Mit ‘Mia Wasikowska’ getaggte Beiträge

crimson-peak-mondo-poster-3„Ghosts are a metaphor for the past“, verteidigt die ambitionierte Schriftstellerin Edith Cushing (Mia Wasikowska) ihr Manuskript gegenüber dem skeptischen Verleger, der angesichts der Tatsache, dass die junge Frau ihm eine „ghost story“ andienen möchte, herablassend mit den Augen rollt. Sie solle es doch lieber mal mit einem Liebesroman versuchen, rät er ihr, aber immerhin sei ihre Handschrift sehr schön. Das nächste Manuskript werde sie mit der Maschine schreiben, erklärt die enttäuschte, aber nicht entmutigte Edith danach ihrem Vater (Jim Beaver), überzeugt, dass es ihre weibliche Handschrift war, die den Verleger von der Qualität ihres Romans abgelenkt hat.

Guillermo del Toro hat nicht, wie seine Heldin, das Problem, qua Geschlecht bestimmten Erwartungen ausgesetzt zu sein und trotzdem beherzigt er den Rat des Verlegers. Allerdings nicht, um seine wahren Interessen zu verschleiern, sondern weil beide Elemente, Geister/Erinnerung und Liebe, für ihn sowieso zusammengehören. Das Tolle an CRIMSON PEAK ist, dass del Toro gar keinen Hehl daraus macht, im Grunde genommen hoffnungslos romantisch und altmodisch zu sein. Nachdem es ihm trotz teilweise beachtlicher Leistungen und enormer Credibility unter Nerds und Genrefilm-Freunden nicht ganz gelungen ist, sich in Hollywood durchzusetzen – seit Jahren bemüht er sich, den dritten HELLBOY-Film an den Start zu bringen, vom HOBBIT-Mammutprojekt sprang er in letzter Sekunde ab und PACIFIC RIM war gewissermaßen der vorzeitige Samenerguss unter den Flops -, stellt CRIMSON PEAK eine stilistische und emotionale Rückkehr zu seinen beiden wahrscheinlich besten Filmen dar: EL ESPINAZO DEL DIABLO und EL LABERINTO DEL FAUNO, beides in erster Linie von ihrem Dekor, ihrer Stimmung und Einfühlsamkeit getragenen Filmen, für die der Begriff „Horror“ zu schrill, der Begriff „Grusel“ zu heimelig klingt.

In CRIMSON PEAK geht es um eine verhängnisvolle, tragische Liebe, eine Liebe, die alles, das sich ihr entgegenstellt, nicht nur missachtet, sondern auch umbringt und so zum eisigen Gefängnis für die Liebenden wird. Das Haus, in dem die beiden wohnen, versinkt langsam im roten Lehm, der – wie das Blut ihrer Opfer – langsam überall um sie herum aus dem Boden sprudelt, aus den Wänden und den Rohren sickert. Das erinnert natürlich an Poes „The Fall of the House of Usher“, in dem der marode Zustand eines einst stolzen Herrenhauses ein deutliches Zeichen für den moralischen Verfall und die Dekadenz seiner Bewohner ist. Auch wenn die beiden Antagonisten von CRIMSON PEAK große Schuld auf sich geladen und scheußliche Verbrechen begangen haben: Man trauert am Ende doch mit ihnen, weil sie schon in ihrer Kindheit auf einen verhängnisvollen Weg geführt wurden und nie wirklich die Chance hatten, ein normales Leben zu führen. Die schaurigen Gespenster, die als slicke, blutrote CGI-Kreaturen durch die dunklen Gänge der verwunschenen Ruine spuken, sind dagegen eher Beiwerk. Der wahre Star des Films ist eben dieses Haus, dessen spitze Türme sich wie Skelettfinger sehnsüchtig dem bleichen Himmel entgegenrecken, dessen löchriges Dach Wind und Wetter keinen Einhalt mehr gebietet, dessen verliesartiger Keller mit dem blutrot und zäh wie Lava durch den Boden dringenden Lehm wie der Eingang zur Hölle aussieht. Die Menschen bleiben – und das ist keinesfalls wertend gemeint – blass: Sowohl Mia Wasikowska als auch Tom Hiddleston und Jessica Chastain tragen eine blutarme Leichenblässe zur Schau, die einerseits mit dem zum Finale einsetzenden Schneegestöber korrespondiert, andererseits einen schönen Kontrast zum Scharlachrot bildet, das logischerweise eine wichtige Rolle im Film spielt. Wenn man del Toro vorwürfe, CRIMSON PEAK sei nicht gerade die Neuerfindung des Rades oder, noch etwas weniger nett gesagt, „konservativ“, es gäbe wenig, was sich wirklich dagegen vorbringen ließe. Ich hingegen bin sehr froh, dass sich noch jemand traut, solche Stoffe ohne Anbiederungen an zeitgenössische Trends, ohne geilen Twist, ohne Cliffhanger für ein mögliches Sequel, dafür aber mit jeder Menge spürbaren Herzbluts, viel sichtbarer Liebe zum gestalterischen Detail und größter erzählerischer Eleganz auf die große Leinwand zu bringen. Ich nehme gern mehr davon!

