Mit ‘Michael Chiklis’ getaggte Beiträge

Reed Richards (Ioan Gruffudd) und Sue Storm (Jessica Alba) stecken mitten in ihrer Hochzeit, da droht der Weltuntergang: Als Vorhut des Weltenvernichters Galactus hat dessen unfreiwilliger Helfer, der Silver Surfer, sich die Erde als nächstes Ziel ausgeguckt. Es bleibt den Fantastischen Vier nicht viel Zeit, die Welt zu retten und damit das gelingt, müssen sie sogar mit ihrem Erzfeind Victor von Doom (Julian McMahon) kooperieren. Doch der interessiert sich eigentlich nur für das Surfbrett des Außerirdischen, das die Quelle seiner Macht zu sein scheint …

Ein Bekannter hat mir vorgeworfen, in meiner Kritik zu FANTASTIC FOUR zu freundlich gewesen zu sein: Er hat sicherlich Recht, denn Tim Storys Superheldenfilm repräsentiert all das in Reinkultur, was am großen Hollywood-Eventfilm so hassenswert ist. Film selbst, so scheint es, verkommt hier zum Mittel zu dem einzigen Zweck, möglichst viel Geld zu verdienen. Ein Film, der viel Geld einspielt, ist automatisch ein guter Film. Weil die Filmproduktion aber immer teurer wird, muss das Risiko minimiert werden, Geld zu verlieren. Das spricht gegen originelle Ideen, gegen Anspruch und Intelligenz und für Franchisebildung, Cross Promotion und runtergedummte Plots, die eben möglichst viele Menschen ansprechen sollen. FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER ist nach dem Vorgänger auch nur der nächste logische Schritt. Alles ist ein bisschen größer, der Film ist noch schneller und flacher (u. a. weil man die Charaktere nicht mehr erst einführen muss), der Humor noch platter, die Product Placements noch dreister und mit dem Silver Surfer wird ein möglicher Spin-off-Kandidat vorgestellt und auf Markttauglichkeit getestet. Meine Geduld war dann auch irgendwann erschöpft, nachdem der erste Teil noch von meiner Altersmilde profitiert hatte. Die vier Protagonisten sind unerträglich eindimensionale Dummbeutel, Johnny Storm, die menschliche Fackel, gar ein hedonistischer, eitler Geck, dem man einen aggressiven Herpes ans selbstverliebt grinsende Maul wünscht, aber ganz bestimmt keine Superheldenfähigkeiten. Die Liebesgeschichte zwischen Reed und Sue dient allerhöchstens dazu, Vorurteile gegen traditionelle Beziehungsmodelle zu bestätigen und das Ding – dessen Umsetzung mittels eines altmodischen Rubber Suits ich eigentlich ganz niedlich finde – ist kaum mehr als Quelle unzähliger Zoten. Am ärgerlichsten ist ganz sicher, wie offensiv der Film den Zuschauern seinen Produktcharakter vor die Füße rotzt: Er macht gar keinen Hehl mehr daraus, dass er kaum mehr als eine Werbefläche ist. Als Johnny die neuen, über und über mit Sponsorenlogos versehen Heldenkostüme vorstellt und Reed entsetzt abwinkt, fragt Johnny nur schnippisch: „What have you got against capitalism?“ Dieser „Gag“ ist auf so viele verschiedene Arten und Weisen verkommen, dass mir eigentlich nix mehr dazu einfällt. Wenn Produzenten über ihre mangelnde Integrität, die sie dazu bringt, dem Publikum Geld für längere Werbespots aus der Tasche zu ziehen, nun auch noch offen Witzchen machen können, ihren Zuschauern also auch noch ihre Frechheit unter die Nase reiben, nachdem sie sie betrogen haben, dann ist zweifellos eine Geschmacksgrenze überschritten.

