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der matthew mcconaughey romcom-romp

Veröffentlicht: März 9, 2015 in Film
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Die Lektüre dieses Textes über Matthew McConaugheys 2006er-RomCom FAILURE TO LAUNCH (aus einer tollen Essay-Reihe über sogenannte „Forgotbusters“, kommerziell immens erfolgreiche Filme, die jedoch keinerlei kulturelle Spur hinterließen) brachte mich auf diese perverse Idee: alle (oder zumindest die meisten) romantischen Komödien des smarten Texaners hintereinander zu schauen und jeder einen ausführlichen Text zu widmen. Das kleine, sechs Filme umfassende und hoffentlich für alle Seiten amüsante Projekt wird in den nächsten Tagen hier gestartet. Warum, mag sich der geneigte Leser fragen, der von mir vor allem Texte zu traditionell eher männlichen Genres gewohnt ist und mich für meinen ausgezeichneten Geschmack schätzt, kommt man auf eine solche Idee? Warum schaut sich ein Mann freiwillig Filme an, zu denen sich andere allerhöchstens von ihrer besseren Hälfte zwingen lassen? Die Antworten auf diese Fragen sind vielfältig und sollen hier kurz erörtert werden.

Zu allererst: Matthew McConaughey ist für mich in den letzten Jahren, mit Auftritten in Filmen wie TROPIC THUNDER, THE WOLF OF WALL STREET oder MAGIC MIKE zu einer verlässlichen Quelle der Freude geworden. Ein Kurzauftritt von ihm reicht aus, um einen Film automatisch besser zu machen. Er ist zudem der überaus seltene Glücksfall eines Schauspielers, dem man sein exorbitantes Talent, sein fantastisches Aussehen, überbordenden Charme und den immensen Schneid bei den Frauen nicht übelnimmt: Anders als etwa Tom Cruise, der unangenehm verbissen darin wirkt, wie er sein öffentliches Bild modelliert und optimiert, seine Karriere akribisch plant und streamlinet und sich selbst vermarktet, ging McConaughey im Verlauf seiner Karriere überaus fahrlässig und entspannt mit seinen erheblichen Assets um. Die szenenstehlende Nebenrolle des Südstaaten-Slackers Wooderson in Linklaters wunderbarem DAZED AND CONFUSED (Lieblingsfilm!) machte ihn vom Start weg zur Attraktion, die jedoch in den folgenden zehn Jahren auch eine eher suboptimale Rollenauswahl an den Tag legte. Neben vereinzelten Höhepunkten wie John Sayles LONE STAR, sympathischen Bizarrerien wie Kim Henkels THE RETURN OF THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder Genrequark wie REIGN OF FIRE oder FRAILTY häufte McConaughey Engagements in langweilig-respektabler Hollywood-Kost wie CONTACT, A TIME TO KILL oder EDTV an, die ihn nicht wirklich weiter brachten. Als er irgendwann erkannte, dass er sich allein durch Herzeigen seines beachtlichen Waschbrettbauchs ein schönes Leben sichern konnte, ergriff er die Chance, drehte eine romantische Komödie nach der anderen und verkam so zu einer Art Running Gag, aber einem, an dem er selbst in sympathischer Art und Weise partizipierte. Erst in den letzten Jahren besann er sich wieder auf seine ursprünglichen Qualitäten, was ihm 2014 schließlich den Oscar als Bester männlicher Hauptdarsteller in DALLAS BUYERS CLUB einbrachte. Ich erhoffe mir von den sechs RomComs, die wir schauen werden, den Blick auf einen entspannten, mit sich selbst und der Welt im Reinen befindlichen Hauptdarstellern, der als einsames Glanzlicht in tristen kreativen Totgeburten umso heller funkelt.

Gleichzeitig freue ich mich natürlich, mich ein wenig an diesem von mir nicht sonderlich geliebten Genre abarbeiten zu können. Einer Geheimthese meinerseits nach, werden RomComs vor allem für den Einsatz bei Langstreckenflügen gedreht. Sie vertragen problemlos den Transfer auf den Minibildschirm, bieten vorhersehbares und daher stets angenehm beruhigendes, anheimelndes Entertainment, das keinerlei kognitive Aktivität voraussetzt, aber schön einlullt. Romantische Komödien sind wahrscheinlich das am stärksten konventionalisierte Genre überhaupt und damit prädestiniert für Ideologiekritik. Weil aber die ideologiekritische Rezeption der romantischen Komödie selbst wieder so ein Klischee ist, freue ich mich auf die Herausforderung, die Filme bewusst ganz anders zu betrachten, sofern das möglich ist. Dann geht es mir natürlich auch um die persönliche Horizonterweiterung: Wenn man sich für das kommerzielle US-amerikanische Kino interessiert, kommt man auch um dieses Genre eigentlich nicht herum, das bis vor Kurzem eines der einträglichsten überhaupt war und regelmäßig große Hits hervorbrachte. Vielleicht wird mein RomCom-Fortbildungskurs ja sogar Erkenntnisse für meine anderen Ausflüge mit sich bringen. Wer weiß?

