Mit ‘Meg Foster’ getaggte Beiträge

Rob Zombie hatte als Regisseur schon immer ein immenses Nervpotenzial. Die fatale Polanskieske Begeisterung für seine zugegeben knackige, aber nur mäßig begabte Gattin, der White-Trash-, Truckermützen- und Seventies-Redneck-Fetisch, der mitunter nicht subversiv, sondern eher infantil anmutende Hang zum ostentativen Tabubruch, die Unfähigkeit, drei zusammenhängende Dialogzeilen ohne Verwendung des Wörtchens „Fuck“ oder ähnlicher Vulgarismen zu Papier zu bringen: Das alles ließ mich auch schon in Zombies vorangegangenen Filmen mitunter die Augen verdrehen. Meist verzieh ich ihm seine Exzesse, weil ich ihm nicht absprechen konnte, einen eigenen Stil entwickelt zu haben, Filme zu machen, die unverkennbar die seinen waren, for better or worse. Und darüber hinaus entwarf er zum einen aufregende Bildwelten (die psychedelischen Tunnelsysteme in HOUSE OF 1000 CORPSES etwa), zum anderen hatte er immer wieder interessante und durchaus auch intelligente Einfälle, die einen über seine Fehlgriffe hinwegsehen ließen. Ich mochte nicht alle seine Filme, für manche brauchte ich zwei Anläufe (THE DEVIL’S REJECTS), bei anderen konnte ich mich dazu bislang nicht hinreißen (HALLOWEEN 2), aber ich war trotzdem immer neugierig, was da kommen würde, weil zumindest sicher war, dass Zombie keine fade Durchschnittsware liefern würde. Und sein letzter Spielfilm, THE LORDS OF SALEM ließ sogar die Möglichkeit eines künstlerischen Reifeprozesses plausibel erscheinen.

Nach 31 ist von dieser Hoffnung allerdings nicht mehr viel übrig. Der Film vereint Zombies fragwürdigsten Impulse in hochverdichteter Form, ohne jedoch den entsprechenden Ausgleich zu liefern. Es gibt keine interessanten Charaktere, keine auch nur ansatzweise involvierende Geschichte, ja nicht einmal ein einzige irgendwie reizvolle Idee oder auch nur ein im Gedächtnis bleibendes Bild. Stattdessen angesichts der nichtigen Handlung ausufernde 104 Minuten lang nervtötendes Gekreisch, in unattraktiver Wackeloptik inszenierte Metzeleien und Geschmacklosigkeiten, die möglicherweise einen 14-jährigen Mormonen in Salt Lake City oder Zombies unkritische Fanschar zu schocken vermögen, aber einem einigermaßen intelligenten Zuschauer kaum mehr als ein Gähnen entlocken dürften. 31 markiert den Moment, in dem Zombie die Phase der Selbstkopie mit Verve überspringt und gleich bei der ungewollten Selbstdemontage landet.

Seine Protagonisten Roscoe (Jeff Daniel Phillips), Charly (Sheri Moon Zombie), Panda (Lawrence Hilton-Thomas), Venus (Meg Foster) und Levon (Kevin Jackson) sind die fluchenden, fickenden, kiffenden, Classic Rock hörenden Betreiber einer Sideshow, die von drei vergreisten Bonzen im Barock-Outfit (Malcolm McDowell, Judy Geeson und Jane Carr) und ihren Killer-Clowns aufgegriffen und in ein mörderisches Menschenjagd-Spiel in einem leerstehenden Fabrikgebäude eingespannt werden. Bei diesen Clowns handelt es sich um einen spanisch sprechenden Lilliputaner (Pancho Moler) mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuz-Tattoo auf dem Bauch, zwei Freaks mit Kettensägen, einen hochgewachsenen Deutschen (Torsten Voges) mit blonder Langhaarfrisur und Tütü, der „Hänschen Klein“ singt und eine puppenhaft aufgetakelte Freundin (Elizabeth Daly) an einer Leine mit sich führt, und schließlich „Doom-Head“ (Richard Brake), den „Endgegner“, eine jener Zombie-typischen White-Trash-Figuren, die man in einer schmierigen Sexszene mit einer ekligen Prostituierten bewundern darf. Das Menschenjagd-Szenario, dessen sich immer wieder sehenswerte kleine Exploiter angenommen haben, wird vollkommen lustlos und ohne jeden Witz abgespult: Offensichtlich war Zombie der Meinung, seine mittlerweile doch reichlich abgedroschenen Einfälle würden seinen Film allein tragen. Ein bitterer Irrtum.