Das ist aber nicht alles, was FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER zum Ärgernis macht: Denn in der Darstellung des Silver Surfers sieht man, wie leichtfertig hier Talent verschleudert wurde. Den melancholischen Surfer, wahrscheinlich eine der poetischsten Comicschöpfungen der langen Superheldengeschichte, vom Comic auf die Leinwand zu bringen, ohne sich dabei völlig zu verheben, dürfte nämlich eine der schwierigeren Aufgaben sein, die man sich in Sachen Comicverfilmung vornehmen kann. Angesichts der Lieb- und Gedankenlosigkeit, mit der man sich der Fantastischen Vier angenommen hat, war das Fiasko eigentlich vorprogrammiert. Doch immer wenn der Silver Surfer seine Bahnen durch den Film zieht, spürt man förmlich, wie sich das Herz in der Brust hebt, wie die bleischwere Seelenlosigkeit auf einmal von Bedeutung, Poesie und Emotion durchbrochen wird. Diese Figur ist so stark, nicht einmal das dümmliche Püppchengesicht von Jessica Alba kann ihren Eindruck schmälern. Anstatt mich – wie so viele Comicnerds – also über die Eierlosigkeit aufzuregen, die bei der Umsetzung des Weltenzerstörers Galactus ohne Frage an den Tag gelegt wurde (aus dem – filmisch sicherlich schwierig originalgetreu umzusetzenden – Alien mit dem Riesenkopf wurde kurzerhand und wenig einfallsreich eine riesige kosmische Gewitterwolke), freue ich mich lieber über den wunderbaren Silver Surfer, der allerdings damit gestraft ist, in einem Film rumzufliegen, der eine Rettung gar nicht verdient hat. Den Eichingerbernd hat Galactus ja schon aufgefressen, von mir aus kann er sich als nächstes diesen Film einverleiben. Wahrscheinlich hat er aber Angst vor den Blähungen und dem Sodbrennen.

PS: Meine erste Begegnung mit dem Silver Surfer hatte ich in meiner Kindheit, als ich im Nachtprogramm Jim McBrides BREATHLESS, ein loses Remake von Godards À BOUT DE SOUFFLE erwischte: Dessen Protagonist, ein kleiner Ganove namens Jesse (Richard Gere), ist ein großer Verehrer des Surfers und liest an mehreren Stellen des Films aus den Comics vor. Keine große Sache, aber man erhält einen guten Eindruck von der Figur und davon, was für einen fantastischen Film man mit ihr drehen könnte. FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER kratzt noch nicht einmal an diesen Möglichkeiten, hat weniger kosmische Atmosphäre als jene Szene mit Jesse im Comicladen. Hier ist ein Youtube-Clip, in dem die Silver-Surfer-Szenen aus BREATHLESS zusammengefasst werden:

Der Wissenschaftler Dr. Reed Richards (Ioan Gruffudd), sein Assistent Ben Grimm (Michael Chiklis), Reeds Ex-Freundin Sue Storm (Jessica Alba) und ihr Bruder Johnny (Chris Evans) begeben sich gemeinsam mit Auftraggeber Victor von Doom (Julian McMahon) – Sues neuem Partner und Chef – ins Weltall, um dort Forschungen vorzunehmen. Nachdem sie dort einem kosmischen Sturm und starker Strahlung ausgesetzt worden sind, ist ihre DNA irreparabel verändert: Reeds Körper ist elastisch wie Gummi, Sue kann sich unsichtbar machen, Johnny verwandelt sich in einen menschlichen Feuerball und Ben hat einen Körper aus Stein. Während sie versuchen, ihren Fähigkeiten auf den Grund zu gehen, sieht von Doom, dessen Haut langsam eine metallene Konsistenz annimmt, eine Chance, seine neuen Talente zur Machtvergrößerung zu nutzen. Dabei sind ihm die „Fantastischen Vier“ natürlich im Weg …

