Mit ‘Mario van Peebles’ getaggte Beiträge

JAWS: THE REVENGE hat auf der IMDb einen Durchschnittswert von 2,8 kläglichen Sternen, auf Rotten Tomatoes einen „Freshness“-Wert von fetten 0 % und ist beliebte Zielscheibe für schadenfrohen Spott. Er gilt als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten (als köne man das so eindeutig festlegen), auf Youtube kann man sich zahlreiche „Reviews“ mit Titeln wie „How bad is JAWS: THE REVENGE“ ansehen und das Video des nicht verwendeten, ungekürzten Endes wird von So-bad-it’s-good-Connaisseuren immer wieder als Beweis für die legendär miese Qualität des Films herangezogen. Schauspieler Michael Caine gestand, sich den Film niemals angesehen zu haben, Roy Scheider weigerte sich mit Händen und Füßen dagegen, mitzuwirken. Sargents vierter Teil spielte von allen JAWS-Filmen am wenigsten ein (erwirtschaftete aber immer noch rund das Doppelte seines Budgets), wurde ausnahmslos verrissen und für sieben Goldene Himbeeren nominiert (unter anderem für die schlechtesten visuelle Effekte); er bedeutete den Sargnagel in das Franchise, das mit bloß durchschnittlicher Ware wahrscheinlich bis zum St.-Nimmerleins-Tag profitable Fortsetzungen abgeworfen hätte. Als Hai-, Horror- oder generell als Genrefilm ist er tatsächlich nicht weniger als eine Katastrophe: Der Hai sieht furchtbar pappig und leblos aus und ist stets viel zu lang im Bild zu sehen, seine Attacken sind ohne jeden Zug und Tempo inszeniert. Seltsam, da Veteran Sargent doch immerhin mit den veritablen Hochspannungsthriller THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE und den Vollgasfilm WHITE LIGHTNING auf dem Kerbholz hat und wenn auch nicht als Auteur, so doch als versierter Routienier angesehen werden darf. Möglicherweise waren es logistische Probleme, mit denen er zu kämpfen hatte – JAWS: THE REVENGE wurde innerhalb von nur neun Monaten produziert und als Sargent, gelockt von dem Versprechen, inszenieren und produzieren zu dürfen, an Bord ging, existierte noch gar kein Drehbuch, wohl aber der Wunsch, den Film schnellstmöglich auf den Markt zu bringen –, jedenfalls funktioniert sein Film als bizarres Familien-Psychodrama um Längen besser als als actionreiche Achterbahnfahrt. Und wenn es dem Betrachter gelingt, seine Erwartungshaltung zu justieren, sich entsprechend auf das Werk einzustellen, dann wird er seine vermeintlichen „Fehler“ vielleicht als singuläre Idiosynkrasien zu schätzen lernen. Jedenfalls war das bei mir gestern so.

JAWS: THE REVENGE knüpft wieder stärker an die ersten beiden Filme an als Alves‘ dritter Teil, kehrt zurück nach Amity, zu Ellen Brody (Lorraine Gary), die mittlerweile Witwe ist, seit ihr Mann von einem Herzanfall hinweggerafft wurde, und ihrem jüngsten Sohn Sean (Mitchell Anderson), der mittlerweile in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist und bei der Polizei arbeitet. Als er an Heiligabend von einem Hai attackiert und getötet wird, verfestigt sich eine Vermutung Ellens, die sie schon seit langer Zeit hegt: Die wiederkehrenden Haikonfrontationen sind kein Zufall, vielmehr haben es die Kreaturen auf ihre Familie abgesehen. Auch ihr Mann starb nicht an Herzversagen, sondern in erster Linie „from fear“, wie sie nun sicher weiß. Um sich von dem Verlust zu erholen, reist sie zu ihrem Sohn Michael (Lance Guest), der auf den Bahamas gemeinsam mit Freund Jake (Mario van Peebles) als Meeresbiologe an einem Forschungsprojekt arbeitet, von dem seine Mutter ihn nun abbringen will. Ihr bizarrer Glaube stellt sich schließlich als berechtigt hinaus: Der Killerhai folgt ihr in die warmen Karibikgewässer, um sein Werk fortzusetzen. Die Liebesaffäre mit dem Piloten Hoagie (Michael Caine) bringt sie schließlich von ihrer Obsession ab, doch mittlerweile hat sich Michael von Jake breitschlagen lassen, den Hai zu erforschen. Es kommt zur finalen Konfrontation.

