Mit ‘Martin Landau’ getaggte Beiträge

Wie die meisten Katastrophenfilme aus den Siebzigerjahren wird auch METEOR heute überwiegend verlacht. Schon bei seinem Start war er ein Flop, der in den USA nur knapp die Hälfte seines (geschätzten) Budgets einspielte. Die Spezialeffekte sind aus heutiger Perspektive eher rührend, der große Aufwand, der etwa bei der Besetzung betrieben wurde, wird durch die doch eher banale Story nicht wirklich gerechtfertigt. Es handelt sich bei METEOR um lupenreine Exploitation, ganz egal, wie viel Geld ausgegeben wurde, um sich Respektabilität zu erkaufen. Trotzdem hat mir METEOR besser gefallen als etwa BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE: Neame ist natürlich ein unendlich viel besserer Filmemacher als Irwin Allen, die Prämisse ist nicht annähernd so hanebüchen und mit der Kalter-Krieg-Thematik hat METEOR einen Subplot, der dem eigentlichen Weltuntergangsszenario den Rang abläuft – und vor allem die Laufzeit, die eigentlich aus dem Warten auf den prophezeiten Einschlag besteht, verkürzt. Dass METEOR eine eher langsame Angelegenheit ist, liegt in der Natur der Sache: Der titelgebende Himmelskörper mag mit 30.000 Stundenkilometern unterwegs sein, aber trotzdem muss die Story sechs lange Tage überbrücken, die der Blick auf den nahenden Steinklumpen nicht gerade ausfüllt.

In den Fokus des Films treten deshalb die Bemühungen des ehemaligen NASA-Mitarbeiters Paul Bradley (Sean Connery) und seines Freunds und ehemaligen Kollegen Harry Sherwood (Karl Malden), erst die Amerikaner vom Einsatz der im Weltall stationierten Atomraketen zu überzeugen und dann auch noch die Russen ins Boot zu holen, die eine ganz ähnliche Waffe besitzen, aber darüber natürlich strengste Geheimhaltung üben. Das Zusammenspiel der Amerikaner mit dem russischen Wissenschaftler Dubov (Brian Keith) ist das eigentliche Herzstück des Films, der zwischendurch immer mal wieder den Einschlag kleinerer Meteoritensplitter in Sibirien und der Schweiz (mit Gastauftritt von Sybil Danning) sowie eine Flutwelle in Hongkong zeigen muss, damit das Bedürfnis nach Action und Katastrophen gestillt wird (Michael Bay machte es in ARMAGEDDON 20 Jahre später genauso). Es gibt eine schöne, absurde Szene, in der gleich zwei Dolmetscher – die Russin Tatiana Donskaya (Natalie Wood) und ein amerikanischer Kollege – als Vermittler herhalten müssen, weil die Amerikaner nicht darauf vertrauen wollen, von einer „Feindin“ richtig übersetzt zu werden. Das führt mich auch zum allergrößten Schwachpunkt des Films, der weiblichen Hauptrolle: Natalie Woods Charakter wirkt wie aus den Sci-Fi-Filmen der Fünfzigerjahre rübergebeamt, ein braves Frauchen mit Dauerwelle und Kostüm, die zwar enorm qualifiziert ist, aber doch eigentlich nur dazu da, einen halbherzigen romantischen Subplot in Gang zu treten. Ihre Nennung an dritter Stelle der Credits ist kaum gerechtfertigt.

Und weil der Meteor am Ende natürlich erfolgreich zerstört, die Gefahr von der Erde abgewendet wird, und das keinen echten „Höhepunkt“ abgibt, zerstört vorher ein weiterer Hagel New York (Stock Footage ahoi!) und bringt die Crew in ihrer unterirdischen Zentrale dazu, sich einen Ausweg aus ihrem Betongrab suchen zu müssen. Das eindringende Abwasser verpasst allen hübsche Kotfrisuren und stünde ich dem Film nicht doch eher wohlwollend gegenüber, ich müsste dieses Bild als programmatisch bezeichnen.

