Mit ‘Martin Campbell’ getaggte Beiträge

Ich habe CASINO ROYALE damals aus mangelndem Interesse nicht gesehen, die begeisterten Reaktionen zwar nicht abgetan, aber doch mit einiger Skepsis betrachtet. Die Bond-Reihe schien sich, trotz der insgesamt durchaus respektablen, wenn auch durchwachsenen Brosnan-Ära, seit eigentlich gut 20 Jahren überholt zu haben und der Clou eines gritty reboots war nun auch nicht der allerneueste und kreativste Schachzug, einem darbenden Franchise neues Leben einzuhauchen. Nach der Sichtung stehe ich nun vor einem ziemlichen Dilemma: CASINO ROYALE hat meine Erwartungen weit übertroffen und es lässt sich mit gutem Recht argumentieren, dass Martin Campbell nach über 40 Jahren den besten Bondfilm überhaupt vorgelegt hat. Die Charakterisierung Bonds, die die Drehbuchautoren gemeinsam mit Daniel Craig vorlegen, entspricht so ziemlich genau dem Bild, das die Connery-Bonds gelegentlich andeuteten, aber schließlich zugunsten von Sixties-Charme und Europulp verwarfen, das mit Moore vollkommen auf den Kopf gestellt und weder bei Dalton noch bei Brosnan wirklich ausgearbeitet wurde. Hier ist der Bond, über den ich etwa in meinem Text zu DR. NO schrieb: Ein blunt instrument, wie M (Judi Dench) ihn beschriebt, keinesfalls ein international man of mystery, wie es in der Bond-Persiflage AUSTIN POWERS in treffender Beschreibung vor allem der Moore-Bonds hieß, nicht die geschliffenste Waffe des britischen Geheimdienstes, sondern lediglich ein recht banaler Auftragskiller, für optimale Effizienz ausgebildet, ultimativ austauschbar und im Notfall mitleidlos zu entsorgen. Craig verleiht dem Agenten eine nie zuvor gesehene Körperlichkeit, die er mit geradezu todessehnsüchtiger Wucht in die Schlacht wirft. Der massige Körper, das Knautschgesicht mit den unförmigen Blumenkohlohren, die eingeschränkte Mimik: Sein Bond ist ein Golem, Frankensteins Monster, eilig und ohne jede künstlerische Ambition rein auf Funktionalität modelliert, zwar dazu geschult, sich auch in der Glitzerwelt der High Society sicher bewegen zu können und mit dem nötigen Stilbewusstsein ausgestattet, aber im feinen Anzug, wie seine Kollegin Vesper Lynd (Eva Green) treffend bemerkt, immer auch ein wenig verkleidet, verloren, deplatziert, traurig aussehend. Und anders als seine Bondvorgänger gerät sein Dienst für ihn nicht zum ausgedehnten Junggesellenabschied: Das Töten, das ständige Schweben in Lebensgefahr, das Wissen, dass das Eingehen zwischenmenschlicher emotionaler Bindungen ihn nicht nur verwundbar macht, sondern auch tödliche Gefahren für den Partner mit sich bringt, zehren ihn aus, zerren an ihm, sind dabei, ihn vollständig auszuhöhlen. Als Bond auf Vesper Lynd trifft, ist er bereits auf dem besten Wege, ein Zombie zu werden. Als sie am Ende des Films stirbt, drohen ihn Zorn und Schmerz zu zerreißen. Die Explosion wird durch nur die Schlusscredits vertagt, aber sie wirft ihren Schatten auf den Nachfolger.

