Mit ‘Massimo Dallamano’ getaggte Beiträge

Im selben Jahr wie Jess Francos Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Leopold von Sacher-Masoch entstand Dallamanos Film mit der kürzlich verstorbenen Laura Antonelli in der Rolle der „Venus im Pelz“, Wanda von Dunajew. „Der Django der Sexwelle“, wie das deutsche Plakat debil, aber immerhin kreativ verkündete, ist formal wie inhaltlich ein recht typischer Softsex-Film seiner Zeit, geprägt von der etwas vorgeschobenen Intention, den Spießbürger sexuell (und in diesem speziellen Fall auch noch literarisch-künstlerisch) weiterzubilden. Die Geschichte von Sacher-Masoch wird in die Gegenwart verlegt und auf handliche 83 Minuten eingedampft, die hauptsächlich mit nackten Tatsachen gefüllt werden. Philosophische Ideen oder psychologische Beobachtungen, die im Buch (das ich nie gelesen habe) möglicherweise enthalten sind, werden überwiegend auf die bedeutungsschwangere Voice-over-Narration verlegt, die dem schwülen Treiben den Anschein der Respektabilität verleihen soll. Dank der kompetenten Regie von Massimo Dallamano und der bisweilen wunderschönen Fotografie von Kameramann Sergio D’Offizi ist VENUS IM PELZ dann aber doch recht sehenswert, auch wenn es mitunter etwas redundant wird.

In der ersten Hälfte gelingt es zunächst recht schön, die unstilbbare Sehnsucht Severins (Régis Vallée) einzufangen, der die schöne Wanda in seinem Hotel im durch ein Loch in der Wand beäugt, gnadenlos fetischisiert und idealisiert. Sein Begehren, von der Frau dominiert, gequält, verletzt zu werden, steigert sich immer weiter, bis er sie schließlich dazu überreden kann, seine Herrin zu werden. Diese erste Hälfte ist eindeutig die stärkere, weil sie die gemeinsame Lust des Paares in ihren so unterschiedlichen, aber einander bedingenden Rollen nachvollziehbar, greifbar macht, sie eben nicht als „Perverse“ diffamiert. Man kann den Bildern eine gewisse Zärtlichkeit und Einfühlsamkeit nicht absprechen, und der Kontrast zwischen der braven Postkartenidylle des Handlungsorts und dem lodernden Begehren der Protagonisten, die die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche mit dem freudigen Unglauben und der Neugier von Kindern erleben, nahm mich gestern sehr für den Film ein. Der an dieser Stelle noch einigermaßen glaubwürdige aufklärerische Anspruch des Films wird nicht zuletzt durch die kuriose Statistenschar unterstrichen: Während sich Wanda und Severin da selbstvergessen aneinander reiben, sich lustvoll küssen, werden sie aus dem Bildhintergrund von der deutsch-österreichisch-schweizerischen Spießbürgergesellschaft beäugt, an deren alpinem Urlaubsort der Film gedreht wurde. Der Kontrast wird von Dallamano so offensiv ins Bild gerückt, das man nicht an einen Zufall glauben mag.

Mit dem Umschwung, den die Vorlage vorsieht, und der Verlegung der Handlung nach Spanien, wo die bis dahin perfekte symbiotische Beziehung der beiden Protagonisten erst feine Risse offenbart, dann schließlich ganz zerbricht, verliert auch der Film seinen Drive. Die Charakterentwicklungen sind forciert und klischiert (sie will sich nicht binden lassen, fängt sich an zu langweilen und glaubt, ihn mit seiner Untreue quälen zu können, er will aber natürlich nur jene Qual als Teil ihres Spiels akzeptieren, die Teil der Übereinkunft ist – das Paradox des Masochismus), der Plot wird übereilt abgewickelt, man vermisst jene Momente der ersten Hälfte, in denen das Bild vor Lust vibrieren durfte. Die endlos in die Länge gezogenen, von Psychedelik-Beat untermalten Orgien-Szenen muten jetzt lustlos an, als habe Dallamano irgendwann das Interesse an seinem Film verloren und beschlossen, ihn irgendwie zum Ende zu bringen. Lediglich die bittere Schlusspointe, in der Severin an einer Autobahntankstelle das perfekte Ebenbild Wandas aufgabelt und in ihr eine neue Partnerin für die Vereinigung im lustvollen Schmerz findet, lässt noch einmal aufmerken. Eine etwas zwiespältige, wenn auch visuell ansprechende Angelegenheit.