48481Direkt im Anschluss an THE CINCINNATI KID begannen für Steve McQueen die Dreharbeiten an NEVADA SMITH, der den als aufmüpfig und schwierig bekannten Star mit dem Hollywood-Veteranen Henry Hathaway zusammenbringen sollte. Hathaway, der dafür bekannt war, ein eisernes Regiment am Set zu führen, schuf die Basis für die Zusammenarbeit, indem er McQueen vor Drehbeginn unmissverständlich klar machte, dass er keine Marotten und Extrawürste duldete. McQueen genoss dennoch zahlreiche Vorzüge – Hathaway wusste, dass er seinen Hauptdarsteller nicht einsperren konnte und ihn bei Laune halten musste –, für Missstimmungen sorgte in erster Linie Hathaways Ablehnung jeglicher Improvisation. Seine Regieanweisungen waren Gesetz, und McQueen, der einen weniger rigiden Stil und größere Freiheiten bevorzugte, um seine Figuren zum Leben zu erwecken, fühlte sich oft eingeengt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass NEVADA SMITH zwar ein weiterer Hit in seiner Filmografie wurde, McQueens Erfolgsserie fortsetzte und einen wichtigen Schritt auf seinem Weg zum Superstar markiert, seine Leistung bei den damaligen Kritikern aber keine besondere Wertschätzung erfuhr. NEVADA SMITH ist ein schöner Western, ein Vertreter jenes großen Hollywoodkinos, das Mitte der Sechzigerjahre schon im Sterben begriffen war, mit epischem Schwung erzählt und wunderbaren Landschaftsaufnahmen von Lucien Ballard, aber er zählt gewiss nicht zu den Filmen, mit denen man McQueen heute in erster Linie assoziiert.

NEVADA SMITH basiert auf einer Figur aus Harold Robbins‘ Roman „The Carpetbaggers“, der 1964 von Edward Dmytryk mit dem 51-jährigen, unmittelbar darauf verstorbenen Alan Ladd als „Nevada Smith“ verfilmt wurde, und ist eine Art Prequel zu diesem (das gab es also auch schon damals): Seine Hauptfigur, das Halbblut Max Sand (Steve McQueen), ein unerfahrener junger Mann, der weder schießen noch lesen und schreiben kann, heftet sich drei Männern (Karl Malden, Arthur Kennedy und Martin Landau) an die Fersen, die seine Eltern brutal ermordet haben. Auf der Jagd quer durch die USA trifft er verschiedene Menschen, und die Erfahrungen, die er in der Begegnung mit ihnen sammelt, lassen ihn Schritt für Schritt zum Mann heranreifen und seinem Ziel näherkommen. NEVADA SMITH vereint in seiner Geschichte Elemente klassischer antiker Heldenmythen (die Reise mit ihren verschiedenen Stationen), des Schelmenstückes (das linkische Verhalten Max‘, der damit dennoch überall durchkommt), des Bildungsromans (die Entwicklung des Jungen zum Mann) und der Americana (die verschiedenen Orte und Kulturen, mit denen Max zusammentrifft). McQueens Rolle entspricht dabei der Filmpersona, die er zu jener Zeit für sich herausgearbeitet hatte und die eine Vorstufe zu dem coolen, supersouveränen Profi ist, den er ab THE THOMAS CROWN AFFAIR verkörperte. In NEVADA SMITH ist er der nicht besonders intelligente, dafür umso entschlossenere, aufmüpfige, respekt- und furchtlose Jüngling (obwohl McQueen damals schon 35 war – eine Parallele zu seinem „Teenager“ aus THE BLOB), der durchaus autobiografische Züge trägt: McQueen wuchs ohne leiblichen Vater auf, wurde von seiner Mutter über weite Strecken seiner Kindheit und Jugend allein gelassen, arbeitete auf der Farm seines Onkels und sammelte seine Erfahrungen auf der Straße, die ihm dann auch Schwierigkeiten mit dem Gesetz und einen mehrjährigen Aufenthalt in einem Heim der „Boys Republic“, einer Anstalt für schwer erziehbare Jungs einbrachten. So wie McQueen im Laufe seiner Karriere „wachsen“ sollte, vom räudigen Straßenköter zu einem Sexsymbol, vom Taugenichts zum bestbezahlten Schauspieler seiner Zeit, so reift auch Max. Zuerst sind es nur kleine Schritte, die er macht: Er lernt, dass man Fremden nicht unbedingt trauen sollte, wie man richtig schießt. Er begeht seinen ersten Rachemord, verliebt sich in die indianischer Prostituierte Neesa (Janet Margolin) und wird von ihrem Stamm gesund gepflegt. Auf der Suche nach dem nächsten Mörder verschlägt es ihn in ein Strafgefangenenlager in den Sümpfen Louisianas, aus dem ihm mithilfe des Cajun-Mädchens Pilar (Suzanne Pleshette) der Ausbruch gelingt, bei dem sie jedoch stirbt. Erstmals kommen ihm Zweifel an der Richtigkeit seiner Mission: Wird er nicht selbst zu dem, was er zu bestrafen sucht? Doch er hält an seinem Plan fest, auch als ihm ein Mönch (Raf Vallone) ins Gewissen redet. Bis er den letzten Killer, Tom Fitch (Karl Malden), wehrlos vor sich stehen hat.

