Mit ‘Mark L. Lester’ getaggte Beiträge

Als ich COMMANDO zum letzten Mal gesehen habe, vor so ca. zehn Jahren, da steckte ich mittendrin in der Arbeit am „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde!“-Blog. Ich betrachtete Actionfilme damals anders, suchte nach verborgenen Subtexten, nach der tiefen Tragik und Poesie in den Geschichten um diese gescheiterten Existenzen, um die es im Actiongenre meist geht. Bei COMMANDO biss ich auf Granit: Der Film, der vielen als einer der tollsten seines Genres gilt und den auch ich immer sehr geliebt hatte, ließ mich enttäuscht zurück. Unter den damaligen Voraussetzungen ist das kein Wunder: COMMANDO ist ein greller, übersteigerter Gewaltcomic, eine gut geölte Unterhaltungsmaschine, mit dem einzigen Zweck, dem Zuschauer einen gepflegten Adrenalinkick zu verpassen. Hier nach einer tieferen Erkenntnis zu suchen, nach Menschlichkeit oder tieferen Emotionen, ist sinnlos und tut dem Film Unrecht, dessen Schönheit darin liegt, wie er all die niederen Instinkte des Zuschauers mit derselben Effizienz bedient, wie sein Protagonist John Matrix (Arnold Schwarzenegger) mit den bad guys aufräumt.

Mark L. Lester bedient sich einer Strategie, die später vor allem Steven Seagal für sich nutzbar machen sollte: Es geht in COMMANDO nicht um Spannungserzeugung in dem Sinne, dass der Zuschauer sich fragt, ob der Held es schafft. Daran besteht von Anfang an kein Zweifel – tut es streng genommen natürlich nie, aber die meisten Filme spielen zumindest mit der Möglichkeit, dass es auch schlecht ausgehen könnte. In COMMANDO ist das anders: Der Spaß besteht darin, dabei zuschauen zu dürfen, wie Matrix mit den Schurken aufräumt, ohne dabei wirklich einmal außer Atem zu geraten. Und um diese Freude zu maximieren, hat Lester seinen Film jeden Zierrats entledigt, auf vier schnurgerade und ohne Tempolimit zum Ziel führende Spuren ausgebaut und seinem Protagonisten dann einen aerodynamisch geformten Raketenwagen zur Verfügung gestellt. COMMANDO kennt, einmal ins Rollen geraten, keine Pausen, der Countdown tickt unerbittlich, der Schnitt drückt mächtig auf die Tube und der Score gibt den treibenden Rhythmus vor. Nach etwas mehr als 80 Minuten ist der Spuk vorbei, erschöpft, aber glücklich liegt man auf dem Rücken wie die Heerscharen feindlicher Soldaten, die Matrix mit maschineller Präzision aus dem Weg geräumt hat.

Dass dieser Film einen andere Weg geht als andere Actioner, zeigt eine Szene zu Beginn: Ehemalige Partner von Matrix haben sein Haus überfallen und seine Tochter (Alyssa Milano) entführt, um ihn dazu zu bringen, für sie den amtierenden Präsidenten einer Bananenrepublik zu stürzen. Matrix stürzt in das Zimmer seiner Tochter, in der Hoffnung, sie noch retten zu können, doch sie ist schon weg. Stattdessen sitzt da einer der Schurken, der die Aufgabe hat, Matrix über die Bedingungen aufzuklären. Normalerweise geht die Szene so: Der Held erfährt, dass er keine Handlungsoptionen hat, dass sein eigen Fleisch und Blut in Lebensgefahr schwebt und er den Anweisungen folge zu leisten hat. Einsichtig wirft er seine Waffe weg und beugt sich den Forderungen. Nicht so in COMMANDO: Hier entgegnet Matrix dem Botschafter auf dessen rhetorische Frage „If you want your kid back, you gotta cooperate, right?“, ein kurz angebundenes, höchst entschlossenes „WRONG“ und schießt ihm eine Kugel zwischen die Augen, bevor er die Verfolgung aufnimmt. Man könnte sagen, dass der Witz des Films darin besteht, Erwartungen aufzubauen und diese dann immer durch gezielte Enttäuschung zu übertreffen. Das berühmteste Beispiel ist Matrix‘ an den rattenhaften Sully (David Patrick Kelly) gerichtetes Versprechen, ihn als letzten umzubringen: Natürlich beißt er als erster ins Gras und seine verdutzte Reaktion darüber quittiert Matrix nur mit dem trocken vorgebrachten Geständnis, ihn angelogen zu haben.

