Mit ‘Michael B. Jordan’ getaggte Beiträge

Wenn man sich seine Filmografie seit seinem Comeback mit ROCKY BALBOA im Jahr 2006 anschaut, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Stallone sich seit nun fast 15 Jahren auf einer Art Abschiedstournee bzw. Ehrenrunde befindet. Der nominelle Abschluss der Boxersaga, die ihn zum Star und zur Ikone machte, ließ den 16 Jahre zuvor produzierten Fehlschlag namens ROCKY V vergessen und versöhnte die Fans mit dem einstigen Champ, der so sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden war. JOHN RAMBO versetzte im Anschluss allen, die nach dem melodramatischen Boxerfilm vielleicht vermutet hatten, Stallone könne weich geworden sein, mit dem vielleicht brutalsten Actioner aller Zeiten einen heftigen Nierenschlag. Mit THE EXPENDABLES und seinen Sequels beschenkte Stallone dann die Freunde des Actionkinos, die ihm über all die Jahre die Treue gehalten hatten, mit einem amtlichen Best-of-Paket, für das sich seine einstigen Weggefährten die Klinke in die Hand gaben. Und CREED zeugte dann zwar von der Einsicht, dass Rockys Geschichte vielleicht auserzählt war, dass seine Vergangenheit aber immer noch Stoff für neue Filme bot, in diesem Fall ein Spin-off um den Sohn seines einst größten Rivalen. Diese Liste liest sich tatsächlich nicht gerade, als könne Stallone das Feuer der lodernden Kreativität kaum besänftigen: Er begnügt sich seit einiger Zeit eher damit, sein Erbe zu verwalten. Aber er tut dies ohne Zweifel mit Herz und  Liebe für seine Schöpfung, die ja zudem wirklich beachtlich ist: Mit Rambo und Rocky hatte Stallone gleich zwei Figuren geschaffen, die zu Archetypen wurden – und dabei untrennbar mit ihm verbunden sind.

CREED 2 ist innerhalb des oben skizzierten letzten Abschnitts von Stallones Schaffen so etwas wie der Nachklapp zum Nachklapp. CREED war vor drei Jahren noch einmal ein unerwartetes Highlight gewesen, ein Film, der vielleicht nicht in der Liga von ROCKY spielte, wahrscheinlich auch nicht in der des Alterswerks ROCKY BALBOA, aber dennoch eine würdige Fortsetzung – auch wenn sich diese ja den Anschein eines Neustarts gab. Michael B. Jordan ist als Adonis, Sohn von Apollo Creed, zwar einnehmend genug, um auch ein Sequel zu tragen, aber so ganz verbergen kann dieses nicht, dass es im Wesentlichen von Nostalgie getrieben wird. Nachdem also zuvor die alte Rivalität zwischen Stallone und Creed aufgegriffen und abgeschlossen worden war, wird nun die russische Kampfmaschine Ivan Drago (Dolph Lundgren) aus ROCKY IV aus der Versenkung geholt, der damals Adonis‘ Vater im Ring umgebracht hatte. Dolph Lundgren in einem großen Hollywood-Film zu sehen, ist für mich immer Grund zur Freude, ebenso wie ich von Ausflügen in Rockys Vergangenheit nicht genug bekommen kann – ich liebe diese Geschichten einfach -, trotzdem kann CREED 2 den Eindruck, man habe hier einfach ein erfolgreiches Schema genommen und lediglich die Variablen neu gefüllt, nicht zerstreuen.

