Mit ‘Marthe Keller’ getaggte Beiträge

BLACK SUNDAY, Frankenheimers Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Hannibal-Lecter-Erfinder Thomas Harris, sollte ein Riesenhit werden. Die Testvorführungen liefen gigantisch und ließen keinen anderen Schluss zu, man erwartete nichts weniger als einen Kassenschlager im Stile von JAWS. Superproduzent Robert Evans schien tatsächlich das nächste As im Ärmel zu haben. Doch dann kam alles anders: Niemand, wirklich niemand wollte BLACK SUNDAY sehen. Möglicherweise abgetörnt von dem kurz vorher gelaufenen Flop TWO MINUTE WARNING, der mit einer ähnlichen Prämisse aufwartete, blieben die Menschen, die Frankenheimers Film zu einem Megahit hatten machen sollen, den Kinos in Scharen fern. Und auch wenn man heute weiß, dass BLACK SUNDAY ein meisterlich inszenierter Thriller und ein Musterbeispiel für Hochspannung ist, hängt ihm das Pech von einst immer noch nach. Auf eine adäquate HD-Version fürs Heimkino warten wir heute noch.

BLACK SUNDAY entführt uns in eine Zeit, in der nicht der Terror des IS die Welt in Atem hält, sondern die Aktionen der PLO und ihrer verbündeten Splittergruppen. 1972 hatte das Massaker bei den Olympischen Spielen von München ein unüberhörbares Signal gesendet, das auch Harris zu seinem Roman inspirierte, in dem eine palästinensische Terrorgruppe einen Anschlag auf den Superbowl und seine 80.000 Zuschauer plant. Für die Drehbuchadaption zeichnete unter anderem Kenneth Ross verantwortlich, der mit solchen Stoffen schon Erfahrung hatte: Von ihm stammt auch das Script zu Fred Zinnemanns THE DAY OF THE JACKAL, der die Vorbereitungen auf ein Attentat ähnlich nüchtern, protokollarisch und präzise schilderte wie Frankenheimer. Der wesentliche Unterschied: In THE DAY OF THE JACKAL ging es um die Ermordung Charles De Gaulles, des französischen Präsidenten, in BLACK SUNDAY hingegen um die Leben ganz normaler Amerikaner, die im Film allerdings eine anonyme Größe bleiben. Vielleicht ein zu schwer zu schluckender Brocken für das Publikum, das sich unweigerlich mit den Stadionbesuchern identifizieren mussten, ohne wirklich einen Repräsentanten unter den Protagonisten zu haben. So sehr BLACK SUNDAY ein Film über die Fähigkeiten der Geheimdienste ist, so sehr ist er auch einer über die lemminghafte Ohnmacht der Bürger, die lediglich als Zahl von Interesse sind.

BLACK SUNDAY ist ein Politthriller durch und durch. Seine Hauptfiguren sind der Mossad-Agent Kabakov (Robert Shaw), der die Terroristen auf fremdem Boden dingfest machen will, und Corley (Fritz Weaver), sein Kollege vom FBI, sowie auf der anderen Seite Dahlia (Marthe Keller), die Verantwortliche für die Aktion, und Lander (Bruce Dern), ein neurotischer Vietnamveteran und ehemaliger POW, für den nach der Heimkehr wirklich alles schief gelaufen ist, als ihr Vollstrecker. Die Spielzeit teilt sich paritätisch auf beide Seiten auf, wobei Lander dem Ideal eines Sympathieträgers ironischerweise am nächsten kommt, weil auch er ein Opfer ist. Im Vietnamkrieg verheizt worden, in Kriegsgefangenschaft geraten, zu Hause von der Ehefrau verlassen worden: Er steht den Zuschauern des Superbowls sehr nahe, ist selbst einer der Machtlosen, die dem System als funktionstüchtige Zahnrädchen dienen, und dann entsorgt werden. Nur hat er es satt, sich in diese Rolle zu fügen, also plant er, mit einem großen Knall aus dem Leben zu gehen – und Tausende mitzunehmen. Aber wenn Lander hier die eigentliche Identifikationsfigur ist, was sagt das über den „Helden“ Kabakov? So tapfer und aufopferungsvoll sein Einsatz auch ist – der Showdown ist wahrhaft selbstmörderisch und wäre auch in einem James-Bond-Film oder im nächsten Teil der MISSION: IMPOSSIBLE-Reihe nicht fehl am Platz -, so sehr er die Katastrophe verhindern will, wir wissen doch, dass er zum Teil des Systems gehört und letztlich auch nur ein Vollstrecker ist, der tut, was man ihm befiehlt. Im vorliegenden Fall kämpft er auf der richtigen Seite, aber ist das wirklich immer so? Wir wissen, wie wir diese Frage beantworten müssen.

