Mit ‘Matt Damon’ getaggte Beiträge

Das Original zum Film der Coens, das 1969 unter der Regie von Henry Hathaway entstand, ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil es John Wayne wenige Jahre vor seinem Tod endlich den Oscar bescherte, der nach rund 40 Jahren im Filmgeschäft längst überfällig war. Hathaways TRUE GRIT war sicherlich nicht Waynes bester Film – die Idee des New Hollywood war im Jahr zuvor unter anderem aus dem Grund geboren worden, um „Opas Kino“, wie es der 71 Jahre alte Hathaway verkörperte, abzulösen -, aber man ahnte wohl, dass es nicht mehr allzu viele Gelegenheiten geben würde, Wayne auszuzeichnen, und sein Rooster Cogburn in TRUE GRIT war eine jener selbstreflexiven Altersrollen, die auch heute noch gern ausgezeichnet werden. (Im Nachhinein hätte man vielleicht lieber auf Don Siegels THE SHOOTIST warten sollen, um Wayne die verdiente Würdigung zuteil werden zu lassen, aber man kann es sich halt nicht immer aussuchen – und Wayne war da auch bereits so stark vom Krebs gezeichnet, dass er von seinem Oscar nicht mehr viel gehabt hätte.) Ich mag Hathaways TRUE GRIT, weil ich mit ihm nostalgische Erinnerungen verbinde, aber es ist ein Film, der Ende der Sechzigerjahre hoffnungslos aus der Zeit gefallen war, ein bisschen hüftsteif und altmodisch, ganz so wie sein Held.

Im Werk der Coens ist TRUE GRIT sicherlich kein Fremdkörper, aber es handelt sich dennoch um einen auffallend klassischen Film: Erzählkino im besten Sinne, das ganz von der Wertschätzung seiner Macher für das amerikanischste aller Filmgenres lebt und aus seinen, sagen wir mal, gedrosselten künstlerischen Ambitionen keinen Hehl macht. Aber was heißt das schon, wenn die Coens hinter der Kamera stehen? Ihr TRUE GRIT ist so furztrocken wie Schießpulver, verliebt in die unwirtliche, aber majestätische Prärie, die wettergegerbten Gesichter seiner männlichen Protagonisten, ihre tabakverrauchten Stimmen und den spröden drawl, der ihnen so wunderbar gelassen von der Zunge rollt. Wichtiger als die Jagd auf den Mörder ist die Konfrontation der selbstbewussten, wohlartikuliert und bestimmt argumentierenden 14-jährigen Mattie (Hailee Steinfeld) und dem gammligen Veteran Cogburn (Jeff Bridges). Den „Biss“, der da eigentlich Bridges‘ Charkter zugeschrieben wird, ist ja vor allem die Eigenschaft, die die junge Mattie auszeichnet: In einer von erwachsenen Männern dominierten Welt tritt sie bedingungslos für ihre Interessen ein und Killern, Betrügern, Säufern und Strauchdieben auf die Füße – und triumphiert.

In Hathaways Film war der Charakter noch etwas weniger positiv gezeichnet worden: An Mut mangelte es Mattie auch dort nicht, aber es blieb trotzdem kein Zweifel daran, dass sie eigentlich keine Chance hatte. Gerettet werden muss sie am Ende auch in Coens Remake: Aber was bleibt ist nicht das Gefühl, dass der Wilde Westen doch nur etwas für harte Kerle ist, sondern dass der „true grit“, den Cogburn verkörpert, in Zukunft nicht mehr das Maß der Dinge sein wird. Am Ende will die mittlerweile erwachsene Mattie ihren einstigen Weggefährten wiedertreffen, auf einem Jahrmarkt, auf dem die alten Westernlegenden sich bestaunen lassen wie Zirkustiere, doch dort erfähr sie nur, dass Cogburn an auf läppische Art und Weise gestorben ist. Es bleibt der einarmigen Mattie vorbehalten, am Horizont zu verschwinden wie einst die Helden, nachdem sie den Tag gerettet hatten.Während Hathaway zur Zeit des Spätwesterns einen throwback inszenierte, einen Film, der noch einmal mit dem großen Schmelz der Klassiker gedreht war, reimaginieren die Coens den Stoff als Abgesang auf eine historische Epoche. Kritiker klagten, es handle sich nicht um einen „echten“ Coen-Film, aber das ist natürlich Quatsch: Bridges‘ Cogburn ist die alternde Westernvariante seines Lebowski, eine Episode um einen Erhängten ist ein weiterer, gelungener Beleg für den schwarzen Humor der Brüder, der Showdown wird wunderbar lässig hingeworfen, kurze angeteaserte Episoden und das Kommen und Gehen verschiedener Charaktere stärken den Eindruck, dass da eine ganze Welt im Hintergrund der Haupterzählung mitläuft. Den Coens ist mit TRUE GRIT ein wunderbarer, unprätentiöser Film gelungen(ihr kommerziell erfolgreichster überdies) und ein starker Western, dessen erzählerische Gelassenheit keine Schwäche, sondern Zeichen echter Meisterschaft ist.