Als editionsphilologischer Hinweis sei noch anzumerken, dass der Film seinerzeit natürlich in verschiedenen Version erschien. DIe ursprüngliche Fassung wurde in Italien aufgrund ihrer expliziten Darstellungen verboten, der Versuch, den Film mit diversen Schnitten zu veröffentlichen, schlug fehl. Eine vier Jahre später angefertigte gekürzte Version unter dem Titel VENERE NUDA wurde schon nach wenigen Tagen wieder aus dem Verkehr gezogen. Erst 1975 konnte der Film in einer veränderten Fassung, mit zusätzlich gedrehten Szenen von Paolo Heusch, unter dem Titel LE MALIZIE DI VENERE – einer Anspielung auf Antonellis Erfolgsfilm MALIZIA – in Italien regulär verwertet werden. Mein Text bezieht sich auf die ursprüngliche Fassung.

Bildschirmfoto 2013-10-13 um 08.39.11„Kann man ein größerer Bastard sein als Inspektor Cliff?“, fragt der Titel, wenn mich meine Italienischkenntnisse (bzw. die diverser Internet-Übersetzungsseiten) nicht trügen: Dallamanos Gangster-/Cop-Groteske ist einer von vielen Filmen, die sich von Sergio Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI (bzw. Kurosawas YOJIMBO) nspirieren ließen, und besetzt den kantigen Ivan Rassimov als korrupten Drogenbullen Cliff Hoyt in der Eastwood-Rolle. In den Kampf zweier Gangsterorganisationen – einer wilden Bande von Hippies, die von der alten „Mama the Turk“ (Patricia Harvey) angeführt wird, und des unter dem Deckmantel eines (erpresserischen) Hostessenservices agierenden Geschäfts von Morell (Ettore Manni) – schaltet er sich als anscheinend vertrauenswürdiger Freiberufler ein, um beide, weder ein gesetzliches noch ein bloß moralisches, sondern im Gegenteil ein höchst egoistisches Interesse verfolgend, gegeneinander auszuspielen. Am Schluss hat er sogar den New Yorker Drogenboss Marco (Giacomo Rossi-Stuart) beiseitegeräumt und hält ein stattliches Sümmchen in den korrupten Händen. Aber er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht …

Dallamanos Film ist trotz seiner Inspirationsquelle ein recht untypischer Italofilm. Das liegt nicht nur an seinen Schauplätzen jenseits des Stiefels – Beirut, London, Paris, New York –, sondern an seiner tonalen Grundausrichtung: Zynisch sind viele italienische Thriller jener Zeit, dennoch stellen sie sich dabei meist auf die Seite ihrer kaputten Antihelden. All die Hardliner unter den italienischen Polizeifilm-Cops sind ja doch nur Opfer der Umstände, verzweifelt gegen eine Verbrechensflut ankämpfend, die längst nicht mehr aufzuhalten ist. Inspektor Cliff Hoyt hingegen ist, wie der Titel schon sagt, ein Bastard, und auch mit den größten argumentativen Verrenkungen nicht zu verteidigen: Die Gangster, gegen die er vorgeht, muten geradezu bemitleidenswert an in ihrem naiven Glauben, bei den großen Fischen mitmischen zu können, ohne dabei gefressen zu werden. Mama the Turk führt zwar mit unerbittlicher Härte (etwas im Stile der Gangstermamas, die in jenen Jahren das amerikanische Kino unsicher machten: Shelley Winters in BLOODY MAMA und CLEOPATRA JONES, Angie Dickinson in BIG BAD MAMA oder Cloris Leachman in CRAZY MAMA), hat aber eben doch einen denkbar unorthodoxen und unprofessionellen Haufen um sich geschart, der den internationalen Drogenhandel als große Party interpretiert. Und Morell hat die Masche, seine betuchten Klienten im Anschluss an ihre bei ihm gebuchten Vergnügungen mit diffamierendem Fotomaterial zu erpressen (herrlich die Szene, in der ein älterer Herr mit aufgesetzen Hasenöhrchen und Möhren knabbernd das „Hasenweibchen“ Joanne becirct), zwar perfektioniert und es damit zu einigem Reichtum gebracht, im Grunde seines Herzens ist er aber lediglich ein kleiner Gauner. Dass er Hoyt für einen Freund hält, sein bestes Pferd im Stall, die umwerfend attraktive Joanne (Stepahnie Beacham), gar ihr Herz an coolen Cop verschenkt, macht seinen Verrat noch schwerwiegender und die gerechte Strafe unabwendbar. Crime does eben doch not pay.

