Mit ‘Michael Fassbender’ getaggte Beiträge

462-film-page-largeEin Wunder: X-MEN: APOCALYPSE hat mir wider Erwarten ganz gut gefallen. Die bisherigen X-Men-Filme ließen mich bislang ziemlich kalt, an die letzten beiden überambitionierten Schnarchfeste, X-MEN: FIRST CLASS und  X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST, habe ich kaum noch Erinnerungen. Irgendwie hängt Singer mit seinem Franchise seit 15 Jahren in einer Zeitschleife – wie seine Protagonisten in den letzten drei Filmen. Wer sich über die ständigen Reboots von Spider-Man aufregt, übersieht, dass man auch ohne solche Volten hübsch auf der Stelle treten kann. Auch hier gibt es inhaltlich kaum Neues: Wieder einmal geht es es da um den Konflikt zwischen den idealistischen Mutanten um den intellektuellen Professer Xavier (James McAvoy), die an eine friedliche Koexistenz von Mensch und Mutant glauben, und den Abtrünnigen, die genug haben von der Diskriminierung durch die Menschen und zum Vergeltungsschlag ausholen. Anstatt von Magneto (Michael Fassbender) werden sie im aktuellen Sequel aber vom uralten Apocalypse (Oscar Isaac) angeführt, sowas wie dem Urmutant, der die letzten Jahrtausende unter einer eingestürzten Pramide geschlummert hat und nun durch rätselhafte Umstände zu neuem Leben aufersteht. Magneto mischt natürlich auch wieder mit, darf nun aber ins zweite Glied zurücktreten und sich sein Selbstbewusstsein von Apocalypse aufpolieren lassen. Es kommt zur breit ausgewalzten Schlacht, mit großem Effektaufwand inszeniert, wie von Singer gewohnt aber auch immer etwas lahm, ohne echten Drive oder Gespür für Kinetik. Dass er das Geschehen um den superschnellen Quicksilver einfrieren muss, um seine Geschwindigkeit darzustellen, ist ein cleverer Schachzug (den Vaughn zuvor schon in FIRST CLASS erprobt hatte), aber auch ein bisschen bezeichnend für sein Bremspedal-Faible.

Als ich in meinem letzten Eintrag über GODS OF EGYPT von Blockbustern schwadronierte, die sich viel zu ernst nehmen und eine Tiefe vorgaukeln, die gar nicht da ist, da war das natürlich nicht ohne Hintergedanken formuliert. X-MEN: APOCALYPSE gefällt sich wie seine Vorgänger darin, Nerds das Gefühl zu geben, sie seien Philosophiestudenten. Da wird Zeitgeschichte im Vorbeigehen referenziert, brüten die Helden ständig angestrengt vor sich hin, die Stirn von tiefen Falten zerfurcht ob des schweren Loses, das sie mit ihren Superfähigkeiten gezogen haben, dürfen die Mutanten als Repräsentanten jeder geschundenen Minderheit durchgehen. Mag sein, dass das dem großen, durchgehenden Bogen der Comics entspricht, aber immer wenn ich die gelesen habe, blieb bei mir in erster Linie hängen, dass es doch auch ziemlich geil ist, in der Gegend rumzufliegen, Laserstrahlen abzuschießen, Gedanken zu lesen oder die Naturgesetze auf andere Art und Weise zu beugen. In den Filmen ist Spaß weitestgehend verboten, da geht es stattdessen um tiefes Leid und Verantwortung. It’s hard out here for a mutant. What a drag.

Warum mir X-MEN: APOCALYPSE trotzdem gefallen hat? Weil er im Gegensatz zu den beiden drögen Vorgängern endlich wieder Schauwerte bietet und Singer sich auch von der langweilig-monochromen Optik verabschiedet, die das Franchise sonst ausgezeichnet hat. X-MEN: APOCALYPSE ist, aller inhaltlichen Schwermut zum Trotz, schön bunt und hat endlich auch mal einen angemessenen Obermufti, dessen Auftreten seinem Namen entsprechend für endzeitliche Stimmung sorgt. Der grobe Klotz mit dem traurigen Blick macht einiges her, vor allem, wenn er Menschen mit einer wegwerfenden Handbewegung im Erdboden versinken lässt, mit einem tödlichen Staubwirbel über den Jordan schickt oder auch einfach nur One-Liner mit donnernder Stimme intoniert. Wolverine (Hugh Jackman) absolviert einen netten Gastauftritt, der sich tatsächlich wie die vergleichbaren Kniffe der Comics anfühlt, auch Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), zum ersten Mal seit X-MEN 2 wieder mit von der Partie, ist eine willkommene Ergänzung; genauso übrigens wie Angel (Ben Hardy), eine Figur, die ich zwar hochgradig bescheuert, aber gerade deshalb so wertvoll finde: Sie unterläuft diesen Überernst, den der Film unter Singers bleischwerer Regie ostentativ vor sich herträgt, in einer Art und Weise, die fast an Sabotage grenzt. Im größenwahnsinnigen Finale löst X-MEN: APOCALYPSE zudem das Versprechen ein, das seit Jahren immer nur angeteasert wird, gibt es endlich einmal diese weltumspannenden Katastrophenszenarios, die in den Comics ganze Seiten in grellen Farben leuchten ließen, nachdem man zuletzt den Eindruck hatte, Singer wollte unbedingt einen europäischen Politthriller aus der Vorlage machen. Vielleicht lernen die Mutanten beim nächsten Mal dann sogar, Freude an ihren Fähigkeiten zu entwickeln. Es wäre ihnen zu wünschen.