Das macht BLACK SUNDAY emotional zu einem ziemlich komplexen Film, der sich keinen falschen Illusionen über Heldentum hingibt. Kabakov macht seinen Job und ist dabei genauso fehleranfällig wie jeder Mensch. Am Anfang sehen wir ihn, wie er Dahlia bei einem Angriff auf das Quartier der Terroristen verschont, weil er sie für eine Unbeteiligte hält: Menschlichkeit kann mitunter hohe Kosten nach sich ziehen. Der Terror von Dahlia und ihrer Gruppe hingegen kann noch so perfekt geplant werden, gegen den Überwachungsapparat der Geheimdienste haben sie nichts außer ihre Überzeugung und ihr Engagement vorzubringen – sowie natürlich die Entschlossenheit, für „die Sache“ bis zum Äußersten zu gehen. Frankenheimer muss gar keine unlauteren Tricks anwenden, um die Sympathien ganz unmerklich hin zu den Terroristen zu verschieben: Auch wenn es sich um verblendete Fanatiker handelt, allein ihr Außenseiterstatus bringt sie uns schon näher als den Geheimdienstler Kabakov, der ein ähnliches Schicksal hinter sich hat wie Lander, seinen Zorn aber in eine andere Richtung kanalisiert.

Wie man das alles auch bewerten und einordnen mag: Fakt ist, dass BLACK SUNDAY sauspannend ist. Es ist einer dieser Filme, bei denen ein unsichtbarer Countdown abzulaufen scheint, die von Minute zu Minute dringlicher werden, einem eine Schlinge um den Hals legen, die sich immer weiter zuzieht. Frankenheimer setzt sehr effektiv auf eine Bildsprache zwischen äußerster Geschliffenheit – an der Kamera: Oscar-Preisträger John A. Alonzo – und der Unmittelbarkeit von Cinema Verité, die dem Film einen dokumentarischen Charakter verleiht. Nach seinem FRENCH CONNECTION II serviert er uns darüber hinaus eine brillante Zu-Fuß-Verfolgungsjagd, diesmal durch die Straßen von Miami Beach. Für Authentizität sorgt auch der Einsatz dreier echter Goodyear-Zeppeline, die im atemberaubenden Showdown während des Superbowl X zwischen Pittsburgh und Dallas in Miami zum Einsatz kommen. Der Aufwand, der hier betrieben wurde, ist gigantisch, logistisch war der Dreh mit großer Wahrscheinlichkeit ein einziger Albtraum. Das bringt mich zum historischen Status des Film: BLACK SUNDAY mag heute weitestgehend vergessen sein, aber hätte er sein Publikum gefunden, würden wir uns heute an ihn als einen jener Blockbuster erinnern, die in den Siebzigern das Fundament für das heutige Eventkino legten. Sein Titel würde zu Recht in einem Atemzug mit Filmen wie STAR WARS oder JAWS genannt werden. Aus welchem Grund man sich BLACK SUNDAY heute anschaut ist aber eigentlich egal, Hauptsache, man tut es.