Es ist beeindruckend, wie es Campbell – der schon gut zehn Jahre zuvor mit GOLDENEYE für einen erfolgreichen Neustart der Serie verantwortlich war – mit CASINO ROYALE gelingt, einen Film vorzulegen, der gleichermaßen voll und ganz neu und frisch wirkt, ohne dabei jedoch seine Blutlinie zu leugnen. Die Übernahme bestimmter Trademarks verortet seinen Film ganz klar innerhalb der Reihe: der Blick durch den Pistolenlauf auf den von rechts ins Bild schreitenden Bond, die bekannte Titelmelodie von Monty Norman, die Verwendung einer Pre-Title-Sequenz – Bonds in Schwarzweiß gehaltene Origin-Story –, ein mit viel Pathos vorgetragener Titelsong (hier von Chris Cornell), die Anwesenheit vom M, natürlich die zu Trademarks geronnenen Dialogzeilen, auf die kein Film bislang verzichten konnte, die attraktiven Schauplätze, die teuren Drinks und Autos. Aber nicht nur hinsichtlich seiner Hauptfigur könnte sich CASINO ROYALE kaum mehr von seinen Vorläufern unterscheiden. Sowohl in Stimmung, Ton als auch in der Dramaturgie verbindet Campbells Film nichts mehr mit ihnen. Die Geschichte wird wesentlich kohärenter erzählt. Die Schauplatzwechsel korrelieren mit einem konsequenten Fortschreiten der Handlung, sind kein Ersatz für eine solche. Der Zuschauer wird ganz anders involviert und angesprochen, weniger auf Distanz gehalten, sondern mehr gefordert. Das Kino der Attraktionen wird wieder zu einem Kino der Emotionen. Gelegentliche Lacher schaffen keine Distanz, sondern Nähe. Was geblieben ist, ist die edle Optik: CASINO ROYALE dürfte einer der bestaussehenden Bondfilme sein, ganz egal, ob er an einen sonnendurchfluteten Karibikstrand, in die mondäne Kulisse Montenegros (tatsächlich Tschechien) oder ins romantische Venedig entführt. Kein Bond hat die Verlockungen des Luxus – und die Gefahren, die damit einhergehen – so  greifbar ins Bild gerückt. Und dann die Actionsequenzen, in denen der Effektbombast zugunsten realistischer Körperaction zurückgenommen, ein beachtliches Tempo und eine schroffe Härte etabliert werden. Die Parcour-Sequenz auf Madagaskar, die Verfolgungsjagd auf der Rollbahn eines Flughafens oder der Kampf in einem zusammenstrüzenden venezianischen Haus sind Instant-Highlights und werden wunderbar kontrastiert von den hochkonzentrierten Mind Games, die Bond und sein Kontrahent Le Chiffre (Mads Mikkelsen) miteinander spielen. Zu guter Letzt die wunderbare Chemie, die Craig und die betörende Eva Green entwickeln und damit alle Liebesgeschichten seit Lazenbys Techtelmechtel mit der unsterblichen Diana Rigg in den Schatten stellen. Doch, doch: CASINO ROYALE ist Kinoperfektion im positivsten Sinne und tatsächlich, wie ich oben schrieb, ein ernstzunehmender Kandidat für die Krone. Auch wenn das zuzugeben dem Nostalgiker in mir nicht leicht fällt.

goldeneyeWenn man, so wie ich derzeit, eine ganze Filmreihe in chronologischer Folge schaut, beeinflusst das ohne Frage die Wahrnehmung der einzelnen Filme. Man betrachtet jeden einzelnen Beitrag weniger für sich, sondern stellt Vergleiche an, sucht Verbindungen und Unterschiede, ordnet ein und strickt insgesamt an einer Art übergeordneten Dramaturgie. Das ist, denke ich, ein legitimer Ansatz, der mir zudem Spaß macht, aber er ist nicht unproblematisch: Man läuft Gefahr, jeden Beitrag nur noch hinsichtlich seines Platzes im Gesamtwerk zu betrachten. Eigenheiten werden zu Abweichungen von einer imaginierten Linie, oder man blendet sie gleich ganz aus, um das Bild des großen Ganzen, das man insgeheim schon gemalt hat, nicht revidieren zu müssen.

In meinem Text zu LICENCE TO KILL beschrieb ich die Brosnan-Ära gegenüber den letztlich gescheiterten Innovationsversuchen mit Dalton durchaus voreilig – von keinem seiner Bonds habe ich einen wirklich belastbaren Eindruck in Erinnerung behalten – als „Rückschritt“. Diese Diagnose lag für mich nah: Der etwas rohere Dalton-Bond war nicht akzeptiert worden und mit Brosnan feierte die Bond-Reihe zumindest in der Gunst des Publikums ihr Comeback mit einem Darsteller, um den sich die Produzenten schon zehn Jahre zuvor bemüht hatten. Brosnan, der mit seiner Rolle eines bondesken Privatdetektivs in der Fernsehserie REMINGTON STEELE eine Art Bewerbungsvideo für die Rolle als Doppelnull abgeliefert hatte, scheint auf den ersten Blick wie eine Verlängerung der Moore-Tradition: Er ist ein insgesamt glatterer Typ als Connery, ideal für den smarten, kultivierten Verführer im Smoking, gutaussehend und mit spitzbübischem Lächeln zur Selbstironie befähigt. Während Dalton als eher handfester und auch etwas durchschnittlicher Typ etwas Neues mitbrachte, wirkt Brosnan wie eine leicht angeraute Version von Moore. Aber er legt den Agenten gänzlich anders an und sorgt gemeinsam mit den neuen Autoren – Richard Maibaum, bis auf wenige Ausnahmen für alle Bond-Drehbücher verantwortlich, war 1991 verstorben – dafür, dass die Erneuerungsversuche mit Dalton letzten Endes als äußerst halbherzig und inkonsequent angesehen werden müssen. Immerhin aus inhaltlicher Sicht kann ich meine Rückschrittsbehauptung verteidigen: GOLDENEYE steht mit seinem einen irrwitzigen Plan verfolgenden Schurken, der an Science Fiction grenzenden Hightech-Waffe, dem Rückgriff auf die Kalter-Krieg-Thematik, der Verbindung von Thrill und Komik, der Gegenüberstellung von zwei attraktiven Frauen und der rasanten Aneinanderreihung von Action-Set-Pieces ganz in der Tradition, die die Serie groß gemacht hatte.

