Mit ‘Mario Imperoli’ getaggte Beiträge

ragazzina_1974Siehe da: Nach dem „Genuss“ von LA RAGAZZINA – in Deutschland 1987, also satte 13 Jahre nach seinem Erscheinen, unter dem Titel KESSE TEENS – DIE ERSTE LIEBE als TV-Premiere auf RTL erstausgestrahlt – erscheint der verwirrende BLUE JEANS nicht mehr ganz so verwirrend. Bei jenem handelt es sich nämlich gewissermaßen um das „Sequel“: nicht im Sinne einer echten Fortsetzung, aber einer Aufwärmung des Erfolgsrezeptes von LA RAGAZZINA, dem ebenfalls von Imperoli inszenierten Spielfilmdebüt des blonden Backfischs Gloria Guida, die die ganzen Siebzigerjahre hindurch Herzen und Hosen von männlichen Heranwachsenden zum Anschwillen brachte.

In LA RAGAZZINA spielt sie Monica, eine Sechzehnjährige, die auf den „Richtigen“ wartet, um sich entjunfern zu lassen. An Bewerbern mangelt es natürlich nicht: Ganz vorne steht Leo (GIanluigi Chirizzi), ein gutaussehender Mitschüler, der sich ein Zubrot als Amateurzuhälter verdient, Monica aber etwas zu forsch an die Sache herangeht. Besser gefällt ihr da schon ihr Lehrer Bruno (Andrés Resino), ein attraktiver Freigeist und Lebenskünstler, der eine Affäre mit der frustrierten Sandra (Collette Descombes) unterhält. Deren Gatte ist der skrupellose Anwalt Massimo Moroni (Paolo Carlini), ein Freund von Monicas Eltern, der sich wiederum an das blonde Mädchen heranschmeißt, aber bei ihr nur auf wenig Gegenliebe stößt …

Mit Guida, Carlini und Chirizzi kehrten die wichtigsten Darsteller aus LA RAGAZZINA nur ein Jahr später in Imperolis BLUE JEANS wieder, in ganz ähnlichen Rollen zudem. Wieder sollte die Guida dem in LA RAGAZZINA nicht ganz so armen Carlini den Kopf verdrehen, Chirizzi den jugendlichen Zuhälter geben, der es ebenfalls auf die junge Schönheit abgesehen hat. In beiden Filmen beißt Carlini am Ende ins Gras, beide sehen vordergründig wie Komödie aus, fühlen sich aber irgendwie nicht so an. Auch LA RAGAZZINA zeigt seine Protagonistin als wehrlosen Spielball vor allem männlicher Kräfte. Der bittere Höhepunkt des Films ist sicherlich das Gespräch, das der feine Weltversteher Bruno mit seiner Geliebten Sandra führt, nachdem er eben seine Schülerin entjungfert hat. Die ist noch hin und weg von dem magischen Erlebnis, da muss sie mitanhören, wie sie von dem Traumtypen als unerfahrenes Kind diffamiert wird. Auch Moroni geiert ihr nach wie einer Trophäe oder einem profitablen Deal, versucht sie, mit Geld gefügig zu machen und sperrt sie zum Schluss in einem kleinen Ferienbungalow weg wie einen seltenen Singvogel im goldenen Käfig. Auch in LA RAGAZZINA gibt es eigentlich nichts zu lachen, stattdessen wundert man sich als Zuschauer, der mit Gloria Guida vor allem die albernen FLOTTE TEENS-Zoten verbindet, immer mehr, was die Italiener unter dem Label der Teenie- und Sexkomödie für hoffnungslos trostlose Dramen veröffentlichten.

s-l1000Mario Imperolis zweiter Film mit Gloria Guida – er hatte sie bereits bei ihrem Spielfilmdebüt LA RAGAZZINA dirigiert – ist ein seltsames Teil. Zunächst deutet alles auf eine typische Sexkomödie hin: Die jugendliche Herumtreiberin und Gelegenheitsprostituierte Daniela Anselmi (Gloria Guida), genannt „Blue Jeans“, wird von der Polizei mit einem Freier aufgegriffen. Weil sie noch minderjährig ist, kommt die Frage nach ihren Eltern auf, doch Daniela behauptet, dass ihre Mutter tot sei und sie ihren Vater nie getroffen habe. Letzterer wird von den Staatsbeamten relativ schnell ausfindig gemacht: Es handelt sich um Dr. Carlo Anselmi (Paolo Carlini), einen Kunstrestaurator, der gerade mitten in der Scheidung von seiner zweiten Ehefrau steckt und mit seiner neuen Partnerin, der eifersüchtigen Marisa (Annie Carol Edel), zusammen auf einem zu restaurienden Schloss lebt. Dass er Vater sein soll, kann er kaum glauben, erklärt sich dann aber doch bereit, das freche blonde Früchtchen Daniela in seine Obhut zu nehmen, mit den zu erwartenden Folgen.