300-movie-posterZehn Jahre ist es jetzt schon wieder her, da war Snyders 300 der Film, den man sehen musste, wenn man mitreden wollte. Ich weiß noch, wie mich der Trailer damals angefixt, die Vorfreude ins Unermessliche gesteigert hatte. Im Netz diskutierte man sich bereits die Köpfe heiß, ob dieser Film nicht Kriegstreiberei und Interventionspolitik glorifiziere, gar eine faschistoide Gesinnung erkennen lasse. Als ich damals aus dem Kino kam, fühlte ich mich aber nicht provoziert, sondern lediglich massiv enttäuscht, und zwar nicht, weil ich einsehen musste, dass die Kritiker Recht gehabt hatten, sondern weil ich 300 wider Erwarten vor allem sehr, sehr langweilig fand. Ich kann das heute durchaus noch nachvollziehen: Snyders Filme haben generell immer etwas Niederdrückendes, und das Staunen über die atemberaubenden Bildwelten, die er entwirft, trägt selten über die volle Laufzeit, irgendwann fühlt man sich erschöpft, ermüdet von diesem Gestaltungswillen, der jede Spontaneität im Keim erstickt.So bin ich auch heute noch der Meinung, dass seine Adaption der Graphic Novel von Frank Miller mit 120 Minuten Laufzeit ein gutes Stück zu lang geraten ist.

Aber 300 ist trotzdem ein ziemlich faszinierender Film, visuell sowieso, aber gerade auch, wenn man die Diskussion, die er damals entfachte, bei der heutigen Sichtung mitberücksichtigt. Klar, Miller wird eher nicht als großer Liberaler in die Geschichte eingehen, er fetischisiert den Krieg und die gestählten Körper der Spartaner, das Gerede von Ehre, Opferbereitschaft, Unbeugsamkeit und vom „beautiful death“, den zu sterben sich lohne, und weckt damit reichlich ungute Assoziationen; aber genauso wie man dem Film oben genannte „faschistoide Gesinnung“ unterstellen könnte, eignet er sich dazu, genau das Gegenteil in ihm zu erkennen. Die kriegslüsternen Spartaner um König Leonidas (Gerard Butler) sind nicht gerade Sympathiebolzen in ihrer Todessehnsucht und ihrem lebensfeindlichen Reinerhaltungsgedanken (die bunt gemischten Perserhorden sind ein richtiger Karneval dagegen), und mehr als einmal stellt man sich als Zuschauer, angeregt durch Snyders Inszenierung, die Frage, ob eine Kapitulation vor den Persern denn wirklich so schlimm wäre und ob eine „Freiheit, für die man Hunderte von Menschenleben opfern muss, und eine Zivilisation, die auf Drill, Folter und Abhärtung basiert, überhaupt erhaltenswert sind.

In Erinnerung bleiben wird 300 fraglos für den Aufwand, der betrieben wurde, die Panels von Millers Vorlage nahezu originalgetreu in Filmbilder zu übersetzen. Ästhetisch ist Snyders Film auch zehn Jahre später noch immens eindrucksvoll, auch wenn nicht zuletzt der Regisseur selbst diesen Stil im Anschluss weiter verfeinert hat. Die sepia-goldene Farbgebung, aus der allein die roten Umhänge der Spartaner hervorstechen, sowie das göttliche Licht, das alles zu illuminieren scheint, betonen den mythologischen Charakter der Geschichte um die todesmutige Schlacht Weniger gegen eine Übermacht, legen gewissermaßen den Nebel der Jahrhunderte über die Bilder, zur gleichen Zeit aber auch ihre krasse Körperlichkeit bloß. 300 ist gleichermaßen anziehend und verführerisch wie abstoßend in seiner Ästhetisierung von Gewalt und Tod, er fühlt sich in seinen besten Momenten tatsächlich an wie vom Geist des antiken Spartas beatmet (zumindest des Spartas, das er da selbst zeichnet): monolithisch, schroff und grausam, aber von der luziden Klarheit schneidender Schmerzen. Die Szenen um die daheimgebliebene Königin Gorgo (Lena Headey) und den schmierigen Verräter Theron (Dominic West) tragen zwar in ihrer Klischiertheit dazu bei, dass man sich als Zuschauer nicht ganz fremd fühlt in dieser fremden Welt, aber mindern damit auch den Impact, den 300 gerade in seiner frontalen Attitüde entfalten könnte. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn der archaische Blut- und Schlachtenrausch, in den man da gestürzt wird, ist für zivilisierte Gemüter sowieso schon schwer genug zu verarbeiten.

