Mit ‘Melissa Leo’ getaggte Beiträge

„There are two kinds of pain in this world. The pain that hurts, the pain that alters. Today, you get to choose.“ Mit diesen Worten konfrontiert der ehemalige CIA-Spezialist Robert McCall einen türkischen Gangster, der seiner amerikanischen Ehefrau das Kind entrissen und es in die Türkei verschleppt hat. Wenige Sekunden zuvor hat McCall die Lakaien des Ganoven mit der ihm eigenen eiskalten Präzision unschädlich gemacht, das überlegene, arrogante Grinsen des Schurken in eine eingefrorene Maske der Angst verwandelt. Kaum ist das letzte Wort verklungen, umfängt die Dunkelheit eines Tunnels den Zug, in dem sich die Konfrontation abspielt, und der markerschütternde Schrei, den auch dessen Rattern nicht übertönen kann, legt den Schluss nahe, dass da jemand die falsche Wahl getroffen hat. Es ist der Anfang von THE EQUALIZER 2.

Vor rund fünf Jahren erzielte Antoine Fuqua mit seinem auf einer alten Fernsehserie basierenden Actionthriller einen doch eher unerwarteten Erfolg. Sein furztrockener Film erinnerte in seiner brachialen Kompromisslosigkeit nicht wenig an die No-Nonsense-Actioner, mit denen Kampfwurst Steven Seagal Ende der Achtzigerjahre seinen Ruhm begründete. THE EQUALIZER war – allem visuellen Style zum Trotz – grimmig und brutal und demnach nicht unbedingt der Stoff, der die Massen in Zeiten bunten Comic-Entertainments und unschuldiger Zerstreuung ins Kino lockt – schon gar kein zweites Mal. Und so cool und abgezockt sein Star Denzel Washington in der Rolle des Profis auch agierte, so gern man diese Figur noch einmal auf ihren Rachefeldzügen begleiten wollte, so fraglich schien es doch, ob man ihr bei einem Wiedersehen wirklich noch etwas Neues abgewinnen können würde. Weil sich die Hollywood-Player ihr Geschäft aber bekanntermaßen noch nie von Erwägungen der Sinnhaftigkeit kaputtmachen ließen, dauerte es nicht allzu lang, bis die Fortsetzung angekündigt wurde. Und so gut diese auch gelungen ist, sie bekräftigt eigentlich alle Vorbehalte, die man gegen sie ins Feld führen konnte.

THE EQUALIZER 2 bietet dem wortkargen, schmucklosen Titel gemäß more of the same, was bei einem Sequel zwangsläufig auch bedeutet, dass der initiale Kick verflogen ist. Denzel studiert als vermeintlicher Durchschnittsbürger McCall wieder ganz genau seine Umwelt, nimmt kleinste Störungen zur Kenntnis und schreitet dann zur Handlung. Vor seinen humorlosen Aufräumaktionen betätigt er die Stoppuhr, gibt den von ihm bestraften Übeltätern die Mahnung auf den Weg, sich künftig nichts mehr zu Schulden kommen zu lassen und hilft den Bedürftigen aus der Patsche – meist ohne ihnen gegenüber als Helfer in Erscheinung zu treten. Zu Hause führt er ein bescheidenes Dasein, er liest Bücher, die er danach bündig zur Tischkante ablegt, faltet seine Taschentücher ordentlich und gedenkt in stiller Trauer seiner verstorbenen Ehefrau. Er ist wertkonservativ und von der Überzeugung erfüllt, dass man sich aktiv für eine bessere Welt einsetzen und seine Chance ergreifen muss, auch wenn sie noch so klein ist, weil man sonst auch das Recht verwirkt, sich zu beklagen. Diese charakterliche Disposition – mit allen Wassern gewaschener Ex-Profikiller auf der einen,  oberlehrerhafter Disziplin-Fanatiker auf der anderen – spaltet das Sequel erzählerisch in zwei Hälften, die das Drehbuch nicht recht befriedigend zusammenzubringen weiß. Der Killer McCall muss den gewaltsamen Tod seiner einstigen Mentorin Susan (Melissa Leo) aufklären und schließlich ihre Mörder zur Strecke bringen, der brave Bürger McCall den sein Talent, seine Zukunft und sein Leben mit Drogendealerei aufs Spiel setzenden afroamerikanischen Nachbarsjungen Miles (Ashton Sanders) zur Vernunft bekehren. Das führt dazu, dass der interessantere der beiden Handlungsstränge Spielzeit zugunsten einer strengen Moritat über die Diszipinlosigkeit der Jugend von heute einbüßt, die „Eigenverantwortung“ predigenden Neoliberalisten wohlige Wärme ins kalte Herz zaubern dürfte. Dass THE EQUALIZER 2 in diesen Momenten nicht völlig versumpft, liegt an Washington, der die rigide Lebensphilosophie seines McCall tatsächlich attraktiv erscheinen lässt.