Die Momente, in denen man sich daran erinnert, wozu er in der Vergangenheit fähig war, sind rar gesät: Richard Brake gibt trotz seiner einfallslosen Figur eine gute Vorstellung ab, das Finale versöhnt zwar nicht mit dem drögen Vehikel, ist aber dennoch die beste Szene des Films. Die Ernüchterung ist groß. 31 ist von einer solchen Einfallslosigkeit und Primitivität, dass er in der Lage ist, rückwirkend auch die gelungeneren Vorgänger zu diskreditieren, weil man plötzlich vermutet, dass deren Stärken bloß dem Zufall geschuldet waren. Das einzige Argument, das man zu Zombies Ehrenrettung anführen könnte: Dass er diesen mit knapp 1,5 Millionen US-Dollar enorm billig entstandenen Film nur gedreht hat, weil sich nichts anderes anbot und er mal wieder was von sich hören lassen wollte (der geradezu offensiv nichtssagende Titel und der Verzicht, ihn irgendwie zu erklären, könnten Indizien in diese Richtung sein). Aber auch dann muss man fragen, ob es nicht ein bisschen mehr – oder wenigstens weniger vom Blöden – hätte sein können. Es tut mir schon ein bisschen weh, das so deutlich formulieren zu müssen, aber 31 ist einfach eine ziemlich unentschuldbare Scheiße.

Nach seinem gelungenen „Comeback“ mit PRINCE OF DARKNESS folgte nur wenig später diese kapitalismuskritische Science-Fiction-Arbeiterkomödie. Ich meine mich zu erinnern, dass THEY LIVE damals durchaus wohlwollend, aber auch etwas irritiert aufgenommen wurde. Die beiden Protagonisten des Films, die einfach gestrickten Bauarbeiter Nada (Roddy Piper) und Frank (Keith David), waren nicht gerade das typische Heldenmaterial und die mittlerweile kultisch verehrte, minutenlange Keilerei zwischen den beiden schien etwas unter der „Würde“ des noch wenige Jahre zuvor zuvor gefeierten Horror- und Suspense-Meisters. Der Film verlor nach gutem Start seine Zuschauer und blieb als milde Enttäuschung in Erinnerung. Aber wie das so oft ist mit Filmen, die bei ihrer Erstverwertung auf ein gewisses Unverständnis stoßen, reifte auch THEY LIVE mit den Jahren langsam aber sicher zum Kultklassiker, der von den Menschen, die ihn lieben gelernt haben, umso inbrünstiger gefeiert wird. (Hier sei exemplarisch auf Outlaw Verns Liebeserklärung verwiesen.) Es ist gerade diese Verbindung von dystopischer Gesellschaftskritik, selbstbewusst tumbem Humor und stumpfem Machismo, die THEY LIVE zu einem immens liebenswerten Außenseiter seines Science-Fiction-Subgenres machen. Dass die Revolution ausgerechnet von zwei intellektuell eher einfachen Männern, von Vertretern der Unterschicht losgetreten wird, macht THEY LIVE zu einem Seelenverwandten von Romeros LAND OF THE DEAD (sowie seiner Zombiefilme generell und natürlich zahlreicher weiterer Paranoia-Thriller, von denen der berühmteste wahrscheinlich INVASION OF THE BODY SNATCHERS ist). Und obwohl er zur Zeit der Reaganomics erschien, scheinen seine Beobachtungen heute noch genauso zuzutreffen wie vor rund 30 Jahren – wenn nicht sogar noch mehr.