 

 

Steven Soderbergh hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gerade als Actionspezialist einen Namen gemacht, umso erstaunlicher ist dieser Agententhriller, der sich mit einer sehr individuellen Inszenierung von Körperlichkeit, gewohnt edlen Bildkompositionen und einer bis auf die Knochen reduzierten Handlung hervortut. Und natürlich mit seiner Hauptdarstellerin Gina Carano: Die ausgesprochen attraktive Muay-Thai- und MMA-Kämpferin, die laut ihrer leicht obsessiven IMDb-Biografie „was born under a tornado warning“, nimmt ihre männlichen Gegner mit beeindruckender Effizienz und mitleidloser Härte auseinander, bewegt sich außerdem mit eleganten, fließenden Bewegungen, die wunderbar mit Soderberghs eigener, fast erotisch zu nennender Kameraführung harmonieren. Mal wird sie von ihr liebevoll umschmeichelt, befindet sich mit ihr im eng umschlungenen Tanz, dann distanziert sie sich wieder von ihr, setzt ihrem sanften Tasten und Streicheln kontrapunktische Brutalität entgegen. 

Soderbergh findet damit die ideale visuelle Form – und die perfekte Darstellerin – für den per se erotischen Agentenfilm. Ich habe hier schon häufiger gesagt, dass das Spiel mit falschen Identitäten, vorgeschobenen und verschleierten Motivationen, mit Verrat, Täuschung und Verführung, das den Agentenfilm kennzeichnet, viel mit dem Spiel gemeinsam hat, das Liebende miteinander spielen. Man beachte nur das Miteinander von Mallory (Gina Carano) und ihrem Partner, dem MI-6-Agenten Paul (Michael Fassbender), als die beiden vortäuschen, ein Ehepaar zu sein, wie sie sich gegenseitig durch ebenso vielsagende wie vieles verbergende Blicke herausfordern, beständig auf der Suche nach dem Loch in der Deckung des anderen sind. Oder man bemerke, dass die Agentin mit gleich vier Männern eine emotionale Beziehung unterhält: Mit ihrem Ex Kenneth (Ewan McGregor), der auch ihr Auftraggeber ist, mit ihrem Kollegen Aaron (Channing Tatum), der vorgeschickt wird, um sie „zurückzuholen“, mit dem erwähnten Paul und mit Scott (Michael Angarano), der das Pech hat, in Mallorys Flucht involviert zu werden. Da treffen Profis der Verführung aufeinander, die oft genug auf das „Handwerk“ des anderen hereinfallen, quasi in die Naivität des Zivilisten zurückfallen (erstaunlicherweise versteht nur der Zivilist es, Distanz zu halten). Man mag es ihnen nicht verdenken: Dieses Leben in ständiger Skepsis, unter dem ständigen Verdacht, der Freund könnte sich als Feind entpuppen, und dem daraus folgenden Zwang, ihm im Ernstfall zuvorkommen zu müssen, muss auf Dauer ziemlich anstrengend sein. So ist es ziemlich konsequent, dass HAYWIRE die Form einer 90-minütigen Verfolgungsjagd annimmt, bei der Mallory in jeder Szene das eigentliche Opfer ist, ohne es zu wissen. Sowieso ist der Film ein einziges Erstaunen und Überraschtwerden. Der Tod kommt nie dann, wenn man ihn erwartet.

Leider hat HAYWIRE bislang keine Nachahmer nach sich gezogen: Dieser sinnliche Ansatz, den Soderbergh da gefunden hat, wäre sicherlich noch weiter ausbaufähig, eine spannende Alternative zu sonst eher konfrontativ inszenierten Actionern, eine, die das Bild erweitern und dem Genre auch eine gewisse Respektabilität einbringen könnte. Überhaupt: Warum versuchen sich nicht mehr „genrefremde“ Filmemacher an diesem Genre, das doch allein aus kinetischer Sicht genug Herausforderungen für sie bereithalten sollte? HAYWIRE gibt nur einen Vorgeschmack auf das, was dabei herauskommen könnte. Toller Film.