NEVADA SMITH hangelt sich an allen wesentlichen Plotmarkern des Rachefilms entlang und führt seinen Protagonisten auf seiner Reise gewissermaßen ans Licht der Erkenntnis. Der kaltblütige Rachemord ändert nichts, er verschmutzt letztlich nur die eigene Seele. Doch so wirkungsvoll die Schlussszene mit den an Max‘ abprallenden Verfluchungen des verwundet zurückgelassenen Mörders auch ist: Nach zwei Stunden endet Hathaways Film damit lediglich genau so, wie man das von Beginn an vorausgesehen hat. NEVADA SMITH verfügt über eine nur schwer zu fassende, bleierne Atmosphäre, die mit seinem beschwingten Erzähltempo und den prachtvollen Bildern seltsam über Kreuz liegt. Das ist durchaus interessant, aber trotzdem fehlt irgendetwas zum totalen Glück. Der Kern der Geschichte, die innere Entwicklung, die Max durchläuft, bleibt diffus, auch weil der Film es versäumt, den Ablauf der Zeit wirklich greifbar zu machen. Als am Ende gesagt wird, dass seit dem Mord an Max‘ Eltern Jahre vergangen sind, war ich mehr als nur etwas verdutzt. Das alles wirkt, als spielt es sich innerhalb einiger Wochen ab (auch wenn es logistisch etwas schwierig gewesen wäre, die Strecke in dieser Zeit zurückzulegen). McQueen gelingt es hier beileibe nicht so eindrucksvoll wie in seinen anderen Filmen, seinen Charakter zu seinem eigenen zu machen. Was Max im Innersten antreibt, die Entwicklung, die er durchläuft, wird nie wirklich transparent. Max bleibt ein Mysterium, mal benimmt er sich wie ein dümmlicher Naivling, dann ist er wieder der eiskalte Profi, und es fiel mir als Zuschauer enorm schwer, mich zu ihm zu positionieren. Wir erfahren fast nichts über ihn. Der Film beginnt mit dem Mord an seinen Eltern (Lukas hat hier eine kleine Analyse der Sequenz veröffentlicht), und bevor wir noch eine Beziehung zu Max aufbauen können, befindet er sich bereits auf dem Kriegspfad, um zwei Menschen zu rächen, deren Beziehung zu ihm nie beleuchtet wurde. Dass man mit ihm mitfiebert, ist eher der Konvention geschuldet, als dem Charakter selbst. Auch die humanistische Botschaft, mit der der Film endet, ist zwiespältig: Max lässt Fitch zwar leben, doch von echter Gnade kann keine Rede sein. Und wohin es den Protagonisten nun verschlagen wird, bleibt ebenfalls völlig ungewiss. Man sieht keine Zukunft für ihn am Horizont. Bezeichnend, dass sein Name, der Name des Films, ein Pseudonym ist, dass er sich spontan ausdenkt, um Fitch über seine wahre Identität zu täuschen. Wer ist dieser Mann eigentlich? Das Menschliche tritt gegenüber der Größe des Landes, das eine Vielzahl austauschbarer Geschichten erzählt, völlig in den Hintergrund. Der Weg ist das Ziel, und in der beinahe mythischen Reise des Jungen durch das Land entfaltet NEVADA SMITH dann auch seinen Reiz, vor allem in der Louisiana-Episode, die McQueen zum zweiten Mal nach THE GREAT ESCAPE zum Ausbrecher macht (einige Jahre später vollendete er seine private Ausbrecher-Trilogie mit PAPILLON).

