Mit ‘Mario Gariazzo’ getaggte Beiträge

Über die bahnbrechende Wirkung von Friedkins THE EXORCIST habe ich hier schon mehrere Male geschrieben, weshalb ich mir das jetzt spare: Besonderen Eindruck macht er offenkundig auf unsere südländischen Nachbarn, die im Besessenheit-Subgenre, das infolge des großen Kinohits aufblühte, als besonders produktiv erwiesen – wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund der großen Bedeutung, die der Kirche in Italien immer noch zukommt. Alberto De Martino gelang mit L’ANTICRISTO einer der wenigen wirklich ernstzunehmenden Nachahmer, weil er der Geschichte noch eine ureigene „italienische“ Note abgewinnen konnte, anstatt bloß die Mechanismen des US-Films zu kopieren. Er nutzte seine Besessenheitsgeschichte im Wesentlichen für eine scharfe Kritik am Klerus, zu dessen erweitertem Kreis auch die Familie um das weibliche Opfer zählt. Gariazzo hingegen, da tue ich ihm mit Kenntnis seines wahrscheinlich bekanntesten Films SCHIAVE BIANCHE: VIOLENZA IN AMAZZONIA ganz gewiss kein Unrecht, hatte vor allem ein Interesse: einen Film zu drehen, für dessen Tabubrüche die Zuschauer gern ihren Obolus entrichteten. Er liefert ein bisschen Sex und Gewalt und jede Menge Schabernack, der nur mühsam von einem fadenscheinigen Storykonstrukt zusammengehalten wird, das noch nicht einmal ein richtiges Ende hat. Irgendwann verliert Gariazzo sichtbar die Lust an dem Tinnef und der Film jeglichen Zug: Gut möglich, dass er in einer kleinen Taverne dem Rotwein zusprach, während sein hilfloser Stab den Rest einkurbelte, sichtlich überfordert mit dem auf aufgeweichte Klosettpapierreste gekritzelten Skript.

Dabei ist der Anfang überraschend gut, also zumindest für einen italienischen Horrorsleazer aus der untersten Schublade: Eine dreiköpfige universitäre Kunstgeschichte-Abordnung wird in einer alten Kirche vorstellig, um dort ein altes Holzkruzifix zur Restauration abzuholen. Die Studentin unter ihnen, das spätere Besessenheit- und Exorzismus-Opfer Danila (Stella Carnacina), schwafelt unwissenschaftliches Zeug und wird von ihrem Professor dafür auch noch als hochbegabte Schülerin bezeichnet, was einige Rückschlüsse auf seine Beziehung zu ihr zulässt. Der Typ, der ihnen die Kirche zeigt, berichtet von wüsten rituellen Orgien und Danila fantasiert darüber, dass der Holzmann, der da am Kreuz hängt, diese mitangesehen hätte. Sie nehmen die Figur mit und der Prof tut es seiner Studentin gleich, schwafelt darüber, wie die „Nüstern“ der Figur zitterten, als sei sie am Leben. Dieses Gerede ist in Verbindung mit dem Anblick, der sich dem Mädchen abends auf einer Party ihrer Eltern bietet, wahrscheinlich der Ursprung ihres späteren Wahns: Mama (Lucretia Love) betrügt ihren Architektenmann (Chris Avram) nämlich mit einem geilen Typen (Gabriele Tinti), der das Hemd bis zwischen die Knie aufgeknöpft trägt, damit man das Brusthaartoupet samt der sich darin verfangenden Ketten besser sieht, und zwar sogar während der Gatte im Hause ist. Aber das ist nicht alles, denn er geilt sich daran auf, sie mit dornigen Rosen auszupeitschen – was das Töchterlein durch ein Fenster beobachtet und sich sogleich zurück zum Holzmann begibt, um ein altes Gemälde zu restaurieren. Der wird in einer tatsächlich recht effektiv gemachten Szene lebendig und nimmt dabei die Gestalt von boshaft lachenden Ivan Rassimov an, der sich sogleich über Danila hermacht, bis diese entsetzt aufwacht. War alles nur ein Traum? L’OSSESSA nimmt daraufhin den Weg, den man erwarten darf, wenn man das große Vorbild kennt: Danila zeigt Züge der Besessenheit, wird von heftigen Krampfanfällen geschüttelt, die sich niemand erklären kann. Bei einem Ausflug, der ihr zur Zerstreuung und Entspannung verordnet wird, besichtigt sie eine alte etruskische Grabkammer, was sofort die nächsten Halluzinationen hervorruft, bei denen sie vom Ivan ans Kreuz genagelt wird. Die sich in der Folge zeigenden Stigmata veranlassen den Arzt schließlich, die Eltern zu einem Priester zu schicken, der ihnen dann wiederum den zurückgezogen lebenden Exorzisten (Luigi Pistilli) empfiehlt. Beim finalen Exorzismus verliert der zwar sein Leben, doch immerhin löst er den alles entscheidenden Brechreiz bei Danila aus, an dessen Ende sie wieder ganz die alte ist. Gariazzo macht dann auch nicht mehr lange rum, Credits, Ende.

