Mit ‘Michael Berryman’ getaggte Beiträge

CUT AND RUN, so lautet der internationale Verleihtitel dieses Films. Cut and run, schneiden und rennen. Das darf man als Beschreibung des modus operandi der Schurken des Films begreifen, aber auch als Anleitung für den Zuschauer: Greif dir die besten Stellen und vergiss den Rest. Immer wieder gibt es mal eine packende Szene oder Sequenz, aber deren Verbindung über eine schlüssige, durchgehende Dramaturgie ist Deodato einfach nicht gelungen. Nein, CUT AND RUN (wie ich ihn jetzt der Einfachheit halber nenne) ist wirklich kein besonders guter Film und Deodatos Behauptung, er habe einen neuen Ansatz für „sein“ Kannibalenthema gesucht, weil er keine Lust auf ein CANNIBAL HOLOCAUST-Sequel gehabt habe, darf man auch als nachgereichte Entschuldigung verstehen. CUT AND RUN ist wie fast alle italienischen Filme dieser Zeit von dem Bedürfnis geprägt, es dem US-amerikanischen Blockbusterkino gleichzutun: Die Darstellerriege ist gespickt mit internationalen Semistars, die derben Effekte sind etwas publikumsfreundlicher aufbereitet als in Deodatos früheren Schockern, der Horror wird von melodramatischen Aspekten und Actionsequenzen überlagert, der Simonetti-Score drückt mit dampfenden Synthies ausschließlich auf die Tube und die zuvor noch wütende Medien- und Zivilisationskritik bietet hier lediglich ein dünnes Deckmäntelchen, das kaum mehr als ein modebewusstes Accessoire darstellt.

Es ist natürlich Spekulation, inwieweit die Orientierung an Übersee den Niedergang des italienischen Kinos nicht noch beschleunigt hat, anstatt ihn zu verhindern. Es scheint mir aber eine ziemlich unübersehbare Tatsache zu sein, dass die Anlehnung an die Trends und Eigenheiten des US-Kinos sogar noch die positivsten Eigenheiten des Italokinos als Defizite erscheinen lässt bzw. dessen Stärken neutralisiert. CUT AND RUN wäre gern rasantes Actionkino der Marke Hollywood, doch schon beim Fundament versagt Deodato, weil seine Protagonisten einfach unglaubwürdig bleiben. Eine kleine Lokalreporterin (Lisa Blount) will zum Amazonas reisen, um dort Brian Horne (Richard Lynch), einen ehemaligen US-Soldaten zu interviewen, der abtrünnig wurde, dem fehlgeleiteten Sektenführer Jim Jones als rechte Hand diente und später gar seinen eigenen Tod fingierte, wohl um seine Verwicklung in diverse groß angelegte Drogengeschäfte zu kaschieren, die sich in der Gegenwart des Films in einigen handfesten Massakern niederschlägt? Dieser Grad von mit Naivität gepaarter Lebensmüdigkeit ist auch für den gleichgültigsten Zuschauer eine enorm schwer zu schluckende Pille. Selbst der – vor allem im Tötungshandwerk – doch um keinen kreativen Einfall verlegene Horne kann so viel Dummheit kaum fassen, als er der Reporterin schließlich gegenübersteht. Und man meint der Schauspielerin Lisa Blount den Ärger darüber, ein mit einer solch armseligen Motivation ausgestattetes Dummchen spielen zu müssen, förmlich anzusehen.

Fairerweise muss man sagen, dass CUT AND RUN nun auch beileibe keine Katastrophe ist. Technisch ist er sauber gemacht, aber das dürfte einem Regisseur, der einen formal so aufregenden und zukunftsweisenden Film wie CANNIBAL HOLOCAUST vorzuweisen hat, kaum schmeicheln. Dass er in CUT AND RUN deutlich Bezug auf dieses Meisterwerk nimmt – wieder sind Reporter die Protagonisten, wieder wird schockierendes Material in ein Fernsehstudio übertragen, wieder gibt es einen kurzen zivilisationskritischen Vortrag – verleiht dem Film dann zwar das Quäntchen Tiefgang, das ihn über den reinen Timewaster hinaus noch interessant macht, verdeutlicht aber auch schmerzlich, wie groß die Distanz zu diesem genannten Meisterwerk ist. Selbst in seinen schockierendsten Momenten – hier sei die lustige Booby Trap erwähnt, die den armen John Steiner halbiert und die auch in Fulcis drögem Spätwerk DEMONIA von 1990 zum Einsatz kommt – kommt CUT AND RUN nicht über letztlich schnödes Genrekino mit Geisterbahnambitionen hinaus. Es wäre bestimmt mehr drin gewesen, aber 1985 war es für große Ambitionen wohl einfach zu spät.