Als der britische Journalist Simon Ross (Paddy Considine) droht, Einzelheiten über das Projekt Treadstone – dem Jason Bourne (Matt Damon) angehörte – und das Nachfolgeprojekt Blackbriar zu enthüllen, erregt er damit sowohl die Aufmerksamkeit des Killers mit der Gedächtnislücke selbst als auch die des CIA-Mannes Vosen (David Strathairn): Ersterer hofft von Ross neue Details über seine Vergangenheit zu erfahren, letzterer fürchtet, die Aufdeckung der Geheimoperationen könne zu hohe Wellen schlagen. Weil er das um jeden Preis verhindern will, setzt er seine Killer auf Ross und schließlich auch auf Bourne an. Zwischen den beiden Männern steht wieder einmal Pam Landy (Joan Allen), die mehr und mehr zu Bournes Verbündeter wird …

THE BOURNE ULTIMATUM stellt stilistisch eine Steigerung der Run-and-Gun-Inszenierung des Vorgängers THE BOURNE SUPREMACY dar: Der Film ist noch schneller und atemloser, die Action-Set-Pieces – ein Handy-unterstütztes Katz-und-Maus-Spiel in der Londoner Waterloo Station, eine Verfolgungsjagd über die Dächer Tangers und eine durch die Straßen New Yorks – sind noch größer und spektakulärer, Framing, Fotografie und Schnitt noch desorientierender. Das Cross-Cutting zwischen Bourne auf der einen und den CIA-Beamten, die wieder einmal jede ihnen zur Verfügung stehende Technik einsetzen, um Bourne auf die Spur zu kommen, auf der anderen Seite, bestimmt den Film strukturell noch mehr als der Vorgänger. Während Bourne von London nach Madrid, Tanger und schließlich New York reist, sitzt Vosen mit seinen Leuten in der Kommandozentrale in Manhattan vor einer Wand mit mehreren Bildschirmen und überwacht jeden seiner Schritte. Am Ende wird Bourne tatsächlich wissen, wer er war, bevor er ein Killer wurde – um mit diesem Wissen wieder der sein zu können, der er vorher war. Colonel Trautman hatte diese Entwicklung in RAMBO III seinem Schützling gegenüber als „coming full circle“ bezeichnet: zu akzeptieren, wer man ist, ja, mehr noch, es anzunehmen, um wieder oder endlich „ganz“ sein zu können.

Die Story des Films bietet wenig echte Überraschungen – wenn man mal außer Acht lässt, dass diese Art von Film natürlich vollgestopft ist mit kleineren Twists und Turns –, läuft zielgenau auf den Punkt zu, der sich schon am Ende des ersten Teils am Horizont abzeichnete. Die finale Enthüllung mutet dann auch sehr pflichtschuldig an. Anders als für Bourne gilt für den Film: Der Weg ist das Ziel. Dennoch weiß THE BOURNE ULTIMATUM für sich einzunehmen. Die Inszenierung Greengrass‘ baut, ganz unabhängig davon, ob man seinen Stil mag oder nicht (mir gefällt’s), einen immensen Druck auf und der moralische Unterton, der sich schon im Vorgänger eingeschlichen hatte, ist angenehm zurückhaltend. Für missionarischen Eifer ist die dargestellte Ralität schon zu ernüchternd. Die tollste Idee dieses Films ist aber definitiv seine Platzierung innerhalb des Gesamtwerks: THE BOURNE ULTIMATUM folgt seinem Vorgänger zeitlich nicht einfach, vielmehr spielt er sich in der Zeitspanne zwischen der vorletzten Szene von THE BOURNE SUPREMACY und dessen Epilog ab. Dieser Epilog wird in THE BOURNE ULTIMATUM noch einmal wiederholt, aber er hat hier eine andere Bedeutung. It’s all about context. Und ich bin gespannt, wie der mit dem kommenden THE BOURNE LEGACY erweitert wird.

