eveline, der titelgebenden „roten Königin“ zu sein. Natürlich hat die Mordserie, die im Zentrum des Filmes steht, höchst weltliche Gründe: Wie in vielen Edgar-Wallace-Filmen, die eine wichtige Inspiration für den Giallo waren, geht es um eine Erbschaft und der Fluch, den man offiziell als lächerliche Legende abtut, insgeheim aber doch fürchtet, ist nur eine willkommene Tarnung für die wahren Motive des Täters. Darunter schwelen ungelöste Geschwisterkonflikte, sexuelle Perversionen und bizarre Neurosen.

Den Zusammenprall der Gothic-Horror- und Mystery-Elemente mit moderneren Szenarien spielt MIraglia in LA DAMA UCCIDE SETTE VOLTE besonders stark aus: Er drehte seinen Film im deutschen Würzburg, dessen historische Bauten (und teutonisch gefärbten Charakternamen) einen starken Konntrapunkt zu psychedelisch gemusterter Seventies-Mode, modernistischer Architektur, italienischer Eleganz und urbanen Phänomenen wie Drogensucht und Prostitution darstellen. Atmosphärisch schwankt sein Film dann auch zwischen melodramatischem Grusel und weltlichem Krimi, verstärkt durch die mysteriöse Spukgestalt der roten Königin, die wie das Phantom eines Fiebertraums durch den Film geistert. Ihre Auftritte sind das stärkste visuelle Element eines Giallos, der – obwohl noch in der Frühphase des Genres entstanden – bereits sehr routiniert wirkt. Die Spannungsdramaturgie funktionierte für mich nicht wirklich: Der mörderische Countdown, an dessen Ende der Tod der Protagonistin stehen soll, entfacht keinen richtigen Sog, weil der Ablauf bereits aus zahlreichen anderen, vergleichbaren Filmen gelernt und der Giallo als Genre insgesamt viel zu formalistisch ist, um sich mit so etwas wie Motivation der Figuren, Glaubwürdigkeit oder Plausibilität abzugeben, die eine Identifikation mit dem Geschehen ermöglichten.

Barbara Bouchet gibt die damsel in distress, die wenig mehr zu tun bekommt, als adrett auszusehen und ängstlich dreinzuschauen. Eine Rolle, die ihr nicht wirklich liegt: Ihre besten Auftritt hatte sie immer, wenn sie intelligente, manipulative und berechnende Frauen spielte. Diese Rolle nimmt hier Sybil Danning als Ex-Hure Lulu ein, die sich einen reichen Unternehmer geangelt hat, mit dem sie regelmäßig flotte Dreier veranstaltet. Auch sie ist aber letztlich nicht mehr als Opfermaterial. Marina Malfatti und Pia Giancaro als Wildenbruck-Frauen Franziska und Rosemarie bekommen zwar mehr Zeit zugestanden, aber nur wenig geschärfte Profile: Der Kenner ahnt schnell warum und behält am Ende Recht. Die männliche Hauptrolle teilen sich Ugo Pagliai als Kittys langweiliges Love Interest Martin Hoffmann und Marino Masé als ermittelnder Kriminalbeamter, der erst ganz am Ende mal rechtzeitig kommt, weil er bis dahin endlich alle Puzzleteile zusammengesetzt hat. Die schönsten Rollen haben eigentlich Rudolf Schündler als besorgter Wildenbruck-Opa im Rollstuhl und Nino Korda als Franziskas hinkender (= verdächtiger) Gatte Herbert abbekommen, der mich immer an Kyle MacLachlan mit angeklebtem Schnurrbart erinnerte. In der finalen halben Stunde zieht Miraglia das Tempo noch einmal an und beim Finale kommt dann tatsächlich so etwas wie Spannung auf. Insgesamt ein handwerklich über jeden Zweifel erhabener, visuell schöner und von Bruno Nicolai perfekt gescoreter Gallo, der bei mir vielleicht einfach nur das Pech hatte, erst nach Dutzenden anderer, vergleichbarer Genrevertreter gesichtet worden zu sein und deshalb nicht die ganz große Wirkung erzielen konnte.