Zu guter Letzt erhoffe ich mir natürlich ein gewisses Druckmittel gegenüber meiner Gattin, die die Filmauswahl meistens mir überlässt und Vorurteils-Vorwürfe meinerseits gern mit dem (richtigen) Hinweis darauf kontert, dass ich bestimmte Genres ja auch meide wie der Teufel das Weihwasser. Damit wird dann bald Schluss sein und wir können zusammen deutsche Sexfilme aus den Siebzigerjahren schauen. Ich hoffe nur, sie vergleicht mein One-Pack nicht mit McConaugheys Six-Pack.

Mit der Voice-over-Narration schlägt Scorsese gleich von Anfang an die Brücke zu jenen beiden Titeln, die bei der filmischen Sozialisation von Angehörigen meiner Generation erhebliche Bedeutung genießen: den Gangsterfilmen GOODFELLAS und CASINO. Und allein damit, dass Scorses diese Linie zieht, von den betuchten Mördern der Mafia hin zu Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio), einem dubiosen Börsenmakler, der keine Menschen ermordet, dessen Geschäft sich der Sphäre des Greifbaren überhaupt hartnäckig entzieht – davon abgesehen, dass er Reichtümer in obszönem Ausmaß anhäuft –, scheint die Aussage seines Films schon klar, noch bevor er richtig begonnen hat: Der Mob der Gegenwart, das sind die Finanzspekulanten der Wall Street. Doch was Scorsese über das in den vergangenen Jahren heftig in Verruf geratene Spekulantentum zu sagen hat, das erschöpft sich in den Erklärungen, die Belforts Mentor Mark Hanna (Matthew McConaughey) seinem neuen Schützling ganz zu Beginn des Films an dessen erstem Arbeitstag angedeihen lässt: Sie handeln mit einem Fugazi, mit Nichtmateriellem, Nichtgreifbarem, verkaufen gewissermaßen Illusionen, und es ist ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich dieses Nichtgreifbare allenfalls auf ihrem eigenen Konto materialisiert. Alles, was der andere hat, kann man selbst nicht mehr besitzen, daher gilt es, ihn kleinzuhalten. Als Belfort nach dem Börsencrash von ’87 umsattelt und beginnt, wertlose Penny Stocks an Arbeiter und Mittelständler zu verhökern, die vom schnellen Reichtum träumen, ist das die denkbar konsequenteste Umsetzung von Hannas Lehren. Während die, die auf ihn reinfallen, arm werden, streicht Belfort mit jedem abgeschlossenen Deal eine Provision von 50 % des Verkaufswerts ein. Es dauert nicht lang, bis sich das FBI für seine Geschäfte zu interessieren beginnt, doch bis dahin wollen noch viele Menschen betrogen und benutzt, Statussymbole erworben, Drogen konsumiert und Prostituierte gevögelt werden. Die Spezifika von Belforts Geschäftsmodell interessieren Scorsese nicht, er hält sie für langweilig und irrelevant. An zwei Stellen, an denen Belfort – direkt an den Zuschauer gerichtet – anhebt, seine Methoden zu erklären, unterbricht er sich selbst, erinnert sich und den Zuschauer daran, dass sich niemand diesen Film für die schnöde Theorie ansieht. THE WOLF OF WALL STREET ist damit kaum weniger zynisch als seine Hauptfigur, und im Kern hat er einiges mit den voyeuristischen Artikeln der Regenbogenpresse gemeinsam, die das Leben von Monarchen in all seinen pompösen Details ablichten. So sehr Scorsese diese Branche auch verachtet, der Exzess, der das Leben Belforts und seiner Partner auszeichnet, hat auch etwas unmittelbar Anziehendes. Aus der Perspektive des Regisseurs haftet seinem Protagonisten sogar etwas Rebellisches an, das ihn zum Seelenverwandten jener Rockidole der Sechziger und Siebziger macht, denen Scorsese auch heute noch gern huldigt. Der Finanzemarkt ist eh so verkommen, jemand, der diese Verkommenheit gewissermaßen umarmt, sich ihr ganz verschreibt, wird aus dieser Perspektive zum genialischen Guerilla-Künstler.