Bei einer CIA-Operation in Berlin werden zwei Agenten ermordet. Am Tatort findet man die Fingerabdrücke eines alten Bekannten: Jason Bourne (Matt Damon). Doch der an Amnesie leidende CIA-Killer hat sich mit seiner Geliebten Marie (Franka Potente) nach Indien zurückgezogen, wo sie ihm dabei hilft, die ihn heimsuchenden Erinnerungsfetzen zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzufügen. Als ein Unbekannter sie erschießt, vermutet er die CIA dahinter und verlässt sein Versteck. Die Spur führt ihn nach Berlin, wo die CIA-Beamtin Pam Landy (Joan Allen) und Abbott (Brian Cox), der Chef des Treadstone-Programms, aus dem Bourne hervorgegangen ist, sich ein ein heftiges Kompetenzgerangel liefern und nur auf ihn warten …

Wie ich im Beitrag zu THE BOURNE IDENTITY schon angedeutet hatte, macht die Serie mit dem Engagement von Regisseur Paul Greengrass eine starke stilistische Veränderung durch: Statt der klaren Inszenierung, die sein Vorgänger Doug Liman bevorzugte und seinen Film damit in eine Traditionslinie mit den europäischen Agententhrillern der Siebzigerjahre stellte, setzt Greengrass auf die Desorientierungstechniken der „intensified continuity“: schnelle, hektische Schnitte, kurze Einstellungslängen, „unsaubere“ Einstellungen mit handgehaltener „Shakycam“ und abgeschnittenen oder verdeckten Personen und Schattenwürfen. Mit dieser Technik wird vor allem eine hohe Dynamik und „Authentizität“ verbunden: Bilder scheinen nicht für die Kamera komponiert, sondern vielmehr von ihr im Vorbeigehen „aufgeschnappt“ zu werden. Mit diesen beiden Eigenschaften gehe außerdem, so behaupten die Apologeten des Stils, ein hoher Grad an Immersion einher. Anders als bei konventioneller fotografierten und geschnittenen Filmen, werde der Zuschauer durch die „intensified continuity“ stärker ins Geschehen eingebunden. Greengrass begründete seine Entscheidung, diesen Stil für THE BOURNE SUPREMACY zu verwenden, zudem damit, dass er dem psychischen Zustand seines Protagonisten entspreche, der seinerseits verwirrt ist, immer nur Bruchstücke des ganzen Bildes kennt und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen über Leben und Tod trefen muss.

David Bordwell hat diese verschiedenen Zuschreibungen in zwei sehr lesenswerten Blogeinträgen anlässlich der Rezeption von THE BOURNE ULTIMATUM (hier und hier) als zumindest fragwürdig enttarnt: Dynamik und Immersion erzielen auch andere Techniken, und die Bildfragmentierung als Ausdruck von Bournes Innenleben zu interpretieren, werfe außerdem die Frage auf, warum dann alle Szenen, also auch jene, in denen Bourne gänzlich abwesend ist, in diesem Stil gehalten seien. Nach Bordwell könne man die Entscheidung für die „intensified continuity“ durchaus auch als eine ökonomische begreifen: Sie bietet einem Regisseur die Möglichkeit, Fehler, etwa in der Schauspielführung, zu kaschieren, über Logiklöcher hinwegzutäuschen und bei der Choreografie der Actionszenen zu schummeln. Bordwells Argumente haben Hand und Fuß, seine Kritik am neuen Status quo des Action-Filmmakings ist durchaus berechtigt; dass er selbst mehrfach zur Bourne-Trilogie zurückkehrt (es gibt noch einen dritten Artikel), zeigt aber, dass die Filme dennoch nicht so einfach abgetan sind.