Dieser Ansatz ist perfekt für Schwarzenegger, der als Matrix zwar den liebenden, amerikanische Werte ehrenden Vater geben darf, der mit dem Töchterchen ein Rehlein füttert, sich von ihr Eis auf die Knubbelnase schmieren lässt und angesichts von Fotos von Boy George nur amüsiert den Kopf schüttelt, aber von Lester dennoch wie ein Roboter inszeniert wird, der wie einst der Terminator nur die Programmierung kennt. Das Maschinenhafte besteht aber nicht nur darin, dass Matrix so geradlinig und umweglos auf sein Ziel zuwalzt, dass er keinerlei Emotionen zeigt, sondern eben nur tut, was getan werden muss, sondern auch, dass er, wie beschrieben, beständig die Erwartungen des Zuschauers unterläuft: Er begreift gar nicht, was das ist, „Entertainment“, dass dazu der Tease und das Herauszögern gehören. Und Lester setzt das grandios in Szene: Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er gemeinsam mit Drehbuchautor De Souza und Editor Mark Goldblatt zusammengesessen und immer wieder überlegt hat, wie er COMMANDO noch schneller machen kann. Wie Matrix gar nicht erst in die Bananenrepublik Val Verde reist, sondern noch aus dem startenden Flugzeug springt, nachdem er seinen Aufpasser mit dem Ellbogen erschlagen hat (wie witzig ist es eigentlich, dass es diese vollkommen sinnlosen Establishing Shots vom Flughafen von Val Verde gibt, wo Matrix nie ankommt?). Wie er in einen Waffenladen einbricht, indem er kurzerhand mit einem Bagger hineinfährt. Wie er ohne großen Plan einfach auf die Insel der Bösewichter stürmt und diese in einem kurz angebundenen Amoklauf wegballert. Wie er sich in einem Geräteschuppen mit mörderischem Heimwerkerequipment ausrüstet, als er einmal in die Enge getrieben wird. Wie er sich seinen Endgegner, den einen frustierten Crush für ihn hegenden SM-Schwulen Bennett (Vernon Wells), mit einer Reihe schnell geschnittener Schädelbrecher für den Finishing Move zurechtlegt, als es ihm zu lang dauert. Selbst die ikonische Montageszene am Strand, in der Matrix sich vorbereitet, scheint hier doppelt so schnell wie in allen anderen Actionern.

COMMANDO ist gewiss kein Film, dessen Story einer ausführlichen Exegese bedürfte. Sie ist Mittel zum Zweck, bietet kaum mehr als eine Prämisse zur Aneinanderreihung der zahlreichen Actionszenen. Was ja durchaus der passende Ausdruck für Matrix‘ Persönlichkeit ist: Egal wie komplex die Probleme auch sein mögen, mit denen er konfrontiert ist, er wird sie immer mit der hier gezeigten frontalen Kompromisslosigkeit angehen. Hinsichtlich seiner Komposition ist COMMANDO nichts weniger als ein Meisterwerk. Hier kann man lernen wie Action geht, wie man die Dinge bis auf das Skelett reduziert, entwirrt und gnadenlos beschleunigt. Wham, bang, thank you ma’am. Und in dieser Hinsicht ist COMMANDO unglaublich reich. Ja doch, war wieder geil diesmal.