Seine Originalität, der ultraegoistische Protagonist, steht dem Film auf dem Weg ins Herzen des Zuschauers leider auch etwas im Weg. Auch wenn eigentlich ständig ewas passiert – Schießereien, Morde, Verfolgungsjagden, Schäferstündchen mit der nackten Beacham –, ließ mich SI PUÒ ESSERE PIÙ BASTARDI DELL’ISPETTORE CLIFF? eher kalt. Man weiß einfach nicht so recht, zu wem man halten soll; selbst wenn sich das ganze Ausmaß von Hoyts Abgebrühtheit erst am Schluss offenbart, ist er einem von Anfang an unsympathisch. Wenn man Dallamanos Werk kennt, dann weiß man, dass das kein Unfall war. Der Regisseur zeigt erneut seine Kompetenz in der Fertigung harter, aber finessenreicher Reißer, kann sich überdies auf die famose Kamerarbeit von Jack Hildyard (u. a. THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI) und die loungigen Klänge von Riz Ortolani verlassen, aber sein Stoff erzeugt hier eher Distanz statt Nähe. Die eigentlichen Sympathiefiguren sind die gefoppten Gangster und natürlich die schöne Joanna, deren Gefühle übel missbraucht wurden. Dass internationale Fassungen ihr im Titel auch noch mit dem schicken Namen SUPERBITCH huldigen, ist der sprichwörtliche Tritt auf den am Boden Liegenden. Ihre finale Reaktion gönnt man ihr ob der doppelten Demütigung von Herzen.

Seit dem Unfalltod der Mutter ist Emily (Nicoletta Elmi), die kleine Tochter des englischen Dokumentarfilmers Michael Williams (Richard Johnson), nicht mehr sie selbst. Als er sich nach Italien begibt, um dort seinen neuen Film über dämonische Gemälde zu drehen, nimmt er Emily und ihre Erzieherin Jill (Ida Galli) auf Rat eines Psychologen (Edmund Purdom) mit, damit sie in neuer Umgebung auf andere Gedanken kommt. Doch während Michael sich in ein mysteriöses Bild vertieft, das den Tod seiner Frau abzubilden scheint, und eine Liebesbeziehung mit seiner Produktionsassistentin Joanna (Joanna Cassidy) eingeht, stürzt seine Tochter immer tiefer in eine Krise, die die Menschen um sie herum in Lebensgefahr bringt. Ist sie von Dämonen besessen?

IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!) entstand wahrscheinlich im Zuge des bahnbrechenden Erfolgs von Friedkins Besessenheitsschocker THE EXORCIST (den erst 1976 ins Kino gekommenen THE OMEN nimmt er teilweise gar vorweg): Der hatte ja gleich mehrere italienische (und deutsche) Nachzieher inspiriert und sein Einfluss zeigt sich hier in der Gestalt der kleinen Emily, deren frühpubertäre Attacken möglicherweise mit dämonischer Besessenheit begründbar sind (und deren Gesicht schon in Filmen wie PROFONDO ROSSO, LE ORME, REAZIONE A CATENA oder CARNE PER FRANKENSTEIN selten Gutes verhieß). Mehr noch erinnert Dallamanos Film aber an Nicolas Roegs morbiden Venedig-Grusler DON’T LOOK NOW: Mit diesem teilt er den in der Vergangenheit liegenden Unglücksfall, der die Protagonisten nicht loslässt, die herbstlich-melancholische Stimmung sowie den englischen Papa, der sich beruflich in Italien aufhält. Die wunderschöne rotbemähnte Joanna Cassidy sieht Julie Christie zudem nicht unähnlich. Und wie in diesem tritt dann auch der fantastische Aspekt zugunsten einer Betrachtung über den Menschen in den Hintergrund. Es geht hier in erster Linie um einen Menschen, der nicht dazu befähigt ist, Glück zu empfinden. Der Fluch, der diesen Makel eventuell begründet, ist kaum mehr als schmückendes Beiwerk: Dallamano, den man in Deutschland vor allem mit den Giallos LA POLIZIA CHIEDE AIUTO und COSA AVETE FATTO A SOLANGE?, dem Polizeifilm QUELLI DELLA CALIBRO 38 und der Literaturverfilmung DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY verbindet (sowie natürlich mit seiner Kameraarbeit für die ersten beiden Teile von Leones DOLLAR-Trilogie), war dann wohl doch zu sehr Rationalist, als dass er an das Wirken böser Geister zu viele Gedanken verschwendet hätte. Das Finale, in dem sich das ganze Drama um die kleine Emily in einer schrecklichen Tat entfaltet, verfehlt seine Wirkung gerade deshalb nicht und schlägt den empathischen Betrachter mit bleischwerer Trauer und dem Einblick in eine derangierte Seele, die wohl tatsächlich nur unter einem schlechten Stern geboren worden war. Dämonische Flüche und geheimnisvolle Warnungen aus der Vergangenheit entspringen nur der Fantasie der Betrachter, die verzweifelt versuchen zu erklären, was doch unerklärlich ist. Leider jedoch wird das in IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!) nicht immer so konsequent entwickelt, wie es sich am Ende darstellt. Zwei Seelen schlagen, ach, in seiner Brust und halten den Film über große Teile der Laufzeit auf der Stelle fest. Zu viel Zeit wird auf das nur halbherzige Legen einer falschen Fährte verschwendet. Dass die logischerweise nirgendwo hinführt, ist nicht das Problem: Aber für den Horrorfilm, der zu sein IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!) über weite Strecken vorgibt, ist er einfach nicht unheimlich und spannend genug.

Das ist insofern schade, als man dem Film die Klasse Dallamanos natürlich trotzdem zu jeder Sekunde ansieht: Die Kamera von Franco Delli Colli fängt die ganze Farbenpracht des herbstlichen Umbriens und die romantisch verfallenen Landhäuser, in denen sich die Geschichte entfaltet, in wunderbar komponierten, stimmungsvollen Bildern ein, die Stelvio Cipriani mit einer jener klagenden Melodien veredelt, für die man das italienische Kino jener Zeit so liebt. In dem Moment, in dem Michael das unheimlich Bild zum ersten Mal in voller Größe sieht, er durch einen mit prunkvoller Kunst dekorierten Raum darauf zu schreitet, seine Aufmerksamkeit nur auf dieses eine Gemälde gerichtet, die schräg von oben einfallenden Lichtstrahlen einen zarten Schleier über die Szenerie legen und dazu diese heilige Melodie anhebt, möchte man einfach vergehen. In jeder Sekunde des Films spürt man die Sorgfalt, mit der er gefertigt wurde, sind es gerade die kleinen Details und Einfälle, die einen verzaubern: Wenn Michael im Finale etwa durch die engen Gassen des nächtlichen Spoleto rennt und dann hinter ihm wie aus dem Nichts eine Prozession von jungen Messdienern das Bild durchkreuzt. Dann das niederschmetternde Ende natürlich. Es steckt viel Magie in IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (PERCHE?!). Nur das vermaledeite Drehbuch, das steht ihrer vollen Entfaltung leider im Weg. Vielleicht muss ich ihn auch nur noch einmal sehen, wenn ich weiß, was Dallamanos Film nicht ist.