Carpenters Film ist eine einzige Polemik gegen das Kapital: Die Reichen und Mächtigen sind ameisenartig-skeletale Außerirdische, die die ahnungslosen Massen via Werbung, Fernsehen und Magazinen mit subliminalen Botschaften in ihrem Schäfchenstatus halten. „Obey“, „Submit“, „Sleep“, „Don’t question authority“ und „Consume“ sind nur einige der Befehle, die die Menschen täglich aufnehmen und befolgen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wie Neo aus THE MATRIX erlebt der mittellose Vagabund und Gelegenheitsarbeiter Nada einen Kulturschock, als er die Welt durch eine Spezialbrille und ohne den von den außerirdischen Imperialisten aufgezogenen Smokescreen sieht. Seine Armut ist kein Resultat ungünstiger Umstände, vielmehr ist die Welt so geordnet, dass Menschen wie er nie zu etwas werden: Er ist ein „Arbeiter“, dazu da, die Strukturen aufrechtzuerhalten, von denen die Herrschenden profitieren. Was THEY LIVE u. a. von der Trilogie der Wachowskis unterscheidet, ist die Charakterisierung der Helden, die für den Widerstandskampf nicht ausgerüstet und in allen Belangen hoffnungslos unterlegen sind. Sie sind beide nicht zum Heldentum berufen und auch die Erkenntnis sinkt erst ganz langsam ein. Sie begreifen zunächst nicht, was eigentlich los ist. Vern beschreibt in seinem Text sehr treffend, dass Nada lange Zeit vor allem zuschaut: Er sieht und bemerkt Dinge, die ihm merkwürdig erscheinen, auch wenn er noch nicht genau weiß, warum. Wenn er die Sonnenbrille findet, die es ihm ermöglicht, die „Realität“ zu erkennen, läuft er wie in Trance durch die Straßen, ungläubig wahrnehmend, dass er sein ganzes Leben in einer Illusion verbracht hat. Sein Kumpel Frank, den er einweihen will, wehrt sich hingegen zunächst mit Händen und Füßen dagegen, die Sonnenbrille aufzusetzen: Das Nichtwissen, die Ignoranz sind durchaus bequem, und mit der Erkenntnis geht eine gewisse Verantwortung einher. Man kann nicht mehr zurück und steht vor der Frage, wie man mit dem neu erlangten Wissen umgeht. Nada und Frank wollten eigentlich nur irgendwie durchkommen, jetzt auf einmal sind sie Freiheitskämpfer in einer aussichtslosen Schlacht.

Wenige Wochen, nachdem man sich als halbwegs intelligenter und aufgeklärter Mensch für wild ins Blaue fantasierende, in ihren diffusen Ängsten vor allem gegen Schwächere keilende Mitbürger schämen musste (Stichwort: PEGIDA), bekommt ein Film wie THEY LIVE natürlich eine zweite, weniger eindeutige Ebene. Nada und Frank stellen fest, dass die ultimative Verschwörungstheorie wahr geworden ist. „Die da oben“ steuern alles, Information und Entertainment sind in Wahrheit das sprichwörtliche Opium fürs Volk, das von den Herrschenden für ihre Zwecke eingespannt ist. Wer aufbegehrt, muss damit rechnen, gnadenlos ausgeschaltet zu werden. Aber die Geschichte funktioniert natürlich auch andersrum: Dann wäre Nada ein Irrer, der einer Wahnvorstellung unterliegt. Anstatt die Tarnung aufzuheben, könnte die Brille ihrem Träger ja auch ein Zerrbild vorgaukeln. Die Frage ist letztlich, was man glauben will: Für Frank und Nada ist die Existenz einer fremden Macht, die für ihre prekäre Lage verantwortlich ist, in gewisser Weise bequem. Anstatt resigniert festzustellen, dass sie ihre Situation einer Verkettung von unterschiedlichen Faktoren verdanken, auf die sie keinen Einfluss haben, können sie den Schuldigen ganz klar benennen und ihre Bemühungen in eine bestimmte Richtung lenken. Das ist eindeutig nicht der Weg, den Carpenter beschreitet – er lässt m. E. keinen Zweifel an der Richtigkeit von Nadas und Franks Mission –, aber es gibt dem Film aus heutiger Perspektive das gewisse Etwas, den doppelten Boden. In erster Linie lebt THEY LIVE aber von der Geradlinigkeit von Carpenters Inszenierung und seinen Protagonisten. Roddy Piper ist kein guter Schauspieler, aber er ist hier perfekt besetzt. Ein besserer, attraktiverer Akteur wäre weniger effektiv gewesen, einfach weil der ganze Film mit der Diskrepanz zwischen den Helden und den Schurken steht und fällt. Nada und Frank sind in fast allen Belangen unterdurchschnittlich, das einzige, was sie haben, ist Herz. Deswegen ist auch diese absurde Keilerei so toll, weil sie ihrem Wesen idealtypisch entspricht. Für fünf Minuten hauen sie sich mit Inbrunst auf die Schnauze, einfach, weil sie keine großen Redner sind. Und danach geben sie sich die Hand und sind Freunde mit einem gemeinsamen Ziel. Carpenters Filme sind oft ein wenig kalt und auch dieser strebt mit seiner Prämisse in diese Richtung, bevor er sich dann in ein warmherziges Buddy Movie verwandelt. Das ist einfach ein toller Schachzug. THEY LIVE sieht auf den ersten Blick nicht so aus, aber er ist ein verdammt origineller und liebenswerter Vertreter seiner Zunft.

