Mit ‘Mel Ferrer’ getaggte Beiträge

Von den „klassischen“ Kannibalenfilmen fand ich MANGIATI VIVI! immer am enttäuschendsten. Nicht zuletzt der endlos geile deutsche Titel LEBENDIG GEFRESSEN, eigentlich ja nur eine sehr korrekte Übersetzung des Originaltitels, aber eben um einiges härter, animalischer, atavistischer und sensationalistischer klingend, hat in mir immer Erwartungen geweckt, die er dann nie so recht zu erfüllen vermochte. Das hat sich leider auch nach über 20 Jahren nicht geändert, auch wenn ich nach Lenzis Tod vor knapp vier Wochen gern zu einer anderen Ereknntnis gekommen wäre. Sein Reißer, mit dem er nach einigen fulminanten Poliziotteschi in den Siebzigern sein nicht mehr ganz so ruhmreiches Spätwerk einleitete, ist ein heute vergleichsweise zahm anmutender Kannibalen-/Abenteuerfilm, der aus seiner reizvollen Story nicht wirklich viel zu machen weiß.

Nach einigen rätselhaften Morden in New York – die Opfer werden von einem dunkelhäutigen Mann mithilfe von Giftpfeilen getötet – begibt sich die junge Amerikanerin Sheila (Janet Agren) ins Amazonas-Gebiet, um dort ihre Schwester Diana (Paola Senatore) wiederzufinden. Sie soll sich der Purifikationssekte von Jonas Melvin (Ivan Rassimov) angeschlossen haben, der auch die Mordopfer angehört haben. Mit dem Abenteurer Mark (Robert Kerman) reist sie in den Urwald, wo sie von Kannibalen attackiert, aber von Jonas‘ Leuten gerettet werden. Der führt ein hartes Regiment gegen seine Jünger: Wer gegen die Regeln verstößt, wird verbannt, was bedeutet, als Mittagessen der Kannibalen zu enden …

Die Geschichte um die Sekte ist unschwer erkennbar an den damals noch recht aktuellen Fall des Guyana-Massakers angelehnt, bei dem der Sektenführer Jim Jones die Angehörigen des Peoples Temple in den Massenselbstmord trieb, und dann mit Motiven des damals massiv erfolgreichen Kannibalenfilm-Genres angereichert, das Lenzi selbst acht Jahre zuvor mit seinem IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO aus der Taufe gehoben hatte. Es hatte danach ein paar Jahre gedauert, bis sich Deodato an ein Sequel begab: Sein ULTIMO MONDO CANNIBALE war der eigentliche Startschuss für einen wenige Jahre anhaltenden Boom, an dem Lenzi dann auch wieder partizipieren wollte. Sein Film beinhaltet alles, was das Genre auszeichnet: Die Kulisse des idealtypisch für die Zivilisation und den „Grußstadtdschungel“ stehenden Manhattans als Ausgangspunkt für eine von Tiersnuff, Splattereffekten, „primitiven“ Ritualen, softem Sex und sexualisierter Gewalt gesäumten Weg in die sprichwörtliche grüne Hölle, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass der westliche Mensch nicht viel besser ist als der Wilde aus dem Wald, aber dafür wenigstens mit Messer und Gabel isst.

Es ist nicht so, dass kein Potenzial in dem Film steckte: Es ist eigentlich toll, dass sich Lenzi nicht auf seine Kannibalengeschichte verlässt, sondern die Gekrösemampfereien eher in der Peripherie stattfinden lässt, nur leider wird die Purifikationssekte nie wirklich so lebendig, dass sie das Interesse, das er ihr widmet, rechtfertigen würde. Das Problem: Neben Jonas und ein paar Schergen bleiben die Sektenhuber reine Staffage, keiner von ihnen hat auch nur einen erkennbaren Charakterzug, von einer Persönlichkeit ganz zu schweigen. Warum sie Jonas anbeten und sich dazu an diesen gottverlassenen Ort begeben haben, warum sie ihm bereitwillig in den Tod folgen, bleibt völlig unklar, und demnach verpufft auch der Massenselbstmord am Ende ziemlich wirkungslos. OK, MANGIATI VIVI! ist nicht unbedingt der Film, an dem ich mit der Erwartung feinsinniger Charakterzeichnung herantrete, aber Gematsche wird eben auch nicht viel geboten. Viele der alten Reißer, deren Effekte mich damals noch massiv beeindruckt und geschockt haben, kommen heute eher zahm und albern daher, aber MANGIATI VIVI! hat besonders viele Federn gelassen. Der Schluss, wenn die arme Diana und eine andere Frau den Menschenfressern zu Opfer fallen und ihre gut sichtbar unter Sandhaufen verborgenen Unterarme und -schenkel abgetrennte Gliedmaßen simulieren, während die Kannibalen an Gummiextremitäten nagen, schlägt auf der Schäbigkeitsskala ziemlich hoch aus. Dass MANGIATI VIVI! im Jahre des Herrn 2002 beschlagnahmt wurde, ist geradezu rührend. Jede moderne Geisterbahn ist furchteinflößender als Lenzis Film.