 

antwort_kennt_nur_der_windSimmels gleichnamiger Bestseller von 1973 war noch lauwarm, da entsprach Produzent Luggi Waldleitner dem Publikumsbedürfnis bereits mit seinem sechsten Simmel-Film (Texte zu den vorangegangenen ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER, GOTT SCHÜTZT DIE LIEBENDEN und hoffentlich auch LIEBE IST NUR EIN WORT werden alsbald nachgereicht). Das „Lexikon des internationalen Films“ bescheinigt „Publikumswirksamkeit“ und will in dem gewohnt melodramatisch-sedierten Private-Eye-Film sogar einen Vertreter des Actionkinos sehen. Na gut, für die wieder einmal wie Absinth-berauschte Schaufensterpuppen durchs mondäne Cannes schwebenden Figuren mag schon der kurze Dauerlauf als „Action“ durchgehen, ansonsten muss man sich über das Erregungspotenzial der Herren Filmenzyklopädisten schon etwas wundern.

Für mich spiegelt nichts so sehr das enervierende, stets am Rande des kreischenden Exitus befindliche Herzflattern dieses Filmes wider wie der Score von Erich Ferstl. Eine schwitzig-schwüle Saxophonmelodie, die man sich perfekt zur Begleitung einer geleckten Achtzigerjahre-Sexszene oder eines nächtlichen Neon-Straßenpanoramas vorstellen kann, wird von einem dahinter zum Crescendo schwellenden Orchester-Gewimmel untermalt. Die Musik ist toll, kündigt in jeder Szene schicksalhafte Ereignisse, tragische Wendungen, großes Drama, unstillbare Sehnsucht, unsterbliche Liebe und den unerwarteten Einbruch des Unfassbaren an, schaukelt sich – mutmaßlich wie der Film – zu einem alles in den Schatten stellenden Höhepunkt entgegen … der dann leider nie kommt. Immer wieder bricht die Musik ab, nur um später in derselben Intensität wiederaufgenommen zu werden. Die verwendete Musikschleife dauert wahrscheinlich keine zwei Minuten, in der sie immer ganz kurz unterhalb des obersten Anschlags vor sich hin taumelt, ihn aber nie erreicht. In Verbindung mit der selbstbewussten Schlaftrunkenheit der Handlung und dem leeren Professionalismus, mit dem das alles dargeboten wird, stellt sich ein seltsamer Effekt ein: Man erlebt den Film wie einen Wachtraum, aus den hellsichtigen Augen des kurz vor dem Einschlafen Stehenden betrachtet, dem es nicht gelingt, diesen Schlaf gänzlich abzuschütteln und sich ins Wachsein zurückzukämpfen. Als liefe man unter Wasser. Oder durch farblos-milchigen Wackelpudding.

Die Geschichte ist eigentlich banal: Der Versicherungsagent Robert Lucas (Maurice Ronet) wird von seinem Freund und Vorgesetzten Gustav Brandenburg (Herbert Fleischmann) nach Cannes geschickt, um dort herauszufinden, ob es sich bei dem Tod des wohlhabenden Bänkers Hellmann, der mitsamt seiner Yacht und zugehöriger Besatzung in die Luft geflogen ist, um Selbstmord handelte. Mehr noch, ihm wird unmissverständlich klargemacht, dass er gefälligst einen Selbstmord festzustellen habe, weil die Versicherung in diesem Fall die Auszahlung einer Prämie von 15 Millionen spart. Vor Ort verliebt sich Lucas in die Malerin Angela Delpierre (Marthe Keller) und macht gemeinsame Sache mit Nicole Monnier (Karin Dor), der Krankenpflegerin von Hellmanns Gattin (Charlotte Kerr). Nicole behauptet zu wissen, wer der Mörder Hellmanns war und plant mit Lucas einen Coup, die Versicherungssumme selbst einzustreichen. Es gibt diverse Tote und am Ende hat Lucas nicht nur das Geld, sondern auch die große Liebe und vielleicht sogar sein Leben verloren: Ein schwerer Herzfehler macht eine Notoperation mit ungewissem Ausgang unmöglich. Nur das Glückseselchen, das Angela ihm bei einem Straßenhändler-Buben gekauft hatte, baumelt aufgeregt wartend an der OP-Tür.