CREED 2 bedient sich dramaturgisch bei ROCKY III – Adonis muss wie einst Rocky das Kämpferherz wiederfinden – und logischerweise bei ROCKY IV – auf dem Weg zur Wiedergeburt muss die alte Haut abgeworfen werden, das Training findet nicht im mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Fitnesstempel statt, sondern in der Wüste. Als Parallele zur Krebstherapie, die Rocky im Vorgänger bewältigen musste, wird Adonis Vater einer Tochter, die den Hörfehler der Mutter (Tessa Thompson) geerbt hat: Ein weiterer Rückschlag, der dazu beiträgt, dass sich Adonis als vom Schicksal Gebeutelter begreift, anstatt die Initiative zu ergreifen. Wenn man gleich zu Anfang den gealterten Ivan Drago durch die graue Tristesse Kievs joggen sieht, die Abrissbude, die er bewohnt, mit dem Luxus von Creeds Wohnung vergleicht, eröffnen sich zahlreiche interessante erzählerische Möglichkeiten, die der Film leider liegen lässt. So schön es ist, diesen Drago wiederzusehen: Die Autoren haben sich nicht viel Mühe damit gemacht, ihn zum vollwertigen, differenzierten Charakter zu machen. Seit 30 Jahren hegt er einen Groll gegen Rocky, plant er, einem Superschurken gleich, seine Rache. Das ist schade, weil ich ihm einen besseren Werdegang, ein gutes Leben gewünscht hätte: Den eindimensional Bösen musste er schließlich damals schon geben. Dass Drago es in all dieser Zeit nicht geschafft hat, seinen Frieden zu machen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, macht ihn nicht nur uninteressanter, als er es verdient hat, es lässt auch seine finale Wandlung unglaubwürdig erscheinen. Brigitte Nielsen, die in ROCKY IV Dragos Frau verkörperte, tritt ebenfalls wieder auf, aber auch sie hat kaum eine andere Funktion, als den Fanservice. (THE EXPENDABLES 2 hatte schon dasselbe Problem.) Mir hat CREED 2 trotz dieser Mängel immer noch gut gefallen: Stallone ist toll, Jordan ebenfalls, der Besuch am Grab von Adrian hat mich wieder zu Tränen gerührt, genau wie Rockys Versöhnung mit seinem Sohn (Milo Ventimiglia) am Ende. Und die Boxkämpfe sind wie immer eine Schau, eh klar. Aber beim nächsten Mal darf sich Stallone ruhig wieder etwas mehr trauen. Das würde ihm ganz bestimmt auch Rocky empfehlen. Das Auge des Tigers, Mann!

creed_poster_by_sahinduezguen-d99fk7gROCKY BALBOA ist jetzt auch schon wieder zehn Jahre alt. 16 Jahre nach ROCKY V, dem Tiefpunkt von Stallones Boxersaga, kehrte der Star zu der Figur zurück, die ihn zur Hollywood-Marke gemacht hatte. Was ein peinlich-schmerzhafter Versuch hätte werden können, im Alter noch einmal an die großen Erfolge anzuknüpfen, geriet zum Triumph: Mit seinem Film begründete Stallone eine Art Renaissance der vergessenen Actionhelden, die in den folgenden Jahren und Filmen nicht mehr nur gegen die üblichen Schurken, sondern auch gegen das eigene Alter, den langsam verfallenden Körper, enttäuschte Erwartungen, schwindende Hoffnungen und geplatzte Träume antreten mussten.

Mit CREED ist ihm nun das Wunder gelungen, an einen Film anzuknüpfen, der eigentlich schon ein perfektes Schlusswort war. Und das mit einer Idee, die sich zunächst nach einer der gängigen Reboot-/Spin-off-Strategien anhört, mit denen Hollywood derzeit systematisch alle Zuschauer verprellt, die dem Teenageralter intellektuell entwachsen sind. Rocky Balboa, der alte Terrier des Boxrings, tritt endgültig ins hintere Glied zurück, macht einem jüngeren Platz, in dessen Streben nach dem Erfolg und der Bestätigung, die die eigene Identität sichern sollen, er sich selbst wiedererkennt, gibt diesem sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Aber es handelt sich bei diesem Jüngeren nicht um irgendeinen Boxer: Es ist Adonis Johnson (Michael B. Jordan), Sohn von Rockys einstiger Nemesis Apollo Creed, mit dem er sich inner- und außerhalb des Rings epische Schlachten lieferte (ROCKY & ROCKY 2), nach dessen Karriereende sogar von ihm trainiert wurde (ROCKY 3) und dessen Tod er in einem vermeintlich harmlosen Showkampf erleben musste (ROCKY IV).