Die Geschichte hat das Urteil über diese Inkarnation der Fantastischen Vier bereits gesprochen: Nachdem weder dieser Film noch die Fortsetzung bei Publikum und Kritik besonderen Eindruck machen konnten, ist bereits ein Reboot in Planung. Der Fairness halber muss man sagen, dass FANTASTIC FOUR nicht die Katastrophe ist, die viele vergrätzte Nerds in ihr sehen wollen, sondern lediglich eine ziemlich seelenlose, wenig einfallsreiche oder gar kreative Verfilmung eines Comics, das ein sensibleres Händchen als das von Regisseur Tim Story gebraucht hätte – und ein deutlich besseres Drehbuch. Dass FANTASTIC FOUR fast ein Kinderfilm geworden ist, istdabei gar nicht das Problem: Die Fantastischen Vier eignen sich ganz sicherlich nicht für ein düsteres Update im Stile von Batman oder eine humorvolle Postmodernisierung. Die Comics stammen aus einer sehr unschuldigen Zeit und die Wissenschaftlerfamilie um Reed Richards hatte daher immer etwas Betuliches; sie waren immer quasi die soapopereske Variante ihrer actionlastigeren Marvel-Kollegen. Doch weil sie eben so fest in den Sechzigerjahren und dem so genannten Silver Age verwurzelt sind, wäre ein nostalgischer Ansatz – wie etwa bei Johnstons CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER – sicherlich die Ideallösung gewesen. Ein in ihrer Zeit angesiedelter Film, ein Superhelden-Period-Piece (wie es Vaughn mit X-MEN: FIRST CLASS versucht hat), das wäre es gewesen.

Dafür hätte es natürlich eines längeren Atems bedurft, einer gewissen Risikofreudigkeit, wahrscheinlich eines höheren Budgets und ein paar Gedanken darüber, was die Fantastischen Vier als Comicserie überhaupt auszeichnet. Zu viel Arbeit für jemanden, der bloß an Rendite interessiert ist. FANTASTIC FOUR ist flüchtig, mit knapp 95 Minuten Laufzeit geradezu kurz und stets bedacht darauf, seinen Zuschauern bloß nicht zu viel abzuverlangen. Die inneren Konflikte der Protagonisten werden in durchsichtigen Onelinern adressiert, die Bezug auf ihre neuen Fähigkeiten nehmen, vom Soundtrack blubbern eindimensionale Popsongs, die 2005 wahrscheinlich der heißeste Scheiß waren, schon sieben Jahre später aber furchtbar dated wirken, jede Szene ist mit Werbung und Product Placements zugepflastert und nichts, aber auch gar nichts bleibt über den Film hinaus hängen. Das kann man schon an der Besetzung festmachen, die sicherlich nicht schlecht ist, aber die Figuren auf optische Reize reduziert – Gruffudd ist etwas blass, Alba ist hübsch, Evans der jugendliche Heißsporn, Chiklis dick und kernig, McMahon eben der Schmierlappen aus NIP/TUCK. Es gibt keine einzige Szene, in der diese Darsteller wirklich etwas zu leisten hätten, keine Differenzierungen, nichts. Es ist zum einen den Effekten zu verdanken, dass das Interesse nicht völlig versiegt, zum anderen dieser stromlinienförmigen Kurzweiligkeit. Man hat einfach nicht viel Zeit, sich zu langweilen. Wenn das der Anspruch ist, dann ist FANTASTIC FOUR schon ganz ok: das filmische Äquivalent zur Fahrstuhlmusik halt. Wem das Comic etwas bedeutet oder wer von Film mehr als bloße Berieselung erwartet, dem dürfte das aber deutlich zu wenig sein.

Ich bin Komplettist. Lücken beunruhigen mich und es hat mich unsagbar gewurmt, dass ich es zu Beginn des Jahres nicht geschafft habe, im Anschluss an meine Sichtung der Polizeiserie THE SHIELD einen Text zu verfassen, wie ich das ursprünglich vorhatte – Vaterwerden hatte eindeutig Priorität. THE SHIELD liegt nun schon eine ganze Weile zurück, aber da ist immer noch dieses Gefühl, dass mein Blog, das ja in erster Linie ein Tagebuch ist, unvollständig ist und ihm ein immens wichtiger Eintrag fehlt. Und weil ich mit LOST gerade das nächste Großprojekt vor der Brust habe und keine Ahnung, wann es den nächsten Filmeintrag geben wird, scheint der Zeitpunkt ideal, die Lücke zu schließen und meinen Text nachzureichen – auch wenn er aufgrund der Verzögerung zwangsläufig selbst „lückenhaft“ werden wird …