Als Vergeltung für die Erschießung seines Bruders ermordet der Gangster, den alle nur „den Marseiller“ nennen (Ivan Rassimov), die Ehefrau von Kommissar Vanni (Marcel Bozzuffi). Auf diese neue Qualität des Verbrechens reagiert die Polizei, indem sie Vanni eine neu formierte Spezialeinheit unterstellt, deren Mitglieder symbolisch mit einer .38 Magnum ausgestattet werden. Doch Vanni reagiert enttäuscht und erbost auf die sich einstellenden Disziplinlosigkeiten und Gesetzesübertretungen seiner Leute. Während der Marseiller sich anschickt, die Stadt mit strategisch deponierten Sprengladungen zu erpressen, wird die Spezialeinheit lahmgelegt …

Mit QUELLI DELLA CALIBRO 38, Dallamanos letztem Film, ist dem Regisseur ein Klassiker des italienischen Poliziottesco gelungen, nachdem er zuvor mit LA POLIZIA CHIEDE AIUTO und COSA AVETE FATTO A SOLANGE? schon im gemeinsamen Grenzgebiet von Polizeifilm und Giallo Beachtliches geleistet hatte. Der Ruf dieses Films stand seiner Wirkung auf mich zunächst im Wege, denn QUELLI DELLA CALIBRO 38 geht nicht den geraden Weg, den zu gehen er zunächst den Eindruck erweckt. Doch seine Umwege entpuppen sich rückblickend nicht als Irrungen und Wirrungen eines unfokussierten Drehbuchs, sondern als durchaus gewollt eingeschlagen. Die Spezialeinheit mit ihrer titelgebenden großkalibrigen Waffe bleibt eher eine Randerscheinung: Scheint Dallamano zunächst eine mehr oder weniger kritische Auseinandersetzung mit Selbstjustiz und dem Wunsch nach „Law & Order“ anzustreben, tritt dieser Strang zumindest vordergründig recht bald in den Hintergrund. Zunächst wird die mit der .38 verbundene Feuerkraft dadurch beschnitten, dass die Mitglieder der Spezialeinheit angewiesen werden, nur auf Beine zu schießen. Dann werden im Kontext des Genres geradezu lapidar anmutende Regelverletzungen massiv kritisiert, der sich bei den Jungbullen wie ein Virus ausbreitende Drang, die neue Macht auszunutzen, rigoros unterbunden. Man kann das kaum anders als als Stellungnahme Dallamanos zum Status quo des Poliottesco betrachten, der in schöner Regelmäßigkeit frustrierte Polizisten zeigte, die sich mit brachialer Gewalt gegen das aus dem Ruder gelaufene Verbrechen zur Wehr setzten. Vor allem Deodatos UOMINI SI NASCE POLIZIOTTI SI MUORE drängt sich zum Vergleich auf: Hier wie da geht es um eine motorisierte, neue gegründete Spezialeinheit überwiegend junger, motivierter Polizisten. Während Deodatos Cops im Namen des Gesetzes förmlich Amok laufen, von ihrem Vorgesetzten zwar kritisiert, aber niemlas wirklich zur Rechenschaft gezogen werden, da steht Dallamanos Spezialeinheit von Beginn an unter besonderer Beobachtung: Mit den neuen Aufgaben geht eben auch eine besondere Verantwrtung einher.

Vanni, von der Story her eigentlich zum Rächer prädestiniert, legt gerade wegen seiner persönlichen Betroffenheit größten Wert auf einen sauberen Ablauf der Ermittlungen. Er versteht die Ermordung seiner Frau eben nicht als Legitimation, die Regeln seinerseits zu beugen, sondern weiß, dass jeder seiner Schritte unter besonderer Beobachtung steht. Er muss sich noch enger an die Regeln halten als andere. QUELLI DELLA CALIBRO 38 wird zum Film über die Anstrengungen aller Beteiligten, trotz des enormen Drucks von außen, sauber zu bleiben. Und welcher Druck wird da auf sie ausgeübt! Zwei Bombenattentate zeigen verheerende Wirkung und Dallamano lässt keinen Zweifel an der Grausamkeit der Verbrechen des Marseillers. Lange fährt die Kamera über die am Boden liegenden Leichen von Frauen, Kindern, Männern, allesamt unschuldige Opfer eines rücksichtslosen Mörders. Die Presse fordert lautstark Maßnahmen und Erfolge, doch bei der Polizei sind alle bemüht, einen kühlen Kopf zu bewahren. Vannis Vorgesetzter zieht irgendwann sogar in Erwägung, den Forderungen des Marseillers nachzugeben. Es ist Vanni, der ihn dazu drängt, nicht aufzugeben, weiterzumachen, auf die Wirksamkeit der kriminalistisch sauberen Metoden zu Vertrauen. QUELLI DELLA CALIBRO 38 wird so auch zur Zerreißprobe für den Zuschauer, der mit dem Beginn des Films ja geradezu gelockt wird mit dem Versprechen auf die kathartische Gewalt, der Dallamano eine Absage erteilt. Oder anders: Sein Film erinnert uns daran, dass erst ein Triumph, der unter Einhaltung der Spielregeln erzielt wird, wirklich reinigenden Wirkung hat.