THE WOLF OF WALL STREET ist letztlich genauso wenig ein Film über den Wahnsinn der Finanzbranche wie APOCALYPSE NOW ein Film über den Vietnamkrieg ist und deshalb taugt er auch nicht dazu, irgendeine echte oder auch nur neue Erkenntnis über die Finanz- und Bankenkrise zu bringen. Es ist ein Film über Gier, Exzess und Macht im Allgemeinen. Dass er einen Broker in den Mittelpunkt seines Interesses stellt, ist kaum mehr als ein oberflächliches, dem Zeitgeist geschuldetes Detail. Die 180 Minuten erinnern daher in ihrem rasenden Tempo an den Stream-of-Consciousness-Schlussakt von GOODFELLAS, in dem der vom Kokain paranoid gewordene Verräter Henry Hill (Ray Liotta) panisch versucht, seine Spuren zu verwischen. Der Sinn für Drama ist in THE WOLF OF WALL STREET allerdings gänzlich abwesend: Der Film ist eine grelle Farce, ein Schelmenstück, und jede Bedrohung, sei es durch das Gesetz oder den möglichen Drogentod, prallt an Belforts Larger-than-Life-Fassade ab. Die Lebensmüdigkeit gehört zu seinem Dasein dazu, je größer die Beträge werden, die auf seinem Konto angehäuft sind, umso größer müssen auch die Kicks werden, die ihm überhaupt noch eine Gefühlsregung abverlangen. Die Energie, die Scorsese entfesselt, ist durchaus beeindruckend für einen Regisseur, der längst nicht mehr zu den „jungen Wilden“ gehört, sondern mitten im Herbst seines Lebens steckt. Ich habe tatsächlich großen Spaß mit THE WOLF OF WALL STREET gehabt und mir mehr als einmal gewünscht, den Film noch einmal in meiner eigenen wilden Phase vor 15, 20 Jahren mit Freunden sehen zu können. Es wäre ein Fest gewesen! Das Lachen mag einem mehr als einmal im Halse steckenbleiben, es greift dennoch dieser bekannte Affekt, nach dem man sich mit dem Protagonisten eines Films identifiziert, mit ihm mitfiebert und -leidet, auch wenn er ein noch so großer Schuft ist. Die Chuzpe, mit der er sein Ding durchzieht, die Entschlossenheit, mit der er den Plan verfolgt, filthy stinking rich zu werden, nötigte mir durchaus eine gewisse Bewunderung ab. Abgemildert wird das allenfalls durch die nagende Frage, zu was er imstande wäre, wenn er nicht nur seinen eigenen Vorteil im Sinn hätte, wenn er nicht bloß materialistische Ideale verfolgte. Die eine Szene, die ihn als sozialen Menschen zeichnet, wirkt leider wie nachträglich zur dringend nötigen Ausdifferenzierung eingefügt. Es überwiegt die Lust daran, ihm und seinen Kumpels dabei zuzusehen, wie sie ihre wildesten Fantasien in die Tat umsetzen, und sich dabei einen Scheißdreck um irgendwelche Konsequenzen scheren. Ihr Fall am Ende ist weniger gerechte Strafe oder gar Triumph der Moral, als das Äquivalent zum Kater nach dem Rausch, zur unweigerlichen Baisse nach der Hausse. Es folgt auch nur den Gesetzen des Marktes. Daher übersteht Belfort seine Haftstrafe auch problemlos (die Marktwirtschaft ist auch im Bau installiert und an Geld mangelt es ihm nicht), kann er sein erworbenes Fachwissen anschließend vor erwartungsvoll an seinen messianischen Lippen hängenden Teilnehmern von Managementseminaren zum Besten geben. Aber dass die Welt ungerecht und Leute wie Belfort am Ende auch als Verlierer noch auf der Gewinnerseite stehen, ist keine allzu neue Erkenntnis. Das Herz Scorseses schlägt sicherlich am richtigen Fleck, formal gelingt der Coup einer dreistündigen Orgie ohne Netz und doppelten Boden auf beeindruckende Art und Weise, aber intellektuell hängt der Altmeister den Dingen mit THE WOLF OF WALL STREET weit hinterher.