Deshalb spare ich es mir auch, hier über Rassismus zu sprechen, was natürlich mehr als angebracht wäre. Oder über Sexismus: Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich die Szene, in der die schöne blonde Sheila über eine Fressorgie stolpert und von Chauviebolzen Mark per furztrockenem Kinnhaken vor dem Anblick erlöst wird, der ihr zartes Frauenseelchen todsicher nachhaltig zerrüttet hätte, sehr lustig fand. Er geizt eh nicht mit erzieherisch eingesetzten Maulschellen für das Weibchen, wohl wissend, dass es genau das ist, was die Frauen wollen. Irgendwann kann sie dann auch nicht mehr anders, als ob des drohenden Todes vor ihm auf die Bettstatt zu sinken. Wenigstens einmal noch bumsen, bevor man von Kannibalen gefressen, einem Sektenfuzzi ermordert oder amoklaufenden Krokodilen gefressen wird, das wär’s doch! Meine Lieblingsszene im ganzen Film ist aber jene, in der sich ein Kroko todesmutig per Kopfsprung auf einen nichts Böses ahnenden Eingeborenen stürzt und ihn ins Wasser zerrt. Was für ein Aggressionspotenzial! Wäre MANGIATI VIVI! durchgehend mit solchem Kokolores angefüllt, würde er mir deutlich besser munden.

Advertisements

In meinem Herzen hatte ich immer einen Platz für Tobe Hoopers EATEN ALIVE. Schon die Beschreibung im Horrorfilmlexikon von Hahn/Jansen las sich für mich unglaublich reizvoll: ein irrer Motelbesitzer, der seine Opfer an ein in einem Tümpel lebendes Krokodil verfüttert. Die Sichtungen des Films waren dann immer eher Appetizer. Irgendwas war da, was mein Interesse rechtfertigte und mich immer wieder zurückkehren ließ, aber der Funke sprang nie so wirklich über. Vielleicht auch nur, weil dieser Funke durch die durchweg mäßige Qualität, in der ich EATEN ALIVE zu Gesicht bekam, erstickt wurde. Jedenfalls habe ich jetzt, nachdem ich mir Hoopers Film in HD zu Gemüte geführt habe, das Gefühl, ihn zum ersten Mal wirklich gesehen zu haben. EATEN ALIVE ist immer noch kein Meisterwerk, von der epochemachenden Brachialität eines THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE meilenweit entfernt, aber seine Reize wurden gestern offenbar und rechtfertigten meine anhaltende Mini-Faszination für ihn.

EATEN ALIVE kommt nahezu ausschließlich über seine Atmosphäre und das Setting: Eine Handlung ist zwar vorhanden, lässt sich aber im Wesentlichen darauf runterkürzen, dass die nacheinander eintreffenden Gäste eines abgelegenen Südstaatenmotels von seinem durchgeknallten Besitzer abgemurkst werden. Das Motel hatte Hooper offensichtlich irgendwo im Studio aufbauen lassen, den Score teilen sich eine quakende Sumpf-Atmo und dissonante Synthie- und Industrialklänge, die denen aus THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE nicht unähnlich sind, die Beleuchtung taucht alles in das blutrote Licht einer an der Studiodecke untergehenden Südstaatensonne, die Nebelmaschine macht Überstunden. Das alles verleiht dem Film eine klaustrophobische Stimmung, als tauche man direkt in das zerklüftete Unterbewusstsein des alten Judd (Neville Brand), dessen geistesabwesenden, irren Monologe die Tonspur füllen. EATEN ALIVE existiert in einem stilistischen Limbo zwischen beinahe argentoesker Artifzialität und der schorfigen Ungehobeltheit des Grindhouse-Kinos, auch inhaltlich, wenn die offenkundigen Anleihen bei Hitchocks PSYCHO und die Ausflüge in das gestörte Hirn eines Kriegsveteranen mit wüstem Krokodil-Schlock und feistem Splatter gepaart werden. Der ganze Film hat etwas von knarzigen Horrorcomics, die ihre naiv-blöden Moritaten auch in unvergessliche Bilder zu kleiden pflegten, die sich gerade jungen Lesern unauslöschlich ins Unterbewusstsein meißelten.