Nach nunmehr sechs Filmen, die ich mal grauenhaft (X-MEN ORIGINS: WOLVERINE ) und mal mehr (X-MEN: FIRST CLASS, dieser hier), mal weniger (X-MEN, X-MEN 2) egal bis enttäuschend fand  – es ist bezeichnend, dass ich mit dem weitestgehend verhassten X-MEN: THE LAST STAND noch am meisten Spaß hatte –, muss ich wohl endlich einsehen, dass die X-MEN-Reihe nix für mich ist. Fürsprecher, und davon gibt es ja nun nicht wenige, loben die Reihe nicht zuletzt für ihre Ernsthaftigkeit, ihren gewissermaßen queeren Subtext, nach dem die Filme vom Kampf einer Minderheit für Toleranz handeln. Schön und gut, aber kann man vielleicht auch irgendwann mal den nächsten Schritt machen? Seit sechs Filmen wird hier immer und immer wieder die gleiche Geschichte erzählt, dabei immer der gleiche zunehmend unangenehme, mahnende Ton angeschlagen, ganz so, als handele es sich nicht um Comicverfilmungen, sondern um die Umsetzung eines literarischen Meisterwerks mit heiliger Weltgeltung. Sicher, man darf Comics ruhig ernstnehmen, aber wird man der Vorlage wirklich gerecht, wenn man konsequent jeden Funken Spaß aus ihnen heraussaugt? Das, was hier angeblich so deep und intellektuell anregend sein soll, ist meines Erachtens nicht viel mehr als das, was uns auch die Disney-Filme seit rund 50 Jahren erzählen: Alle Menschen haben ihren Wert, auch der mit der lustigen Mutation, sofern er immer recht brav ist. Wow. Welche Erkenntnis. Der neueste Auswurf des Franchises setzt auf die ätzende Wichtigtuerei des auch schon öden Vorgängers X-MEN: FIRST CLASS noch einmal einen drauf: Die 120 Minuten ziehen sich wie ein bereits hinreichend ausgelutschtes Kaugummi. Setzte man in den ersten Installationen der Reihe immerhin noch auf eine recht ausgewogene Verteilung von effektreichem Krawumm und eher charaktergetriebenen Passagen, so ist Singer nun wohl endgültig dem Trugschluss erlegen, etwas Substanzielles zu erzählen zu haben. Ein Irrtum, der umso folgenschwerer ist, als es sich beim Regisseur um einen der größten hacks überhaupt handelt. X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST kommt komplett persönlichkeitsarm sowie stil- und witzlos über die Rampe. Auf- und Erregung: Fehlanzeige. Vorgänger Matthew Vaughn wusste immerhin noch etwas mit der Period-Piece-Ausstattung anzufangen, aber solcherlei Vordergründigkeiten scheinen Singer erst gar nicht zu interessieren. Wenn da nicht ein Nixon-Lookalike als Präsident rumliefe und mehrfach auf den Vietnamkrieg Bezug genommen würde, man käme nicht auf die Idee, dass sein Film in den Siebzigerjahren angesiedelt ist. Man muss ihm zugutehalten, dass schon das zugrundeliegende Drehbuch nichts hergibt. Der Zeitreiseplot weiß mit dem potenziell schönen Thema nichts anzufangen, was nicht schon in den ersten beiden TERMINATOR-Filmen abgehandelt worden wäre, und so habe ich mich die ganze Zeit gefragt, worum da um Himmels willen ein solches Geschiss gemacht wird. War wirklich irgendjemand der Meinung, diese Geschichte sei irgendwie interessant oder gar spannend? Does anyone really give a shit über den inneren „Konflikt“ der Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence)? Hat irgendjemand während des Films wirklich bangend dagesessen und gehofft, dass Professor Xavier (James McAvoy) endlich von seinen Medikamenten lässt, die ihm zwar die Beine wiedergeben, aber dafür seine Mutantenfähigkeiten rauben? Hat irgendwer irgendwelche bleibenden Eigenschaften an „Beast“, Hank McCoy (Nicholas Hoult) festgestellt? Oder im Finale mit den in der Zukunft/Gegenwart verbliebenen Mutanten gezittert? Herzlichen Glückwunsch, denn mir ging das alles meilenweit am Arsch vorbei. Und das lag sicherlich nicht an meiner mangelnden Bereitschaft. Der einzige Moment, bei dem ich mich in X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST einigermaßen amüsiert habe, war der Auftritt von Quicksilver. Es ist der einzige Moment des Films, in dem so etwas wie Freude an den Superhelden-Eigenschaften vermittelt wird, der über visuellen Witz verfügt, der die Bilder sprechen lässt – was die gottverdammte Aufgabe einer Comicverfilmung, ja ihre einzige Daseinsberechtigung überhaupt ist –, anstatt seine Charaktere verdrießlich aus der Wäsche gucken und lange Vorträge halten zu lassen. Ich könnte jetzt einschränken, dass diese Quicksilver-Szene auch keinen Einfall bringt, den die Wachowskis nicht schon in ihrer MATRIX-Trilogie vor nunmehr 10 bis 15 Jahren umgesetzt hätten, aber ich will mal nicht so sein. Das Erlebnis war auch so schön ernüchternd genug. X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST ist ein großes Nichts.

