Mit ‘Michael Lehmann’ getaggte Beiträge

Chazz (Brendan Fraser), Rex (Steve Buscemi) und Pip (Adam Sandler) sind „The Lone Rangers“, eine Rockband, die verzweifelt versucht, Aufmerksamkeit zu erlangen. Weil das bisher kläglich an der mangelnden Bereitschaft der Plattenfirmen, sich ein Demotape anzuhören, gescheitert ist, ergreifen die Drei die letzte Chance: Sie brechen in der Rock-Radiostation KPPX  ein, um DJ Ian (Joe Mantegna) dazu zu bringen, in seiner Sendung einen Song von ihnen zu spielen. Natürlich kommt es zu einer Streiterei, in deren Folge die Lone Rangers zu Geiselnehmern werden. Es gilt, die verbleibende Zeit zu nutzen, um irgendwie bekannt zu werden, bevor sie unweigerlich in den Knast wandern. Der Plan scheint aufzugehen, denn draußen sammeln sich die Menschenmassen, die den Underdogs frenetisch zujubeln …

Als AIRHEADS rauskam, da kannte ich tatsächlich keinen einzigen seiner drei Hauptdarsteller. Heute war nicht zuletzt Adam Sandler einer der Hauptgründe für mich, mir den Film anzuschauen, aber die eigentliche Schau ist Steve Buscemi als Macho-Rocker mit Chris-Cornell-Bart, langen Haaren, Schweißbändern und Röhrenjeans. Angesichts seiner nach diesem Film entwickelten Filmpersona ist seine Rolle hier geradezu bizarr – zumal er absolut überzeugend agiert. Es sind dann auch solche kleinen inspirierten Besetzungscoups, die den Film aus der Masse herausheben: Judd Nelson gibt den schmierigen Plattenfirmen-Mann, Michael McKean (THIS IS SPINAL TAP) den opportunistischen Radiochef, Joe Mantegna den Althippie Ian, Ernie Hudson den um Deeskalation bemühten Polizisten, Michael Richards (SEINFELD) den Feigling, der der Polizei seine Hilfe anbietet, und Harold Ramis als Kriminalbeamter. In kleineren, auf Comic Relief angelegten Nebenrollen agieren Chris Farley als trotteliger Polizist und David Arquette als bekiffter Radio-Mitarbeiter. Gastauftritte von Lemmy Kilmister, MTV-Moderator Kurt Loder und White Zombie verleihen AIRHEADS schließlich die nötige Credibility, ohne ihn zur Nummernrevue verkommen zu lassen. Die Story von AIRHEADS mag nicht besonders reich an Überraschungen sein, er lebt auch nicht – wie ich das eigentlich erwartet hatte – von schreiendem Klamauk und markigen Sprüchen (jedenfalls nicht im Originalton), sondern zeichnet sich in erster Linie durch sein großes Herz aus. Regisseur Lehmann hatte schon mit dem formidablen HEATHERS bewiesen, dass er Jugend und Jugendkultur versteht und ernstnimmt und das zeigt sich auch hier, wenn er geldgeile, aber ahnungslose Plattenfirmen-Manager oder Radiochefs aufs Korn nimmt, und den subversiven, rebellischen und agitatorischen Charakter guter Rockmusik feiert. Mehr als die im Titel suggerierten Luftpumpen sind Chazz, Rex und Pip engagierte, leidenschaftliche und ehrliche Typen, die keinen Bock auf die Maskerade haben, die die Leistungsgsellschaft zunehmend von ihnen erwartet. Sie wollen Erfolg, ja, aber nicht um jeden Preis. Eine Wohltat in Zeiten, in denen jeder Hannebambel meint, er könne die Qualifikation zum Superstar im Privatfernsehen erwerben. Keine Granate, aber ein unerwartet warmer, liebenswerter Film.

Veronica (Winona Ryder) ist innerlich zerrissen: Zwar gehört sie auf ihrer Highschool der populären Clique der drei Heathers (Shannen Doherty, Lisanne Falk, Kim Walker) an, die sich wie Herrenmenschen durch die heiligen Hallen bewegen und es sich zum Ziel gesetzt zu haben scheinen, alle „Minderwertigen“ öffentlich zu demütigen, doch eigentlich sind ihr nicht nur dieses Gebaren, sondern auch die drei Freundinnen zuwider. Ihre auch ob der eigenen Rückgratlosigkeit langsam anwachsenden Gewaltfantasien finden schließlich in J.D. (Christian Slater), einem mysteriöser Loner, der sich den typischen Ränkespielchen entzieht, ihren Spiegel. Veronica ist fasziniert von dessen Unangepasstheit und lässt sich von ihm zur Ermordung einer der drei Heathers manipulieren. Der Mord wird flugs als Selbstmord getarnt und die Täter sind aus dem Schneider, was in ihnen die Idee heranreifen lässt, auch andere Unsympathen ihrer Schule zu bestrafen. Doch erstens geht J.D. stets weiter, als Veronica dies will, und zweitens müssen die beiden verdutzt feststellen, dass die eigentlich so verhassten Personen nach ihrem Tod einen deutlichen Popularitätsschub erleben …  