 

roller-boogie-posterAls mein Kurztrip durch das Musical/den Musik- und Zeitgeistfilm der Siebziger- und Achtzigerjahre mich zu diesem Film führte, war die Vorfreude groß: Zum Gipfelpunkt des Discofiebers und Rollerskate-Trends inszeniert von Mark L. Lester, der in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren diverse Großtaten im Bereich des Action- und Gewaltfilms vollbringen sollte – CLASS OF 1984, FIRESTARTER, COMMANDO, CLASS OF 1999, SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO, EXTREME JUSTICE -, mit Linda Blair besetzt und fotografiert von niemand Geringerem als Dean Cundey, versprach ROLLER BOOGIE ein Quell bubblegumbunter Freude zu sein.

Doch leider, leider opfert der Film alle diese potenziellen Tugenden auf dem Altar der biederen Mittelmäßigkeit. Die leidlich interessante, aus Dutzenden von Liebes-, Musik. und Teeniefilmen bekannte Story – Mädchen aus reichem Hause liegt mit ihren Eltern über Kreuz, verliebt sich in den einfachen Rollerskater, gewinnt mit ihm einen Wettbewerb, rettet nebenbei den von finsteren Geschäftemachern bedrohten Skaterink vor der Schließung und versöhnt sich über all diesen Ereignissen mit den Eltern – wird hier in einer besonders leblosen Variante abgespult. All das Sommerfeeling, das der in Venice Beach gedrehte Film verströmt, muss wirkungslos verpuffen. Die Versäumnisse von ROLLER BOOGIE stechen besonders ins Auge, wenn man den Film mit dem inhaltlich sehr ähnlichen DIRTY DANCING vergleicht. Der ist nun auch nicht gerade ein Meisterwerk, aber er hat im Zentrum zwei Protagonisten, deren Paarung Funken versprüht und all die Klischees, die die Handlung auftürmt, vergessen macht. Linda Blair hingegen hat als nur rudimentär entwickelte Terry Barkley nicht viel mehr als ihre eigene gewinnende Persona ins Rennen zu werfen. Und Jim Bray, kein Schauspieler, sondern ein Rollerskate-Champion, dessen einziger Film dies blieb, macht seine Sache zwar ordentlich, entwickelt aber keinerlei Chemie mit dem Star. Was die beiden aneinander finden, bleibt das Geheimnis des Films, und es ist fast eine Erlösung, wenn die beiden am Ende wieder eigene Wege gehen. Allzu schwer fällt ihnen der Abschied dann auch nicht. ROLLER BOOGIE versäumt es total, irgendetwas Unverwechselbares zu erschaffen: Alles bleibt oberflächlich, flach. Die Dramaturgie besteht aus einem lustlos-geschäftigen Abhaken von standardisierten Plotpoints, die in regelmäßigen Abständen von mit aktuellen Hits untermalten Rollerskate-Szenen unterbrochen wird. Das finale Turnier, das eigentlich der Höhepunkt sein sollte, wird eilig abgespult, ohne dass da auch nur ein Iota von Spannung aufkäme oder man gar das Gefühl hätte, der Film interessiere sich wenigstens selbst für dessen Ausgang. Es bleibt ein Nachgedanke und selten wirkte ein Hauptgewinn so unverdient, so vorhersehbar, so leicht errungen. Seltsam überdies, dass es keinen Aufstand unter den Mitbewerbern darüber gibt, dass die Jury alles andere als unparteiisch ist: Sie besteht aus Terrys Eltern, dem Kumpel ihres Tanzpartners und dem Veranstalter, der den Besitz des Etablissements überhaupt nur dem Engagement des Protagonistenpärchens zu verdanken hat. Das steht exemplarisch dafür, wie leicht man es sich hier gemacht, wie sehr man sich auf die Zugkraft der Zeitgeist-Zutaten verlassen hat. Selbst unter der Voraussetzung, dass man hier eh kein Meisterwerk erwarten durfte, ist das ein bisschen zu wenig. Schade drum.