Eine von der Weyland Corporation und ihrem sich nach Unsterblichkeit sehnenden Namensgeber (Guy Pearce) gesponserte Mission macht sich auf den Weg zu einer fernen Galaxie, in der die Schöpfer des Menschen beheimatet sein sollen. Höhlenzeichnungen aus unterschiedlichsten Epochen der Menschheitsgeschichte und in weit voneinander entfernten Regionen haben die Geologen Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) davon überzeugt, dass es nicht Gott war, sondern eine intelligente außerirdische Rasse, die auf der Erde einst die Saat menschlichen Lebens ausgesät hat. Auf dem fremden Planeten findet das von Meredith Vickers (Charlize Theron) geführte und vom Androiden David (Michael Fassbender) ärztlich überwachte Team tatsächlich Spuren einer hoch entwickelten Zivilisation, die jedoch von irgendetwas ausgerottet wurde. Und dieses „Irgendetwas“ fordert auch bald schon die ersten Opfer unter den Wissenschaftlern …

Mal ehrlich jetzt: Das ganze Schwadronieren darüber, ob PROMETHEUS nun tatsächlich ein ALIEN-Prequel ist oder nicht doch eher als eigenständiger Film mit nur geringfügigen und vernachlässigbaren Verbindungen zum Klassiker angesehen werden muss, kann ja wohl nicht ernst gemeint gewesen sein. Ist es das, wo Filmrezeption und Filmjournalismus gelandet sind: beim Fanboy-mäßigen Debattieren über die Sinnhaftigkeit von Marketing-Strategien und über Banalitäten, die gar nicht diskutiert werden müssten, widmete man sich einfach dem Film, der da vor einem abläuft? Zieht man all die Vorfreude und die Erwartungen ab, die PROMETHEUS auslöste, ignoriert man all den Effektbombast, die von getragener, unheilvoller Musik unterlegten Bilder galaktischer Tristesse und das Bedeutungsschwere vortäuschende Gefasel über Gott, das Leben und die Unsterblichkeit, bleibt am Ende ein erschreckend stromlinienförmiges und einfallsloses Remake des einflussreichen Originals, das statt des ikonischen Alien-Monsters eine Vielzahl anderer schleimiger, Giger-inspirierter Kreaturen und eine schunkelbirnige und gurkennasige Rasse menschenähnlicher „Ingenieure“ aufbietet. Das ist durchaus unterhaltsam, weil das Konzept, Astronauten auf einem fremden Planeten von einer bizarren Monstren auslöschen zu lassen, nie ganz verkehrt ist und 95 % der Kreativität in Eye Candy und Effektgematsche gesteckt wurden. Wenn man aber bedenkt, das Ridley Scott mancherorts als „Meister“ gilt und ALIEN einst eine Innovation darstellte, die eine der originellsten Kreaturen der Filmgeschichte zum Leben erweckte und auch heute noch die Fantasie der Zuschauer anregt, dann ist PROMETHEUS schon reichlich ernüchternd. Fast Eins zu Eins kupfern Scott und seine Autoren den Plotverlauf des Klassikers ab: Anreise im Hyperschlaf mit Vorstellung der Besatzung, Besichtigung einer dunklen, biomechanisch anmutenden Grotte, Einschleppung des fremden Organismus, Befall der Crew, Verrat durch die Weyland Corporation und den Androiden, finales Überleben einer Frau nach dem Kampf gegen das Monster. Damit es nicht allzu frappierend auffällt, dass PROMETHEUS wirklich gar keinen neuen Einfall aufbietet, wird wortreich über Ursprung und Ziel der Menschheit schwadroniert, eine Parallele zwischen den „Engineers“ und dem Menschen gezogen, der ja auch in der Lage ist, neues Leben zu kreieren. Außer der Heldin natürlich, denn die ist unfruchtbar, bis sie – haha, welch bittere Ironie! – als Wirtskörper der Alienbrut fungieren muss. Das ist in seiner pseudo-auf- und -abgeklärten Art, hintenrum doch wieder nur den lieben Gott zu retten, nicht nur schreiend unoriginell (Brian De Palma hat man dieselbe Idee vor 13 Jahren für seinen deutlich tiefsinnigeren MISSION TO MARS um die Ohren gehauen), sondern schlicht und ergreifend dumm. Was ALIEN allein durch ein geschicktes Script und die bahnbrechenden Designs Gigers andeutete, die enge Verbindung von Tod und Sexualität, verkommt hier zum leeren Zierrat, der dafür aber schön breit ausformuliert wird. Auch deshalb finde ich die oben angedeuteten Diskussionen über PROMETHEUS absurd: Der ist mit seiner erklärbärigen Art einfach nur typischer Prequelstoff wie er jedes Jahr dutzendfach ins Kino gelangt. Damit der zahlende Kunde bei der Stange gehalten wird, gibt es natürlich ein offenes Ende, an das man ein weitere Prequel-Sequel dranhängen kann. Stünde hier nicht „Ridley Scott“ drauf, ginge es nicht um ALIEN, PROMETHEUS erzeugte kaum mehr als wohlwollendes Gähnen.