Den Karriereweg, den Cronenberg beschreitet, finde ich immer faszinierender, je mehr Filme er dreht. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist es ihm bislang stets gelungen, auch dann unverkennbar Cronenberg zu bleiben, wenn er etwas ganz Neues versuchte. MAPS TO THE STARS ist auch so etwas Neues, selbst wenn man eingesteht, dass der Kanadier die Zeiten, in denen man ihn mit einiger Berechtigung als „Genreregisseur“ bezeichnen konnte, längst hinter sich gelassen hat. Es gibt eigentlich keinen Film mehr, den ich ihm überhaupt nicht zutrauen würde und wäre gespannt, wie zum Beispiel eine reinrassige Komödie von ihm aussähe. Komische Untertöne hat auch MAPS TO THE STARS (wie auch COSMOPOLIS zuvor), doch das Lachen bleibt einem dann doch mehr als einmal im Halse stecken. Cronenbergs neuester Film wird in Rezensionen gern als seine „Abrechnung“ mit Hollywood, Starsystem und Filmindustrie bezeichnet, und das ist er in gewisser Hinsicht auch, aber hinter der Geschichte um Inzucht, Mord, Wahnsinn, Missbrauch und Kindsverbannung in zwei Schauspielerfamilien verbirgt sich auch ein Mystery- bzw. Geisterfilm, eine esoterische Wiedergeburtsspekulation und eben eine schwarze Komödie. MAPS TO THE STARS bleibt dabei seltsamerweise ultrahomogen und zwingend, ist von jener kristallinen, fast analytischen Klarheit geprägt, die Cronenbergs Filme auch dann noch auszeichnet, wenn sie auf der Inhaltsebene völlig bizarr werden. Und immer schwingt da dieser perverse Unterton mit, den man von Cronenberg kennt, von dem man als Zuschauer aber nie so genau weiß, wo er eigentlich herkommt.

MAPS TO THE STARS verwebt die tragische Geschichte zweier Hollywood-Familien: Die Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore), die Tochter einer großen, bei einem rätselhaften Hausbrand ums Leben gekommenen Hollywood-Legende, kämpft mit dem Alter und dem damit einhergehenden Desinteresse der Studios, hofft inständig darauf, ausgerechnet in einem Biopic über ihre Mutter die Hauptrolle übernehmen zu dürfen – ein Akt, der umso verzweifelter und selbstzerstörerischer wirkt, als ihre Mutter sie als Kind zu missbrauchen pflegte. Für die Familie Weiss scheint indessen fast alles in Butter: Sohn Benjie (Evan Bird) ist schon mit 13 ein Superstar, hat zwar eben seine erste Entziehungskur hinter sich gebracht, befindet sich mit dem Sequel zu seinem Erfolgsfilm aber auf dem Weg zurück ins Geschäft, und Papa Stafford (John Cusack) verdient sich eine goldene Nase als Therapeut, Selbsthilfe-Guru und Buchautor. Doch da ist immer noch der Schatten aus der Vergangenheit, der mit schwarz behandschuhten Fingern in die Gegenwart eingreift: Nach sieben Jahre in einer Heilanstalt kehrt Tochter Agatha (Mia Wasikowska) zurück, die von den Eltern verstoßen wurde, als sie mit einer Brandstiftung Benjies Leben in Gefahr brachte und sich selbst schwerste Verbrennungen zuzog. Nun ist sie in Hollywood, um eine eigene Karriere zu beginnen und sich mit ihrer Familie zu versöhnen. Sie heuert bei Havana als persönliche Assistentin an und stößt eine Kette von zerstörerischen Ereignissen an …