firestarter-movie-poster-1984-1020192887FIRESTARTER gehört durchaus noch zur ersten großen Welle von King-Verfilmungen, als die Studios sich von den eher durchwachsenen Kritiken und Zuschauerzahlen noch nicht beeindrucken ließen und weiterhin beachtliches Budget und Talent in immer neue Adaptionen steckten. FIRESTARTER sieht wie auch die etwa in die gleiche Phase fallenden CHRISTINE, THE DEAD ZONE oder CUJO fantastisch aus, ist bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzt (neben den Hauptdarstellern David Keith, Drew Barrymore, Martin Sheen und George C. Scott agieren da z. B. Art Carney, Louise Fletcher, Moses Gunn. Antonio Fargas, Heather Locklear, Freddie Jones und Drew Snyder) und von Mark L. Lester technisch gewohnt kompetent umgesetzt. Der Soundtrack stammt von Tangerine Dream und die Feuereffekte sind auch heute noch spektakulär: Die Zerstörungsorgie am Schluss, bei der die kleine Charlene (Drew Barrymore) Kugeln an sich abprallen lässt und explodierende Feuerbälle verschießt, erinnert fast ein wenig an RAMBO: FIRST BLOOD PART II.

Trotzdem ist FIRESTARTER nicht 100-prozentig befriedigend. Auch wenn ich den Film gegen seinen nicht so berauschenden Ruf jederzeit verteidigen würde: Dramaturgisch funktioniert er nicht richtig, mutet ein wenig leer und leblos an und begeht zudem den Fehler, seine beiden wunderbar hassenswerten Schurken – George C. Scott als gemeines Halbblut John Rainbird mit Pferdeschwanz und Augenklappe, Martin Sheen nach THE DEAD ZONE erneut als schmieriger Staatsbeamter – viel zu früh über die Klinge springen zu lassen. Warum der Funke (hihi) nicht richtig überspringt, ist indessen nicht so leicht zu sagen. Der Film hat mehrere kleine Probleme. David Keith bleibt blass in der zugegeben undankbaren Rolle des telepathisch begabten Papas, Drew Barrymore ist niedlich, aber als Schauspielerin einfach noch nicht ausgereift genug, um die Hauptrolle zu tragen. Diese Spannung zwischen dem süßen kleinen Mädchen einerseits und der tödlichen Gefahr, die sie birgt, andererseits, und von der der Film eigentlich leben sollte, bleibt Behauptung, wird nie wirklich greifbar. Der gewohnt außerweltliche Score von Tangerine Dream passt nicht zu den doch eher knalligen Bildern, legt einen Schleier über sie und schafft so Distanz, wo er eigentlich die volle Wucht des Affekts unterstreichen sollte. Aber auch Lester leistet sich einige Ungeschicktheiten, arbeitet mit den immer gleichen visuellen und verbalen Cues, um die unsichtbare Psychoaktivität seiner Protagonisten anzuzeigen. Spätestens beim dritten Mal wird es einfach albern, wenn sich David Keith bedeutungsschwer an die Schläfen fasst oder Drew Barrymore „Back off“ skandiert, um ihre Kräfte zu drosseln. Da offenbart FIRESTARTER eine Käsigkeit, die im krassen Widerspruch zu seinen offenkundigen Production Values steht.

Trotzdem hat mir der Film, den ich zum ersten Mal gesehen habe, gut gefallen. Es ist ein bisschen so ähnlich wie mit dem kürzlich wiedergesehenen SHOOT TO KILL: FIRESTARTER repräsentiert eine Art von unaufgeregtem, professionellem Mainstream-Filmmaking, die heute kaum noch gepflegt wird, mit dem Ende der Achtzigerjahre, spätestens aber zum Jahrtausenwechsel völlig verschwunden ist. Diese Feststellung lässt sich bei Lesters King-Verfilmung gerade deshalb besonders gut anstellen, weil er thematisch so eng bei den Superhelden-Verfilmungen liegt, die heute den Status quo des Blockbuster-Genrekinos ausmachen. Statt pausenlosem Effekt-Heckmeck, 24 handelnden Charakteren und 35 angestoßenen Subplots für die geplanten nächsten 12 Spin-offs und Sequels gibt es hier ein intimes Vater-Tochter-Drama mit parapsychologischem Hintergrund und viele eher unausgesprochene Konflikte. Was will eigentlich John Rainbird von der kleinen Charlene? Die im Raum stehende Frage wird nie beantwortet, was die Beziehung zwischen den beiden umso unheimlicher macht.