Wenn man sich damit arrangiert, dass diesen Film auch ein uninspirierter Handwerker wie Brett Ratner problemlos über die Rampe gebracht hätte, kann man sich immerhin über den hübschen Look, eklig-unterschwellige Effekte wie die Minitentakel im Augapfel!, ein glibbriges Krakenalien, brachiale Transformationen und eine angemessen blutige Alien-Abtreibung freuen. Aber das wäre auch mit weniger Getöse gegangen. Den wahren Kern des Films reflektiert nichts so sehr wie das selbstzufriedene Antlitz des androgynen Maschinenmenschen David: Pure, glattgebügelte Oberfläche, ordentlich gescheitelt, die man sich gern anschaut, hinter der sich aber nur Leere verbirgt.

Die Schublade, die ich für SHAME nach dem Lesen einiger Rezensionen vorgesehen hatte, lautete auf den Namen: „AMERICAN PSYCHO mit Sex statt Morden“. Ich befürchtete einen dieser zeitgeistigen Filme, in denen die Welt zwar vollgestellt ist mit attraktiven Menschen in teurem Zwirn und schicken Designermöbeln, aber dafür jedes Sinnes, jeder Emotion beraubt. Einen jener Filme, in dem diese beziehungs- und liebesunfähigen, materialistischen Menschen sich in irgendwelche absurden Obsessionen stürzen, in denen ihre ganze Verkommenheit zum Ausdruck kommt. Hier eben: Sex. Und mit dem Sex ist das ja so eine Sache: Obwohl seine soziale Funktion kaum unterschätzt werden kann, er bestimmendes Thema zwischenmenschlicher Beziehungen ist und der Köder, mit dem Werke der Populärkultur immer noch erfolgreich ihr Publikum locken, hat Sex immer auch etwas Anrüchiges, sobald ein gewisses Maß – qualitativ oder quantitativ – überschritten wird. Und so ahnt man ja schon, dass ein Film, der sich mit einem „Sexsüchtigen“ befasst, kaum zu dem Schluss kommen wird, dass der mit seiner Sucht besser dran ist als ein Drogenabhängiger. Natürlich führt die Obsession den Protagonisten von SHAME in Grenzbereiche, natürlich leidet sein Leben an der Sucht, natürlich vernachlässigt er für sie die Dinge, die wichtiger scheinen. Natürlich muss er einen Ausweg aus der Sackgasse finden, bevor es zu spät ist. Immerhin lässt SHAME das Thema Aids außen vor. Fast ein Wunder, möchte man meinen.

Dennoch ist SHAME nicht die moralinsaure Lehrstunde in Sachen Oberklassen-Zynismus, die ich befürchtet hatte. Über weite Strecken, vor allem während der ersten beiden Drittel, bemüht sich McQueen um Differenzierung. Der erfolgreiche, allein lebende Geschäftsmann Brandon (Michael Fassbender) ist kein gefühlskaltes Raubtier (auch wenn er in der Anfangssequenz, in der eine Frau durch eine U-Bahn-Station verfolgt, so erscheint) und auch kein Frauenhasser wie es Patrick Bateman war. Er ist ein sympathischer Mann, charmant und gewinnend im Umgang mit Frauen, eher still und zurückhaltend, als forsch und offensiv. Man merkt, dass seine Isolation selbst gewählt ist: Tief verletzt und voller Misstrauen hat er sich zurückgezogen. Sein Hobby wäre unproblematisch, wenn es nicht seinen Alltag komplett dominierte: Auf seinem Bürocomputer hat man Unmengen an Pornografie gefunden, mehrfach am Tag muss er eine Toilette zum Onanieren aufsuchen, auch zu Hause wird als erstes Internetpornografie konsultiert, wenn nicht gerade eine Prostituierte da ist. Mit diesem ausgefüllten Alltag hat es ein Ende, als Brandons Schwester Sissy (Carey Mulligan) bei ihm Unterschlupf sucht. Die sensible, mittellose Sängerin hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich und die Tendenz, den falschen Männern hinterherzurennen. Sie behindert den Bruder in der Ausübung seines Hobbys und zieht deshalb immer mehr seinen Zorn auf sich. Und wohl auch, weil sie ihn daran erinnert, was mit ihnen einst passiert ist – der Film deutet das wirklich nur kurz an, aber es drängt sich der Verdacht auf, dass beide als Kinder missbraucht wurden. Sissy erstickt alle Menschen, die ihr nahekommen mit ihrer Anhänglichkeit, Brandon kann zu niemandem ein Beziehung aufbauen, die länger als ein paar Wochen dauert. Da leben zwei Menschen auf engstem Raum zusammen, deren Traumatisierung sich in  genau entgegengesetzte Richtungen auswirkt.