Was in Jeannot Szwarcs zweitem Teil nur kurz angedeutet wurde, nämlich, dass die Haie untereinander kommunizieren und es nach den Ereignissen von JAWS auf die Brodys abgesehen haben, bewahrheitet sich in Sargents Film, wenn das auch niemals biologisch unterfüttert wird. Ein Fluch lastet auf der Familie und die weißen Haie, die sie regelmäßig heimsuchen, sind nicht bloß gefräßige Raubtiere, sondern gewissermaßen mythische Dämonen. Die psychologische Konnotation des Ganzen, die Einschätzung, dass die Brodys durch die vergangenen Ereignisse traumatisiert sind und unter Wahnvorstellungen leiden, die ebenfalls schon in Szwarcs Film mitschwang, schwingt auch hier mit, wird durch das reale Auftauchen des Hais nur halbherzig verworfen. Mit seiner traumgleichen Langsamkeit, die durch die geleckte Achtzigerjahre-Optik noch verstärkt wird – Lorraine Garys Ellen Brody sieht aus, als sei sie aus einer Folge DYNASTY oder DAS ERBE DER GULDENBURGS in den Film gebeamt worden –, und der schwülstigen Melodramatik scheint der Film eher in derangierten Innenwelten angesiedelt als in der schnöden Realität. Das ist es dann auch, was mich gestern für den Film eingenommen hat: JAWS: THE REVENGE schreitet voran wie ein besonders bizarres Kapitel einer melodramatischen Familiensaga und ist in seiner holprigen Zusammenführung von Familiendrama, Altersliebesfilm, missratenem Monster-Romp und esoterischem Mystery-Gedöns – kein Wunder – absolut singulär. Das darf man ihm als Freund des Abseitigen und Fehlgeleiteten durchaus zugutehalten. Langweilig ist JAWS: THE REVENGE zu keiner Sekunde, gerade weil er in keine Schublade passen will und am Anspruch maßgerecht gefertigter Normunterhaltung mit unverdrossener Lebensmüdigkeit scheitert. Die Frage, ob das nun dem Unvermögen Sargents oder den ungünstigen Umständen geschuldet ist oder ob hier gar ein besonders perfides Stück Außenseiterkunst vorliegt, soll mich nicht weiter beschäftigen. Und der aufgeschlossene Filmfan, der hier mitliest, sollte es ebenso halten und diesem zauberhaften Film eine kleine, aber gemütliche Ecke in seinem Herzen einrichten.

Der Partner von Max Dire (Mario van Peebles) sprach eben noch davon, den Polizeidienst zu quittieren, zu heiraten und ein neues Leben zu beginnen, da wird er bei einem Einsatz brutal niedergeschossen und ohne große Überlebenschancen ins Krankenhaus eingeliefert. Umso erstaunter ist Max, als der Partner wenige Tage später nicht nur vor ihm steht, als sei nichts passiert, sondern er in der Ausübung seines Dienstes plötzlich einen fast übermenschlichen Ehrgeiz an den Tag legt, der nichts von seinen vorherigen Bekundungen mehr erkennen lässt. Das ungute Gefühl Max‘ findet seine Bestätigung, als der Partner sich schließlich wieder nur einige Tage später öffentlich erschießt. Der geschockte, trauernde Cop wird daraufhin vom Psychologen Adam Garou (Bruce Payne) angesprochen: Er lädt Max in eine von ihm geleitete „Selbsthilfegruppe“ ein. Doch diese entpuppt sich bald als mehr als das, nämlich eine Art Spezialeinheit, in der ein von Garou entwickeltes Serum zum Einsatz kommt, dass die Polizisten in unbesiegbare Kampfmaschinen verwandelt …

