Mit ‘Martin Freeman’ getaggte Beiträge

Nerds, Slacker, Berufsjugendliche und Stehengebliebene werden seit einigen Jahren schon von Hollywood – und kleineren nationalen Filmindustrien – hofiert. Relativer Wohlstand vor allem in der westlichen Welt, ein deutlich späterer Eintritt in das Berufsleben durch die breite Verfügbarkeit von Studium und Bildung sowie der Fleiß der vorangegangenen Eltern- und Großelterngeneration mögen die nachweisbaren Ursachen dafür sein, dass es den Thirtysomethings so schwer fällt, im Leben „anzukommen“. Aber in dem mangelndem Ehrgeiz, der Orientierungs- und Ziellosigkeit, die sie umfängt, mag sich auch die wachsende Entfremdung von einer Welt zeigen, die nur noch wenig Abenteuer und spirituelle Erfüllung bietet, stattdessen hohle materielle Werte und die Vortäuschung von Affluenz durch Karriere in hohlen Jobs. Es ist eine Sackgasse, aus der bisher noch kein Film einen Ausweg gewiesen hat: Meist überwinden die Hängertypen ihre andauernde Krise durch die Kraft der Liebe, die ihnen zeigt, dass es doch irgendwo hingehen muss. Oft genug wirkt dieser neue Aufbruch aber nicht wie ein Triumph, sondern wie eine Kapitulation vor den Gegebenheiten. In THE WORLD’S END, dem Abschluss der so genannten Cornetto-Trilogie (der Kenner spricht „Corne’o“) aus der Feder von Edgar Wright und Simon Pegg – die Vorgänger hießen SHAUN OF THE DEAD und HOT FUZZ –, geht es genau darum: die Frage, was man macht aus seinem Leben und warum, die Frage, ob Ehe, Reihenhaus und Karriere immer per se erstrebenswerte Ziele sind; ja, ob es nicht sogar von einem gewissen Verantwortungsgefühl zeugt, wenn man sich dem kapitalistischen Ringelpiez bewusst entzieht.

Rund 25 Jahre, nachdem Gary King (Simon Pegg) seinen Schulabschluss gemacht hat, versammelt er seine alten Kumpels Andy (Nick Frost), Oliver (Martin Freeman), Steven (Paddy Considine) und Peter (Eddie Marsan), um mit ihnen ein „Projekt“ zu vollenden, das sie an jenem Abend an der Schwelle zum Erwachsenwerden vorzeitig abbrechen mussten: die Eroberung der „Golden Mile“ und der zwölf Pubs, die sie säumen. Während Gary, ein Alkoholiker, der es zu nichts gebracht hat, den Erinnerungen an diesen Abend immer noch hinterherhängt, stehen die Freunde von einst mittlerweile mit Ehefrau, Kindern, Häuschen, Auto und Karriere mitten im Leben – und haben zunächst nur wenig Lust auf den Rückfall in die Adoleszenz. Doch sie lassen sich schließlich breitschlagen, folgen Gary in ihren Heimatort Newton Haven, um sich dort bis zum finalen Pub namens „The World’s End“ durchzusaufen – und den Plagegeist aus der Vergangenheit so endlich loszuwerden. Doch in Newton Haven müssen sie erkennen, wie viel sich seit damals verändert hat: Das Örtchen stellt sich als von Außerirdischen unterwandert heraus, die die Menschheit zu besserem, vor allem konformerem Benehmen anhalten wollen und alle aufmüpfigen Subjekte bereits durch gefügige „blanks“ ersetzt haben …