Leider gelingt es McQueen trotz dieser guten Ansätze leider nicht gänzlich, Brandons Sucht zu entskandalisieren. Gerade im Showdown, in dem er sich nach einem heftigen Streit mit seiner Schwester auf eine Ficktour begibt, die der Regisseur zum Abstieg in die Hölle hochstilisiert, kippt der Ton des Films: Distanz und Neutralität werden zugunsten der dramatischen Pointierung und Skandalisierung aufgegeben. Völlig entfesselt fingert Brandon eine Frau am Tresen einer Bar, legt sich dann geradezu todessehnsüchtig mit ihrem schlagkräftigen Freund an und hetzt danach mit Schürfwunden im Gesicht und wie ein Junkie den nächsten Kick suchend durch die nächtlichen Straßen. Alles ist in ein infernalisches Rot getaucht, die Konturen des Bildes verschwimmen, Brandons ganze Identität scheint in Auflösung begriffen. Wie in Trance geht er einem Mann hinterher, folgt ihm in einen kargen Club, der von ohrenbetäubendem Techno erfüllt wird und lässt sich von diesem dann in einem dreckigen Kellerloch fellationieren. Das ist der Moment, in dem der Film seine Aufrichtigkeit aufgibt und stattdessen auf billigen shock value setzt. Als sei es so besonders verblüffend, dass ein Mann, der täglich mehrfach ejakulieren muss, sich im Notfall auch von einem Mann bedienen lässt. Schlimmer noch: Als sei daran irgendetwas per se schockierend. Er steckt seinen Pimmel einem anderen Mann in den Mund! Jetzt ist er wirklich am Ende. So zumindest wirkt diese Szene auf mich und sie verrät die bis dahin gemachten Bemühungen und seinen Protagonisten. Abgefedert wird sie durch eine weitere, sich anschließende Sexszene, in der sich Brandon mit zwei Traumfrauen und unter goldenem Licht in geradezu paradiesische Ekstase vögelt. In diesem Moment wird klar, dass dieser Mann mit seinem speziellen Hobby nicht nur überirdische Glückszustände erreicht, sondern dass er auch ziemlich gut ist in dem, was er da tut. Wahrscheinlich hatte McQueen Angst vor dieser Erkenntnis, weshalb Brandon pünktlich zum Orgasmus in tränenschwangere Verzweiflung verfällt.

In dieser Art taumelt der Film nun seinem Ende entgegen. Das Abgleiten ins Melodram wird immer wieder eben so verhindert, bevor die nächste kitschige Szene einen neuen Anlauf nimmt. Brandon begreift, dass seine Schwester sich umbringen wird, findet sie blutend auf dem Badezimmerboden. McQueen entscheidet sich dankenswerterweise dafür, sie nicht sterben zu lassen, beschert seinem Protagonisten dafür dann aber einen effektvollen Zusammenbruch im Regen. Und ein offenes Ende – hat Brandon sich geändert oder nicht? – suggeriert dann doch wieder das schlummernde Raubtier aus der U-Bahn-Sequenz. Ich weiß nicht. Einerseits hat mir SHAME deutlich besser gefallen, als ich das erwartet hatte, andererseits hat er einige meiner schlimmsten Vorurteile bestätigt. Es scheint einfach nicht möglich, Filme dieser Art ohne die große menschliche Katastrophe erzählen zu können. Die Überspitzung am Ende kollidiert heftig mit der Distanz, die McQueen über weite Strecken hält. Am Ende ist SHAME dann doch ein ziemlich herkömmlich strukturierter Film, dessen Thema „Sexsucht“ nahezu austauschbar ist. Gut gespielt und erlesen fotografiert ist er aber dennoch.

Der telepathisch begabte Charles Xavier (James McAvoy) erhält von der US-Regierung den Auftrag, Mutanten um sich zu scharen, um mit ihnen eine Art Spezialeinheit  aufzubauen. Sein wichtigster Verbündeter wird Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), der starke magnetische Kräfte hat. Doch zwischen den beiden tut sich bald eine Kluft auf: Während Xavier darauf hofft, dass Menschen und Mutanten eine Gemeinschaft bilden, ist Erik – der im Zweiten Weltkrieg in einem KZ gelandet war – davon überzeugt, dass sie wegen ihrer Fähigkeiten immer Verfolgte bleiben werden. Zunächst müssen sie sich jedoch gemeinsam im Einsatz beweisen, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Und dabei stehen sie genau dem Mann gegenüber, der für die Nazis einst an Erik herumexperimentiert hatte: dem Mutanten Sebastian Shaw (Kevin Bacon) …