Den letzten vollwertigen Spielfilm von Rob Zombie, HALLOWEEN II, fand ich damals ziemlich unerträglich. Ich hatte bisher zwar noch kein Bedürfnis, den Film (den viele meiner Bekannten der schreibenden Zunft für ein veritables Meisterwerk halten) noch einmal zu sehen, um meine Meinung möglicherweise zu revidieren, aber mein Text ist mir heute dennoch etwas unangenehm – wie eigentlich fast alle Verrisse, zu denen ich mich hinreißen lasse, mir nach einiger Zeit peinlich sind. Nicht selten steht man nämlich wie ein Hornochse dar, wenn man später feststellen muss, bei Erstsichtung offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen zu sein oder aus anderen Gründen nicht in der Lage gewesen zu sein, den Film angemessen zu beurteilen. (Mal ganz davon abgesehen, dass man auch irgendwie drüberstehen können sollte, wenn einem etwas nicht gefällt. Sich von einem Film persönlich angepisst zu fühlen, ist ja irgendwie auch ein ziemlicher Egotrip.) Das gilt natürlich im umgekehrten Fall auch für ausufernde Begeisterung, wenn sich bei Zweitsichtung plötzlich Ernüchterung einstellt und man sich fragt, was man da eigentlich zuvor gesehen haben will. Insofern bin ich bei THE LORDS OF SALEM auf der sicheren Seite: Er hat mir ausgezeichnet gefallen, ohne mich total umzuhauen, das wenige, was mich an ihm gestört hat, bestätigt meine generelle Kritik an Rob Zombies Stil, das, was mich an ihm mochte, erklärt mir noch einmal, warum ich mit HALLOWEEN II damals eher nix anfangen konnte.

Heidi (Sheri Moon Zombie) genießt in Boston lokale Berühmtheit als Mitglied eines beliebten Radio-Moderatorenteams. Eines abends erhält sie eine Langspielplatte der unbekannten Band „The Lords“. Nachdem sie den darauf enthaltenen, überaus bedrückenden und seltsamen Song gehört hat, gehen beunruhigende Dinge mit ihr vor. Sie leidet an heftigen Albträumen und Halluzinationen, die in ihrer Schwere immer weiter zunehmen, sie erst an ihrem Verstand zweifeln lassen, dann schließlich ihren Rückfall in die Drogensucht begünstigen. Der Historiker Francis Matthias (Bruce Davison), der ein viel beachtetes Buch über die Hexenprozesse im nahe Boston gelegenen Salem geschrieben und den Song von „The Lords“ ebenfalls gehört hat, tritt zur selben Zeit seine Nachforschungen an und erfährt von einem Fluch, den die Hexe Margaret Morgan (Meg Foster) bei ihrer Verbrennung vor Jahrhunderten ausstieß. Ihr Peiniger war Reverend Jonathan Hawthorne (Andrew Prine) und der entpuppt sich als Vorfahre von Heidi …