Als sich der Selbstmord der Teenagerin Silvia (Sherry Buchanan) als Mord entpuppt, kommen der ermittelnde Inspektor Silvestri (Claudio Cassinelli) und die zuständige Staatsanwältin Vittoria Stori (Giovanna Ralli) den Machenschaften eines Kinderprostitutionsrings auf die Schliche. Weil den Drahtziehern der Organisation daran gelegen ist, mögliche Belastungszeugen an einer Aussage zu hindern, schicken sie den Sensenmann in Gestalt eines in schwarzes Leder gewandeten Motorradfahrers mit Schlachtermesser los …

In LA POLIZIA CHIEDE AIUTO scheint Dallamano etwas zu explizieren, was in seinem COSA AVETTE FATTO A SOLANGE? noch in den Windungen des verschlungenen Plots verborgen war. Schon die einleitende Schrifteinblendung, die von den „erschreckenden Ursachen“ anscheinend singulärer und unverbundener Verbrechen berichtet, die zutage träten, wenn man sich nur die Mühe machte, genau nachzuforschen, spricht eine deutliche Sprache. Deutete Dallamano in SOLANGE nur an, dass das Leid seiner Titelheldin und der mit ihrem Fall zusammenhängenden weiteren Opfer nicht bloß besonders tragischen Umständen, sondern einer breiter angelegten gesellschaftlichen Fehlentwicklung geschuldet war, nämlich einer zunehmenden Sexualisierung der Jugend, die sie von den Eltern entfremdete und geradewegs in die Arme Erwachsener mit sehr flexiblen Moralvorstellungen trieb, so ist genau dies das Thema von LA POLIZIA CHIEDE AIUTO. Die sexueller Neugier junger Mädchen wird von skrupellosen Geschäftemachern ausgenutzt, die sie sich gefügig machen und für gutes Geld älteren Herren mit zweifelhaften Vorlieben zur Verfügung stellen. Weil der Fokus des Films breiter, er noch offener ist als SOLANGE, ist auch sein emotionaler Nachhall stärker: Wenn der Fall auch am Ende „gelöst“ ist, so hat man doch eine Ahnung davon erhalten, dass man der Hydra der Kinderprostitution allerhöchstens einen Kopf abgeschlagen hat, zumal – wie im paranoiden Italokino so üblich – die Verstrickungen bis in höchste Regierungsetagen reichen, in denen man sich zu schützen weiß. LA POLIZIA CHIEDE AIUTO trägt durchaus dystopische Züge.