Falls das bis hierhin noch nicht klar geworden ist: L’OSSESSA ist ein billiger, schmieriger, dummer und überwiegend schlechter Film, der ausschließlich für Eurosleazefreunde interessant ist, aber selbst von diesen wahrscheinlich höchstens als filmisches Äquivalent zum Bildschirmkaminfeuer goutiert werden wird. Will sagen: L’OSSESSA ist ein reiner Moodfilm, er begeistert weder mit formaler noch erzählerischer Brillanz, sondern einzig mit dem sehr speziellen Kolorit, der drittklassige Italoproduktionen jener Zeit auszeichnet. Hier ist nix mit der visuellen Pracht von Argento, der Bilderstürmerei eines Fulci, dem Furor der Poliotteschi, der Magie Cinecittas. Hier liegt der Staub fingerdick auf den traurigen Settings, Schauspieler, die eigentlich Besseres gewöhnt waren, prostituieren sich für eine Handvoll Lira und Gariazzo ließ jeden noch so vergeigten Take drin. Meinen Lieblingsmoment hat eine Statistin auf der Party zu Beginn des Films: Die Kamera fängt sie frontal beim Tanzen ein, was ihr offensichtlich so unangenehm ist, dass sie sich nach einem Blick mitten in Objektiv hinter ihrem Tanzpartner versteckt. Als der wieder eine Schritt zur Seite macht, spricht sie ihn deutlich erkennbar darauf an und zieht ihn dann am Jackett wieder vor sich, damit er sie verdeckt. Die hatte keinen Bock darauf, dass sie in diesem Film zu sehen ist! Und ihre deutlich erkennbare Weigerung, teilzunehmen, blieb einfach drin! Für mich ist diese unbekannte Statistin die eigentliche Heldin des Films. Ach so, der Score von Marcello Giombini ist, soweit ich mich erinnern kann, auch ganz gut. Aber darauf konnte man bei den Italienern ja fast immer bauen.

Zu Beginn interviewt ein Fernsehmann eine Frau, die er als „Catherin Miles“ anspricht und die man nur von hinten sieht, auf dem Trafalgar Square in London. Man erfährt nur, dass sie Schreckliches erlebt hat, eine Gerichtsverhandlung hinter sich bringen musste, in der sie wegen zweifachen Mordes angeklagt war. Der Film blendet sogleich zurück in jene Gerichtsverhandlung irgendwo in Südamerika. Catherine Miles (Elvire Audray) entpuppt sich nun als junges, ca. 18-jähriges Mädchen, dessen Gesichtszüge Zeichen großer Belastung und Müdigkeit zeigen. Ein Anwalt stellt seine Fragen, das Mädchen erzählt. Alle begann am Amazonas, wo Catherin aufwuchs und auch heute noch immer hinfährt, wenn Schulferien sind. Ihre Geschichte ist unglaublich: Ihre Eltern wurden von eingeborenen Kopfjägern ermordet und enthauptet, sie selbst verschleppt und „eingemeindet“ …