CREED liefert ein Update für die alte Rags-to-Riches-Geschichte, die Stallone in seinem Durchbruchsfilm erzählte. Adonis ist nämlich nicht der mittellose Immigrantensohn, dessen einzige Chance, nach oben zu kommen, der Boxsport ist. Das Vermögen, das der ihm unbekannte Papa hinterlassen hat, sollte ihm ein sorgenfreies Leben ermöglichen, in seinem Bänkerjob ist er eben erst befördert worden, existenzielle Sorgen hat er nicht. Aber weder ist dieser Reichtum der seine, noch erfüllt ihn das Leben in der Seifenblase. Ihm geht es darum, die eigene Identität zu finden, seinen eigenen Weg zu gehen, sich den berühmten Namen des Vaters zu verdienen, anstatt ihn als Türöffner in eine geborgtes Leben zu benutzen. Adonis‘ Generation hat nicht mehr mit der Armut zu kämpfen, sondern damit, dass es keine Gelegenheiten mehr gibt, sich als Persönlichkeit zu beweisen. Dem alternden Rocky imponiert sein Ehrgeiz, es auf seine Weise zu schaffen: Und natürlich besteht da eine Art familiärer Verbindung. Rocky, der seine große Karriere als abgeschlossenes Kapitel betrachtet, als angestaubte Historie gewissermaßen, bekommt eine Gelegenheit, diese eigene Geschichte in der Gegenwart weiterzuschreiben, Kontinuität zu schaffen, wo bislang eine Zäsur klaffte. So fügt sich auch der vielleicht wie ein melodramatisches Klischee anmutende Handlungsstrang um Rockys Krebserkrankung in den Film ein: Die Freund- und Mentorenschaft zu Adonis gibt dem alten Mann, der eigentlich keinen Grund mehr zu Leben sieht, die Motivation, weiterzukämpfen. Ohne Boxhandschuhe und gegen einen Gegner, dessen Gewicht sich nicht in Pfund beziffern lässt.

Ich bin, was Stallone und Rocky angeht, überhaupt nicht zur Objektivität in der Lage: Auch gestern saß ich pünktlich zum Finale, Adonis‘ großem Titelfight, wieder einmal on the edge of my seat, wich den auf dem Bildschirm geworfenen Geraden aus, verzog bei jedem Treffer das Gesicht. Vorher schon hatten mir Rockys Schicksal die Tränen in die Augen getrieben und die Referenzen an nicht weniger als 40 Jahre Filmgeschichte nostalgische Gefühle beschert. Aber Ryan Coogler macht das alles wirklich sehr subtil: Seine Ausflüge in die Vergangenheit und die Zitate machen im Rahmen seiner Geschichte Sinn und wirken niemals anbiedernd. Bei Adonis‘ Dauerlauf durch die heruntergekommeneren Ecken von Philadelphia folgen ihm die Fans nicht mehr zu Fuß, sondern auf aufgemotzten Sportbikes, Zeichen des wirtschaftlichen Wandels und eines grassierenden Materialismus. Der berühmte Treppensprint zum Ende ist hingegen deutlich leiser, aber der Triumph, der da errungen wird, wiegt wahrscheinlich schwerer als jeder Championship-Gürtel in den vorangegangenen Teilen. CREED ist ein wunderschöner Film, der dem Spirit des Siebzigerjahre-Klassikers verdammt nahe kommt. Ich würde an dieser Stelle eigentlich sagen wollen, dass CREED ein würdiger Abschluss ist, aber das dachte ich nach ROCKY BALBOA ja auch schon. In einem hingegen bin ich mir jetzt sehr, sehr sicher: Die Rocky-Reihe ist die großartigste Filmreihe der Geschichte. Und Stallone ein Heiligtum.

 

 

Der soziale Outcast Andrew Detmer (Dane DeHaan), Sohn einer todkranken Mutter und eines arbeitslosen, alkoholabhängigen und prügelnden Vaters, steigt gemeinsam mit seinem Cousin Matt (Alex Russell) und dem Schulliebling Steve (Michael B. Jordan) und bewaffnet mit einer Kamera in ein geheimnisvolles Loch im Wald. Nachdem die drei daraus ohne Erinnerung daran, was passiert ist, wieder daraus hervorklettern, bemerken sie bald, dass sie telekinetische Kräfte gewonnen haben – und sogar fliegen können. Ihre stetig wachsenden Fähigkeiten verlangen nach einem regulatorischen Rahmen, damit kein Unglück passiert. Doch Andrew, dem die plötzlich gewonnene Macht zu Kopf steigt und der seiner privaten Situation nicht mehr gewachsen ist, hält sich bald nicht mehr an diese Regeln …