Entscheidend für die „richtige“ Lesart des Films ist wohl die Besetzung mit Neville Brand. Der zum Zeitpunkt des Films Mitte-50-Jährige war einer der meistdekorierten US-Soldaten des Zweiten Weltkriegs gewesen, eine Tatsache, die ihm bei seiner späteren Filmkarriere gewiss geholfen hatte, wenngleich sein Hollywood-Ruhm auch überschaubar blieb. In EATEN ALIVE sieht man die Schattenseiten vermeintlichen Kriegsheldentums, denn Brands Judd ist ein sabbernder Spinner, der nie wirklich von den Schlachtfeldern in Europa zurückgekehrt ist, immer noch in Armeekleidung herumläuft und sich ständig in ziellosen Selbstgesprächen verliert, wenn er nicht mit der Sense den grimmen Schnitter gibt. Hooper greift immer wieder Inszenierungsideen aus seinem großen Klassiker auf und manche Motive und Szenen wirken wie direkte Zitate: Der schon erwähnte Score natürlich, das Motel im Hinterland, das an das Haus des Sawyer-Clans erinnert, die Verfolgungsjagd am Schluss, wenn Judd die Prostituierte Lynette (Janus Blythe) durchs Unterholz jagt und dabei seine Sense schwingt wie ein Irrer. Ebenfalls auffällig ist, dass es in EATEN ALIVE einen schweren Überhang gestörter und gewaltbereiter Männer gibt, mit denen die Frauen irgendwie zurechtkommen müssen. Neben Judd zeigt auch der Freier Buck (Robert Englund) reichlich unangenehme Macho-Tendenzen und Hotelgast Roy (William Finley), Familienvater und Ehemann von Faye (Marilyn Burns), ist fast noch gestörter als der Inhaber: Der hysterische Anfall, den er erleidet, nachdem der kleine Familienhund dem Krokodil zum Opfer gefallen ist, seine Unfähigkeit, die Kritik seiner Gattin hinzunehmen, die verzweifelt darum bemüht ist, die aufgelöste Tochter zu trösten, sind noch gruseliger als alle Ausfälle des Sensenmanns und Finley, ein Stammgast im Frühwerk De Palmas, ist perfekt für die Rolle – ein echter scenestealer. Mel Ferrer hat den denkwürdigsten Tod und die vielleicht differenzierteste Männerrolle, aber auch er will letztlich seine Kontrolle über eine Frau ausüben – in diesem Fall seine Tochter, die sich im Bordell von Miss Hattie (Carolyn Jones) verdingt.

Nach THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE musste EATEN ALIVE als Riesenenttäuschung wahrgenommen werden: Der Film ist nicht viel mehr als ein schundiger kleiner Schocker, dessen fraglos vorhandenen guten Ideen sich nicht zu einem größeren Ganzen addieren, aber einen beknackten Horrorfilm eben ein bisschen besser machen. Und er ist fraglos hübsch anzusehen, verströmt eine Stimmung, die ihn aus der Masse vergleichbarer Filme hervorstechen lässt. Ich mag ihn genau so wie er ist.

 

1757376igcijmfszbxdpj_z_wbuykutdodrbtukyvlrakrljbr6jwekkf6u8vu_efzyoynrpbpkhr8zhxy_5wx_rusgqAurelio Morelli (Mel Ferrer) ist ein alternder Schriftsteller, dessen einstiger Kritikererfolg den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit nicht hat verhindern können. Ein Relikt einer vergangenen Zeit, wie die antiken Ruinen Roms, die er bei seinen Spaziergängen bewundert. Seinen letzten Roman mit dem gespreizten Titel „Ich bin Alkibiades“ haben in den vergangenen Jahren nur zwei Menschen aus der Bücherei ausgeliehen, die Hippies im Park, die Joints rauchen und sich gegenseitig befummeln, verlachen ihn als „Opa“, sein Verleger teilt ihm mit, dass sein Stil, seine Sprache nicht mehr gefragt seien. Nur einer legt noch wert auf eine neue Publikation Morellis und ist bereit, sie fürstlich zu bezahlen: Der schmierige Sensationsjournalist Bossi (Klaus Kinski), der weiß, dass sich hinter der Fassade des gebildeten Schöngeistes ein mehrfacher Frauenmörder verbirgt. Er zwingt Morelli dazu, seine Memoiren exklusiv für sein Revolverblättchen zu Papier zu bringen. Während Inspektor Canonica (Heinz Bennent) im Dunkeln tappt und Bossi auf das letzte Kapitel wartet, lernt Morelli die junge Agnese (Susanne Uhlen) kennen …