Was an den Simmel-Geschichten mit den Vorurteilen gegen ihn im Hinterkopf – Fließband- und Trivialschreiber – so interessant ist (zumindest soweit ich sie anhand der Filme beurteilen kann), ist dass sie auf den ersten Blick durchaus  ambitioniert sind: Es handelt sich nicht um die affirmativen Liebesschmonzetten, die die blumigen Titel suggerieren, oder besser gesagt: nicht nur. Simmel spannt einen großen Bogen, es ist unverkennbar, dass er einen Hang zum Epischen hat, und er reichert seine Geschichten mit zahlreichen Hinweisen auf die damalige Welt- und Wirtschaftspolitik an. DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND beschäftigt sich mit der Welt der Hochfinanz, der Weltwirtschaftskrise und der zerstörerischen Kraft des Kapitalismus, bemüht dabei durchaus um einen kritischen Tenor und setzt zu Beginn sogar den damaligen Fernsehjournalisten Friedrich Nowotny ein, um dem Zuschauer eine kurze (und überaus hölzerne) Einführung in das Thema „Devisenhandel“ zu geben. Man merkt Simmels Geschichten an, dass er über einen journalistischen Background verfügt (er schrieb mehrere Jahre für das Magazin „Quick“). Aber so ambitioniert sie in ihrem Entwurf auch sein mögen, sie kommen über den Anspruch, das Publikum mit einer markigen Prämisse zu ködern und bei der Stange zu halten, dann doch nicht hinaus. Da steckt so etwas Protziges, Unehrliches, unangenehm Manipulatives in ihnen. Wenn man Simmel mit Samuel Fuller vergleicht, ebenfalls ein Journalist, der zum Schriftsteller (und zum Filmemacher) wurde, merkt man, was bei Simmel fehlt: das Herzblut, die Lebendigkeit, der Drive, die Haltung, das Mitgefühl. DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND will eine Aussage zur Entfremdung des Menschen im Kapitalismus von sich selbst machen, ist im Kern also tief humanistisch, aber es gibt keinen einzigen Menschen im ganzen Film, keinerlei Empathie, nur matt schillernde Oberflächen, verbunden mit dem Glauben, dass noch die größte Banalität von weltbewegender Bedeutungsschwere ist. Der Mensch, der an den Umständen zerbricht, interessiert nur als Opfer, als Zahl in einer Statistik, nicht als Individuum. Und letzten Endes soll man sich an all dem ausgestellten Leid, dem man ja eh nicht entfliehen kann, nur delektieren. Das ist, gerade in den Verfilmungen des lakonischen Vohrer, dessen Inszenierung man das Unverständnis für die Windungen des Drehbuchs und seiner Protagonisten deutlich anmerkt, nicht ohne seinen eigenen ungewöhnlichen Reiz, vor allem, wenn man die Simmel-Filme als Versuch begreift, wirklich großes Kino im Stile Hollywoods zu machen, und den trotz des betriebenen Aufwands metertiefen Graben zwischen beiden bemerkt. Aber DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND ist von den drei von mir bislang gesehenen Verfilmungen bislang die mit Abstand ödeste gewesen. Statt mit erzählerischer Eleganz, Hochspannung und Schauwerten zu verführen, wirkt er wie das von einer lustlosen-resignierten Krankenschwester verabreichte Morphium für einen Todkranken. Zum Abschied lüpft sie kurz den Rock und entblößt den knackigen Apfelpo, aber anfassen ist nicht.