Es sind im Wesentlichen einige kurze Dialogszenen, die die Charakterisierung von Brosnans Bond konturieren und die Figur wieder mehr in Richtung „funktionierender Söldner“ interpretieren, den Connery verkörperte, bevor sie unter Moore zum dandyhaften (später altersmüden) Superhelden mutierte. Von M (Judy Dench) wird der Agent als sexist, misogynist dinosaur“ und „relic of the Cold War“ bezeichnet: In wenigen Sekunden verwandelt sich Bond vor den Augen des Zuschauers vom unhinterfragten zum Antihelden, werden seine über die Jahre zu liebenswerten Marotten degradierten Eigenschaften ganz klar benannt. GOLDENEYE geht das Dilemma der Serie damit ganz offensiv an: Mit dem Zusammenbruch der UdSSR war auch eine ganz wesentliche Bedingung weggebrochen, hatte der Agent zumindest einen Teil seiner Daseinsberechtigung eingebüßt. Die Frage, was man mit der so beliebten Figur nun eigentlich anfangen sollte, die spätestens mit Ende der Moore-Ära offen im Raum stand, wird somit auf die Handlungsebene geholt. Was fängt der Staat (die Produzenten) mit einem Relikt aus alten Tagen an? Bonds erste Konfrontation mit seinem ehemaligen Partner, dem totgeglaubten und zum Feind übergelaufenen Alec Trevelyan (Sean Bean), knüpft indes an Bonds Austausch mit Dr. No im allerersten Bondfilm und an Scaramangas Bemerkungen aus THE MAN WITH GOLDEN GUN an: Trevelyan nennt Bond „her majesty’s loyal terrier, defender of the so-called faith“, fragt ihn, ob „all those vodka martinis ever silence the screams of all the men you’ve killed… or if you find forgiveness in the arms of all those willing women for all the dead ones you failed to protect“ und stellt schließlich die ganze Legitimität ihres Berufs in Frage: „Did you ever ask why? Why we toppled all those dictators, undermined all those regimes?“ Bond ist williger Helfer eines Systems, dessen Rechtmäßigkeit er gelernt hat, nicht zu hinterfragen. Und Trevelyan ist so etwas wie der Kontingenz-Beweis: Seine Eltern starben nach dem Zweiten Weltkrieg in einem russischen Gefangenenlager durch den Verrat des Empires, das ihnen seine Hilfe zugesagt hatte. Das Relikt Bond ist ein Vollstreckungsgehilfe, überzeugter Vertreter überkommener Werte und somit zu einem Verwandten all jener alten Seelen, die so oft im Zentrum des Actionkinos stehen: Männer, die sehen, wie die Welt sich um sie herum verwandelt, und die nun dagegen ankämpfen, auf dem Schrottplatz der Geschichte entsorgt zu werden. Nach Jahren der bloßen Verwaltung ist GOLDENEYE der erste Bond, der etwas Neues zu sagen hat.