Interessant ist auch die editionsphilologische Frage: Die deutsche Fassung läuft ca. 125 Minuten, was 131 NTSC-Minuten entspricht, doch im Netz ist vielfach von 135 Minuten die Rede. Es existieren Szenenfotos von der Ermordung von Max‘ Eltern, die suggerieren, dass deutlich mehr gedreht wurde, als man im Film zu sehen bekommt, aber konkrete Hinweise zu einer solchen „intakten“ Fassung gibt es nicht.

Wenn man die Trivia-Bits zu CLEOPATRA auf IMDb liest, zeigt sich das wahre Gesicht dieses Films: Hier ging es wohl nur am Rande darum, eine Geschichte zu erzählen. Stattdessen ist CLEOPATRA eine einzige Machtdemonstration, eine Prestigeproduktion, mit der Hollywood zeigen wollte, was es zu leisten im Stande ist – oder mehr noch zu demonstrieren, wie impotent andere Filmindustrien dieser Welt im direkten Vergleich sind. Es ist nicht nur eine unausweichliche Begleiterscheinung, dass es bei solchen Machtdemonstrationen Kollateralschäden gibt, sondern vielmehr Zweck der Übung. Mehr als um das reibungslose Gelingen solcher Projekte geht es darum, wie viel Ausdauer und Leidensfähigkeit man bei ihrer Fertigstellung aufbringt, welche Hindernisse man überwindet, von welchen Unfällen man sich eben bei der Erreichung seines Ziels nicht abhalten lässt. CLEOPATRA ist einer der teuersten Film aller Zeiten – berücksichtigt man die Inflationsbereinigung, würde er heute rund 400 Millionen Dollar kosten und wäre damit sogar der teuerste (wenn man der Quelle hinter dem Link glaubt) –, er stürzte die Fox beinahe in den Ruin, brauchte drei Jahre bs zur Fertigstellung sowie zehn, um seine Kosten wieder einzuspielen, verschliss einen Regisseur (Rouben Mamoulian), einen Produzenten (Walter Wanger) und mehrere Stars (Peter Finch, Stephen Boyd). Der betriebene Aufwand ist immens, lässt einem die Augen tränen und wäre in dieser Form heute wohl kaum noch realisierbar: 79 Sets und 26.000 Kostüme wurden für den Film entworfen. Set-Designer John DeCuir baute das Alexandria-Setting ganze dreimal neu auf: Alle anderen Sets mussten zweimal aufgebaut werden, weil die Produktion zwischenzeitlich von London nach Rom umzog. Darunter auch das Forum Romanum, das dreimal größer war als das Original. 200.000 Dollar verschlang allein die Garderobe der Taylor, zu deren 65 Kleidern u. a. eines aus 24-karätigem Gold gehörte. Das Engagement der Schauspielerin ließ sich die Fox insgesamt satte 7 Millionen Dollar kosten: Ein klassischer Fall von wirtschaftlicher Fehlleistung, denn eine Erkrankung der Taylor war maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Kosten des Films so massiv explodierten. Weil eine Operation unumgänglich war, platzte der Drehplan, infolgedessen Verträge aufgelöst werden mussten und  Nachdrehs erforderlich wurden. Als Rouben Mamoulian nach einem Jahr entlassen und durch Mankiewicz ersetzt wurde, war das ursprüngliche Budget bereits um 5 Millionen Dolar überzogen, ohne dass dabei überhaupt verwendbares Material entstanden wäre. Wie krass sich die Fox bei dem Versuch, den größten Film aller Zeiten zu drehen vergaloppiert hatte, belegt ein letzter Fakt: Die große Schlacht, mit der CLEOPATRA eigentlich enden sollte, musste entfallen, weil kein Geld mehr da war. Die Liste des Irrsinns ließe sich wahrscheinlich endlos fortsetzen. Angeblich soll Elizabeth Taylor sich übergeben haben, als sie den Film zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Man kann es ihr nicht verdenken.