Für den unabhängig und mit geringerem Budget realisierten THE LORDS OF SALEM musste Rob Zombie seine üblichen Impulse etwas zügeln: Verglichen mit seinen vorangegangenen Filmen ist sein Okkultismus-Grusler deutlich schlanker, kompakter, konzentrierter und auch stilistisch dichter, fokussierter. Sein bisher etablierter visueller Stil, ein Pastiche von Einflüssen aus alten Horror-, Monster- und Exploitationfilmen, Serials und Cartoons, True-Crime-Paraphernalia, Zirkus, Jahrmarkt und Gegenkultur, neigte bislang gern dazu, sich von den Geschichten, die Zombie erzählen wollte, zu emanzipieren. Seine Filme waren bis zum Bersten vollgestopft, was sie einerseits sehr reich, überbordend und unverkennbar machte, andererseits aber auch weniger überzeugenden Ideen Eingang verschaffte, von denen sich ein weniger eklektisch verfahrender Komponist spätestens am Schnittpult getrennt hätte. HALLOWEEN II entsprach einem audiovisuellen Ideen-Dauerbeschuss, der mir erst auf die Nerven ging, mich dann aber irgendwann völlig stumpf gegen seine dauernden Angriffe machte. Was in seinem Debüt HOUSE OF 1000 CORPSES noch funktionierte – weil der ganze Film auf wenig mehr als der Idee für ein Setting basierte und von diesem Ausgangspunkt einfach wild drauf los improvisierte – ging für mich bei HALLOWEEN II, der doch deutlich ambitionierter war, gründlich in die Hose. Irgendwann wollte ich nur noch, dass das Geschreie, Gefluche, Getrümmer und Gemorde endlich aufhört. Wozu Zombie ohne Zweifel fähig ist, wenn er sich zurücknimmt und seine Bilder atmen lässt, sieht man nun in THE LORDS OF SALEM. Inhaltlich eigentlich prädestiniert für einen Kurzfilm, kommt er über weite Strecken ohne Dialoge aus, Gewaltszenen gibt es kaum, das Tempo ist enorm gedrosselt. Die Schocks springen einem nicht ins Gesicht, sondern beschleichen einen wie der Todeshauch in den FINAL DESTINATION-Filmen. Der Film ist eher beunruhigend als wirklich gruselig: Zombie gönnt sich den Luxus von Leerstellen, anstatt jede Lücke auszufüllen, entwickelt auch nicht jede Idee zu Ende, konzentriert sich ganz darauf, eine bestimmte Stimmung zu kreieren, anstatt lediglich immer krasser werdende Szenen aneinanderzureihen.  Der aus zahlreichen vergleichbaren Filmen bekannte Plot „verdickt“ sich nicht, wie es im englischen Sprachgebrauch heißt, vielmehr wird THE LORDS OF SALEM in seinen letzten Minuten immer loser, ätherischer, bis der zuvor so klare und „handfeste“ Film buchstäblich ins Nichts mündet. Das Ende gleicht einem Bilderrausch, der die Ratio hinwegspült. Und während die ruhigen Abschlusscredits laufen, sinken die verbliebenen Fragen tief ein und können ihre Wirkung weiter entfalten.