Diese Prämisse ist nicht neu, die Witzchen, die sich üblicherweise aufdrängen, bleiben aber aus. Klar, es geht um den Konflikt zwischen dem etwas spießigen und vor allem ungeübten Vater, dem die Freizügigkeit seines Backfischs peinlich ist und der sie daher erfolglos „bändigen“ will. Außerdem sieht er sich recht bald der Eifersucht seiner Geliebten ausgesetzt, der die neue Tochter, die langsam, aber sicher das Herz des frischgebackenen Papas gewinnt, ein Dorn im Auge ist. Aber richtig komisch ist das alles nicht, und der völlige Verzicht auf den überdrehten Humor, den man mit einem solchen Stoff vielleicht assoziiert, macht die eh schon auf einem schmalen Grat wandelnde Inzestgeschichte erst so richtig ungemütlich. Das ist aber noch nicht alles, denn im letzten Drittel vollzieht BLUE JEANS eine 180-Grad-Wendung und verwandelt sich in einen Thriller bzw. Quasi-Noir. Da taucht nämlich ein alter Bekannter Danielas auf, der Zuhälter Sergio (Gianluigi Chirizzi), der gern das Vermögen des Papas einstreichen würde. So wird am Ende sogar noch gestorben – nicht allerdings, ohne dass sich die verhaltene Liebesgeschichte zwischen Papa und Tochter zur handfesten Romanze mit zartem Petting vor dem gemütlich prasselnden Kaminfeuer ausweitet …

Wie gesagt, das ist alles irgendwie hochgradig seltsam, und heute kaum noch nachvollziehbar. Fand man das damals in Italien wirklich witzig? Dass die Commedia sexy all’italiana sich nicht zwingend in Derbheit übte, habe ich ja schon in meinem Text zu LA MINORENNE geschrieben, aber Imperoli hat mit BLUE JEANS gewiss auch keine böse Gesellschaftskritik im Sinn gehabt. Sein Film sitzt zwischen allen Stühlen und will nicht wirklich funktionieren, auch wenn er gewiss kein echter Reinfall ist. Er lohnt sich vor allem deshalb, weil er moralisch ganz weit draußen ist, dabei aber aussieht und sich anfühlt wie ein Unterhaltungsfilm für die ganze Familie. Das so hinzubekommen, ist auch eine Kunst.

Italienische Filme der Siebzigerjahre, die einen Ausflug ins Fußballstadion unternehmen, haben bei mir einen Stein im Brett. Bei COME CANI ARRABBIATI, einem Film, der als weitestgehend verschollen galt – es existierte wohl ein griechisches VHS-Tape –, bis Camera Obscura ihn dankenswerterweise in einer Luxusedition verfügbar machten, sind die Weichen damit schon früh Richtung Erfolg gestellt, denn er beginnt im römischen Olympiastadion mit tollen Ausschnitten der Partie zwischen Lazio und Sampdoria Genua (ein aufschlussreiches Featurette ersparte es mir, das selbst zu recherchieren). Die Wahl dieses Ortes zum Auftakt ist durchaus programmatisch: Der „Calcio“, in Italien zumindest damals wahrscheinlich noch um einiges fanatischer verfolgt als hierzulande, bot dem Volk in jenen Jahren der sogenannten „bleiernen Zeit“ in der Mitte der Siebzigerjahre ein geeignetes Ablassventil für die aufgestauten Frustrationen, brachte Faschisten und Kommunisten auf engstem Raum zusammen und ließ sie ihre Konflikte auf dem Feld in spielerischer Form austragen (dass es dabei leider meist nicht blieb, steht auf einem anderen Blatt). Und genau darum geht es in COME CANI ARRABBIATI, vordergründig ein Gewaltreißer, der sich aber nicht mit dieser Limitierung zufrieden geben mag und genau damit zu etwas Besonderem wird.