Als narratives Werk ist CLEOPATRA eine einzige Katastrophe. Der mehr als vierstündige Film zieht sich zäh wie Mürbeteig dahin, besteht fast ausschließlich aus unsäglich gestelzten Dialogszenen, die etwas aufzubauen scheinen, worauf man dann vergeblich wartet. Für die Geschichte wichtige Ereignisse finden offscreen (Brutus‘ Ermordung) oder in Traumsequenzen (Julius Caesars Ermordung) statt. „Action“, also Szenen, in denen die Protagonisten Taten statt Worte sprechen ließen, gibt es fast gar nicht: eine kurze Schlacht gibt es in der ersten Stunde, das größte Set Piece, die Seeschlacht der Flotte Marcus Antonius‘ (Richard Burton) gegen die römische Armada Octavians (Roddy McDowall), lässt danach ca. bis zur Dreistundenmarke auf sich warten. Um es kurz zu fassen: CLEOPATRA ist ziemlich langweilig und endlos verlabert. Aber solche banalen Mängel treten recht schnell in den Hintergrund und dann wird der Blick auf eine sprachlos machende Dekadenz und Selbstbezogenheit freigegeben, die CLEOPATRA vom bloß grotesk missratenen Camp zum außer Kontrolle geratenen Wahnsinnswerk erheben. Je länger der Film dauert, umso weniger kann man ihn als fiktionale Aufarbeitung historischer Ereignisse Ernst nehmen und umso mehr scheint er um sich selbst zu kreisen. Das lässt sich schon an den Performances ablesen: Rex Harrison kann als Julius Caesar nie ganz den distinguierten britischen Saufonkel ablegen (er ersetzte Peter Finch, der zumindest auf dem Papier die bessere Wahl ist), ist aber noch auf eine herkömmliche Art und Weise fehlbesetzt. Anders verhält es sich mit Elizabeth Taylor, die sich von Minute zu Minute unerträglicher wird und sich dabei immer mehr von der ägyptischen Königin in die schwierige Diva, die sie in ihrer Beziehung mit Richard Burton verkörperte (den sie bei den Dreharbeiten zu CLEOPATRA kennenlernte). Nach dem 30. selbstzweckhaft überkandidelten Kostüm fällt es schwer zu glauben, dass es hier nur um den Reichtum Kleopatras geht und nicht darum, einem der größten Hollywoodstars einen „angemessenen“ Auftritt zu verleihen bzw. wie oben erwähnt, die eigene finanzielle Potenz zu zeigen. Die zahlreichen Anspielungen auf den großen Durst Burtons tun ihr Übriges: Man sieht hier nicht Schauspielern dabei zu, wie sie Geschichte nachspielen, sondern wie Geschichte als geeignetes Spiegelbild des Hollywood-Pomps instrumentalisiert wird. Der Film ist eine einzige entfesselte Massen-Masturbation.

Das macht CLEOPATRA neben seinen immensen Schauwerten, die auf Bluray in ganzer Pracht erstrahlen, zu einem absoluten Faszinosum, zum filmischen Äquivalent zum Autobahnunfalls, von dem man den Blick nicht abwenden kann, auch wenn das Grauen noch so groß ist. Zugegeben, damit dieser Vergleich wirklich stimmig ist, fehlt CLEOPATRA das Blut. Aber wenn man das volle Ausmaß Hollywood’scher Prahlsucht in Vollendung sehen will, gibt es auch innerhalb des umfangreichen Korpus an Monumentalfilmen wenig Besseres. So funktioniert der Film dann auch am besten: Als buntes, üppiges Wimmelbild, das dazu einlädt, den Blick schweifen zu lassen – und die eklatanten Mängel zu übersehen.

In der nordamerikanischen Wildnis werden diverse Urlauber (u. a. Cameron Mitchell und ein grünschnabeliger David Caruso) von merkwürdigen fliegenden kleinen Blutsaugermonstern angefallen und getötet. Sandy (Tarah Nutter) und Greg (Christopher S. Nelson) können eben noch in eine entlegene Kneipe entkommen, in der sich die beiden Veteranen Fred „Sarge“ Dobbs (Martin Landau) und Joe Taylor (Jack Palance) aufhalten, die schon lange ahnen, dass ein Alien in den Wäldern sein Unwesen treibt. Zusammen mit den Touristen gehen sie auf die Jagd nach dem Unhold …