Eigentlich gab es genau eine Szene, die mich wieder an das erinnerte, was mich an Zombie immer etwas nervt: In der Einführung der Protagonisten bekommt man wieder diese coolen Außenseiterpersonen mit ihrem Rockismus-Gehabe geboten, deren persönlicher Style mich einfach abschreckt. Wenn ich diese Heidi auf der Straße sehen würde, würde ich wahrscheinlich die Augen verdrehen und im Radio könnte ich sie und ihr pubertäres Geschwätz schon gar nicht ertragen. Die Auftaktszene, in der ein mit deutschem Akzent sprechender Black-Metal-Musiker während der Radiosendung seine Auffassung von Religion zum besten gibt, passt dann auch nicht so recht zum restlichen, weitgehend von Albernheiten freien Film. Aber es gibt, wie gesagt, keinen Grund, kleinlich zu sein. Von der unaufgeregten Art, mit der Zombie hier verdienten, „ewigen“ Nebendarstellern und Genreschauspielern einen Auftritt verschafft – etwa Ken Foree, Judy Geeson, Patricia Quinn, Dee Wallace, Andrew Prine, Meg Foster, Bruce Davison, Maria Conchita Alonso, Michael Berryman oder Sid Haig – kann sich manch anderer Regisseur, der seine „Hommagen“ mit Zuneigung der Nerdscharen heischenden Gastuaftritten zukleistert, eine dicke Scheibe abschneiden. Und der Song der „Lords“ ist wirklich zum Weglaufen unheimlich. THE LORDS OF SALEM hat mich in Haltung und Stimmung an Ti Wests famosen THE HOUSE OF THE DEVIL erinnert. Und weil das einer der besten Horrorfilme der vergangenen Jahre war, ist das ein ziemlich großes Lob.

Nach den Ereignissen aus RELENTLESS lebt Detective Sam Dietz (Leo Rossi) von seiner Frau (Meg Foster) getrennt. Als sich ein Serienkiller (Miles O’Keeffe), der eine Blutspur quer durch die USA gezogen hat, sein Handwerk in L.A. fortsetzt, wird Dietz der FBI-Agent Valsone (Ray Sharkey) zur Seite gestellt. Nach dem typischen Kompetenzgerangel beginnen die beiden zwar zu kooperieren, doch Dietz wird das Gefühl nicht los, dass Valsone ihm immer noch Steine in den Weg legt …

RELENTLESS 2: DEAD ON hat vor allem zwei Probleme: Es ist ein Sequel und nicht von William Lustig. Die Geschichte um den Serienmörder ist etwas elaborierter, sein „Motiv“ spektakulärer, aber eben auch konstruierter. Gleichzeitig fällt es schwerer, einen Bezug zum Killer herzustellen: Miles O’Keeffe – nicht gerade als Charakterdarsteller bekannt – gibt den Mörder als stumme terminatoreske Mordmaschine, die zur Entspannung vom Tagewerk gern ein Eisbad nimmt, sonst aber kaum menschliche Züge trägt. So ist es wieder einmal am unvergleichlichen Leo Rossi, den Zuschauer ins Boot zu holen: Das gelingt, auch weil Schroeder einige aus dem ersten Teil bekannte Nebenfiguren aufbietet und sich um einen ähnlich skurrilen Humor bemüht wie Lustig vor ihm. Der Psychiater mit dem Faible für geschmacklose Kommentare ist ebenso wieder da wie die stets hilfsbereite Sekretärin Francine (Mindy Seeger)  und als neuen Vorgesetzten hat sich Dietz nun mit dem sportbesessenen Captain Rivers (Dale Dye) auseinanderzusetzen: Eine Besprechung hält Dietz im Anzug neben ihm her joggend ab, für eine weitere begibt er sich in voller Montur mit ihm in die Sauna. Diese kleinen guten Ideen – wie auch der Subplot um den FBI-Agenten Valsone – verhindern, dass RELENTLESS 2: DEAD ON in der Beliebigkeit versinkt, geben dem Film ein Profil, das ihn über bloß mittelmäßiges Videofutter für Couch Potatoes hebt. Dennoch wirkt das alles weniger zwingend als in Lustigs Film, der zwar auch nicht gerade die Neuerfindung des Rades darstellte, aber eben ein ideales Beispiel dafür, wie weit ein ausgefeiltes Drehbuch und eine gute Darstellerführung tragen: RELENTLESS war einfach Storytelling nahe an der Perfektion. Dessen Homogenität und Kompaktheit erreicht Schroeder leider nie, weshalb sein Film über leicht überdurchschnittliche, aber eben auch etwas beliebige Unterhaltung nicht ganz hinauskommt. Aber das ist für ein Sequel ja eigentlich schon sehr ordentlich.