Der von MONDO CANE-Miterfinder Franco Prosperi gescriptete SCHIAVE BIANCHE: VIOLENZA IN AMAZZONIA markiert zusammen mit Deodatos INFERNO IN DIRETTA so etwas wie den Schlusspunkt des Kannibalenfilms. Was einst als Ableger des Mondo-Films begonnen hatte und nach der provokanten Zuschauerkonfrontation eines CANNIBAL HOLOCAUST ohne weitere Umwege in den tumben Splatterspaß für Unverdrossene gemündet war, präsentierte sich in diesen beiden Werken weitestgehend geglättet und für die Bedürfnisse eines breiteren Publikums – das dann aber doch einen weiten Bogen um beide machte – aufbereitet. SCHIAVE BIANCHE ist aber noch näher am pseudodokumentarischen Stil, in dem der Kannibalenfilm seinen Ursprung hatte: Während Deodato für seinen eigenen INFERNO IN DIRETTA lediglich eine Reporterin zur Protagoistin macht, inszeniert Gariazzo seinen Film – recht unbeholfen und inkonsequent – als Dokumentarfilm über das Schicksal der fiktiven Catherine Miles, die ein Jahr lang unter Kopfjägern leben musste. Anstatt alle Register der Fake Documentary zu ziehen, sind es bei ihm lediglich ein Voice over und die genannten Szenen mit einem Reporter, die die Geschichte authentifizieren sollen. Es gibt kein Found Footage (von wem sollte das auch stammen?), die Bilder, die wir sehen, stellen ein „objektives“ Abbild der Ereignisse dar, das durch Catherines Aussagen kommentiert und bestätigt wird. Der Schachzug geht natürlich ziemlich in die Hose, weil man von Anfang an weiß, dass Catherine überleben wird und sich keine echte Spannung entfalten mag. Um das aufzufangen, bieten Gariazzo und Prosperi einen putzigen Plottwist und ein stimmungsmäßiges Umschwenken des Films auf. Da steht SCHIAVE BIANCHE dann wieder im Einklang mit der Zivilisationsskepsis eines CANNIBAL HOLOCAUST, auch wenn das hier eher der Konvention als der Überzeugung der Macher geschuldet ist.

Zwischen all dem irgendwie infantilen Splatter, dem die „transgressive“ Wirkung der auch schon dummen Lenzi-Schwarten völlig abgeht, den aus Archivmaterial zusammengesetzten Expeditionen ins Tierreich und dem Exotismus aus der Riefenstahl-Doku mutet der melodramatische Ton, den der Film erst zaghaft, dann immer stärker anschlägt, unglaublich rührend an. Man fühlt sich in alte Tarzan-Filme verschlagen, wenn Catherine und ihr Entführer Umukai (Will Gonzales) sich ineinander verlieben, die Hormone des blonden Teeniegirls beim Anblick des tumben Kopfjägers mit dem stieren Blick und dem schlecht sitzenden Haarteil in Wallung geraten, sie sowohl dem Stockholm-Syndrom als auch dem Klischee des Noble Savage erliegt und ihr älteres Selbst von der Tonspur das Offensichtliche in platte Phrasen kleidet. Die traute Zweisamkeit kann natürlich nicht nur keinen Bestand haben, sie muss auch tragisch enden, und weil wir ja schon wissen, dass Catherine ihr Abenteuer heil übersteht, ist auch klar, dass es der brave Umukai ist, der das Zeitliche segnet. Am Ende, und da schließt sich dann der Kreis, wird Catherine nämlich zur Mörderin. Es waren natürlich nicht die Kopfjäger, die ihre Eltern töteten, sondern geldgierige Verwandte, die nun die grausame Rache Catherines zu spüren bekommen. Das wiederum kann Umukai nur schlecht verknusen, denn keine Frau darf ihre Hände mit dem Blut von Menschen beschmutzen. Traurig blickt er sie an, bevor er aus dem Paddelbötchen in den nassen Freitod hüpft, sie ganz allein ohne die Liebe ihres noch jungen Backfischlebens zurücklässt. Auch heute noch denkt Catherine oft an ihren braungebrannten Dschungelkrieger, etwa wenn ihrem Sohn das Spielzeugschiff im Teich umkippt und sie gedankenverloren ins Wasser starrt. Jaja, man ahnt es nicht, was es mit einem jungen Menschen anrichtet, wenn er dem gewaltsamen Tod der Eltern mit anschließender Enthauptung beiwohnt, wenn er von Kopfjägern entführt wird, monatelang ohne Aussicht auf Rettung unter Wilden im Urwald leben muss und in heidnischen Ritualen entjungfert wird. Dieser Film zeigt, dass das kein Zuckerschlecken ist. Sollte man gesehen haben, um dieses oft unterschlagene Gegenwartsproblem endlich mit der ihm gebührenden Aufmerksamkeit zu bedenken und vielleicht ein längst überfälliges Spendenkonto einzurichten.