Meines Erachtens vernachlässigt Bordwell einen Punkt: Mit dem zweiten Teil verändert sich nämlich nicht nur der Modus der Inszenierung, inhaltlich wird auch eine Wende vom psychologisch angehauchten Agententhriller zum Hightech-Actionfilm vollzogen. THE BOURNE SUPREMACY ist zunächst einmal von atemloser Geschwindigkeit, lässt seinem Protagonisten auch in seinen emotional schwerwiegenden Momenten nur wenig Zeit, innezuhalten. Am deutlichsten wird das sicher im Moment von Maries Tod, als er innerhalb von Sekunden Abschied von ihr nehmen muss, nur noch einen schmerzvollen Blick auf ihren wie ein Geist im trüben Wasser eines Flusses verschwindenden Leichnam werfen kann, bevor seine Flucht weitergeht (eine unglaubliche Szene, by the way). Greengrass‘ rasantes Cutting unterstreicht die Rasanz des Plots, der Set Piece an Set Piece reiht, Bourne von einem Hinweis zum nächsten hetzen lässt. Und bei der Katz-und-Maus-Jagd tritt ein Element in den Fokus, das zwar auch schon in THE BOURNE IDENTITY eine Rolle spielte, aber längst nicht so stark den Fortgang der Handlung bestimmte: die Überwachungstechnologie. In THE BOURNE SUPREMACY werden Mobiltelefone angezapft, abgehört und geortet, Überwachungskameras bieten kaum eine Möglichkeit, sich zu verstecken, wenn die CIA etwas in Erfahrung bringen will, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die gewünschte Information besitzt. Die Welt, wie sie sich den Geheimdiensten darstellt, setzt sich aus einer Vielzahl zunächst unverbundener einzelner Fakten zusammen, die in Verbindung mieinander neue Fakten und damit Sinn ergeben. Und so wie die CIA um Pam Landy versucht, das Bild zusammenzusetzen, das erklärt, warum Bourne wieder aufgetaucht ist, muss Bourne das Bild zusammensetzen, das ihm erklärt, wer er ist. So undurchsichtig, komplex und verwirrend sich die Welt auch darstellt, die Charaktere in THE BOURNE SUPREMACY sind von der einen, der richtigen Deutung überzeugt. Und je mehr ihnen die Deutungshoheit entgleitet, umso mehr Technik bemühen sie, um sie festzuhalten.

Es ist eine kalte Welt, in der THE BOURNE SUPREMACY spielt: Big Brother is indeed watching you, aber er tut dies, ohne dass er Häuserwände mit dieser Losung tapeziert. Die Geheimdienste laufen Amok, sind kaum mehr als der verlängerte Arm seiner verbrecherischen Mitglieder. Die albtraumhafte Erkenntnis Bournes, dass er ein Killer ist und grausame Verbrechen verübt hat, ist bei ihm eingesunken und lässt das Bedürfnis in ihm entstehen, Abbitte zu leisten. Sein Wunsch, dem System zu entkommen, ist nicht mehr länger einem ganz instinktiven Überlebenswillen geschuldet, sondern eine ethisch-moralische Entscheidung. Eine Welt, in der Menschen aus strategischen politischen Erwägungen geopfert werden, ist nicht länger die seine. Doch bevor er einen Teil des von ihm verübten Unrechts wiedergutmachen und ein neues Leben beginnen kann, muss er erst das Bild seiner Identität zusammenfügen: Er muss wieder werden, wer er war, um bleiben zu können, wer er geworden ist.

Vor der Küste Südfrankreichs ziehen italienische Fischer einen Mann (Matt Damon) aus dem Wasser. Er hat zwei Kugeln im Rücken, eine Kapsel mit Bankdaten in der Hüfte eingenäht und keine Erinnerung daran, wer er ist. Als er einige Wochen später das Schließfach besagter Bank in Zürich öffnet, findet er mehrere Pässe, die ihn als „Jason Bourne“ ausweisen, einen großen Geldbetrag in verschiedenen Währungen und eine Waffe. Wenig später wird er von bewaffneten Männern verfolgt. Er kann die attraktive Marie (Franka Potente) davon überzeugen, ihn zu seiner Wohnung nach Paris zu bringen, wo ein Killer versucht, ihn umzubringen. Es scheint so, als sei Jason Bourne ein CIA-Agent, der einen Mordauftrag nicht ausgeführt hat und deshalb selbst auf der Abschussliste gelandet ist …