Trotzdem: Lieber als bei der Gardinenpredigt sehe ich ihm beim Töten zu und dafür bekommt er zu wenig Gelegenheit. Dabei lässt sich der Handlungsstrang um den Mord an der guten Freundin mehr als interessant an, bevor er dann plötzlich mit größter Eile abgewickelt wird. Die Aufdeckung der Identität des Mörders stellt keinerlei Überraschung dar, noch nicht einmal für McCall, der den Mordfall mehr oder weniger im Vorbeigehen aufklärt. Der Showdown in einem von einem Sturm heimgesuchten ausgestorbenen Küstenkaff ist dann aber wieder ganz großes Kino, bei dem man dem Protagonisten lediglich eine etwas größere Gegnerschar zum Hinrichten gewünscht hätte. Es geht alles zu schnell vorbei und wenn der Schurke im Endfight unterliegt, lässt sich das nur mit einem vorzeitigen Samenerguss vergleichen: Man kann schon Freude mit dem Film haben, aber echte Befriedigung stellt sich nicht ein, Am Ende überwiegt auch das Gefühl, dass die Macher selbst am wenigsten überzeugt davon waren, dass sie dem Vorgänger noch etwas Entscheidendes hinzuzufügen haben und sich deshalb verzettelten. Ich wäre mit einem tighten 80-Minüter, in dem McCall kurzen Prozess mit einer Bande mieser Punks macht, mehr als zufrieden gewesen. Aber irgendwie ehrt es Fuqua und Co. ja auch, dass sie es sich nicht so einfach machen wollten. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Die Teenagerin Cookie (Melissa Leo) flieht gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Tim (Randall Batinkoff) aus dem dysfunktionalen Elternhaus nach New York. Dort erregt sie schon am Busbahnhof die Aufmerksamkeit des Zuhälters Duke (Dale Midkiff), der sie unter seine Fittiche nimmt. Als Cookies Mitbewohnerin Heather, ebenfalls eines der Mädchen von Duke, von ihm brutal zusammengeschlagen wird, bietet sie ihre Dienste dem Zuhälter Jason (Leon) an. Dessen Männer versagen bei dem Versuch, Duke umzubringen, sodass dieser sich rasend vor Wut auf die Suche nach der Verräterin macht …

STREETWALKIN‘ beackert ein ähnliches Terrain wie Gary Shermans meisterlicher VICE SQUAD: Beide siedeln ihre Geschichten auf den Straßen einer Metropole an (VICE SQUAD spielt in L. A., STREETWALKIN‘ in Manhattan), in beiden muss sich eine Prostituierte eines psychotischen Zuhälters erwehren und wird die Handlung auf den Zeitraum einer einzigen Nacht verdichtet. Was die Filme voneinander unterscheidet, ist ihre Perspektive: Während Sherman mit dem Polizisten Tom Walsh einen männlichen Protagonisten einführt, der die Aufgabe hat, die Prostituierte Princess gegen den Zuhälter Ramrod zu beschützen, steht in STREETWALKIN‘ die junge Prostituierte Cookie im Mittelpunkt. Sie und ihre Freundinnen sind am Ende allein gegen Duke gestellt, es gibt niemanden, der ihnen zur Hilfe eilt. Das beeinflusst auch den Ton des Films: STREETWALKIN‘ ist von Mitgefühl geprägt, nimmt seine Geschichte eher zum Anlass, die Schicksale seiner weiblichen Figuren zu zeigen und die Machtverhältnisse, in die sie eingebunden sind, offenzulegen, als aus der Konfrontation von Psychopath und Nutte einen harten Großstadtreißer zu stricken. Auch wenn STREETWALKIN‘ immer noch exploitativ ist, so spürt man doch, dass hier eine Regisseurin am Werk war, der es nicht in erster Linie darum ging, ein männliches Publikum zu beliefern. Wenn man wollte, könnte man daraus auch einen Vorwurf konstruieren: Auch wenn Freeman nicht gerade paradiesische Zustände zeichnet, so scheinen die meisten von Cookies Kolleginnen doch ganz gut mit ihrem Job zurechtzukommen. Eklige Kunden gibt es nicht und wenn doch, dann werden sie kurzerhand weggeschickt, die „Versorgung“ eines masochistisch veranlagten Freiers wird als Comic Relief inszeniert, während Cookies sonstige Kunden entweder verschüchterte Jungfrauen oder gar gutmütige Geschäftsmänner sind, die sie ganz Traumprinz-mäßig erretten wollen. Die Prostituierten sind untereinander die besten Freundinnen und Duke scheint lediglich ein besonders schwarzes Schaf zu sein. Man darf wie gesagt Zweifel daran haben, ob das alles so authentisch ist, aber hinter dieser vielleicht etwas zu positiven Darstellung scheint mir weniger das Motiv zu stehen, eine Männerfantasie zu bedienen oder das Geschäft zu romantisieren, als vielmehr die Weigerung, sich in einem Unterhaltungsfilm in der Darstellung von Leid zu suhlen, die vielleicht realistischer, aber in diesem Rahmen ja kaum weniger fragwürdig wäre.

STREETWALKIN‘ ist also durchaus empfehlenswerter Hochglanz-Sleaze mit einem gegen Ende beachtlich auf die Tube drückenden Dale Midkiff, der wirklich verachtenswert prollig ist. Interessant ist der Film natürlich auch als Vertreter des Mitte der Achtziger- bis in die frühen Neunzigerjahre recht populären Teenies-auf-dem-Strich-Subgenres, zu dem auch der bekanntere ANGEL (die Trilogie wird im November auf DVD wiederveröffentlicht, nachdem sie lange OOP war) sowie die demnächst als Double Feature in der Roger-Corman-Reihe von Shout erscheinenden STREETS und ANGEL IN RED zu zählen sind, aber auch als Frühwerk von Melissa Leo, die dieses Jahr immerhin den Oscar als beste Nebendarstellerin einheimsen konnte.