Lobte ich in meinem letzten Eintrag noch Branaghs THOR dafür, „angenehm flüchtig und unaufgeregt“ zu sein, so verkörpert Vaughns X-MEN: FIRST CLASS das genaue Gegenteil, eben einen jener Filme, bei denen man „ständig das Gefühl [hat], dazu angehalten zu werden, ehrfurchtsvoll und im Wissen um den historischen Moment auf die Leinwand zu starren“. Das allein macht den neuesten Eintrag in der Mutanten-Filmografie noch nicht zum Ärgernis, wohl aber die Diskrepanz, die zwischen dieser aufgesetzten Wichtigkeit und dem tatsächlichen Inhalt des Filmes besteht, der lediglich ein Aufguss bereits sattsam bekannter Plotelemente ist. X-MEN: FIRST CLASS ist eine Art Prequel zu den vorangegangenen drei X-Men-Filmen (bzw. vier, wenn man das unteriridische Wolverine-Spin-off dazuzählt), beschäftigt sich mit der Gründung der Mutanten-Spezialeinheit, der Vergangenheit von Professor X und Magneto und dem Ursprung ihres in der Trilogie im Zentrum stehenden Konflikts. Wie schon Singers X-MEN beginnt X-MEN: FIRST CLASS in einem Konzentrationslager, mit der Szene, in der der junge Erik zum ersten Mal seine magnetischen Kräfte zum Einsatz bringt und damit das Interesse der Nazis weckt. Im Folgenden wird seine Genese weiter ausgeschmückt, jedoch ohne, dass daraus wirklich eine neue Erkenntnis erwachsen würde. Und das gilt auch für alle weiteren Handlungselemente: Wieder einmal fungieren die Mutanten als Repräsentanten aller Minderheiten und müssen sich die Frage stellen, ob sie bestehende Ängste bekämpfen wollen, indem sie Gutes tun (Charles Xavier), ob sie der Intoleranz ihnen gegenüber ebenso aggressiv begegnen und ihre Kräfte ausschließlich zu eigenem Nutzen einsetzen wollen (Magneto) oder ob sie gar einen Weg suchen wollen, „normal“ zu werden (hier Mystique und Beast, vorher Rogue). Vaughn käut lediglich Altbekanntes noch einmal wieder, sein Film wird so in Verbindung mit der dramatisch-bedeutungsschwangeren Inszenierung, der düster-pessimistischen Atmosphäre und dem monochrom-graubraunen Look zu einer ungemein ermüdenden, gänzlich spaßfreien und sehr zähen Angelegenheit.

Zwar ist es durchaus lobenswert, dass man versucht, mit der X-MEN-Reihe einen ernsteren Gegenpart zu dem bunten Fantasyspektakel um die Avengers zu etablieren, doch so richtig will das nicht funktionieren. Wie wäre es denn, wenn man mal einen Regisseur von Profil verpflichtete, jemand, der nicht bloß an schillernden Bildoberflächen und der Befriedigung der Comicnerds interessiert ist? Alle Ernsthaftigkeit, jede gesellschaftliche Relevanz muss nämlich verpuffen, wenn der Einfachheit halber doch immer wieder tausendfach erprobte Versatzstücke zum Einsatz kommen, wenn man bei der Zusammensetzung der Mutantentruppe merkt, dass es nur darum ging, dem bereits bestehenden umfangreichen Figurenrepertoire ein paar neue hinzuzufügen, die man dann auf McDonald’s-Getränkebecher drucken kann, wenn sich der Film erzählerisch in die Riege jener Prequels einreiht, deren Sinn sich darin erschöpft, auszuformulieren, was man längst schon wusste. Auch optisch hält X-MEN: FIRST CLASS nicht, was das auf retro getrimmte Promomaterial versprach. Der Film sieht nicht nach Swingin‘ Sixties aus, sondern sogar ziemlich gegenwärtig. Das könnte man natürlich damit begründen, dass die heutige Mode den Sechzigerlook assimiliert hat, ich würde es aber eher auf Vaughn schieben, dem visuell einfach nicht viel einfallen will. Für diese Einfallslosigkeit spricht dann auch, dass der Einsatz der Cerebro-Maschine einfach aus dem ersten Film übernommen wurde und die vorgetäuschte Ernsthaftigkeit immer wieder von albernem Nerdjerking unterwandert wird (gleich zwei Witze werden über Xaviers noch existenten Haarwuchs gemacht: Brüller!).

Eigentlich habe ich mit X-MEN: FIRST CLASS dasselbe Problem, das ich schon mit Singers ersten beiden Teilen hatte. Mir fehlt einfach der Spaß an der Sache, die Farbe. Vaughns Film fühlt sich an, als müsste man mit schweren Stiefeln und einem vollgepackten Rucksack bei heftigem Regen durch zähen Morast waten. Der von vielen Kritikern hochgelobte gesellschaftskritische Subtext erscheint mir weder besonders erstaunlich noch ausgesprochen differenziert, die Verbindung von quasirealistischem Agentenfilm und Fantasy ergibt für mich keinen „runden“ Gesamteindruck, vielmehr neutralisieren sich die beiden Seiten. Eine Stripperin mit Libellenflügeln auf dem Rücken, eine blonde Sexbombe, deren Haut die Struktur eines Diamanten annehmen kann, ein dandyhaft-selbstverliebt durch den Film stolzierender Michael Fassbender als Magneto und ein Professor X, der sich zum Gedankenlesen zwei Finger an die Schläfe legen und dabei verkrampft gucken muss: Das ist alles so schmerzhaft campy und unbeholfen, dass auch Archivmaterial der Kubakrise für mich nicht ausreicht, um den Eindruck von Autentizität zu erwecken. Ein paar spannende Szenen gibt es schon, sodass X-MEN: FIRST CLASS keine totale Zeitverschwendung ist. Unnötig und redundant ist er trotzdem.