Mit ‘Maurizio Pradeaux’ getaggte Beiträge

Im Zug von Istanbul nach Athen wird eine Frau in einem vollbesetzten Abteil während eines Stromausfalls erstochen. Ein namenloser Inspektor (Robert Webber) nimmt die Ermittlungen auf: Sein Hauptverdächtiger ist der junge Fotograf Luciano Morelli (Leonard Mann), dessen Brieföffner als Mordwaffe diente. Als es für Luciano eng wird, flieht er und überlegt mit seiner etwas dümmlichen Modelfreundin Ingrid (Vera Krouska), wie er den wahren Mörder dingfest machen kann. Der geht währenddessen weiter seinem Hobby nach: Ein Erpresser und seine Freundin müssen dran glauben …

Nach dem sehr straighten, aber leider auch unspektakulären und schmuddeligen PASSA DI DANZA SU UNA LAMA DI RASOIO, kommt Pradeaux mit einem verspielten, humorvollen Giallo um die Ecke, den ich von ihm ganz sicher nicht erwartet habe. Die Creditsequenz stimmt mit ihrer hypnotischen Lavalampenstudie – blutrote Blasen in türkisfarbenem Wasser – schon ganz gut auf die visuellen Qualitäten des kommenden Films ein, deutet aber auch dessen luftige Struktur an. Pradeaux baut zwar auf einer sehr traditionellen Murder-Mystery-Prämisse auf, die man kaum anders als als Klischee bezeichnen kann, arbeitet sich dann aber auf äußerst verschlungenen Pfaden zu einem Ziel vor, das ihn gar nicht so besonders zu interessieren scheint. Nachdem er die Exposition absolviert hat, widmet er sich dem Erpresserpärchen, das man schon als die eigentlichen Protagonisten akzeptiert hat, wenn sie dann doch noch vorzeitig aus dem Film scheiden. Die Morde sind – das teilt PASSI DI MORTE PERDUTI NEL BUIO mit PASSA DI DANZA – ausgesprochen ruppig, lassen eine makabre Obsession des Regisseurs für klaffende Kehlenschnitte vermuten und bilden das unangenehme Gegengewicht zu dem die Grenze zum Klamauk hier und da deutlich überschreitenden Humor. Vor allem im letzten Drittel, wenn wieder der zu Unrecht beschuldigte Luciano mit seiner naiv-dummen Freundin in den Fokus des Interesses rückt, PASSI DI MORTE sich sogar ganz kurz mal in einen Heist Movie verwandelt, ist der blutige Kollateralschaden ganz weit weg, regiert fluffiger Witz das Geschehen, um den der Giallo sonst einen großen Bogen macht. Dafür sind die Sex- und Liebesszenen dann wieder besonders selbstzweckhaft: Die extreme Großaufnahme einer von oben nach unten ins Bild ragenden Frauenzunge, die von einer vor Leidenschaft tropfenden Mundhöhle erwartet wird, macht es hinfällig, noch von sich einstellenden „Assoziationen“ zu schwadronieren und ist so ziemlich das obszönste, was ich diesseits von echter Pronografie gesehen habe.

PASSI DI MORTE PERDUTI NEL BUIO ist, das ist hoffentlich deutlich geworden, wenn auch bei Weitem kein Klassiker des Genres, so doch eine immens bunte Tüte, prall gefüllt mit allem, was man sich von südeuropäischer Giallo-Exploitation erwartet. 90 kurzweilige Minuten, die zudem toll aussehen, wie man den Screenshots entnehmen kann.

Kitty (in der deutschen Version „Katja“: Susan Scott) beobachtet mit dem Münzfernrohr den Mord an einer Frau. Es stellt sich heraus, dass es bereits der zweite Messermord an einer Balletttänzerin innerhalb kürzster Zeit war. Kittys Ehemann, der Künstler Alberto (Robert Hoffmann) gerät in Verdacht, weil er aufgrund einer Verletzung hinkt und der Mörder Spuren mit einem Gehstock am Tatort hinterlassen hat. Gemeinsam mit dem ermittelnden Inspektor Merughi (George Martin), der Journalistin Lidia (Anuska Borova) und seiner Frau versucht Alberto den Mörder zu finden, um so seine Unschuld zu beweisen. Doch alle, die helfen können, fallen dem Mörder zum Opfer …

Der titelgebende „Tanz auf der Rasierklinge“ (deutscher Titel: DIE NACHT DER ROLLENDEN KÖPFE) ist auch ein missglückter Tanz auf dem schmalen Grat zwischen exploitativer, aber stilvoller Giallo-Uunterhaltung und feistem Schund. Maurizio Pradeaux rutscht zwar nicht ganz so tief in den Sumpf wie sein Kollege Ferdinando Merighi mit dem tolldreisten CASA D’APPUNTAMENTO, aber mit seiner arthritischen Handkameraführung, den schmucklosen Settings, der preisgünstigen Ausleuchtung, dem stulligen Script und den inflationär eingesetzten, aber völlig sinnlosen Sex- und Nacktszenen kommt er dem schon ziemlich nahe. Es sind vor allem die wie immer bildschöne Susan Scott und der schnurrbärtige Robert Hoffmann, die dem Film einen funzeligen Anschein von Klasse verleihen, wo eigentlich nur stumpfer Pulp regiert. Das muss nicht schlecht sein und PASSI DI DANZA ist dann auch durchaus unterhaltsamer Quatsch, der immer wieder durch die Zurschaustellung weiblicher Brüste aufgelockert wird und dessen fiese Kehlenschnitte (die dem Film seinerzeit die Indizierung in Deutschland bescherten) zudem ziemlich unangenehm anzuschauen sind. Als spannungsgeladener Krimi versagt der Film aber völlig, weil er nur die nötigen Plotpunkte abhakt, ohne diese aber durch einen roten Faden – dieses Dingsbums namens „Dramaturgie“ – zu verbinden: Wer sich da wiewaswarum durch Roms weibliche Balletttänzerinnenschar schlitzt, bleibt bis zur Auflösung ein unergründliches Rätsel und auch die finale Enthüllung scheint eher der Notwendigkeit geschuldet, als dass sie sich sinnvoll aus den vorangegangenen 80 Minuten ergäbe. Die deutsche Synchro, die viel, viel Quark von sich gibt und „Lidia“ beständig als „Lühdia“ bezeichnet, trägt zum Reiz des Films auch einen nicht unerheblichen Teil bei. Ich war trotzdem irgendwie erleichtert, als er zu Ende war.