In Deutschland erfuhr DAS NETZ vor einigen Jahren eine DVD-Veröffentlichung, die auf das „Eurokult“-Publikum abzielte und Purzers Film als eine Art deutschen Giallo vermarktete. Wenn Purzer mit seiner Geschichte auch ein ähnliches Feld beackert wie die italienischen Thriller, kommt man der Essenz von DASS NETZ aber wesentlich näher, wenn man einen Blick auf seine Macher wirft: Hinter der Produktion steckt Luggi Waldleitner, der zu jener Zeit große Erfolge mit den Simmel-Verfilmungen feierte, für die Manfred Purzer die Drehbücher zu liefern pflegte. An der Kamera stand wie bei diesen Charly Steinberger und schuf fantastische Bilder, für die Musik – geprägt von schwelgerischen Stücken und dramatischen Streicherparts – zeichnete Klaus Doldinger verantwortlich, der kurz zuvor bereits den Score von BIS ZUR BITTEREN NEIGE komponiert hatte (in dem es um einen alternden Schauspieler ging, der in Rom sein Comeback feiern will). Wie die Simmel-Filme protzt auch DAS NETZ mit einem großen Aufgebot damaliger Fernseh- und Filmstars, Bildern mediterraner Sehenswürdigkeiten und – das scheint mir am wichtigsten – jener dekadenten-selbstverliebten Entkoppelung von der Lebenswirklichkeit seines zeitgenössischen Publikums. Einerseits zeigt sich DAS NETZ mit seinen Seitenhieben gegen die Verlogenheit des Bildungsbürgertums und seiner verkopft-verklemmten Ideale einerseits – Morelli bezeichnet sich als „Revolutionär“, der die Welt vom Schmutz und der Zügellosigkeit der Jugend befreien will -, und der Geld- und Sensationsgeilheit der Presse andererseits als gesellschaftskritisch (ein Atomkraftwerk und Umweltverseuchung kommen auch noch vor), andererseits suhlt sich der Film aber in Bildern des geschmacklosen Chics und lüsterner Altherrenerotik.

Auch wenn explizite Gewalt ebenso vermieden wird wie allzu nackte Tatsachen: DAS NETZ ist reine Exploitation, eng verwandt mit den mehrteiligen Enthüllungsstorys, die deutschen Boulevardzeitschriften damals Rekordauflagen bescherten und wie diese zutiefst heuchlerisch (ein definierendes Merkmal der Exploitation seit deren Anfangstagen). Es darf nicht einfach ein Frauenmörderfilm sein, nein, da müssen auch noch höchst bedeutungsschwanger Fragen zum Stand der Dinge und zur Zukunft des Abendlandes erörtert werden, auch wenn die Antworten über platte Phrasen und kitschige Gefühlsduselei kaum hinauskommen. Dass das Herz von DAS NETZ eigentlich knapp unter der Gürtellinie schlägt, da wo die dunklen Triebe und die einäugige Viper lauern, hat vor allem Klaus Kinski verstanden, dessen Darbietung als Bossi das Eintrittsgeld allein schon wert ist: Wie er sich mit wallender Löwenmähne und bis zum Bauchnabel aufgeknöpfter Leder- oder Jeansjacke ins Zeug schmeißt, puren koksbeflügelten Machismo aus jeder weit geöffneten Pore verströmt, wie er sich in Pose wirft und sein straff behostes Becken dabei aufreizend nach vorn schiebt, als wolle er dem ganzen Zuschauerraum seinen Schwanz ins Maul stecken, ist schon eine Schau. DAS NETZ ist in seiner ganzen Schizophrenie hoch faszinierend, ein schönes Beispiel dafür, was da einst in Deutschland im Schoße des Mainstreams für bizarre Werke entstehen konnten. Ungefähr so, als hätte Heinz G. Konsalik „Der Tod in Venedig“ geschrieben.

28162Was für eine Wiederentdeckung!