Tja, wirklich aufregender als der zuletzt von mir im Wachkoma durchlittene THE DARK ist auch WITHOUT WARNING nicht, wenngleich sein Scheitern nicht ganz so eklatant ist. Greydon Clarks Film ist nämlich leider auf relativ herkömmliche Art und Weise monoton und langweilig: Der Film verheizt seinen einen, zugegebenermaßen ganz hübschen Spezialeffekt – die etwas an Maultaschen erinnernden Vampirfrisbees, die das Ober-Alien durch die Gegend wirft – gleich zu Beginn und hat dann nichts mehr nachzulegen, außer natürlich Martin Landau und Jack Palance, die seinerzeit tief in der B-Movie-Hölle versumpft waren und für manche Win-win-Situation sorgten: Kleine Exploitationfilme (etwa Jack Sholders spitzenmäßiger ALONE IN THE DARK) konnten sich mit der Präsenz der einstigen Hollywoodgrößen schmücken und die Stars endlich mal nach Herzenslust overacten. Vor allem Landau, der nach Greydon Clarks kurz zuvor entstandenem THE RETURN offensichtlich Gefallen an stulligen Alien-Stoffen gefunden hatte, frisst sich als durchgeknallter Ex-Soldat mit einem Bärenhunger durch seine Szenen und lockert die Gleichförmigkeit damit wohltuend auf. Palance muss demgegenüber nicht viel mehr tun, als seine Charakterfresse ins Bild zu halten, die ja für sich genommen schon ein unbezahlbarer Spezialeffekt ist. Sonst gibt es leider nicht viel, worüber man in Verzückung geraten könnte: Das Quäntchen Handlung ist nach zehn Minuten hinreichend durchgekaut und macht dann Raum für endloses Gelatsche durch den dunklen Tann. Schauwerte: Fehlanzeige, und das, obwohl mit Dean Cundey erwiesenermaßen ein Meister seines Fachs (u. a. die Carpenter-Klassiker HALLOWEEN, THE FOG, ESCAPE FROM NEW YORK, THE THING und BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA) hinter der Kamera stand (wie auch bei Clarks früheren Filmen). So dauert es bis zum kurzen und leider viel zu schmerzlosen Finale, bis man mit dem kürbisköpfigen Alienmonster endlich mal wieder was zu gucken bekommt. Genrehistorisch erwähnenswert ist WITHOUT WARNING vielleicht für die seinerzeit wohl unvermeidlichen ALIEN-Anleihen (die Opfer, die als „Vorrat“ aufgehängt werden, und die erwähnten Maultaschen, eine Art Quasi-Facehugger) sowie die vorsichtige Vorwegnahme von PREDATOR, dessen Darsteller Kevin Peter Hall auch hier ins Alienkostüm kletterte. Allerdings sollte man das nicht überbewerten, schließlich ist der Plot „Alien läuft durch den Wald und killt Menschen“ nicht so wahnsinnig spezifisch, dass nicht mehrere Menschen unabhängig voneinander auf diese brilliante Idee kommen könnten, ohne Urheberrechtsverletzungsklagen befürchten zu müssen. Mich hat an WITHOUT WARNING vor allem seine Besetzung fasziniert, die ihn fast zum OCEAN’S ELEVEN des Trash macht. Neben den Erwähnten übernehmen auch Neville Brand, Ralph KISS ME DEADLY Meeker und Fernseh- und Synchronstar Larry Storch Klein- und Kleinstrollen. Und hätte Greydon Clark David Caruso in weiser Voraussicht noch eine Sonnenbrillen-Szene ins Script geschrieben, wäre mein Urteil über seinen Film wahrscheinlich ganz anders ausgefallen.

Den Regisseur werde ich trotzdem mal ins Auge fassen, liest sich seine Filmografie doch so, als hätte dieser Mensch viel, viel Spaß in seinem Job gehabt. BLACK SHAMPOO dürfte eine Blaxploitationvariante auf Hal Ashbys SHAMPOO sein, SATAN’S CHEERLEADERS, HI-RIDERS (auch mit Brand und Meeker) und ANGELS‘ BRIGADE haben schon geile Titel, THE RETURN ist nach WITHOUT WARNING wahrscheinlich eh, ähem, Pflicht, JOYSTICKS steht nach der Lektüre von DESTROY ALL MOVIES!!! THE COMPLETE GUIDE TO PUNKS ON FILM ganz weit oben auf meiner Wunschliste und mit THE FORBIDDEN DANCE, jenem Lambada-Film, der ohne den Lambada-Song und ohne die Nennung des Tanzes im Titel auskommen musste, war er ja auch an dem albernen Schwanzvergleich der im Zorn auseinandergegangenen Cannon-Bosse Menahem Golan und Yoram Globus beteiligt. Vielleicht sollte man seine Biografie verfilmen.