Mal wieder eine kleine Nostalgiestunde: FULL ECLIPSE – vom einstigen Genrespezialisten Anthony Hickox fürs amerikanische Pay-TV inszeniert – reifte Mitte der Neunzigerjahre bei seiner deutschen Videoveröffentlichung zum kleinen Kulthit heran, der bei mir sehr hoch im Kurs stand. Grund für meine Begeisterung waren die hübsch pulpige Verbindung von Horror- und Polizeifilm, das dadurch bedingte Nebeneinander von blutigen Schießereien, die der damaligen Mode entsprechend an Meister Woos artistischen Bullet Ballets angelehnt waren, und splatterigen Werwolfeinlagen, aber auch die hübsche Besetzung: Mario van Peebles ging so eben noch als Quasi-Actionstar durch, Patsy Kensit sah man als Heranwachsender immer gern und Bruce Payne zählte damals zu meinen ausgesprochenen Lieblings-Schurkendarstellern. Ich war bei der Wiederbegegnung auf handfeste Ernüchterung eingestellt, ja, hatte diese eigentlich fest eingeplant. Mir war klar, dass der Film heute nicht mehr ganz so unmittelbar kicken konnte, wie er das vor nunmehr fast 20 Jahren tat: Die Trends haben sich ebenso verändert, wie die Möglichkeiten der Darstellung und FULL ECLIPSE war ja nun eben keine Multimillionen-Dollar-Kinoprodution, die damals Maßstäbe hinsichtlich ihrer Effekte gesetzt hätte, sondern ein bescheidener Fernsehfilm, der vor allem durch seine Attitude punkten konnte. Und ich bin keine 17 mehr und deutlich weniger begeisterungsfähig als damals. Umso größer mein Erstaunen darüber, dass ich FULL ECLIPSE immer noch sehr unterhaltsam finde. Na klar, die Shootouts reißen heute niemanden mehr vom Hocker, sind mit ihren beidhändig schießenden Hechtsprüngen durchaus ein bisschen albern und der Film wirkt heute noch etwas kleiner und billiger als damals. Aber das Wesentliche bleibt von diesen heute sichtbaren Mängeln unangetastet: Hickox‘ Film macht einfach Spaß, er ist schön kurzweilig und er pflegt einen überaus sympathischen Umgang mit seiner inhärenten Blödheit: Er zieht sein Ding sehr straight durch und lässt nur in ganz kurzen Augenblicken erkennen, dass er selbst in on the joke ist, anstatt sich in selbstdistanzierendem Wink-wink, nudge-nudge zu ergehen. Da gibt es etwa diesen einen sehr geilen, sehr komischen Moment: Adam Garou und seine Werwolf-Spezialeinheit haben soeben ein Sprengstoff-Attentat überlebt und marschieren in einer dieser mit pathetischer Musik unterlegten Zeitlupenszenen in das Polizeipräsidium. Mit ihren zerrissenen Klamotten und den geschwärzten Gesichtern ziehen sie sofort die Blicke der umstehenden und -sitzenden Kollegen und der anwesenden Zeugen und Verdächtigen an: Alle sehen für einen Augenblick von ihrer Tätigkeit ab und verfolgen gebannt, was diese illustre Gruppe im Sinn hat. Die anderen im Schlepptau tritt Garou zum Schalterbeamten, knallt ein abgerissenes Lenkrad auf das Pult und sagt mit einem selbstbewussten Grinsen: „Wir brauchen ein neues Auto.“ – Das ist kein besonders origineller Spruch und auch keine wirklich einfallsreiche Auflösung der Szene, aber sie trifft dennoch ins Schwarze, weil Hickox sie ganz trocken runterinszeniert. Man merkt fast gar nicht, dass das ein Witz ist. Ich kann mir richtig vorstellen, wie zeitgenössische Regisseure den One-Liner damit eingeleitet hätten, dass die Musik mit einem „Kratzer“ verstummt wäre, Garou seine Witz in die neue Stille hineingesagt hätte, damit man ihn auch bloß nicht verpasst. Oder dass die Kamera dazu ruckartig an ihn herangezoomt hätte, er den Spruch im Stile eines Clint Eastwood ins Objektiv gegrummelt hätte . Nichts davon hier. Eher noch hat man den Eindruck, dass Bruce Paynes verschmitztes Lächeln von seiner Belustigung über die Szene herrührt und absichtlich dringelassen wurde. Wie gesagt: sympathisch.