Formal knüpft er indes nahtlos an seine Vorgänger an, lediglich den Soundtrack von John Barry vermisst man angesichts des etwas ziellosen Geklimpers von Eric Serra. Der Opening Shot ist einer der schönsten der ganzen Serie, die Pre-Title-Sequenz, auf deren Höhepunkt Bond mit dem Motorrad einem abstürzenden Flugzeug hinterher springt, ist schierer Wahnsinn, und es gibt sogar wieder eine sonnendurchflutete, romantische Pause, bevor der Film sich in den Showdown stürzt. Campbell inszeniert mit großer visueller Eleganz, aber ohne den in den Moore-Jahren vorherrschenden, ironisierenden Camp-Appeal. So bleibt ein starker Bond mit lediglich kleinen Schwächen, die ich mit meiner Neunzigerjahre-Ablehnung in Verbindung bringe: Alan Cummings vereint als russischer Hacker alle Nerdklischees auf sich, vom Hawaiihemd über die Notgeilheit bis zum nervösen Tic, und die göttliche Famke Janssen hätte ihre eh schon absurde, nymphoman und sadomasochistisch angelegte Schurkin Xenia Onatopp durchaus etwas zurückhaltender spielen dürfen. Für mich war der Film insgesamt aber eine mehr als positive Überraschung. Ich hatte ihn als äußerst mäßig in Erinnerung behalten und nehme daher an, dass ich ihn damals von vornherein scheiße finden wollte. Das ist er nicht, ganz im Gegenteil.

Der tollkühne Pilot Hal Jordan (Ryan Reynolds) wird als erstes menschliches Mitglied des „Green Lantern Corps“ auserwählt, einer Art intergalaktischer Bürgerwehr, die vom Planeten Oa aus über die Galaxie wacht. Als ein uraltes Wesen namens Parallax aus seinem Gefängnis ausbricht, droht der Erde Gefahr. Doch Hal Jordan stellt sich der Herausforderung …

Als Kind fand ich die „Grüne Leuchte“, wie die DC-Comicserie bei uns hieß, immer blöd. Mit einem Helden, der einen Ring aus dem Kaugummiautomaten benötigte und noch dazu einen solch bescheuerten Namen hatte, konnte ich einfach nichts anfangen. Wie die Green Lantern zu ihren Fähigkeiten kam und was es mit diesen auf sich hat, das habe ich daher erst durch diesen Film erfahren (bzw. durch Reviews, die ich vorher gelesen hatte). Zwar finde ich die Green Lantern jetzt nicht mehr ganz so beknackt, dennoch ist es sicherlich ungleich schwieriger, ihn zum Protagonisten einer ambitionierten Realverfilmung zu machen als einen geerdeten Helden wie Batman, den ikonischen Superman oder einen zur Identifikation einladenden Jugendlichen wie Spider-Man. Martin Campbells Film belegt diese Vermutung: Für einen „ernsten“, wirklich involvierenden Actionfilm ist die Story um die Weltraumpolizei und die Wunderlampe irgendwie zu kindisch, aber den beliebten Comichelden zum Protagonisten eines selbstironischen Camp-Spektakels zu machen, kam wohl auch nicht in Frage. So entfaltet der Film nie ganz sein Potenzial: Um der Geschichte wirklich zu folgen, ist das ganze zu krude und albern, gleichzeitig versäumt Campbell es aber auch, gerade dies zu seiner Tugend umzudeuten. GREEN LANTERN bleibt ad nauseam durchgenudelten Plotstandards verpflichtet, anstatt eine eigene Linie zu finden, seine Charaktere werden daher nie lebendig, sondern bleiben zweidimensional und flach. Pflichtschuldig werden Standard-Plotstationen abgehakt, die einem die Figuren kein Stück näherbringen, der eigentliche Konflikt des Films dann in 20 Minuten abgespult.

Es gibt durchaus ein paar hübsche Bilder, die wie direkt aus den Heften auf die Leinwand projiziert wirken. Der Showdown im Weltall ist sehr ansehnlich, wenn man auch angesichts der zahlreichen umfassenden CGI-Effekte vergisst, dass man hier keinen Zeichentrick-, sondern einen Spielfilm sieht. Überhaupt kommt gegen Ende das Leben in den Film, das man während der quälend öden ersten Stunde schmerzlich vermisst. Alles in allem bleibt GREEN LANTERN ein Film, mit dem die Produzenten wahrscheinlich niemandem wirklich einen Gefallen getan haben: Er erntete überwiegend schlechte Kritiken und enttäuschte an den Kassen, sodass fraglich bleibt, ob hier tatsächlich ein neues lukratives Franchise aus der Taufe gehoben (ein kurzer Epilog leitet schon das potenzielle Sequel ein) oder nicht eher eines vorzeitig zu Grabe getragen wurde. So mies, wie mancherorts behauptet wurde, ist GREEN LANTERN allerdings nicht. Er ist einfach nur biederer, typischer Hollywooddurchschnitt, wie man ihn mittlerweile gewöhnt ist und sich deshalb kaum noch drüber ärgern mag. Für Zwischendurch oder für die 5, 6 Euro, die ich für die DVD bezahlt habe, geht das schon.