Ich mochte Alberto de Martinos zu Unrecht als THE EXORCIST-Rip-off marginalisierten Besessenheitsfilm schon damals, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, fand ihn sogar deutlich befriedigender als Friedkins Megahit, dem zum vollen Erfolg m. E. immer das Drehbuch des erzkatholischen William Peter Blatty im Wege stand, aber dass er mich bei der Wiederbegegnung so dermaßen begeistern würde, war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Ich habe ihn innerhalb der letzten sieben Tage gleich zweimal gesehen (einmal in Englisch auf der Anchor-Bay-DVD, einmal in deutscher Synchronisation im Kino), und es spricht nur für den Film, dass ihm das nicht nur kein bisschen geschadet hat, sondern ich ihn beim zweiten Mal sogar noch besser fand.

Hier stimmt wirklich alles: Schon die fulminante Eröffnungssequenz, in der de Martino im semidokumentarischen Stil einfängt, wie sich verkrüppelte, zitternde, zuckende und geifernde Menschen in religiösem Wahn um eine Marienstatue tummeln, von der sie sich Heilung versprechen, zieht einen sofort in ihren Bann, macht unmissverständlich klar, wie der Hase hier in den nächsten 110 Minuten laufen wird. Der größte Wurf des Films ist gewiss, dass er seine Besessenheitsgeschichte in einer tief in der klerikalen Struktur Roms verwurzelten, großbürgerlichen Familie ansiedelt: Natürlich glaubt die aufgrund einer psychischen Blockade gelähmte Tochter (Carla Gravina), dass sie von einer als Hexe verbrannten Vorfahrin besessen ist, natürlich glauben ihre nächsten Verwandten, dass der Teufel im Spiel ist, natürlich „funktioniert“ der Exorzismus am Ende. Aber de Martino lässt nie einen Zweifel daran, was die höchst weltliche Ursache und dass das alles nur Projektion ist. Man merkt ihm die Abneigung gegen die Institution der katholischen Kirche jederzeit an, aber, und das ist entscheidend, man spürt auch die Empathie mit den Menschen, die in ihrem irrationalen Glauben konditioniert und damit gefangen sind.

L’ANTICRISTO kann effekttechnisch logischerweise nicht annähernd mit Friedkins bahnbrechendem Horrorfilm mithalten, ist stilistisch eher klassisch und gediegen, aber was ihm an Übergriffigkeit fehlt, macht er durch sein intelligentes Drehbuch mehr als wett. Und wenn die arme Ippolita sich in einer Satansorgie komplett mit Ziegenbock-Anus hineinhalluziniert, sie anfängt, obszöne Flüche auszustoßen, die selbst Klaus Kinski erröten ließen, im finalen Exorzismus Fensterläden auf- und Möbelstücke herumfliegen, sich der Schnittrhythmus frenetisch steigert, dann fühlt man sich auch von L’ANTICRISTO erheblich drangsaliert. Besondere Erwähnung verdient die Hauptdarstellerin Carla Gravina, die sich hier den Arsch abspielt, die ganze Palette von der auf die neue Geliebte des Vaters eifersüchtige,hilflose Tochter über die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation sexuell frustierten junge Frau bis hin zur lüsternen Femme fatale und schließlich zur Erbsensuppe spuckenden Besessenen überzeugend abdeckt, dabei eine wahre körperliche Tour de force hinlegt. Die anderen Akteure müssen fast zwangsläufig neben ihrer Leistung verblassen, was Gelegenheit gibt, die famose Kameraarbeit von niemand Geringerem als Aristide Massaccesi aka Joe D’Amato und die fantastischen, opulenten Settings zu bestaunen oder dem fiesen Score von Ennio Morricone und Bruno Nicolai zu lauschen.

L’ANTICRISTO ist gewiss kein Geheimtipp mehr, aber neben all den anderen Italo-Horrorfilmen, die bereits an jedem Baum zum zweiten Mal angepriesen wurden, dürfte seine Klasse ruhig etwas lauter besungen werden. Wer ihn bislang noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Und wenn er schon dabei ist, kann er auch noch HOLOCAUST 2000 nachlegen, de Martinos Variation des anderen großen Okkultschockers der Siebziegerjahre, THE OMEN.

Viel haben mir Freunde und Bekannte bereits über diesen Film aus dem Beyond-Belief-Bereich erzählt, der vor einigen Jahren von US-amerikanischen Filmarchäologen ausgegraben wurde und seitdem weltweit die Herzen der Freunde des abseitigen Kinos erfreut. STRIDULUM – oder DIE AUSSERIRDISCHEN wie er in Deutschland heißt – beim Mondo Bizarr in Düsseldorf auf großer Leinwand zu sehen, stellte gestern eine überaus passende Erstbegegnung mit diesem Absurdion dar.