„My teen angst bullshit’s got a body count.“ HEATHERS ist auch dann noch ein reichlich abgründig und verschroben , wenn man auch jene Vertreter des amerikanischen Highschoolfilm-Subgenres in die Betrachtung miteinbezieht, die einen durchaus kritischen Blick auf das Treiben an Schulen werfen. Die sich im Mikrokosmos Schule spiegelnden Auswüchse der auf Egoismus fußenden Erfolgsgesellschaft – die Zweiklassengesellschaft von Jocks und Nerds, von populären Schülern und verlachten Außenseitern, und die sich aus dieser Konstellation ergebenden Grabenkämpfe ums Dazugehören, Sich-Abgrenzen und -Behaupten – werden von nahezu allen dieser Filme aufgegriffen und wie erwähnt von einigen sogar entprechend kommentiert. HEATHERS geht insofern einen Schritt weiter, als er in bestem dialektischen Sinne auch die Reaktion auf diesen Zustand kritisch beleuchtet, sodass sich am Ende nicht nur die Einteilung in angesagte und unbeliebte, sondern auch die in „Schuldige“ und „Unschuldige“ in Luft auflöst. Etabliert Lehmann mit der Hauptfigur Veronica zunächst einen Charakter, der das „System“ trotz seiner Zugehörigkeit von außen zu überblicken scheint, seine Fehlerhaftigkeit und Verlogenheit erkennt und darüber reflektiert, so offenbart sich im Verlauf des Films, dass ihre Reaktion – die durch das teufllische Treiben J.D.s begünstigt wird – nicht etwa umstürzlerisch ist, also ein Anschlag auf das System von außen, sondern im Gegenteil auch nur systemerhaltend. Um dazuzugehören, etwas von der Aufmerksamkeit abzubekommen, deuten selbst ehemalige Mobbingopfer der Toten ihre Beziehung zu jenen noch positiv um, und der Lehrkörper nutzt die Gelegenheit zu heuchlerischen Andachtsveranstaltungen und der Beschwörung eines faktisch gar nicht vorhandenen Zusammenhalts. Veronica steht tatsächlich vor dem mephistophelischen Dilemma (mit umgekehrten Vorzeichen): Sie will das Gute, doch schafft nur mehr Böses.

HEATHERS arbeitet mit den Versatzstücken des Genres, um sie im richtigen Moment zu großem Effekt als solche bloßzustellen und damit nicht nur den Zuschauer, sondern meist auch Veronica auf dem falschen Fuß zu erwischen. Eltern kommen für gewöhnlich schlecht weg in solchen Filmen und auch hier gibt es genug Beispiele für die Gleichgültigkeit, die die Erzieher gegenüber ihren Kindern an den Tag legen. J.D.s Vater ist ein eitler Geck, eine Karikatur vom Mann in den besten Jahren, ein rücksichtsloser Geschäftemacher, der seine Frau in den Selbstmord trieb und mit seinen ständigen Arbeitsplatzwechseln wohl mit dazu beigetragen hat, dass J.D. einfach nicht dazugehören kann, und Veronicas Eltern, deren Leben sich im Verspeisen von Pastete auf der Terrasse zu erschöpfen scheint, machen auch keinen allzu empathischen Eindruck. Doch gegen Ende sagt Veronicas Mutter etwas Erstaunliches, was man fast als „Moral von der Geschicht'“ aus dem Film filtern möchte:  „When teenagers complain that they want to be treated like human beings, it’s usually because they are being treated like human beings.“ Veronicas Sorgen, ihr Wut und ihre Angst, die sie ja selbst schon als „teenage angst bullshit“ entlarvt hat, sind eben kein pathologischer Zustand, der behandelt werden muss, sondern gehören zum Prozess des Erwachsenwerdens dazu. Die Spielchen, die sie an ihrer Schule zu spielen hat, sind eben dieselben, die auch „da draußen“ in der Erwachsenenwelt noch gespielt werden. Man kann sich darüber aufregen und darüber verzweifeln, daran ändern wird man wohl nichts. Auch dann nicht, wenn man zu drastischen Mitteln greift. Aber man kann sich dem Spiel, so weit es geht, verweigern.

Die Inszenierung von HEATHERS reflektiert diesen Erkenntnisprozess. Beginnt der Film fast wie ein beständig zwischen verführerisch und abstoßend pendelnder Traum komplett mit Weichzeichner, Weitwinkel und durch den Synthesizer gejagten Engelschören, die die Entfremdung Veronicas perfekt abbilden, wird er im mörderischen Mittelteil vom Rausch des Bonnie-und-Clyder-Spiels der beiden Protagonisten erfasst, nur um sich zum Ende hin aller auffälligen Verfremdungseffekte zu entledigen und einen ernüchterten, niedergeschlagenen  Ton anzunehmen. Das Feuerwerk aus Pointen und übersteigerten Szenen weicht einer ruhigeren Abfolge eher statischer Szenen, während Veronica sich in der Introspektion übt und eine realistische Bestandsaufnahme wagt, die ihr in der letzten Einstellung den zwar jeder Illusion entledigten, aber immerhin ungetrübten und zuversichtlichen Blick in die Zukunft erlaubt. HEATHERS ist in Deutschland nicht so bekannt, wohl auch, weil seine beiden Stars zum Zeitpunkt des Erscheinens noch keine waren ist, genießt in den USA aber hochverdienten Kultstatus und ist weitaus mehr als „nur“ eine skurrile Teeniekomödie. Auch als solche funktioniert er aber ausgezeichnet, weil die Dialoge geschliffen scharf und die Pointen abgrundtief böse sind.