 

 

 

Körper, Licht, Bewegung, Verführung, Begehren. Die Essenz des Kinos. Aber auch die Essenz von Soderberghs MAGIC MIKE. Es ist eigentlich noch zu früh für mich, Aussagen darüber zu machen, was von diesem Film bleiben wird, schließlich habe ich ihn erst vor ein paar Stunden gesehen. Aber ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass es etwas damit zu tun hat: mit den sich lustvoll präsentierenden Körpern der Tänzer, die in jenen Minuten auf der Bühne des Stripclubs der Mittelpunkt des Seins für das enthemmt kreischende Damenpublikum sind; mit der Leichtigkeit, die das Leben in diesen Minuten für beide Seiten gewinnt, einer Leichtigkeit, die die Tänzer verzweifelt versucht sind, auf das restliche Leben auszudehnen, aber dabei immer wieder mit seinen Zwängen kollidieren; und, am wichtigsten vielleicht, mit diesem Licht. Zunächst natürlich mit dem Licht im Stripclub, das die perfekt ausdefinierten Körper stechend scharf aus dem Schwarz der Dunkelheit herausschält und sie immer wieder fetischistisch mit gleißenden Lichtpunkten umspielt. Aber mehr noch mit dem Licht der floridianischen Sonne. Soderbergh fängt nicht einfach eine Langnese-Sommerferienstimmung ein. MAGIC MIKE ist nicht, wie etwa Korines SPRING BREAKERS oder Bays PAIN & GAIN, von dieser neonfarbenen Poppigkeit. Ein immer etwas angetrübtes, goldenes Licht umfängt seine Protagonisten zwar so warm wie eine Fruchtblase, aber es lässt keinen Zweifel daran, dass diese Wärme trügerisch ist, dass ihr das harte Erwachen in Kälte und Dunkelheit folgen wird. Einmal malen die Lichtreflexe des in der müden Mittagssonne dösenden Golfs von Mexiko glitzernde Wellen auf die Körper von Mike (Channing Tatum) und Brooke (Cody Horn), der Schwester seines Protegés Adam (Alex Pettyfer): Ihre Körper werden zu Projektionsflächen, zu Trägern eines ungeborgenen Potenzials, das sie selbst noch nicht ganz erkennen können.

Die Geschichte, die Soderbergh erzählt, kann mit der Suggestionskraft seiner Bilder leider nicht ganz mithalten. Man hat das schon tausendmal gesehen: Wie der zweifelhafte Ruhm, in diesem Fall eines Strippers, seiner Reife im Weg steht. Wie das vermeintliche „Traumbusiness“, das Selbstverwirklichung und Fun, Fun, Fun verspricht, plötzlich sein hässliches Gesicht zeigt, unzertrennliche Männerfreundschaften sich bei ersten Schwierigkeiten als reine, kalte Zweckgemeinschaften entpuppen. Wie der zunächst unschuldige Neuling dem Zugriff seines Mentors immer mehr entgleitet, sich zu einem regelrechten Monstrum entwickelt. Wie erst die große Liebe dem Leben eine Richtung geben kann. MAGIC MIKE hakt die Kischees gleich reihenweise ab, betrügt seine erste Hälfte, die das Stripshow-Treiben als für beide Seiten geradezu befreiende Erfahrung zeichnet, mit seiner zweiten, in der er das alles als höchst flüchtige Tarnung eines harten Geschäfts zeichnet, dem fast jedes Mittel recht ist. Dass ich ihm diesen Umschwung gern verzeihe, mehr als anderen, vergleichbaren Filmen, liegt nicht zuletzt an den Darstellern, die auch im breitesten Klischee noch die feine Nuancierung finden, die es goutierbar macht und ihm ein Fünkchen Wahrheit verleiht. Neben Channing Tatums natürlichem Boy-next-door-Charme und dem aufmüpfigen Selbstbewusstsein Cody Horns ist es vor allem Alex Pettyfer, dessen Verwandlung vom naiven Spätpubertierenden zum hedonistischen Arschloch einem einen leisen Schauer über den Rücken jagt. Er entwickelt ungemeine Präsenz in der Art und Weise, wie seine Figur nie ganz da ist. Und dann dieser Schlussdialog, mit der wahrscheinlich romantischsten Frühstücksverabredung der Filmgeschichte. Wenn sich Mike und Brooke in der letzten Sekunde des Films diesen ersten, noch zurückhaltenden, aber doch ungemein verheißungsvollen Kuss geben, den die Kamera nur aus pietätvoller Distanz zeigt, wird klar, dass es in MAGIC MIKE gerade darum geht, die Klischees aus dem eigenen Leben zu räumen, um zur Wahrhaftigkeit zu gelangen.

Für Hard Sensations habe ich William Friedkins viel gerühmten neuen Film KILLER JOE besprochen, der dieser Tage mit dem Fantasy Filmfest durch die Lande zieht. Klick hier.