Der ehemalige New Yorker Cop Sam Dietz (Leo Rossi) absolviert seinen ersten Tag für das Morddezernat des L.A.P.D., da bekommt er es gleich mit einem Serienmörder zu tun, der seine Opfer zur Abenddämmerung rund um den Sunset Strip umbringt und sie dazu zwingt, an ihrer eigenen Tötung zu partizipieren. Dietz‘ Engagement ist für seinen erfahrenen Partner Malloy (Robert Loggia) zunächst ein Grund zum Spott, doch schließlich lässt er sich von dessen Methoden überzeugen. Als Malloy selbst dem Killer zum Opfer fällt, wird Dietz von seinem Vorgesetzten vom Fall abgezogen. Doch er denkt nicht daran, den Mörder einem anderen zu überlassen …

Fast zehn Jahre nach MANIAC widmete sich William Lustig erneut dem Serienmörderfilm: Doch der Unterschied zwischen dem splatterigen Psychodrama, das in Deutschland immer noch beschlagnahmt ist, und RELENTLESS könnte größer kaum sein. RELENTLESS konzentriert sich nicht auf das Innenleben des derangierten Mörders, vielmehr rückt Lustig die beiden Polizisten, ihre unterschiedlichen Ansichten, aber auch ihre aufkeimende Freundschaft in den Fokus. Er erzählt eigentlich eine typische Fish-out-of-Water-Geschichte: Der New Yorker Dietz muss sich mit den anderen Methoden an der Westküste arrangieren und vor allem wieder bei null anfangen, sich als Anfänger behandeln lassen und sich beweisen. Dass Lustig trotzdem nicht nur Klischees des Cop- und des Buddy Movies abspult, sein Film tatsächlich sehr warmherzig, originell und wahr rüberkommt, liegt zum einen an der großartigen Leistung von Leo Rossi und Robert Loggia, die den Streit zwischen West und Ost, alt und jung greifbar und lebendig machen, zum anderen an den humorvollen, niemals platten Dialogen, die das Kernstück des Filmes sind. William Lustig hat es ja wie auch sein Kumpel Larry Cohen immer gut verstanden, Genrestoffe solchermaßen mit gut beobachteten Details aufzufüllen und sie mit einem untrüglichen Gespür für Orte, Milieus und Leute authentisch und lebendig werden zu lassen: RELENTLESS, mit dem sich der New Yorker Lustig gemeinsam mit seinem Protagonisten auf unbekanntes Terrain begibt, belegt das eindrucksvoll. Was unter anderer Regie einfach nur ein weiterer Serienmörderfilm geworden wäre, überwindet dank seiner Ideen die engen Grenzen des Genres – und berührt tatsächlich emotional.

Es ist vielleicht ein bisschen ungerecht, dass ich  Judd Nelson bisher noch nicht erwähnt habe: Er ist sehr glaubwürdig und bedrohlich als Killer mit Vater- und Minderwertigkeitskomplex; keine Spur von der BREAKFAST CLUB-Coolness, die er nach dem Klassiker von Hughes immer wieder reproduzieren musste. Aber er hat das Pech, zwar den eigentlichen Antagonisten des Films, neben Rossi und Loggia und ihrem Buddy-Plot aber eben doch irgendwie nur die zweite Geige spielen zu dürfen. Die Jagd auf den Killer ist eigentlich nur Anlass für Lustig, die Fehde zwischen West- und Ostküste von zwei Cops austragen zu lassen und dabei als willkommenen Nebeneffekt zwei wunderbare Charaktere zu schaffen, denen man auch zwei Stunden lang beim Angeln zusehen könnte. Das heißt nun nicht, dass RELENTLESS als Thriller versagen würde. Aber atemlose Spannung ist nicht das, was Lustigs Film in erster Linie auszeichnet. Er ist um Einiges vielseitiger als das. Ich empfehle auf jeden Fall, diesen wirklich tollen, etwas weniger bekannten Film Lustigs anzuschauen und sich von seinen Qualitäten selbst zu überzeugen. Ich bin mir sicher, dass Freunde von Lustigs Schaffen RELENTLESS sofort in ihr Herz schließen werden. Mich hatte er zwar nicht mit „Hello“, aber dafür bereits mit den ersten Klängen von Jay Chattaways monströsem Score. Der Mann hat für Lustig ausschließlich Großes vollbracht. Wen wundert’s?