Wo fange ich an? Vielleicht bei der Eröffnungsszene, in der John Huston als schwarze Silhouette im Vordergrund vor einer Rückprojektion ins Bild tritt, die einen psychedelischen Wasserfarbeneffekt und einen gelb strahlenden Sonnenball zeigt. Bei Franco Nero, der danach als Jesusersatz mit blonder Langhaarfrisur und weißem Kaftan zwischen glatzköpfigen Kindern sitzt und eine reichlich exzentrische Science-Fiction-Geschichte über den Kampf des kosmischen Guten gegen eine böse Macht namens „Satin“ erzählt. Bei erwähntem John Huston, der als Botschafter jener Guten meist auf einem Hochhausdach in Atlanta herumsteht, während seine glatzköpfigen Untergebenen hinter durchscheinenden weißen Leinwänden Schattenspiele machen. Bei Lance Henriksen, der wohlhabender Investor eines Basketballteams ist, eigentlich aber im Auftrag eines konspirativen Geheimbunds unter der Führung von Mel Ferrer einen Zögling Satins mit der schönen Barbara (Joanne Nail) zeugen soll. Bei Barbaras teuflischer Tochter Katy (Paige Conner), die im Stile eines intergalaktischen Damien alle über die Klinge springen lässt, die dem kosmischen Weltbeherrschungsplan in die Quere kommen. Bei Glenn Ford, der als Detective Jake Durham einen prachtvollen, nur schlecht überschminkten Herpes an der Unterlippe mit sich herumschleppt. Bei Doktor Sam Peckinpah, der Barbara die außerirdische Brut „wegmacht“. Bei Shelley Winters als seherisch begabtem Kindermädchen. Bei dem supergeduldigen Erzähltempo, das sich nur wenig für Zielstrebigkeit, dafür aber umso mehr für die Schaffung einer halluzinogenen Stimmung interessiert. Bei der famosen Fotografie, die auch die bescheuertsten Einfälle noch fantastisch aussehen lässt. Oder natürlich bei der Tatsache, dass es wahrscheinlich noch nie ein solch offenkundiges Rip-off eines erfolgreichen Hollywood-Films gegeben hat (Vorbild war ohne Zweifel Richard Donners THE OMEN), das dabei so wenig Interesse daran zeigt, die erfolgreich Schablone einfach nur zu adaptieren.

STRIDULUM ist ein esoterischer Science-Fiction-Fantasy-Horrorfilm, dessen Plot schon nach kürzester Zeit völlig in den HIntergrund tritt. Man könnte sicherlich Unfähigkeit Paradisis konstatieren, eine kohärente Geschichte nachvollziehbar und spannend zu erzählen, wenn die einzelnen Sequenzen nicht jeweils sehr überzeugend und fesselnd wären (die Eiskunstlaufszene! die gruselige Alien Abduction! das Vögel-Finale!) und man am Ende nicht völlig überraschend und gegen jede Erwartung eingestehen müsste, dass eigentlich gar keine Fragen offen bleiben. Ich weiß immer noch nicht genau, wie ich STRIDULUM treffend beschreiben soll. Er ist total singulär, ich kenne nichts Vergleichbares, aber er ist auch nicht offensiv auf Kuriosität gebürstet. Paradisi inszenierte ihn anscheinend in dem Bewusstsein, einen „normalen“ Genrefilm zu machen. Man erkennt das Vorbild, den Plot, die Dramaturgie, die einzelnen Set Pieces, man kann dem Ganzen kognitiv auch folgen, aber trotzdem ist das alles seltsam off. Ein gutes Beispiel ist die Szene, in der Barbara offenbart wird, was um sie herum geschieht: Der außerirdische Alleswisser Jerzy (John Huston) klopft da an ihre Tür, erklärt ihr so kurz, bündig und sachlich als ginge es um ihre Stromrechnung. dass kosmische Kräfte um die Weltherrschaft ringen und ihre Brut so eine Art Space-Luzifer ist, nur um sie mit dieser Information dann allein zu lassen. Wie reagiert die Querschnittsgelähmte? Indem sie minutenlang mit ihrem Rollstuhl im Kreis durch ihr ausladendes Wohnzimmer kurvt, dabei ein leidendes Wimmern von sich gibt, bevor sie sich dann endlich für ein Ziel entscheidet und aus dem Haus rollt. Was man in der Musik als Laut-Leise-Dynamik bezeichnet, das ist in Paradisis STRIDULUM eine Kurz-lang-Dynamik: Banalitäten werden nervenzerrend breit ausgewalzt, bis sie fremdartig und rätselhaft erscheinen, entscheidende Momente hingegen sind kurz und schmerzlos oder ereignen sich gar ganz im Off oder innerhalb eines Schnitts.