CHRONICLE, das neueste Found-Footage-Wunderwerk nach den Riesenerfolgen CLOVERFIELD und PARANORMAL ACTIVITY, entledigt das sonst für gewöhnlich hochglanzpolierte Superheldenmotiv seines Glanzes und holt es in die Niederungen der Realität. Was würden drei Teneager tun, wenn sie plötzlich Superkräfte besäßen? Das erste Drittel des Films, in dem die unterschiedlichen Jungs ihre Fähigkeiten entdecken und austesten und über ihre ungewöhnlichen Gemeinsamkeiten zu Freunden und Verbündeten werden, ist mitreißend: Die Authentifizierung des fantastischen Stoffs gelingt durch die teilweise spektakuläre Kameraführung (Andrew kontrolliert sie mit seinen Kräften) und die hilft auch dabei, den Rush, den die Jungs durch ihre Fähigkeiten erfahren, auf den Zuschauer übertragen. Die Flugsequenz, als die Protagonisten sich zum ersten Mal über die Wolken begeben, um dort gemeinsam Football zu spielen ist wahrscheinlich das Herzstück des Films und man fragt sich, warum sich die ganzen populären Superhelden überhaupt mit der doch recht lästigen Bekämpfung von Superschurken herumschlagen, anstatt sich ihrer Fähigkeiten zu erfreuen. Natürlich muss irgendwann der Umschwung kommen, müssen der Machtmissbrauch thematisiert und die These, dass mit großen Fähigkeiten auch große Verantwortung einhergeht, bestätigt werden und genau hier gerät der Film dann etwas ins Stolpern. Die Motivation Andrews – kaputtes Elternhaus – kommt geradewegs aus dem Buch der großen Drehbuchklischees und während CHRONICLE sich viel Mühe gibt, ihn nicht als Schuft, sondern als Opfer der Umstände zu zeichnen, muss sein Vater, der immerhin auch eine ganze Reihe schwerer Schicksalsschläge zu verarbeiten hat, als Sündenbock herhalten, dem nur wenig Empathie entgegengebracht wird. Dieser Mangel kann zum einen mit der kurzen Laufzeit von gerade einmal 85 Minuten erklärt werden: Vieles wirkt überhastet, unterentwickelt und provisorisch. Der Umschwung vom Friede, Freude, Eierkuchen hin zum Drama vollzieht sich zu schnell, die Entwicklung der Figuren zu Charakteren wird abrupt abgebrochen und dem Kintopp geopfert. Das tragische Ende hinterlässt so leider keine echte emotionale Wirkung. Auch die narrative Einbettung der Kameraperspektive wirkt etwas leichtfertig. Nicht nur, dass nur wenig Gedanken darauf verwendet wurden, die Motivation hinter Andrews Kameradokumentation zu begründen: Um narrativ nicht ausschließlich an ihn gebunden zu sein, baut das Drehbuch eine weitere Figur mit Kamera ein, bei deren Auftreten man regelmäßig das Krachen im Getriebe vernehmen kann. Dass eine Person immer dann, wenn etwas Interessantes passiert, eine Kamera laufen lässt, ist die conditio sine qua non des Found-Footage-Films, die Prämisse, die man akzeptieren, die Supension of Disbelief, die man leisten muss. Wenn es derer gleich zwei gibt, wird die Glaubwürdigkeit arg überstrapaziert – zumal die besagte Figur den Film inhaltlich kein Stück weiter bringt.

CHRONICLE wird sicherlich den Karriereweg Weg Josh Tranks und der drei Hauptdarsteller ebnen – verdientermaßen: Der Film hat eine tolle Idee, die visuell eindrucksvoll umgesetzt wurde, spektakuläre Effekte und drei ausgezeichnete Hauptdarsteller, die das Optimum aus ihren Reißbrettfiguren herausholen. Aber der Film ist eher ein Versprechen, als dass er selbst schon eine Großtat wäre. Der Reiz der (mittlerweile auch nicht mehr so) neuen Perspektive auf ein bereits etabliertes Motiv verpufft leider, bevor der Film zu Ende ist, nämlich just in dem Moment, als er sich dazu entscheidet, der Schablone zu folgen, anstatt konsequent den eigenen Weg zu gehen.