THE SHIELD erzählt von den Ereignissen rund um ein neu eröffnetes Polizeirevier in Farmington, einem fiktiven Stadtteil von L.A. Dort bekriegen sich die latein- und afroamerikanischen Gangs, die armenische Mafia schleust ihr Geld zur Wäsche durch den von Armut geprägten Stadtteil und die Polizei hat mehr als alle Hände voll zu tun, des allgegenwärtigen Verbrechens Herr zu werden. Nur das für besonders schwere Fälle gegründete fünfköpfige Strike Team unter der Führung des knallharten Detective Vic Mackey (Michael Chiklis) hat einen Weg gefunden: Wo Not am Mann ist, werden die Gesetze gebeugt, Rechte gebrochen und immer wieder auf eigene Rechnung gearbeitet. Als Mackeys Vorgesetzter, der auf eine politische Karriere spekulierende Latino David Aceveda (Benito Martinez), von den dubiosen Machenschaften Mackeys erfährt, schleust er einen Spitzel in dessen Team ein. Aber der mit allen Wassern gewaschene Mackey hat Wind von Acevedas Coup bekommen und nutzt einen nächtlichen Einsatz, um den Verräter eiskalt umzubringen. Dieses kaltschnäuzige Verbrechen ist der Anfang eines unaufhaltsamen Abstiegs, der alle Beteiligten in einen Strudel aus Verbrechen und Gewalt reißt …   

THE SHIELD fügt sich zunächst einmal in das in zahlreichen Filmen und Serien ausdefinierte Copgenre ein, dessen längst vertrauten Figuren, Motive und Konflikte innerhalb der sieben Staffeln umfassenden Serie jedoch mit einer Komplexität beladen werden, die dazu geeignet ist, THE SHIELD entweder als vorläufigen Endpunkt oder aber als neuen Anfang des Genres zu deklarieren. Wir kennen den THE SHIELD zugrunde liegenden Konflikt aus zahlreichen Copfilmen: der Cop als Staatsdiener, der helfen soll, das Verbrechen zu beseitigen, doch dessen Rechte und Mittel gegenüber denen seiner Gegner beschränkt sind; der sich an Regeln halten muss, die von seinen Widersachern stets gebrochen werden; dessen Abzeichen ihn für seine Kontrahenten geradezu zur Trophäe macht, während er stets auf deren Unversehrtheit bedacht sein muss. Die Cops aus THE SHIELD – das Strike Team Mackeys – zerbrechen jedoch nicht an diesen Widersprüchen, weil sie ihnen ganz offensiv begegnen. Weder resignieren sie, noch stilisieren sie sich zu alttestamentarischen Rächern. Sie nutzen ihre Befugnisse und Insiderkenntnisse, um sich einen Ausweg aus dem Job zu ebnen – und um sich abzusichern. Denn sie wissen, dass sie eigentlich auf die andere Seite der Gitterstäbe gehören. Vic Mackey und sein Strike Team halten sich nicht (immer) an die Regeln, aber wer wollte es ihnen angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände, innerhalb derer sie operieren müssen, verdenken? Das Problem des Utilitarismus: Ist es angemessen, die Rechte eines Einzelnen zu beugen, wenn man dafür die Rechte mehrerer schützt? In THE SHIELD wird diese Frage mit einem klaren Jein beantwortet. Das richtige Leben im Falschen …