Als Reverend Logan Sharpe (Martin Landau) wegen des Mordes an einer Prostituierten verdächtigt wird, nimmt sich dessen Freund, der Polizist Virgil Tibbs (Sidney Poitier), der Sache an. Die Ermittlungen werden durch politische Interessen verkompliziert, denn Sharpe fungiert als Vorkämpfer einer Petition zur Durchsetzung der „Home Rule“, die in Kürze zur Abstimmung kommt …

Schrieb ich schon zum Oscar-gekrönten Vorgänger IN THE HEAT OF THE NIGHT, dass es sich bei diesem in erster Linie um zwar kompetent gemachte, letztlich aber doch auch ziemlich vorhersehbare und risikolose Unterhaltung mit gut zu verdauenden sozialkritischen Untertönen handelte, so muss diese Kritik im Falle des Sequels drastisch verschärft werden: Unter der Regie des 1970 schon 63-jährigen Veteranen Gordon Douglas (u. a. verantwortlich für den Monsterfilm-Klassiker THEM) wird Virgil Tibbs aller Ecken und Kanten beraubt und der erste Schritt in Richtung des Mediums Fernsehen gemacht, in dem Tibbs dann ja auch von 1988 bis 1994 in immerhin acht Staffeln der Fernsehserie IN THE HEAT OF THE NIGHT eine Heimat finden sollte. Das spannendste an diesem langweiligen, spannungsarmen und durch und durch einfallslosen Krimi ist der deutsche Titel ZEHN STUNDEN ZEIT FÜR VIRGIL TIBBS, der ein Rennen gegen die Zeit suggeriert, das man im Film leider vergeblich sucht. Aber selbst die emanzipatorische Selbstbehauptung des Originaltitels, die eine kämpferische Fortsetzung der Rassismusthematik verspricht, ist Lug und Trug: Der ohne Angabe von Gründen aus Philadelphia nach San Francisco verfrachtete Tibbs bekommt hier nun auch eine Familie angedichtet, von der in Jewisons Film noch keine Rede war, und ist somit endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. So plätschert der auch formal bestenfalls unauffällige, eher jedoch uninspiriert zu nennende Film von einer ins Leere laufenden Szene zur nächsten, ohne annähernd so etwas wie Spannung zu evozieren, und es ist bezeichnend, dass das größte Konfliktpotenzial in der Beziehung von Tibbs zu seinem pubertierenden Sohn zu finden ist, die in diesem Film eigentlich nichts verloren hätte, wenn der Drehbuchautor seine Arbeit ordentlich gemacht hätte. Martin Landau wird in den Credits zwar gleich nach Poitier genannt, doch kann auch er mit seinen zwei bis drei Kurzauftritten keinen bleibenden Eindruck hinterlassen: Es fehlen einfach die Details, die den standardisierten Plot irgendwie lebendig machen würden. THEY CALL ME MR. TIBBS funktioniert also noch nicht einmal im Ansatz und muss demzufolge als absolute Nullnummer bezeichnet werden. Da nutzt auch das Siebzigerjahre-Flair nichts. Ich hoffe jetzt bloß, dass der letzte Tibbs-Film, THE ORGANIZATION von Don Medford, wieder etwas besser ist …

Dr. Dan Potter (Dwight Schultz) tritt seine neue Stelle als Arzt in der Nervenheilanstalt Haven als Ersatz für einen aus dem Amt geschiedenen Vorgänger an. Dieser hatte sich sehr gut mit den vier prominentesten Patienten des Hauses – dem psychopathischen Frank Hawkes (Jack Palance), dem ehemalige Priester und Brandstifter Byron Sutcliff (Martin Landau), dem Kinderschänder Ronald „Fatty“ Elster (Erland van Lidth) und dem als „Bleeder“ bekannten Serienmörder Skaggs – verstanden, die nun glauben, Potter habe bei dessen Ausscheiden seine Finger im Spiel gehabt. Als ein Stromausfall die Sicherheitsvorkehrungen der Klinik lahmlegt und die gesamt Umgebung im Chaos versinkt, brechen die Vier aus, um Potter und seiner Familie einen Besuch abzustatten …