Seit ca. drei Jahren steht die hübsch als Geheimakte aufgemachte 3-Disc-Edition der Bourne-Trilogie bei mir im Schrank, jetzt endlich habe ich mal die Zeit und Lust gefunden, mich der Serie zu widmen, die demnächst im Kino mit THE BOURNE LEGACY fortgesetzt wird. Wie man damals ja schon sehr richtig lesen konnte, ist Doug Limans THE BOURNE IDENTITY, die Verfilmung eines Bestseller von Robert Ludlum (der 1988 schon einmal mit Richard Chamberlain in der Hauptrolle verfilmt worden war), ein stilvoller, nicht nur aufgrund der Settings, sondern vor allem wegen seiner durchweg ernsten, gimmickfreien Inszenierung europäisch anmutender Agententhriller, wie man sie vor allem in den Siebzigern serviert bekam. Die Arbeit der Geheimdienste ist ein schmutziges Geschäft sauberer Herrschaften, die Mordaufträge mit der Routine von Bänkern verteilen, Augen und Ohren überall haben und auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen ein undurchdringliches Netz über einen ganzen Kontinent legen. Es ist kein günstiges Bild internationaler Außenpolitik, das der Agententhriller zeichnet: Er suggeriert, dass das, was wir tagtäglich in den Nachrichten sehen, die Verlautbarungen von Politikern, ihre Beteuerungen, Probleme friedlich lösen zu wollen, nur Schauspiel ist, inszeniert, um die furchtbare Wirklichkeit zu vertuschen. Was sich da in THE BOURNE IDENTITY weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit abspielt, ist nichts weniger als eine Menschenjagd, die mit alles anderen als sauberen Mitteln ausgeführt wird. Schießereien, Nahkämpfe, Verfolgungsjagden, Explosionen: Doug Liman inszeniert sie nicht als adrenalinpumpende Spektakel zur Zuschauerbelustigung, sondern als extreme Spitzen eines auf allen Ebenen ausgetragenen Kampfes. Gewalt ist, wenn alles andere versagt hat.

Aber THE BOURNE IDENTITY ist natürlich auch eine Art Psychothriller, der die Frage nach dem Wesen der Identität aufwirft und sich gut in meine laufende Actionhelden-Exegese eingliedern lässt. Ist es das Sein oder das Tun, das die Identität des Menschen ausmacht? Der Killer Bourne wird durch seine Amnesie als „Durchschnittsbürger“ wiedergeboren, den die nach und nach einsinkende Erkenntnis seiner vorigen Identität durchaus erschreckt. Zumal Teile seiner alten Gewohnheitenparallel weiterexistieren: So wundert er sich, warum er in öffentlichen Gebäuden immer den Fluchtweg im Auge behält, seine Umwelt akribisch analysiert, über ein nahezu fotografisches Gedächtnis, dem auch  das kleinste Detail nicht verborgen bleibt, und ausgezeichnete Nahkampftechniken verfügt. Es macht dem „neuen“ Bourne Angst, was der „alte“ Bourne für ein Mensch gewesen sein muss. Doch die Trennung zwischen diesen beiden ist ja nur virtuell: Je mehr der „neue“ Bourne erfährt, wer er war, umso mehr wird er wieder zum „alten“ Bourne. Die Kluft zwischen den beiden ist mit jener identisch, die den Zuschauer vom Actionhelden trennt: Was diese Professionals mit größter Leichtigkeit tun, ist für den Ottonormalverbraucher nicht vorstellbar. Physisch nicht, psychisch nicht und moralisch gesehen noch weniger. Für Bourne wird die Amnesie aber zur Therapie: Sie bietet ihm die Möglichkeit, von außen auf sein Selbst zu blicken, seine Taten quasi objektiv bewerten zu können. Undihm gefällt überhaupt nicht, was er da sieht. Es ist vielleicht etwas unelegant, dass diese Therapie im Film streng genommen redundant ist: Der Grund, warum Bourne seinen Auftrag nicht ausgeführt hat und schwer verwundet im Mittelmeer landete, sind genau jene moralische Zweifel, die für einen Professional wie ihn immer den Anfang vom Ende bedeuten. Wie im zuletzt gesehen KILLER ELITE (mit dem er einige Gemeinsamkeiten mehr teilt) lässt er von seiner Zielperson ab, beschließt, seinen Job aufzugeben, als er feststellt, dass diese ein Familienvater ist, den er vor den Augen seiner kleinen Tochter ermorden müsste. Das ist die Grenze, die er nicht überschreiten wird.

Es gibt ein paar andere kleine Drehbuchschwächen, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen, wenn man wie ich nicht allzu plotfixiert ist und sich von vielfach bemängelten, aber m. E. überbewerteten Logik- und Plotholes nicht das ästhetische Erlebnis verderben lässt. Bourne begreift meines Erachtens etwas zu spät, wer er ist (wenn man mehrere falsche Pässe, einen Haufen Geld und eine Waffe in seinem Besitz hat, kommen nicht mehr allzu viele Berufe in Frage), verhält sich dann später nicht immer konsistent, fällt mehrfach hinter seinen Erkenntnisstand zurück, damit der Plot voranschreiten kann. Wie gesagt: verschmerzbare Mängel, die nichts daran ändern, dass THE BOURNE IDENTITY durchweg spannendes, überzeugendes Thrillerkino bietet. Jetzt bin ich sehr auf die Sequels gespannt, die ja meines Wissens zumindest stilistisch in eine ganz andere Richtung gehen.