Der in Japan aufgewachsene Detective Kenner (Dolph Lundgren) musste als Kind mitansehen, wie sein Vater von einem Mitglied der Yakuza umgebracht wurde. In der Gegenwart erkennt der im japanischen Viertel von L.A. arbeitende Cop den Mörder wieder: Es ist Funekei Yoshida (Cary-Hiroyuki Tagawa), der Anführer der japanischen Iron-Claw-Bande, die in großem Stil Drogen unters Volk bringt. Gemeinsam mit seinem neuen Partner, dem Halbjapaner Johnny Murata (Brandon Lee), der von japanischer Kultur aber keinen blassen Dunst hat, geht Kenner auf Rachefeldzug …

SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO stammt aus einer Übergangsphase des amerikanischen Actionfilms, einem kurzen Zeitraum der Ungewissheit, der Suche, vielleicht sogar der Ratlosigkeit. Das Erfolgskonzept, das in den Achtzigerjahren noch einen Erfolg nach dem anderen hervorgebracht hatte, war überholt, ein neues noch nicht in Sicht. Dieser Schwebezustand bot aber rückblickend einen großen Freiraum für Action-Regisseure, denen vielleicht nicht die Riesenbudgets zur Verfügung gestellt wurden, die aber trotzdem wussten, wie das funktioniert mit Bewegung, Geschwindigkeit und Zerstörung auf der Leinwand. Mark L. Lester war einer von ihnen: Mit CLASS OF 1999 und SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO machte er zwei der schönsten Actionfilme jener Findungsphase (zusammen etwa mit Baxleys STONE COLD) und nachdem James Cameron mit seinem T2: JUDGMENT DAY dann die Blaupause für das neue familienorientierte Actionkino geliefert hatte, da drehte Lester EXTREME JUSTICE und NIGHT OF THE RUNNING MAN und gab klar und deutlich zu verstehen, was er von diesem neuen Actionkino hielt.

SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO ist schon fast aufreizend provokant in seiner Flüchtigkeit: Nach 75 Minuten laufen die Credits und bis dahin wird keine Minute verschwendet. Seine Protagonisten sind nach zehn Minuten vollständig charakterisiert und ihre Motivationen etabliert, sodass dazu übergegangen werden kann, eine Actionszene nach der anderen abzufeuern. Und trotz des immensen Gewaltpegels wirkt das alles niemals abstoßend und brutal, sondern sehr cartoonesk, ohne dabei jedoch in die Abgründe des Funsplatters abzugleiten. Im Grunde ist SHOWDOWN ein sehr infantiler Film: Seine beiden Protagonisten wirken wie große Kinder (man beachte die Jacke, die Lundgren im Film trägt und die wohl nur Zwölfjährige so richtig cool finden können) und ihr Einsatzgebiet ist der eigens für sie errichtete Abenteuerspielplatz, auf dem sie sich nach Herzenslust austoben können. Die Schurken – allesamt larger than life – scheinen extra dort abgeladen, damit Kenner und Murata sich ihrer mit viel Krawumm entledigen. Die Drogen sind tödlich, für Gefühle zwischen Hass und Liebe gibt es keinen Raum, die One-Liner sirren durch den Film wie abgefeuerte Projektile. Und wenn es weibliche Brüste zu sehen gibt, was nicht eben selten ist für einen 75-Minüter, dann sind sie groß und prall und immer perfekt ausgeleuchtet. Doch so wenig nachhaltig, so albern, flüchtig und konsequenzlos SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO auch ist: Ihm gelingt es all das auf eine Art und Weise zu sein, die einem dann doch Respekt abnötigt. Man könnte auch sagen, Lester habe einen No-Nonsense-Nonsense-Film gedreht: Er ist nie zu blöd, nie zu witzig, nie zu over-the-top, findet stattdessen immer das richtige Maß und scheint sich in jeder Sekunde darüber bewusst zu sein, was er ist. Er bringt eigentlich die besten Voraussetzungen dafür mit, ihn zu hassen: Zwei smarte Helden, die sich selbst ein kleines Bisschen zu cool finden, ein bisschen zu gut aussehen, ein bisschen zu breit grinsen; einen Schurken, der ein bisschen zu eindimensional böse ist, eine damsel in distress, die ein bisschen zu sehr als offensichtliches (und unwichtiges) love interest konzipiert ist, und eine Plotline, die die Glaubwürdigkeit ein bisschen zu sehr überstrapaziert. Aber seltsamerweise fällt nichts davon negativ ins Gewicht. Erklären kann ich mir das beim besten Willen nicht, aber ich bin froh, dass es diesen Film gibt, der seine ihm zugrunde liegende Intelligenz damit unter Beweis stellt, wie er die eigentlich ultrarassistische Zeichnung seiner Bösewichter in der Gegenüberstellung von Kenner und Murata aushebelt.