Was mir diesmal mehr als damals aufgefallen ist: FULL ECLIPSE bedient sich ikonografisch recht dreist bei den X-Men und da natürlich vor allem beim Design Wolverines. Die erste Verfilmung der Comicserie sollte erst gut sechs Jahre später erscheinen und es ist mehr als fraglich, ob Singer als Vorbereitung darauf ausgerechnet diesen kleinen Pay-TV-Fernsehfilm gesehen hat. Die Szenen, in denen die Spezialeinheit in vollem Werwolf-Look und in Body-Suits im Mondschein herumpost, weckt allerdings mehr als nur leise Assoziationen. Sehr wahrscheinlich ist es eher umgekehrt: Mit der seit damals gewonnenen Kenntnis dutzender Superhelden-Comicverfilmungen sieht auch FULL ECLIPSE heute so aus wie eine von diesen. Früher war es einfach nur ein merkwürdiger Genrehybrid ohne große Vorbilder, heute sieht man in seiner Dramaturgie zahlreiche Parallelen zu den modernen Marvel-Filmen. FULL ECLIPSE erzählt demnach so etwas wie die Origin Story von Max Dire, dem Werwolf-Polizisten, und das Ende deutet dessen kommenden Abenteuer an, in denen er seine Eigenschaften dann für das Wohl der Menschheit einsetzt. Schade, dass nie ein Sequel gedreht wurde. Das hätte mir – wie FULL ECLIPSE auch – wahrscheinlich besser gefallen als alle X-Men-Filme zusammen.

John Hood (Mario van Peebles), wegen seiner Rapskills auch „Rappin‘ Hood“ genannt, kehrt nach einer Haftstrafe zurück nach Pittsburgh, wo er von seiner Crew (u. a. Kadeem Hardison und Eriq La Salle) schon sehnsüchtig erwartet wird. Doch viel hat sich verändert: Seine Freundin Dixie (Tasia Valenza) ist mittlerweile mit Johns Erzfeind Duane (Charles Grant) zusammen und ein rücksichtsloser Bauunternehmer versucht die Bewohner von Johns heruntergekommenem Viertel mit dubiosen Machenschaften zu vertreiben. Unter anderem mit seinen begeisternden Freestyles gelingt es John  und seinen Kumpels, den Tag zu retten …

Mitte der Achtzigerjahre waren Breakdancing und Rap der heißeste Scheiß in Sachen Jugendkultur und als gewiefte Geschäftsmänner wussten die Masterminds der Cannon, Menahem Golan und Yoram Globus, dass sie diesen Trend filmisch zu melken hatten, solange er Milch hergab. So entstanden BREAKIN‘, BREAKIN 2: ELECTRIC BOOGALOO und eben RAPPIN‘ und zumindest mit dem ersten in dieser Reihe ging die Rechnung für die Cannon auf: Er war einer ihrer größten Erfolge an der Kinokasse. Dieser Erfolg konnte aber kaum darüber hinwegtäuschen, dass Golan und Globus die neu entstandene Jugendkultur bestenfalls marginal verstanden hatten. Das wurde spätestens im Sequel, das Breakdancing durch stinknormalem Jazztanz ersetzte, und eben in RAPPIN‘ evident. Anstatt echte Rapper zu besetzen, was etwa KRUSH GROOVE zu einem kleinen Klassiker machte, quält uns nun Mario van Peebles mit seinen lyrischen Ergüssen, die einer Kunstform, mit der die Unterprivilegierten sich eine Stimme verschafften, jeden subversiven Zahn ziehen. Auch wenn im Film immer wieder gepredigt wird, wie nützlich Rap ist, um sich Gehör zu verschaffen, so gehen die Texte von „Rappin‘ Hood“ doch nie über das hinaus, was das Erbauungskino so an Message unters Volk bringt. Der Höhepunkt des Films, in dem Hood sein Plädoyer gegen den bösen Bauunternehmer bei einer öffentlichen Anhörung rappt und selbst die Richter mit seinen Binsenweisheiten zum Mitklatschen und Mitskandieren anregt, spricht eine sehr deutliche Sprache.

Vielleicht sehe ich das auch zu eng: RAPPIN‘ ist im Grunde genommen ein Kinderfilm, in dem die Guten und die Bösen schon von Weitem klar erkennbar sind und Grauschattierung außen vor bleiben. Und als Zeitzeugnis, das den ersten Schritt einer vormals im Underground angesiedelten Ausdrucksform hin zum (totalen) Kommerz illustriert, ist er durchaus nicht ganz uninteressant. Kurze Auftritte von einem unglaublich spargeligen Ice-T, der mit seinem Track „Killer“ (und umgehängter Maschinenpistole) schon den später kommenden Gangsterrap antizipiert, und den Force M.D.’s sorgen für einen Hauch Authentizität, das herrlich marode, ja beinahe ruinöse Stadtviertel, in dem der Film spielt, für eine visuelle Linie und der zum Abschluss statt gewöhnlicher Credits von fast allen Cast-Mitgliedern vorgetragene Rap für ein versöhnliches Schmunzeln.