Dieser Konflikt wird in THE SHIELD jedoch noch zugespitzt, indem die Zero-Tolerance-Politik des Strike Teams nicht von einer humanistisch-philosophischen Perspektive aus problematisiert wird, sondern ihre konkreten, handfesten Folgen ins Visier genommen werden: Mehr als jede(r) andere Cop-Serie/-Film beleuchtet THE SHIELD sowohl die zwischenmenschlichen Konflikte am Arbeitsplatz als auch die gesellschaftspolitischen Implikationen der Polizeiarbeit. Den oben beschriebenen Renegade-Cops des Strike Teams steht nämlich noch ein anderer Typus gegenüber: der By-the-Book-Cop, der regelkonforme Realist innerhalb des Reviers, der seinen Job nicht als messianische Aufgabe, sondern als „Work in Progress“ begreift, zu der Enttäuschungen dazugehören und in die er sich deshalb  nicht zu weit verstricken darf. Die Einsicht in die Unerklärlichkeit menschlichen Treibens hat diesen Cop davor bewahrt, zum Zyniker zu werden, und ihn angespornt, noch besser zu werden, seine Methoden jeden Tag einer Revision zu unterziehen. Auch zwischen diesen beiden Sorten von Cop kommt es in THE SHIELD zum Konflikt, weil ihre jeweilige Vorgehensweise keine gemeinsame Schnittmenge kennt. Die Regelverletzungen des „bad cops“ bringen den „good cop“ regelmäßig um die Früchte seiner Arbeit, während dessen Regeltreue wiederum einen Hemmschuh für den ersteren darstellt. In THE SHIELD wird dieser im Laufe der Serie immer weiter eskalierende Konflikt – der schließlich die Sicherheit der ganzen Gesellschaft gefährdet – durch den genannten wirtschaftspolitischen Aspekt verkompliziert: Das Revier in Farmington steht unter strenger Beobachtung durch das Polizeipräsidium und die Stadtregierung, ist demnach gezwungen, eine entsprechende Bilanz vorzuweisen. „Verhaftungen“ heißt die kostbare Währung der Ordnunghüter. Weil nur eine angemessene Zahl von Verhaftungen die Verantwortlichen von der Notwendigkeit eines Polizeireviers überzeugt, sind die angestellten Polizisten geradezu verdammt dazu, diese auch zu liefern. In Anlehnung an die bekannte Fußballerweisheit könnte man das daraus entstehende Problem wie folgt bezeichnen: „Verbrechen ist, wenn der Polizist eingreift.“  THE SHIELD verabschiedet sich von einer trotz aller in den letzten 30 Jahren Copfilm kultivierten Resignation immer noch mitschwingenden Melancholie, die den Polizisten als tragisches Opfer einer Zeitenwende beschreibt: In THE SHIELD ist er längst nicht mehr nur der beobachtende Wächter, der nur eingreift, wenn es die Situation erfordert, er ist vielmehr unentwirrbar in die Wechselbeziehung von Verbrechen und dessen Bekämpfung eingebunden. Man könnte auch sagen: Aus dem Dienstleistungsbereich ist er in das produzierende Gewerbe gewechselt.

Es ist dieses undurchschaubare Geflecht aus konkurrierenden und sich ergänzenden Interessen, das die Grundlage für die in sieben Staffeln ungebremst entwickelte Sogwirkung der Serie darstellt. Nun ist das Bild von der Spannung als einem Sog, der den Zuschauer ins Geschehen zieht, wohl eines der großen sprachlichen Klischees der Filmrezension. Hinsichtlich THE SHIELD trifft es den Nagel aber auf den Kopf. Von Beginn an stellt sich der Handlungsverlauf der Serie als kontinuierliche Zuspitzung und Pointierung dar, eskalieren Situationen selbst dann noch, wenn man glaubt, dass sie nun in eine Phase der Entspannung eintreten müssten. THE SHIELD ist eine sich unaufhaltsam drehende, dabei immer weiter verengende Spirale, die deshalb irgendwann auch einfach im Nichts enden muss: Seinen Protagonisten gehen mehr und mehr die Handlungsoptionen aus. Wenn Mitproduzent Chiklis THE SHIELD als „moderne amerikanische Tragödie“ bezeichnet, so tut er dies mit einiger Berechtigung: Der Weg seiner Protagonisten führt ins Nichts, in Tod und Unglück, und er ist von Anfang an vorgezeichnet. Es gibt hier keine Schicksalsgläubigkeit: Das Unglück bricht eben nicht unvorhersehbar und willkürlich über den Charakteren hinein, vielmehr führt jeder einzelne ihrer Schritte sie näher an dieses Ende heran. THE SHIELD bricht mit dem Bild des alles durchschauenden Planers: Jedes Ausweichmanöver, das Mackey und sein Strike Team machen, um ihre Schandtaten zu vertuschen, eröffnet auch neues Gefahrenpotenzial, eine weitere Hintertür, an die ihre Jäger plötzlich klopfen können. Es gibt keine Entspannung in THE SHIELD, nur Phasen geringerer und stärkerer Anspannung. Dass dies gelingt, liegt vor allem an dem geschickt zusammengestellten Figureninventar: Wechselnde Rivalitäten und Loyalitäten, Nichtangriffspakte, die aus Vernunft geschlossen werden, nur um sie im richtigen Moment zu verheerendem Resultat brechen zu können, Animositäten und natürlich die unweigerlichen Missverständnisse, die das menschliche Zusammenleben zu einer solch komplizierten Angelegenheit machen, prägen die beruflichen wie auch die privaten Beziehungen, bis sich diese schließlich kaum noch auseinanderhalten lassen. 