ALONE IN THE DARK ist Jack Sholders Spielfilmdebüt und direkt ein Volltreffer, der allerdings auf ungünstige Marktbedingungen stieß: Das Horrorpublikum war ganz auf die damals populären Slasherfilme gepolt (eine Szene setzte den Film ungünstiger- und unabsichtlicherweise sogar in direkte Konkurrenz zum Jason-Franchise, das unpassende Postermotiv suggerierte einen gänzlich anderen Film) und konnte mit Sholders intelligenter Mischung aus schwarzem Humor, finsterem Psychothriller und einem an NIGHT OF THE LIVING DEAD oder auch ASSAULT ON PRECINT 13 erinnernden Belagerungsszenario nicht viel anfangen. Schade, denn ALONE IN THE DARK zählt locker zu den originellsten und spannendsten amerikanischen Horrorfilmen seiner Dekade. Der bizarre Humor Sholders hebelt den im Vergleich zu den Umtrieben eines Jason Voorhees sehr realen Horror nie aus, wie das so oft bei Horrorkomödien der Fall ist, sondern unterstützt diesen sogar noch:  Mit Antritt seiner neuen Stelle verlässt Potter auch die so genannte Normalität und tritt stattdessen ein in eine Welt, die nach ganz eigenen Gesetzen funktioniert. Sein Vorgesetzter, Dr. Leo Bain (großartig: Donald Pleasence), unterscheidet sich in seinem exzentrischen Gehabe und seinen eigenwilligen bis fragwürdigen Methoden kaum von den Menschen, die er behandeln soll, die Angst vor einem Super-GAU hält die Bevölkerung New Jerseys in Atem (wenige Jahre zuvor gab es einen Kernschmelzunfall im dortigen Kernkraftwerk Three Mile Island, auf den auch Bezug genommen wird) und der unfreiwillige Besuch eines Punkrock-Konzerts muss im biederen Potter den Eindruck, der einzig Normale auf einer aus den Fugen geratenen Welt zu sein, noch verstärken. Dieses Gefühl der Isolation fängt Sholder perfekt ein, indem er seinen Film stets in einem irritierenden Schwebezustand hält, nichts „erklärt“, auch noch die absurdesten Anwandlungen etwa Dr. Bains unkommentiert lässt und seine vier Schurken nur mit einem Minimum an Backstory ausstattet. Alles ist merkwürdig schräg und abseitig, ohne aber vollkommen irre zu sein, also gerade so viel, dass man wie Potter beginnt, am eigenen Verstand zu zweifeln, anstatt den Wahnsinn der anderen definitiv konstatieren zu können. Als Zuschauer kommt man so gar nicht umhin, sich mit Potter zu identifizieren, und wenn dieser sich im letzten Drittel des Films mit seiner Familie in seinem Haus verbarrikadiert, so ist das nur die äußerste bildliche Konkretion einer Isolation, die der ganze Film zuvor schon thematisiert hat. Das Sahnehäubchen auf diesem feinen Film ist natürlich die Leistung der drei Schauspielveteranen Palance, Landau und Pleasence, die ihre Rollen mit viel Schmackes interpretieren, aber dennoch den feinen Grat zwischen krachendem Overacting und wünschenswerter Expressivität wahren, auf dem sich der ganze Film bewegt und dem er seinen Reiz in entscheidendem Maße verdankt. In der englischen Sprache gibt es das schöne Wort „off-kilter“, das auf ALONE IN THE DARK passt wie die Faust aufs Auge. Ich wüsste nicht, wie man das im Deutschen ähnlich treffend beschreiben könnte.

Jack Sholder ist mit ALONE IN THE DARK ein Einstand nach Maß geglückt und das Niveau konnte er auch für seine nächsten Filme halten: Sein NIGHTMARE ON ELM STREETSequel ist eines der eigenwilligsten und interessantesten Sequels überhaupt (oder aber ein sehr schwacher Freddy-Krueger-Film, das hängt von der Perspektive ab) und von einem ähnlich eigenwilligen Humor geprägt, THE HIDDEN ist für mich einer der schönsten Genrefilme der Achtzigerjahre und seinen Buddy-Film RENEGADES würde ich gern mal wieder sehen. In den Neunzigern ging es aus unerfindlichen Gründen bergab: 12:01 war auf Video meines Wissens noch recht erfolgreich in Deutschland, danach verschlug es ihn in den Sumpf aus Fernsehproduktionen (u. a. inszenierte er für die TALES FROM THE CRYPT-Reihe) und DTV-Horrorsequels. In seinem WISHMASTER-Sequel findet man noch Spureneemente seines ebesno exzentrischen wie feinen Humors, der ihn immer auszeichnete und den ich in der gegenwärtigen Filmlandschaft sehr vermisse.