1999: Jugendgangs haben die US-amerikanischen Metropolen in bürgerkriegsartige Zustände gestürzt. Die Ordnung wurde wieder hergestellt, indem man bestimmte Stadtgebiete einfach aufgab: die so genannten Free-Fire-Zones, in denen nun Anarchie herrscht. Die Kennedy High School in Seattle liegt in einer solchen Free-Fire-Zone und soll wieder geöffnet werden. Dazu installiert das „Ministry of Educational Defense“ gemeinsam mit dem Waffenhersteller Megatech drei Cyborgs als Lehrkräfte (John P. Ryan, Pam Grier und Patrick Kilpatrick), die den aufmüpfigen Schülern notfalls mit Gewalt Manieren beibringen sollen. Was niemand weiß: Die Cyborgs sind der Prototyp für eine neue Waffenserie und ihr Einsatz an der Schule nur ein Testlauf. Bald sind die ersten toten Schüler zu beklagen. Der Anführer der Jugendgang „Blackhearts“, Cody Culp (Bradley Gregg), stellt sich den Kampfmaschinen entgegen …

Wieder mal so eine Filmsichtung aus der Kategorie „Wiedersehen mit alten Freunden“. Die deutsche Leihvideo-Veröffentlichung von CLASS OF 1999 war massiv geschnitten, die Kopie des niederländischen Tapes avancierte somit zum gefragten Kulturgut und zum essenziellen Bestandteil der Sammlung. Ja, seinerzeit war CLASS OF 1999 ein Renner, vollgestopft mit schöner Gewalt, geilen MAD MAX-Outfits, kreativen Latex- und Prosthetics-Splattereien und Darstellern, von denen man zwar wusste, dass man sie irgendwie cool finden sollte (neben den oben genannten etwa Stacy Keach mit herrlich gebleichter Endachtziger-Rattenschwanz-Frisur und gruseligen Reptilienaugen-Kontaktlinsen und natürlich Malcolm McDowell), aber noch nicht so recht, warum bzw. wofür. Untermalt wurde das Spektakel von in höchstem Maße testikelvergrößerndem,  prolligem und – da Nirvana ja noch in weiter Ferne lagen (zwei Jahre fühlten sich damals noch wie eine Ewigkeit an) – von der eigenen Dominanz besoffenem Schwanzrock, der die Bilder einer nahen, von coolen Jugendlichen in noch cooleren Postpunk-, New-Barbarian- und New-Wave-Klamotten dominierten urbanen Apokalypse treffend kommentierte. Der Zahn der Zeit hat also naturgemäß seine Spuren an Mark L. Lesters Film hinterlassen, aber das macht nichts, ist schließlich Teil des Spiels, wenn man solche mit einem selbst verwachsene Schätze aus der Versenkung hebt. Und mit den aktuellen Genrevertretern vorm geistigen Auge, die Vision, Commitment und Einfallsreichtum oft durch vordergründige Perfektion ersetzen, kickt CLASS OF 1999 doppelt so hart: Was hier an Stunts, Explosionen und Zerstörung aufgefahren wird, spottet jeder Beschreibung. Heutzutage lassen Filmemacher die Festplatten und Prozessoren ihrer Rechner rauchen, früher haben Leute wie Lester Autos angezündet und Häuser gesprengt, wenn sie Qualm haben wollten. Recht so!