Dallamano liefert eine meisterliche Arbeit ab: Getrieben von Ciprianis Score legt sein Film ein irrwitziges Tempo vor, das fast apokalyptische Dringlichkeit vermittelt, aber immer wieder in Momenten der Ruhe geerdet wird. Besonders wirkungsvoll ist sicherlich die Szene, in der Silvestri und Stori einem Tonband lauschen, auf dem die Liebesspiele der Mädchen mit ihren Kunden aufgezeichnet wurden. Dallamano löst die Szene in einer vollkommen statischen Einstellung auf – vorn rechts im Anschnitt das laufende Tonbandgerät, hinten links die beiden Beamten, die fassungslos und zunehmend versteinert zuhören, Stori mit der Kamera abgewandtem Gesicht, Silvestri auf einen Tisch gestützt und uns zugewandt -, die das Unfassbare mit einer schockierenden Banalität ausstattet. Mario Adorf hat zwar nur eine kleine Rolle, trägt aber einen großen Anteil an der Wirkung des Films: Gleich zu Beginn, wenn sein Inspektor Valentini die erhängte Leiche Silvias in einer Dachkammer findet, verrät sein Blick einen Beamten, dem es nicht möglich ist, einer solchen Tragödie mit nüchternem Professionalismus zu begegnen. Später erfährt man dann auch warum: Das verkrampfte Zucken seines Munds, wenn er seine Tochter begrüßt, von der er eben erfahren hat, dass auch sie dem Prostitutionsring ins Netz gegangen ist, verrät mehr als tausend tränenreiche Monologe. So gerät LA POLIZIA CHIEDE AIUTO zu einer einzigen Tour de Force für den Zuschauer, dem kaum eine Sekunde bleibt, Luft zu holen. Beispielhaft für das Tempo des Films steht ein Szenenwechsel: Von der Aussage eines Pathologen, das grausam zerstückelte Opfer sei mit einem speziellen Schlachterbeil ermordet worden, wird direkt auf besagtes Beil geschnitten, das sich nun in der Hand eben jenes Mörders befindet, der damit in den Film eingeführt wird, und zwar in einem Moment, in dem er gerade drauf und dran ist, die nächste unliebsame Zeugin auszuschalten.So hetzt der Film mit grausamer innerer Logik von einer Enthüllung zur nächsten Krise.

LA POLIZIA CHIEDE AIUTO wird gemeinhin zu den besten Giallos gezählt: Das muss man so stehen lassen. Doch dieser Erfolg geht nicht zuletzt darauf zurück, dass sich Dallamano eher den dramaturgischen Mitteln des Polizeifilms unterwirft. Ihm ist ein mitreißender, atemloser, dabei jedoch hochkonzentrierter und beängstigend präziser Thriller gelungen, der in 40 Jahren nichts von seiner Kraft eingebüßt hat und immer noch so frisch wirkt, wie er das wohl damals schon tat. Ein Wunderwerk, das geschmackssichere Hollywood-Produzenten sofort remaken würden.

Beim Tête-à-Tête mit ihrem Lehrer Prof. Rosseni (Fabio Testi) beobachtet die Schülerin Elizabeth (Cristina Galbó) den Mord an einer Klassenkameradin. Weitere Morde an Schulmädchen folgen. Rosseni begibt sich selbst auf Spurensuche und bietet sich damit nicht nur  dem ermittelnden Scotland-Yard-Inspector Barth (Joachim Fuchsberger) als Tatverdächtiger an, er riskiert auch, dass seine Ehefrau, die Deutschlehrerin Herta (Karin Baal) von seiner Affäre erfährt …

Die geistige Verwandtschaft italienischer Giallos mit den bundesdeutschen Mysterykrimis der Edgar-Wallace-Reihe ist längst nicht nur produktionstechnischen Überschneidungen geschuldet. In beiden Genres wurde der eher bürokratische Aspekt von kriminalistischer Arbeit zugunsten der Darstellung garstiger Gräueltaten, der Betonung menschlicher Abgründe und der Anknüpfung an gothische Schauerwelten vernachlässigt, wenn nicht gar ganz verworfen. Die Filme, die dabei entstanden, hatten eher selten etwas mit der Realität zu tun, entsprachen eher dem Wunsch des Publikums nach Sex and Crime. COSA AVETE FATTO A SOLANGE?, der unter dem Titel DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL als später Beitrag zur deutschen Erfolgsreihe entstand, ist sowas wie der direkte Kreuzungspunkt beider Genres, aber eigentlich viel zu seriös, ambitioniert und stilvoll, um ihnen einverleibt zu werden. Der Fan der staubigen Edgar-Wallace-Filme, die immer wieder mit augenrollenden Psychopathen, nebligen Londoner Seitenstraßen und nervigen Comic Reliefs aufwarteten, wird von Regisseur Massimo Dallamano allenfalls noch mit der Anwesenheit Joachim Fuchsbergers und den Grundzügen des Plots angesprochen, dürfte von der recht ernsten und düsteren Geschichte um eine Abtreibung und ihre tragischen Folgen dann aber nur noch wenig anzufangen wissen. (Behaupte ich jetzt mal, denn die Verbindung zur Erfolgsreihe bleibt einem als Zuschauer der englischen Synchronfassung weitestgehend verborgen.) Aber auch der Vergleich mit den ihm vielleicht näher stehenden Giallos, wie sie in überwiegend in Südeuropa entstanden, hinkt, selbst wenn er die wichtigsten Zutaten mit diesen teilt: eine rätselhafte Mordserie eines wenig zimperlichen Mörders, die von einem eifrigen Kriminalisten und einem selbst unter Verdacht stehenden Zivilbürger aufgeklärt werden muss, und eine Handlungsentwicklung, die immer wieder durch die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung ihrer Protagonisten beeinflusst wird.