Ich kann noch nicht behaupten, total begeistert zu sein, dafür war ich gestern wohl einfach nicht in der optimalen Stimmung, aber faszinierend ist STRIDULUM auf jeden Fall. Mal sehen, was eine Zweitsichtung zutage fördert.

Zur anstehenden Hochzeit von Leopoldo von Karnstein (Mel Ferrer) und Georgia Monteverdi (Elsa Martinelli) reist auch Leopoldos Cousine Carmilla (Annette Stroyberg) in das herrschaftliche Anwesen nach Rom. Ihrer Vorfahrin Mircalla sieht sie zum Verwechseln ähnlich: Man erzählt sich unter den angeblich von einer Vampirsippe abstammenden Karnsteins noch heute die Legende, Mircalla habe vor Jahrhunderten aus Eifersucht die Ehefrauen ihres Geliebten mit einem Fluch belegt und umgebracht. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, als die in Leopoldo verliebte Carmilla bei einem im Vorfeld der Feierlichkeiten stattfindenden Feuerwerk die Grabkammer der Vampirin entdeckt und deren Geist offensichtlich Besitz von ihr ergreift …

Nach Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ inszenierte Roger Vadim ET MOURIR DE PLAISIR mit seiner damaligen Ehefrau Annette Stroyberg (als Annette Vadim) in der Rolle der eifersüchtigen Geliebten/Vampirin und in zauberhaften, von kraftvollen Farben bestimmten Bildern wild-düsterer Romantik. Es handelt sich nicht um eine werkgetreue Umsetzung, vielmehr wurden Motive und Handlungselemente aus der Vorlage in einen zeitgenössischen Rahmen verlegt. So spielt die Geschichte in Vadims Film in der Gegenwart und der Vampirfluch, der die Karnsteins einst beutelte, liegt weit in der Vergangenheit, erfährt aber eine ungeahnte Fortsetzung oder Wiederholung. Anders als die Adaptionen, die die Hammer Studios in den frühen Siebzigerjahren als „Karnstein-Trilogie“ produzierten (THE VAMPIRE LOVERS, LUST FOR A VAMPIRE und TWINS OF EVIL), verzichtet Vadim auf eine allzu grafische Darstellung von Gewalt und Sex, siedelt seinen Film stattdessen im sinnlichen Zwielicht zwischen Sehnsucht, Traum, Fantasie und Wahrheit an und wirft am Ende die Frage auf, ob Carmillas „Vampirismus“ nicht doch nur das Ergebnis einer überproduktiven Fantasie war.  Sie wirkt ein bisschen unreif in ihrer Liebe für den Kindheitsschwarm, ist extrem empfänglich für die Suggestionen der Karnstein-Legende, gefällt sich zudem in der Rolle des eifersüchtigen Vamps (no pun intended), der die schönen Frauen aus dem Weg räumt, die es auf ihren Leopoldo abgesehen haben. Vadim erzählt die Geschichte als Rückblende, es handelt sich um den bebilderten Bericht eines Arztes, den dieser im Flugzeug sitzend seinem Nachbarn gibt, und diese Strategie verstärkt noch ihren traumgleichen Charakter, den sie durch die opulente Bebilderung und den fragilen Score von Jean Prodromidés eh schon gewinnt. Man könnte fast sagen, Vadim mache sich zum Komplizen Carmillas, bilde nicht die Welt des Faktischen ab, sondern nehme ihre Perspektive ein, in der die Welt märchenhaft verzerrt ist. Fast zwangsläufig kommt es zu ihrer „Verwandlung“ während eines Kostümballs und Feuerwerks, also zu einem Zeitpunkt, in dem die Realität mit spielerischen Mitteln außer Kraft gesetzt wird. Und seinen visuellen Höhepunkt findet ET MOURIR DE PLAISIR konsequenterweise auch in einer Traumsequenz, die das damalige Publikum mit ihren auch heute noch gelungenen visuellen Effekten sicherlich beeindruckt haben dürfte.