So ist CLASS OF 1999 dann auch nicht unbedingt ein Film für Feingeister – noch weniger als der nominelle Vorgänger, Lesters visionärer CLASS OF 1984, der sich des Themas „Gewalt an Schulen“ angenommen und es mit dem seit Winners DEATH WISH etablierten Selbstjustizfilm kurzgeschlossen hatte und selbst schon nichts für zarte Gemüter gewesen war. Der Realitätsbezug, den jener noch hatte, wird hier weitestgehend zugunsten eines wilden, deutlich an Verhoevens ROBOCOP angelehnten Science-Fiction-Szenarios verworfen, das zwar dystopische und also halbwegs auf realen Verhältnissen gründende Züge trägt, aber in erster Linie Anlass für krachendes Spektakel bietet. Vor allem am Schluss, wenn die Cyborglehrer ihre fleischlichen Hüllen fallen lassen und sich ganz unverhohlen als Mordmaschinen mit individueller Bewaffnung (Flammenwerfer, Raketenwerfer, Stahlkralle und Schlagbohrer) präsentieren, schlägt das Herz des Exploitationfreundes einen Salto in der Brust. Doch die schönste und hintersinnigste Szene des Films ist ohne Zweifel die, in der John P. Ryans gestrenger Geschichtslehrer (immer stilecht in Sakko und Cordhose) zwei Bandenmitglieder zur Räson bringt, indem er sie vor versammelter Klasse kurzentschlossen über Knie legt und ihnen ordentlich den Arsch versohlt. Das ist so wunderbar oldschool wie Lesters Film im Jahre des Herrn 2011.

extreme justice (mark l. lester, usa 1993)

Veröffentlicht: Juni 12, 2009 in Film
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Extreme_justice[1]Jeff Powers (Lou Diamond Phillips) ist Cop beim LAPD und bei den Kollegen der Internal-Affairs-Abteilung für seine Disziplinlosigkeiten bekannt wie ein bunter Hund. Als ihn sein ehemaliger Partner Dan Vaughn (Scott Glenn) zu der von ihm geführten Polizei-Spezialeinheit SIS (Special Investigation Section) beruft, ist Jeff entsprechend verdutzt, zumal ihm dort genau jenes Verhalten ausdrücklich gestattet wird, für dass er sich bisher immer rechtfertigen musste. Nach anfänglicher Begeisterung über den neuen Job, der eine sehr viel effizientere Art der Verbrechensbekämpfung zu erlauben scheint, kommen Jeff jedoch schon bald Zweifel: Seine neue Einheit ist offensichtlich weniger an Festnahmen interessiert als an öffentlichen Exekutionen …