Man liest im Zusammenhang mit der Serie immer wieder von ihrem bahnbrechenden Realismus. Das ist einigermaßen schockierend, weil THE SHIELD eine Hölle auf Erden entwirft, mit dem Strike Team eine an alte Westernfilme erinnernde Gang, die brandschatzt, plündert, raubt und mordet, ihnen Vorgesetzte voranstellt, die nur den eigenen Vorteil im Sinn haben – und wenn nicht, bald schon den Kürzeren ziehen -, und den Rest der Welt sauber in Verbrecher und Opfer teilt. Farmington ist kein real existierender Stadtteil, noch nicht einmal ein realistischer fiktiver, sondern eine Ameisenfarm, die die Drehbuchschreiber nach Herzenslust manipulieren können – passenderweise wird das Revier auch „The Farm“ genannt. Auf kleinstem Raum tummeln sich hier alle erdenklichen Arten von Kriminellen: Vom Drogendealer über das Gangmitglied und den Hehler bis hin zum Serienkiller ist jeder Typus vertreten, sodass die Unterstellung des Realismus mehr als fragwürdig erscheint. Neben dem in den Neunzigerjahren durch Serien wie NYPD BLUE  geprägten visuellen Stil, der den Zuschauer durch handgehaltene verwackelte shots mitten in das Geschehen hineinzieht und die auf der Inhaltsebene etablierte Unsicherheit spiegelt, ist für dieses Missverständnis wohl vor allem die Detailtreue und Komplexität verantwortlich, die daher rührt, dass den Machern von THE SHIELD ungleich mehr Erzählzeit zur Verfügung stand als einem Spielfilmregisseur. In THE SHIELD wird Realismus vor allem mithilfe des Faktors Zeit simuliert. Das ist kein Betrug: Es ist schließlich als eine der größten Leistungen jeder Art von Dichtung anzusehen, dass sie Wahrheit durch Stilisierung erreicht. Die Charaktere in THE SHIELD sind unzweifelhaft Typen: Das wird überaus deutlich, wenn Vic Mackey sich einmal selbst als „action hero“ bezeichnet. Er ist die Quintessenz des toughen Cops, den der Dienst auf den Straßen abgehärtet hat, doch werden durch die Implementierung dieses Charakters in einen größeren Rahmen – Mackey hat eine Ehefrau und zwei Kinder, von denen eines sich als autistisch herausstellt, was der beruflichen Anspannung auch eine private entgegensetzt, die wiederum zu einer weiteren Eskalation beiträgt – dessen Grenzen aufgezeigt. Der alles vorausahnenende und -planende „action hero“ wird in THE SHIELD an seine Grenzen geführt und dekonstruiert. Am Ende verliert er alles: Geld, Frau, Freunde. Doch die härteste Strafe für ihn ist, dass man ihn zu einem tristen Schreibtischjob verdonnert. Die Welt ist nicht gemacht für Actionhelden.

(14.04.2010: Der aufmerksame Holger hat mich richtigerweise darauf hingewiesen, dass Vic Mackey drei Kinder hat, von denen zwei autistisch sind und „The Farm“ tatsächlich „The Barn“ heißt. Wikipedia hat mich angelogen.)

(15.04.2010: Letzte Korrektur: Wikipedia hat nicht gelogen, sondern nur die halbe Wahrheit gesagt: „The Barn“ bezeichnet das physische Polizeirevier – also das Gebäude -, „The Farm“ den Polizeibezirk Farmington. Ich hatte also doch Recht.)