Wer Vadim für einen nur mittelmäßig begabten Selbstdarsteller und Frauenheld hält, der wird sich aber auch von ET MOURIR DE PLAISIR kaum umstimmen lassen. Seine blonde Gattin passt optisch perfekt in die prominente Reihe seiner Ehefrauen und Geliebten (Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Jane Fonda), wird von ihm fetischistisch umgarnt und immer wieder ins rechte Licht gerückt. Man weiß nicht, ob ihn tatsächlich Sheridan Le Fanus Geschichte selbst reizte oder ob sie für ihn lediglich geeignete Bühne zur Darstellung seiner Gattin und Projektionsfläche seiner Begierden war. Mir ist das letztlich egal. Es mag lediglich seiner Entstehungszeit und den damals noch bestehenden Tabus in der filmischen Darstellung von Sex und Nacktheit geschuldet sein, dass ET MOURIR DE PLAISIR eher subtil erotisch statt schmierig und vordergründig wirkt, aber ich neige doch dazu, Vadim die für diesen Stoff nötige Sensibilität zuzugestehen. ET MOURIR DE PLAISIR zeichnet sich durch eine nur schwierig in Worte zu fassende, ätherische Qualität aus, die genau richtig ist und bei der Betrachtung fesselt, auch wenn gar nicht so furchtbar viel passiert. Und genau darum geht es im Film ja auch: Um das, was sich im Kopf abspielt, in den niemand hineinschauen kann. Auf der soeben erschienenen deutschen DVD dieses selten gesehenen und bislang nicht digital verfügbaren Filmes, lassen sich seine Schönheit und sein Mysterium dank prächtig leuchtender Farben auch im heimischen Wohnzimmer erleben.

Eine Minderjährige wird ermordet in einer Herberge aufgefunden, beinahe zeitgleich der Sohn eines Mailänder Unternehmers entführt. Der Staatsbeamte Paolo Germi (Claudio Cassinelli) taucht tief in den Sumpf des Rotlichtmilieus ein und kommt einer weit verzweigten verbrecherischen Organisation auf die Schliche …

MORTE SOSPETTA DI UNA MINORENNE oder auch SUSPICIOUS DEATH OF A MINOR ist ausnahmsweise kein Giallo, sondern eine recht unorthodoxe bzw. eben typisch italienische Melange aus Krimi, Polizei- und Actionfilm und Komödie, von Martino gewohnt souverän inszeniert und mit einigen packenden Actionsequenzen versehen, die den Film über Fernsehkrimi-Niveau heben. Eine lange Autoverfolgungsjagd zwischen einem Polizei-Fiat und einer verbeulten Ente ist tatsächlich sehr rasant und rutscht auch deshalb niemals in die Lächerlichkeit ab, weil Martino die Hatz durch die Mailänder Straßen mit etlichen Slapstick-Elementen garniert, die man heute so garantiert nicht mehr zu sehen bekäme: Ein Fahrradfahrer findet sich unvermittelt auf einem Einrad wieder, nachdem ihm das Vorderrad von den Protagonisten der Jagd „abgefahren“ wird, ein Fußgänger wird beinahe umgefahren, vollzieht beim hinfallen einige Headspins und rennt dann schließlich orientierungslos vor einen Laternenpfahl. Höhepunkt ist sicherlich die Schießerei auf einer Achterbahn, aber auch das Duell auf dem Dach eines Kinos, das sich automatisch öffnen lässt, ist ein Hingucker.

Der dramaturgisch spannendste Kniff dieses Films, der wie gewohnt die miesen Machenschaften der oberen Zehntausend thematisiert, gegen die der Staat eigentlich nur noch mit Gewalt etwas unternehmen kann, weil das Rechtssystem regelmäßig versagt, ist wohl Gastaldis Idee, erst nach ca. der Hälfte des Films zu verraten, was der Protagonist eigentlich im Schilde führt. Cassinellis Germi könnte ein Verbrecher sein, ein Psychopath oder ein auf eigene Faust handelnder Privatmann. Mit seinem Zorn auf die laffe Justiz und die großzügige Auslegung der Gesetze ist er ein Gesinnungsgenosse jener italienischer Cops, die als italienische Antwort auf DIRTY HARRY durch die Straßen Roms, Mailands oder Neapels hetzten. Dass Cassinelli äußerlich eher wie ein Denker denn wie ein Tatmensch aussieht, trägt erheblich zur Verwirrung des Zuschauers während der ersten 45 Minuten und damit auch zum Gelingen des Films bei. Kein Muss, aber eine durchweg runde Sache (mit Kanten).