EXTREME JUSTICE habe ich zum letzten Mal irgendwann in den Neunzigern gesehen, als er noch halbwegs aktuell war. Er hat mir damals sehr gut gefallen, ohne dass er mir jedoch besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben wäre. Oberflächlich betrachtet ist Lesters Film sicherlich nichts, worüber man in ausufernde Begeisterungsstürme verfallen müsste: Es handelt sich um zwar sehr sauber inszenierte, aber dennoch recht herkömmliche Genreware, deren einzelne Versatzstücke man allesamt kennt und die eigentlich keine besonderen Neuerungen – weder inhaltlich noch stilistisch – birgt. Trotzdem hat er mir bei der Betrachtung vorgestern richtiggehend Feuer unter dem Arsch gemacht und mich von vorn bis hinten gefesselt. Woran liegt’s? Ein Grund ist mit Sicherheit, dass man seine Begeisterung für diesen Film mit nicht allzu vielen Leuten teilen muss: Schon zu seinem Erscheinen signalisierte er das letzte Aufzucken eines langsam erlöschenden Feuers – der im B-Film verwurzelte Actionfilm war seinerzeit bereits im Verschwinden begriffen – und heute dürften sich nur noch ganz wenige überhaupt an seine Existenz erinnern. Diese Unauffälligkeit macht für mich aber einen großen Teil seines Reizes und seiner Qualität aus. Heute, wo jeder Actionfilm auf 130 Minuten aufgeblasen und mithilfe zahlreicher CGIs und Avidfürze auf Hochglanz poliert wird, damit dem Zuschauer möglichst wenig Zeit zum Nachdenken bleibt, weiß man einen Film wie EXTREME JUSTICE, der ohne Schnickschnack auf den Punkt kommt, der echtes, solides Filmhandwerk bietet, der nicht mit einer neunmalklugen, möglichst werbewirksamen Prämisse hausieren gehen muss, sondern für sich stehen kann, wieder richtig zu schätzen. Die Härten kommen satt und heftig, ohne breit ausgewalzt zu werden, die Darsteller sind echte Typen, die auch gern mal jenseits der 40 sein dürfen und denen man ihre Rollen allesamt abnimmt (neben den Genannten agieren u. a. Ed Lauter mit geilem Bürstenhaarschnitt, Andrew Divoff, Yaphet Kotto, William Lucking und Richard Grove) und die Story verkommt nie zum bloßen Vorwand für die Action- und Gewaltszenen. So stellt EXTREME JUSTICE durchaus einen ernstzunehmenden, späten Beitrag zum in den Siebzigerjahren mit DEATH WISH etablierten Subgenre des Selbstjustizfilms dar. Dass Lester mit seinem Film über die realexistierende Spezialeinheit SIS, die seit ihrer Gründung im Jahr 1985 ausgesprochen kontrovers diskutiert wird, sogar ein recht heißes Eisen angepackt hatte, kann man der IMDb entnehmen, die zu berichten weiß, dass das Filmteam während der Dreharbeiten unter sehr genauer Beobachtung stand. Das täuscht sicherlich nicht über die ein oder andere arg schematisch Szene – etwa wenn Dan Vaughn einen Dialog mit dem Foto seiner Ex-Frau führt, die ihn wegen seines Jobs verlassen hat – oder den ein oder anderen überkonstruierten Charakter – z. B. Jeffs Freundin, die attraktive Enthüllungsreporterin, die prompt auf das SIS angesetzt wird – hinweg . (Ob man Lou Diamond Phillips und seine ungebändigte Indianermähne, die er hier spazierenträgt, gut oder peinlich findet, ist sicherlich ebenfalls Geschmackssache.) Aber spätestens zum Finale, das sich überaus nachdrücklich von all jenen Konventionen verabschiedet, denen EXTREME JUSTICE vorher noch ergeben war, mutet solch geschmäcklerische Kritik irgendwie kleinlich an.

Mark L. Lester – das bestätigt auch dieser Film – gehört zu einer Sorte Regisseur,  die leider mehr und mehr ausstirbt. Er lieferte zu seiner Hochzeit zwar nie ein echtes Meisterwerk ab, aber er stand immer für grundsolides, handgemachtes Actionkino. Neben seinen beiden wohl besten Filmen CLASS OF 1984 und COMMANDO war er u. a. für solche Schätzchen  wie CLASS OF 1999, SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO oder NIGHT OF THE RUNNING MAN verantwortlich, der unmittelbar auf EXTREME JUSTICE folgte. Er dreht immer noch regelmäßig Filme, doch beliefert er mit Titeln wie PTERODACTYL wohl ausschließlich den Direct-to-DVD-Markt: traurig, traurig, traurig. Wer solche Leute wie ihn und den ruppigen Großstadtfilm, der irgendwann in den Neunzigern unbemerkt verschwand, ebenso vermisst wie ich, der wird mit EXTREME JUSTICE seine helle Freude haben. Ein arschgeiles Teil!