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich mit der Entwicklung der Geschichte hin zum Science-Fiction-Endzeit-Stoff hin wirklich hundertporzentig glücklich bin. Ich wusste fast gar nichts über den Film, was über die Kneipentour-Prämisse hinausging, und jene Szene, in der sich drastisch herausstellt, dass mit den Bewohnern der englischen Kleinstadt etwas nicht stimmt, riss mich sehr unsanft aus dem Film, der mir bis zu diesem Zeitpunkt hervorragend gefallen hatte. Edgar Wright und Simon Pegg bedienen sich eines bekannten Sci-Fi-Motivs, das etwa in Filmen wie INVASION OF THE BODY SNATCHERS, THE STEPFORD WIVES oder VILLAGE OF THE DAMNED zum Einsatz kommt, begnügen sich jedoch nicht mit einer rein parodistischen Aufarbeitung, sondern aktualisieren das gesellschaftskritische Potenzial der Klassiker. Während Don Siegel die Angst vor der kommunistischen Indoktrination thematisierte, Forbes das westliche Patriarchat konsequent zu Ende dachte und Wolf Rilla lediglich das Unbehagen der Eltern vor ihrer Brut in ein griffiges Bild brachte, lässt sich die Allegorie von THE WORLD’S END nicht mehr eineindeutig rückübersetzen. Armond White sieht in der Konfrontation der fünf Helden mit den außerirdischen Besatzern die Kritik an britischem Klassendenken: Die außerirdischen Invasoren identifiziert er gewissermaßen als den „Adel“ (der Ausruf „Bluebloods!“ soll das belegen), während die Bewohner Newton Havens allesamt der Mittel- und Arbeiterschicht angehören. Vielleicht liegt es an meiner mangelnden Kenntnis der britischen Gesellschaftsordnung, dass ich das nicht vollends überzeugend finde: Der soziale Background der Protagonisten wird bestenfalls ansatzweise skizziert und insgesamt erscheint mir THE WORLD’S END durchaus universal in seiner Zeichnung einer Gesellschaft, die zunehmend „auf Linie“ gebracht wird.

Das beginnt schon bei den einstmals urigen englischen Pubs, die nun alle gleich aussehen, alle denselben Suff an dieselben gelangweilten Gäste ausschenken. Die „Starbuckisierung“ der Gesellschaft ist weit vorangeschritten, das Individuelle als  Unsicherheitsfaktor, als unberechenbare Größe weitestgehend gebannt und zurückgeschlagen. Der einzige, der sich nicht ins Mittelmaß fügen mag, ist Gary King: Zwangsläufig ein Außenseiter, ein Verlierer, der im Treffen der Anonymen Alkoholiker seiner Jugend hinterhertrauert, die ihm eine ganze Welt voller Möglichkeiten versprach: ein Versprechen, das das Leben danach niemals einlösen konnte. So klammert er sich an die Artefakte der Vergangenheit: Er fährt immer noch dasselbe Auto, im Tapedeck rotiert immer noch die Kassette von damals. Die Vollendung der Sauftour soll ihm noch einmal das Gefühl vermitteln, es gehe irgendwohin im Leben. Er ist eine absolut jämmerlich, todtraurige und tragische Figur, aber seine Jämmerlichkeit entpuppt sich im Verlauf des Films immer mehr als eine Position des Widerstands. Das Leben muss einfach mehr sein als Job, Auto, Reihenhaus und Familie. Wenn es keinen Raum mehr bietet für den Wahnsinn, die Dummheit und die Unvernunft, dann kann es unmöglich lebenswert sein. Dann muss man die Welt im Zweifel verbrennen und neu anfangen.

Nach dem oben geschilderten Schock habe ich THE WORLD’S END recht schnell wieder in mein Herz geschlossen. (Der Schock gehört zum Seherlebnis und zum Verständnis des Films m. E. fest dazu). Vielleicht ist er nicht so duchgehend brillant und originell wie seine beiden Vorläufer, aber er zeichnet sich durch denselben Drive, dasselbe Tempo, denselben Witz, dasselbe Herz, denselben Blick für die Nuancen und Details aus. Großartig der Moment, in dem ein Dialog zwischen Gary und Oliver völlig ins Leere geht, bis klar wird, dass Oliver gar nicht mit Gary redet, sondern via „Knopf im Ohr“ ein Telefonat führt. THE WORLD’S END ist voll solcher kleiner grandioser Einfälle.) In einer gerechten Welt würden Simon Pegg für seine Darbietung als Gary die Kritikerherzen und Trophäen nur so zufliegen: Die nichtssagend leeren Nebenrollen (siehe etwa MISSION IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL), mit denen er in den USA bedacht wird, wirken im direkten Vergleich mit seiner Leistung hier umso fahrlässiger. Aber auch seine Mitstreiter stehen ihm in nichts nach. Ich hoffe, dass sich die Wege von Wright, Pegg und Frost nach diesem wunderbaren Abschluss der Cornetto-Trilogie nicht trennen, das sie gemeinsam ein neues Projekt finden. Auf dem Gebiet der geistreichen Komödie mit Genrebezug kann ihnen auch nach rund zehn Jahren immer noch keiner das Wasser reichen.