Cronenberg greift für seinen Metafilm auf gängige, in über 100 Jahren Hollywood-Gossip etablierte Klischees der Dekadenz zurück: Seine Charaktere sind oberflächlich, vulgär, materialistisch und seelisch vollkommen zerrüttet, dazu medikamenten- und drogenabhängig, narzisstisch bis ins Mark und von Grund auf falsch und verlogen. Havana, über das mögliche Ende ihrer Karriere verzweifelt und am Boden zerstört, empfängt Agatha mit offenen Armen, nur um sie wüst von oben herab zu beschimpfen, als sich das Blatt zu ihren Gunsten gewendet hat. Dieser plötzliche Wandel ist auch mit dem härtesten Schlag Cronenbergs in die Magengrube seiner Zuschauer verbunden: Havana erhält ihre Traumrolle, weil der kleine Sohn der eigentlich besetzten Konkurrentin bei einem Badeunfall ertrunken ist. Diesen Tod – der für Havana eine Wiedergeburt bedeutet (Spiegelung, Kontrastierung und Wiederholung sind die bestimmenden erzählerischen Mittel in Cronenbergs Film) – feiert die Schauspielerin mit einem Freudentanz auf ihrer Veranda und einer Spontan-Darbietung des alten Steam-Gassenhauers „Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye“. Staffords Menschlichkeit heuchelndes New-Age-Geschwafel über Buddhismus und den Dalai Lama verbirgt die absolute Kälte und Grausamkeit, mit der er seiner Tochter gegenübertritt und ihr nicht nur jede Liebe sondern auch jede Chance auf eine Aussprache versagt. Sohn Benjie hat sich schon mit 13 einen absolut widerlichen Zynismus angeeignet, und der brave Jerome Fontana (Robert Pattinson), der sich sein Geld als Chauffeuer verdient, wird mir nichts dir nichts zum Autorücksitz-Starfucker, kaum dass er eine Chance sieht, seine brachliegende Autoren- und Schauspielerkarriere voranzutreiben.

Der Titel bezieht sich vordergründig natürlich auf die in Hollywood erhältlichen Stadtpläne, auf denen die Häuser der Stars verzeichnet sind, und die dazugehörigen Rundfahrten, doch Cronenberg verwendet ihn eher bildlich. „Menschen treten nicht zufällig in unser Leben, sie werden von uns gerufen“, sagt Stafford einmal und diese Auffassung teilt auch der Film. Die Schicksale seiner Protagonisten scheinen vorgezeichnet, in einer endlosen Verkettung von Fehlschlüssen und Affekthandlungen, und Cronenberg zeichnet diesen Weg akribisch nach. Er nähert sich der Esoterik von Stafford mit dieser Schicksalsgläubigkeit anscheinend an, doch in seinem ungeschönten Erzählstil und dem distanzierten Blick, den er auf das Geschehen wirft, lässt der Regisseur ohne Zweifel erkennen, dass er mit quasireligiösen Erklärungsmodeelen herzlich wenig anfangen kann. Bei ihm ist alles psychologisch motiviert, und dass sich die Geschichte für seine Protagonisten wiederholt, ist nicht dem Ästhetikverständnis einer übergeordneten spirituellen Macht geschuldet, sondern schlicht der Tatsache, dass auch psychische Krankheiten vererbbar sind. Und so ist auch MAPS TO THE STARS eine mehr als würdige Fortsetzung einer Filmtradition, die solche Werke wie SUNSET BOULEVARD, WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE?, THE LEGEND OF LYLAH CLARE, MOMMIE DEAREST, THE PLAYER, MULHOLLAND DRIVE oder INLAND EMPIRE hervorgebracht hat.