voglia_di_guardare_1985Nach der Spritzigkeit von DIE SPANISCHE FLIEGE die D’Amato’sche Elegie, nach dem verlogenen Puritanismus die äußerste erotische Dekadenz, nach krustigem, schwarzweißem Nachriegsdeutschland samtiger Eighties-Pomp italienische Provenienz: Der Hofbauer-Kongress ist ja auch immer so eine Art filmisches Wechselduschen, bei dem vielseitige Attraktionen sich die Klinke in die Hand geben und man als Zuschauer zur Steigerung der sensorischen Empfindungen mal sanft gekitzelt, dann wieder liebevoll massiert oder gar brutal getreten wird.

Bei D’Amato geht das alles irgendwie Hand in Hand. Die Bilder, die seine Kamera einfängt, der melancholische Score von Guido Anelli und Stefano Mainetti, das langsame Erzähltempo und die mondäne Ausstattung, die die Handlung in einem historischen Limbo verortet, das die Zwanziger- und die Achtzigerjahre miteinander kreuzt, hüllen den Zuschauer warm und anschmiegsam ein, doch kaum, dass man bereit ist wegzudösen, gibt es immer mal wieder einen Eimer Wasser ins Gesicht oder eine schallende Backpfeife, die einen unsanft zurück ins Hier und Jetzt befördert. In SKANDALÖSE EMANUELLE, so der deutsche Titel, befindet man sich in der Gesellschaft eines wohlhabenden, aber gelangweilten Ehepaars: Diego (Marino Masé) ist erfolgreicher Chirurg und in dieser Tätigkeit so beschäftigt, dass er in nahezu jeder Szene per Telefon in den Dienst abberufen wird. Die sexuellen Gelüste seiner Gattin Christina (Jenny Tamburi) werden kaum noch befriedigt, bis Diego ihr den schön schmierigen Modedesigner Andrea (Sebastiano Somma) vorstellt, mit dem sie eine Affäre anfängt. Der feine Kerl hat aber andere Pläne mit ihr und bildet sie in seinem „Atelier“ zur Luxusprostituierten aus. Was sie nicht weiß: All das geschieht auf Initiative ihres Mannes, der ein Voyeur ist und Christina bei all ihren Eskapaden beobachtet.

VOGLIA DI GUARDARE ist reine Atmosphäre, aufgepeppt mit ein bisschen Softerotik. Alles ist edel, kostbar und geschmackvoll, aber letztlich auch nur Ausweis einer gähnenden inneren Leere. Die Figuren tun kultiviert, geben sich aufgeklärt und fortschrittlich, führen aber unbewusste Ameisenexistenzen. Ich habe oben schon diese seltsame, zeitlose Kunstwelt angesprochen, in der der Film spielt: Sie ist wahrscheinlich maßgeblich für die unwirklich-traumgleiche Stimmung und das Gefühl, dass sich hier einfach nicht weiterbewegt, alles im Stillstand verharrt. Nur selten blitzt die Möglichkeit auf, emotional am Geschehen teilzunehmen, etwa wenn Diego seiner Gattin bei ihrem ersten, widerwillig ausgeführten Blowjob zusieht und ihr aus seinem Versteck gönnerhaft mit dem Sektglas zuprostet, während sie sich angewidert das Sperma aus dem Gesicht wischt. Da weht es dann plötzlich eiskalt durch die sonst warm anmutenden Bilder und man zuckt, ob der Empathielosigkeit, derer sich die Protagonisten in ihrer egoistischen Suche nach Erfüllung schuldig machen. Ein Film, der trotz seiner Reize nicht zum Verbleiben einlädt, sondern eher zur zügigen Durchreise. Denn hinter all der Schönheit und Pracht müffelt es nach Fäulnis.