Massimo Dallamano, dem für die Kameraarbeit für Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI und PER QUALCHE DOLLARO IN PIÙ ein Platz in der Filmgeschichte sicher ist und dessen spätere Regielaufbahn leider durch einen tödlichen Autounfall jäh beendet wurde, erzählt sein Geschichte mit traumwandlerischer Sicherheit, unterstützt durch die famose Kameraarbeit Aristode Massaccesis (deren Qualität in keinem Verhältnis zu seinen streitbaren inszenatorischen Fähigkeiten steht) und einen wie immer albtraumhaft schönen Score von Ennio Morricone: Allein der kurze Moment, indem seine dissonant-sirenenhaft wimmernden Streicher für einen kurzen Augenblick tatsächlich mit der diegetischen Sirene eines Notarztwagens verschmelzen, lohnt schon das Ansehen. Was COSA AVETE FATTO A SOLANGE? jedoch am meisten auszeichnet: Bei aller Zielorientierung, die einen Krimi nun einmal prägt, überieht Dallamano nie, dass diesem singulären Verbrechen gesamtgesellschaftliche Tendenzen zugrunde liegen, die mit der Aufklärung eines Falls längst noch nicht behoben sind. Zwischen Eltern- und Kindergeneration klafft ein tiefer Graben, in ihrem fortgeschrittenen sexuellen Selbstverständnis finden die Teeniemädchen keinen Orientierungspunkt mehr, sind gänzlich auf sich allein gestellt und die Erwachsenen scheinen sich um ein Verständnis dieser neuen Probleme ihrer Kinder gar nicht zu bemühen. Wie verfahren die Situation ist, erkennt man daran, dass den Mädchen ausgerechnet der kirchliche Beichtstuhl als Rückzugsort einfällt: Das kann ja nur böse enden. Und auch der Held des Films, der schöne Prof. Rosseni, ist wenn schon nicht direkt, so doch mindestens indirekt an den Problemen beteiligt, wenn er sich als verheirateter Mann – noch dazu als Lehrer! – mit einer 18-Jährigen einlässt.

Dallamano löst alle unterschwellig brodelnden Konflikte niemals auf: Wenn auch Rossenis Geliebte dem Mörder zum Opfer fällt, sich später dann aber herausstellt, dass diese noch Jungfrau war, nehmen er und seine Gattin das Eheleben fast erleichtert und in dem Bemühen wieder auf, so zu tun, als sei nichts gewesen. Doch ihre gemeinsamen Szenen sind ab diesem Zeitpunkt noch um ein Vielfaches unangenehmer als vorher, wo sie einen unbeholfenen Eiertanz aufführten, um das heikle Thema „Ehebruch“ bloß nicht ansprechen zu müssen. Mit sichtbarer Abscheu voreinander oder schmerzhaft anzusehender Selbstverleugnung tauschen sie banale Freundlich- und Zärtlichkeiten aus, anstatt die offene Aussprache zu suchen. Diese Gesellschaft, so versteht man, ist perfekt darin, Probleme zu leugnen, sich selbst zu belügen und heile Welt vorzugaukeln. Zurück bleiben Leichen und zerstörte Seelen wie Solange. Was hat man ihr bloß angetan?