Im Zentrum von COME CANI ARRABIATI stehen drei jugendliche Gewaltverbrecher einerseits, der ermittelnde Polizist Paolo Muzi (Piero Santi) und seine Kollegin/Geliebte Germana (Paola Senatore) andererseits, und Imperoli verschiebt den Fokus munter von der einen zur anderen Partei, dabei die Grenzen von Polizei- und Gangsterfilm verwischend. Anders als in den Polizeifilmen jener Zeit, die den Problemen einen zu allem entschlossenen Supercop entgegensetzen, für den Gewalt ein ganz legitimes Mittel war, ist Muzi ein eher farbloser Haderer, der nie Autorität ausstrahlt und in einer Szene fahrlässig das Leben Gemanas aufs Spiel setzt, beinahe zu spät kommt, obwohl er doch genau wusste, was passieren würde. Ihm gegenüber stehen die Studenten, zwei Jungen, ein Mädchen, die nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern aus purer Lust und einem perversen philosophischen Interesse heraus rauben, morden, vergewaltigen. Ihr Anführer ist Tony Ardenghi (Cesare Barro), Sohn eines schmierigen, selbstherrlichen Unternehmers (Paolo Carlini), der seinem Sohn wo er nur kann den Weg mit seinen Beziehungen ebnet. Zu gewinnen ist alles, gibt er ihm mit auf den Weg, und Moral, Kultur und Religion seien nur Mittel, die man nach Bedarf einsetzt, um die Menschen, die einem im Weg stehen, zu seinen Gunsten zu manipulieren. Eine Lektion, die sich Tony zu Herzen nimmt: Er erinnert gleichermaßen an Alex DeLarge, den Protagonisten aus Anthony Burgess‘ Roman „A Clockwork Orange“ und Kubricks gleichnamiger Verfilmung, wie an Rodion Romanowitsch Raskolnikow aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Die Verbrechertour, auf die er seine Freunde mitnimmt, ist ein philosophisches Experiment, gleichzeitig eine Machtproklamation: Von Regeln und Gesetzen lassen sich nur Sklaven beengen, zu Höherem berufene handeln nur nach den eigenen Prinzipien.

Mario Imperolis Filmografie umfasst nur acht Filme, COME CANI ARRABBIATI ist sein drittletzter und zuvor hatte er vor allem mit drei Erotikkomödien auf sich aufmerksam gemacht. Zwei davon, LA RAGAZZINA und BLUE JEANS waren mit Gloria Guida, dem Star aus LA LICEALE, besetzt und kamen im Zuge des Erfolgs dieses Films unter den Titeln KESSE TEENS – DIE ERSTE LIEBE respektive TEENAGER LIEBEN HEISS auch in Deutschland heraus. Der ungewöhnliche Genrewechsel macht sich nicht negativ bemerkbar. Die Exposition, die Muzi nach dem ersten Verbrechen auf Ermittlungstour durch Rom zeigt, fängt die für den Film so wichtige Atmosphäre in der Stadt auf sehr elegante und ökonomische Art und Weise ein. So beschreibt ein Zoowärter die wirtschaftlich prekäre Lage, indem er sich humorvoll an den Tiger wendet, dem er gerade ein Stück Fleisch in den Käfig wirft: „Du bist der einzige, der sich noch Fleisch leisten kann.“ Auffallend ist auch die dynamische Kameraarbeit von Romano Albani (u. a. INFERNO und PHENOMENA), die für eine solch kleine Produktion eher ungewöhnlich ist. Hervorstechend sind aber, wie gesagt, vor allem die kleinen Irrwege, die Imperoli dem Film angedeihen lässt. Viel Zeit widmet er der rührenden Beziehung Paolos und Germanas, die das Herz von COME CANI ARRABIATI sind, dem Zynismus der Schurken Wärme entgegensetzen, und Gelegenheit für leise, liebevolle Komik bieten. Imperoli behandelt seine Charaktere nicht wie bloße Strukturelemente, die er den Anforderungen des Plots gemäß über das Schachfeld schiebt, umso mehr schockiert die Schrifteinblendung, mit der der Film schließt: „Tränen sind nicht nötig, wenn ein Mörder stirbt“ heißt es da höchst mitleidlos, wieder an die zahlreichen reaktionären Polizeifilme jener Zeit gemahnend, in denen das Verbrechen lediglich ein mit allen Mitteln auszurottendes Übel war. Ich glaube nicht, dass Imperoli diese Überzeugung tatsächlich vertrat, jedenfalls gibt sein Film das nur bedingt her – auch wenn er seinen Zeitgenossen damit wahrscheinlich aus der Seele sprach. Für mich scheint es durchaus denkbar, dass er in dieser krassen Ausformulierung des Law&Order-Gedankens gerade die Distanzierung von ihm suchte. Wie dem auch sei, ein starker Film.